In der Pandemie “sitzen wir alle in einem Boot” – oder doch nicht?

Birgit Weiler mit kritischen Anmerkungen zu Corona in Peru.

Im Zusammenhang mit der Pandemie wird häufig das Bild gebraucht, dass wir angesichts dieser Bedrohung alle in einem Boot sitzen. Entspricht dieses Bild der Wirklichkeit? Die Erfahrungen in Peru und anderen Ländern Lateinamerikas lassen Zweifel aufkommen. Hier scheint vielen Menschen aufgrund ihrer Erfahrungen ein anderes Bild treffender zu sein: Wir sind zwar alle demselben Sturm ausgesetzt, aber in sehr unterschiedlichen Booten. Einige der Boote sind recht stabil und gut ausgerüstet; zwar werden auch sie durch den Sturm in Mitleidenschaft gezogen, verfügen aber über  mehr Mittel, um sich vor ihm zu schützen und ihm so gut wie möglich standzuhalten. Andere Boote dagegen sind klein und relativ einfach gebaut; in ihnen können sich die Insassen nur in sehr begrenztem Maß vor dem Sturm schützen. Daher gibt es beachtliche  Unterschiede, was die Verwundbarkeit der Passagiere sowie ihre Chancen, lebend und einigermaßen unversehrt den Sturm zu überstehen, angeht. Diese beruhen nicht nur auf dem jeweiligen Gesundheitszustand vor der Erkrankung, sondern auch auf erheblichen sozialen Ungleichheiten innerhalb der jeweiligen Gesellschaften und zwischen den Gesellschaften des globalen Südens und Nordens.

Gleicher Sturm, sehr unterschiedliche Boote

Wie Unicef in einer Veröffentlichung vom Oktober 2020 feststellt, ist die COVID-19-Pandemie die größte Wirtschafts- und Gesundheitskrise in der neueren  Geschichte Perus.[1]  Dieses gehört weltweit zu den Ländern, die am meisten von der Pandemie betroffen sind. Die Zeitschrift Financial Times berichtet im Dezember 2020, dass Peru weiterhin den ersten Platz einnimmt auf der Rangliste der Länder mit der höchsten Zahl von Todesfällen auf jeweils eine Million Personen.  Peru hat etwas mehr als 32 Millionen Einwohner. Bis zum 17.01.2021 starben laut Angaben des Gesundheitsministeriums seit Ausbruch der Pandemie 38.871 Menschen an den Folgen des Coronavirus. Hierbei ist zu bedenken, dass in Peru viele Menschen, die infolge des Virus sterben, nicht erfasst werden. Das gilt insbesondere für den ländlichen Raum und das Amazonasgebiet. Experten schätzen, dass die wirkliche Todeszahl mehr als doppelt so hoch ist.

Rückschritt von einem Jahrzehnt oder mehr

Gemäß der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) ist Lateinamerika einschließlich Peru  an einem Punkt, an dem es wahrscheinlich einen Rückschritt von einem Jahrzehnt oder mehr im Hinblick auf die Überwindung von Armut und sozialer Ungleichheit erleiden wird.[2] Die Regierug Perus hatte wohl die striktesten Quarantänemaßnahmen in Lateinamerika erlassen, aber dabei zu wenig deren katastrophale Auswirkungen auf die wirtschaftlich prekäre Situation der Millionen Menschen bedacht, die in Armut leben.

Menschen in Armut, die Hauptleidtragenden der Pandemie

In Peru sowie in den anderen Ländern Lateinamerikas hat die Pandemie schonungslos die schwerwiegenden Probleme aufgedeckt, die dort seit Jahrzehnten bestehen. Dazu gehört die große Ungleichheit in den Gesellschaften in Bezug auf Einkommen, die notwendigen Bedingungen für ein Leben in Würde, den Zugang zu guten Gesundheitsdiensten  sowie eine chancengerechte und hochwertige Bildung, zu Trinkwasser und Kanalisation, Stromversorgung und Internet. Zu nennen ist hier ebenso das Problem der Diskriminierung aufgrund von Ethnie, sozialem Status und Gender.

Die immensen sozialen Ungleichheiten haben zur Folge, dass die Menschen, die in Armut leben, viel mehr als andere den Gefahren der Ansteckung mit dem Coronavirus ausgesetzt sind. Zum einen  ist es für sie viel schwieriger, hygienische Maßnahmen zum Selbstschutz ergreifen zu können, wie zum Beispiel das häufige Handewaschen. Denn in vielen armen Wohnvierteln  am Rande der Städte einschließlich der Hauptstadt Lima mangelt es an der Wasserversorgung in den Haushalten, ganz zu schweigen von den unzureichenden sanitären Bedingungen in vielen Dörfern im Andenraum und Amazonasgebiet. Hinzu kommt, dass in den großen und mittelgroßen Städten Perus die Menschen auf engstem Raum zusammenleben. Denn Wohnraum ist dort knapp und teuer. Die beengten Wohnverhältisse machen es praktisch unmöglich, den notwendigen physischen Abstand zum Schutz vor einer Ansteckung einzuhalten.

Für viele gibt es kein ausreichendes soziales Sicherheitsnetz

In ganz Lateinamerika einschließlich Peru sind die Menschen, die bereits vor der Pandemie in Armut  und extremer Armut lebten, am meisten von der wirtschaftlichen Rezession und der damit verbundenen erhöhten Arbeitslosigkeit aufgrund der Pandemie betroffen. Dabei gilt es zu bedenken, dass mehr als 60 Prozent der Bevölkerung Perus[3] im informellen Sektor ohne feste Anstellung arbeitet. Für sie gibt es kein ausreichendes soziales Sicherheitsnetz, das sie in Krisenzeiten auffängt und kein Arbeistlosengeld. Die Menschen, die in diesem Sektor tätig sind, leben von ihrer täglichen Arbeit. Viele verrichten diese auf der Straße, zum Beispiel an kleinen  Verkaufsständen, ohne den nötigen Gesundheitsschutz. Durch den Lockdown haben viele in Armut lebende Menschen Hunger gelitten. Die kirchlichen Hilfswerke unterstützen vielerorts durch die Ausgabe von Lebensmittelpaketen und in der Zusammenarbeit mit Gemeinschaftsküchen die Menschen in ihrem Kampf gegen Hunger und Unterernährung. Die Notsituation hat viele Arme dazu gedängt, aus dem Lockdown auszubrechen und ihre Gesundheit zu riskieren, um eine Gelegenheitsarbeit zu finden und ein Tageseinkommen zu erwirtschaften, das ihnen und ihren Familien zu überleben hilft. Denn die periodischen Bonuszahlungen der peruanischen Regierung an Menschen in Armut waren zu gering, um längerfristig davon leben zu können. Außerdem erreichten diese Zahlungen wegen mangelnder Effizienz in der Verwaltung viele Arme entweder gar nicht oder erst nach Monaten.

Kritische Anfragen an das Wirtschaftssystem

Marcel Velázquez, Professor für Humanwissenschaften an der staatlichen Universität San Marcos in Lima, der gegenwärtig an einer Geschichte der Epidemien in Peru arbeitet, kommt zu dem Schluss, dass die Pandemie für Peru eine “soziale Katastrophe”[4] bedeutet.  Wie konnte es so weit kommen? Denn Perus Wirtschaft hatte zu Beginn des 21. Jahrunderts einen starken Boom erlebt, vor allem durch die massive  Förderung und den Verkauf von nicht erneuerbaren Rohstoffen (Mineralien, Erdöl, Erdgas) auf dem Weltmarkt. Das Land wurde von mehreren internationalen Organisationen als ein “aufgehender Stern” gefeiert. Aber der beachtliche wirtschaftliche Aufschwung brach ein, als die Preise für verschiedene Mineralien auf den internationalen Märkten sanken.

Vernachlässigtes Gesundheits- und Bildungssystem trotz wirtschaftlichem Aufschwung

Verschiedene Experten stimmen in ihren Analysen darin überein,  dass die jeweiligen Regierungen und der Kongress in den Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs, als noch viel Geld in die Staatskassen floss, die soziale Dimension sehr vernachlässigt haben und nur unzureichend in ein gutes öffentliches Gesundheits- und Bildungssystem investiert haben. Der Mediziner Ernesto Gozzer, der an der Universität Cayetano Heredia in Lima Forschungen auf dem Gebiet der öffentlichen Gesundheit betreibt, kritisiert die systematische Vernachlässigung  des öffentlichen Gesundheitssektors über Jahrzehnte und hebt hervor, dass dieser Rückstand nun inmitten der Pandemie nicht innerhalb kurzer Zeit aufgeholt werden kann. Gozzer kommentiert: “Das Land hat sich von der Illusion leiten lassen, dass viele seiner Probleme durch das wirtschaftliche Wachstum gelöst würden dank des so genannten Durchsickerungseffekts. Aber wir haben gesehen, dass dem nicht so ist.”[5] Im Verlauf der Zeit hat es zwar Verbesserungen im  Gesundheitssystem gegeben, aber die großen Ungleichheiten in der gesundheitliche  Versorgung bestehen weiter.

Die Ungleichheit kostet armen Menschen das Leben

Daher hat die Corona-Pandemie vor allem unter den Menschen, die in Armut leben, die meisten Todesopfer gefordert. Denn die Armen sind auf das öffentliche Gesundheitssystem angewiesen, da sie eine Behandlung in einer teuren Privatklinik nicht bezahlen können. Aber dieses brach während der ersten Welle der Pandemie zeitweilig völlig zusammen. Es war erschütternd, die Dramen zahlreicher Familien zu erleben, deren erkrankte Mitglieder aufgrund überfüllter Krankenhäuser keine Behandlung erhielten und starben. Auch der akute Mangel an medizinischem Sauerstoff im ganzen Land kostete vielen Armen das Leben. Sie konnten keinen Aufpreise für das lebensrettende Gut bezahlen. Die Armen haben auch unter der hohen Korruption im Gesundheitsbereich sehr zu leiden.

Ein gesundes Leben, unmöglich auf einer kranken Erde

In Peru sowie global wird noch relativ wenig thematisiert, dass die Pandemie auch kritische Fragen im Hinblick auf unsere Beziehung zur Erde aufwirft. Das Coronavirus markiert uns Grenzen im Umgang mit der Erde, deren Überschreitung für die Menschen immer gefährlichere Konsequenzen haben wird. Forscher aus verschiedenen Ländern haben darauf hingewiesen, dass die Ansteckung mit dem Coronavirus durch das fortschreitende Eindringen der Menschen in Bereiche bislang noch unberührter Natur verursacht worden ist. Dies geschieht zum Beispiel durch eine immer weitflächigere Rodung von Primärwäldern. Das Virus verliert so sein natürliches Habitat und sucht sich im entsprechenden Ökosystem zum Beispiel Tiere als Wirt. Werden diese in den menschlichen Lebensbereich eingeführt, ist vielfach die Gefahr einer Ansteckung hoch, da die Menschen meist keine Abwehrkräfte gegen das Virus haben. Ein Forschungsteam um den international angesehenen brasilianischen Experten für Amazonien, Biodiversität  und Klima, Carlos Nobre, hat in Studien aufgewiesen, dass aus diesem Grund die wachsende Zerstörung des amazonischen Regenwaldes die Menschheit der Gefahr von noch gefährlicheren Viren als das Coronavirus aussetzt.

Die Zerstörung von Klima und Biodiversität erhöht die Gefahr noch gefährlicherer Pandemien

In Peru hat die Tatsache, dass bereits während der ersten intensiven Welle der Pandemie im Namen der Reaktivierung der Wirtschaft verschiedene Bergbauprojekte massiv vorangetrieben wurden ohne die betroffene Bevölkerung in die Dialog- und Entscheidungsprozesse ausreichend einzubeziehen, zu starken ökologisch-sozialen Konflikten geführt. Denn aufgrund der zunehmenden ökologischen Schäden sind die Menschen vor Ort in Sorge um ihren Lebensraum. Die sozialen Proteste an zahlreichen Orten im Land während der Pandemie zeigen, dass ein neuer Sozialpakt in Peru dringend erforderlich ist, und zwar auf der Grundlage eines ganzheitlichen ökologischen Ansatzes, bei dem die soziale, ökologische und Klimagerechtigkeit eng miteinander verbunden sind und eine wahrhaft nachhaltige Entwicklung ermöglichen.

Die Zerbrechlichkeit der Welt und menschliche Verwundbarkeit

Die Pandemie hat uns die Zerbrechlichkeit der Welt, unsere hohe menschliche Verwundbarkeit sowie unser Angewiesensein auf eine gesunde Erde, auf Solidarität und Achtsamkeit füreinander verstärkt zu Bewusstsein gebracht. Dies gilt nicht nur für die Beziehungen innerhalb der lateinamerikanischen Gesellschaften und zwischen ihnen, sondern ebenso für die Beziehungen zwischen dem globalen Süden und dem globalen Norden, insbesondere Europa. Zu unserem christlichen Grundbekenntnis gehört, dass alle Menschen die gleiche Würde haben und wir in Christus Schwestern und Brüder sind, die  zu einer Menschheitsfamilie gehören. Achtsamkeit und Verantwortung füreinander und im Umgang mit der Erde sowie lokal und global praktizierte Soliarität sind angesichts der Pandemie ein Imperativ, um ein gemeinsames Leben in Würde und Frieden auf unserem Planeten zu sichern. Dann können  immer mehr Menschen  die Erfahrung machen, dass wir wirklich alle in einem Boot sitzen.

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Prof. Dr. Birgit Weiler gehört dem Orden der Missionsärztlichen Schwestern an. Sie lehrt Systematische Theologie an der Päpstlichen Katholischen Universität von Peru/Lima.

Bild: stokpic auf Pixabay

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[1]Unicef, COVID-19: Impacto en la pobreza y desigualdad en niñas, niños y adolescentes en el Perú, Lima 2020, 6.

[2] Vgl. Alarco, Germán, Enseñanzas para el Perú 2021 de los pactos sociales al servicio del bienestar en América Latina, in: https://gestion.pe/blog/herejias-economicas/2021/01/ensenanzas-para-el-peru-2021-de-los-pactos-sociales-al-servico-del-bienestar-en-america-latina.html/?ref=gest, abgerufen am 17.1.2021.

[3] Vgl. Guillén, Informalidad empresarial, in: https://www.esan.edu.pe/conexión/actualidad/2020/05/14/informalidad-empresarial:podemos-reducirla-em-medio-de-la-pandemia-1/, abgerufen am 14.1.2021.

[4] Velásquez, Marcel, “Para el Perú la pandemia ha sido un catástrofe social”. Entrevista de Raúl Mendoza con Marcel Velázquez, in: https;//larepublica.pe/domingo/2021/01/19/marcel-velazquez-para-el-peru-la-pandemai-ha-sido-una-catastrofe-social/, abgerufen am 10.1.2021.

[5] zit. nach Cecilia Barria, Coronavirus en Perú, in: https://www.bbc.com/mundo/noticias-52843655, abgerufen am 10.1.2021.

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