Wir müssen aufhören, unpolitisch zu sein!

Weil ich Jesidin bin und die demokratischen Werte verteidige, erhalte ich Todesdrohungen, schreibt Düzen Tekkal im Vorwort zu ihrem Buch „Deutschland ist bedroht. Warum wir unsere Werte jetzt verteidigen müssen.“

Düzen Tekkal war für einen deutschen Fernsehsender  gerade zur Recherche in einem deutschen Altenheim, als sie der erste Anruf aus dem Nordirak erreichte. Die verzweifelte Bitte: „Hilf uns, wir werden alle getötet!“ sollte sie noch zigfach hören. JesidInnen riefen sie als deutsche Fernsehjournalistin an. Milizen des IS waren in ihre Siedlungsgebiete eingefallen und hatten Männer, Frauen, Kinder getötet. Tausende JesidInnen waren auf der Flucht. Seit diesem 3. August 2014 ist für Düzen Tekkal nichts mehr, wie es einmal war. „So ist das manchmal im Leben: Plötzlich ergibt sich eine Situation, in der man sich fragen muss, ob man hinsieht oder wegschaut. Ob man sich zum Handeln entscheidet oder passiv bleibt. […] Die dramatische Situation der Jesiden im Sindschar machte mir einmal mehr bewusst, dass der Weltgemeinschaft ein jesidisches Leben nichts wert war. Was wäre wohl passiert, wenn 5000 amerikanische  oder deutsche Frauen in die Hände des IS geraten wären.“1

Plötzlich ergibt sich eine Situation, in der man sich fragen muss, ob man hinsieht oder wegschaut.

Düzen Tekkal kann seither nicht mehr wegschauen und sie setzt sich dafür ein, dass auch die deutsche Öffentlichkeit hinsieht, wenn es um Krieg, Terror, aber auch die Bedrohung demokratischer Werte im eigenen Land geht. Sie flog in das Kriegsgebiet und brachte die erschütternden Bilder und Geschichten vor allem der Frauen und Mädchen zurück nach Deutschland. „Ich konnte den Krieg riechen, eine Mischung aus süßem Tee und Angstschweiß.“2 „Krieg macht ehrlich.“ 3 „Seit meiner Reise in den Irak hat sich mein Leben grundlegen geändert. Nie war es ehrlicher. […] Die Tatsache, dass ich als Jesidin keiner Buchreligion angehöre, macht mich frei, auch für das Grundgesetz. Ich befinde mich in keinem Konflikt zwischen einer von Gott offenbarten Schrift und menschlichen Gesetzen. Ich muss mit niemanden überWerte streiten. Als Jesidin bin ich nur mir selbst verpflichtet.“4

Die Tatsache, dass ich als Jesidin keiner Buchreligion angehöre, macht mich frei, auch für das Grundgesetz.

Sie hat einen Film gedreht und ein Buch geschrieben – und sie wehrt sich gegen ein Leben in Angst. „Viele Jahre habe ich mich gefragt, ob ich das richtige Leben lebe. […] Stiftete das, was ich tat, Sinn? Gab es nicht eine Aufgabe, die ich erfüllen musste?“5 Düzen Tekkal weiß heute, was ihre Aufgabe ist, die Fähigkeit, die Stärke, sie zu sehen und auszufüllen, hat sie von Kindheit an entwickelt. „Schon als Kind hatte ich das Gefühl, dass ich in Deutschland dazugehöre. […] Ich habe verstanden, dass wir etwas ändern können in der Welt und dass wir dafür verantwortlich sind.“6 Aufgewachsen in der lauten Welt ihrer Familie mit 11 Kindern, „von allem zuviel, zuviel Kinder, zuviel Essen, zuviel Drama“, hat ihr die deutsche Schule Ordnung und Struktur gegeben. „Die Beschäftigung mit der Literatur hat aus mir einen anderen Menschen gemacht. Das Gefühl, deutsch zu sein, verbinde ich stark mit der Liebe zu den deutschen Klassikern. In diesen Texten finde ich etwas Allgemeingültiges, mein Leben unmittelbar Betreffendes ausgedrückt. Es sind universelle Geschichten, die Fragen stellen, die alle Menschen angehen, ganz egal, woher sie kommen. […] Bildung half mir auch Zuhause, meine Bedürfnisse nach Freiheit besser durchzusetzen.“7 „Ich bin mit starken Frauen aufgewachsen. Meine Mutter, aber auch meine Großmutter spielen in meinem Leben eine große Rolle. […] Sie erhoben ihre Stimme, meldeten sich selbstbewusst zu Wort. […] Meine Mutter ist Analphabetin, aber sehr intelligent. Sie denkt mit den Händen.“8

In den Texten  der Klassiker finde ich etwas Allgemeingültiges, mein Leben unmittelbar Betreffendes ausgedrückt.

Düzen Tekkal ist eine beeindruckend starke und mutige Frau, trotzdem sich in ihrem Umfeld die Angst ausbreitet und sie direkt bedroht wird. „Eine große Kinokette will meinen Film über die Verbrechen des ‚Islamischen Staates‘ (IS) nicht zeigen – aus Angst vor Anschlägen. Ein Bürger, der die Produktion meines Films unterstützt hat, möchte im Abspann nicht namentlich genannt werden – aus Angst vor Repressalien. Die Angst zieht sich heute wie ein roter Faden durch mein Leben. Dabei bin ich eigentlich kein ängstlicher Mensch. Aber ich spüre die Angst überall. Ich spüre, wer sie verbreitet, wer Angst hat, wer etwas zu verlieren hat. Angst schafft Unruhe und verbreitet Unsicherheit. Angst lähmt uns, und sie nimmt uns die Freiheit. Was ich um mich herum erlebe, bringt mich zu dem Schluss: Das Fundament unseres Zusammenlebens ist bedroht. Deutschland ist bedroht. Das klingt hart, und viele denken insgeheim: ‚Mich und meine Familie wird es schon nicht treffen. Das geht mich nichts an.‘

Die Angst zieht sich heute wie ein roter Faden durch mein Leben.

Die Bedrohung betrifft nicht nur diejenigen, die sich laut äußern. Die Bedrohung fängt im Persönlichen an, doch sie erstreckt sich auf unsere demokratische Gesellschaft als Ganzes. Sie beginnt, wenn ich lese, was hasserfüllte muslimische Hardliner in den sozialen Netzwerken über mich schreiben. Wenn Journalisten auf mich zukommen und sagen: ‚Sie werden massiv bedroht.‘ Wenn ein Salafistenprediger wie Pierre Vogel öffentlich behauptet, ich mache den Islam als Religion schlecht, dann tut er das, weil er darauf spekuliert, dass manche Leute mich zu hassen beginnen. Was er sagt, ist eine Lüge, die gefährlich für mich ist. Aber es gibt nichts, was ich dagegen tun könnte. […] Die Frage ist: Wenn ich der Angst gehorche und mich still verhalte – geht es mir dann besser? Die Antwort lautet: Nein. Viele in diesem Land trauen sich nicht mehr, ihre Meinung zu äußern. Andere müssen unter Einsatz ihres Lebens zu ihr stehen. Aber wenn wir […] meinen, wir würden sicherer leben, wenn wir uns aus den Konflikten heraushalten, dann unterliegen wir einem fatalen Irrtum. Wir müssen vielmehr wieder sprechen lernen.

… wenn wir uns aus den Konflikten heraushalten, dann unterliegen wir einem fatalen Irrtum

Seit ich gesehen habe, was Ungerechtigkeit und die Verweigerung von Religionsfreiheit mit Menschen machen, verteidige ich dieses Land. […] Wir sollten dankbar sein, dass wir in einem Rechtsstaat leben, in dem die Menschenrechte nicht mit Füßen getreten werden, in einem Staat, in dem wir alle Möglichkeiten haben, zu partizipieren und zu gestalten. In anderen Ländern wird man umgebracht, wenn man sich für diese Rechte einsetzt. Wenn Deutschland bedroht ist, stehe ich auf. Das tue ich auch mit diesem Buch: Es ist ein Aufruf, sich zu wehren. Wir müssen uns als neue und als alte Deutsche gemeinsam neu definieren. Wir müssen Entschlossenheit zeigen gegenüber den bösen Zwillingen, den rechtsextremen wie den islamistischen Feinden der Demokratie. Wir müssen aufhören, unpolitisch zu sein. Wir müssen uns unsere Rechte nehmen und sagen: Es geht mich etwas an, was da draußen passiert. Ich mache das zu meiner Sache.

Wenn Deutschland bedroht ist, stehe ich auf.

Junge Menschen, die in diesem Land geboren sind, erliegen der Propaganda gewaltbereiter Salafisten und des IS. Wenn junge Männer nach Syrien reisen, um im Dschihad zu sterben, wenn die Mädchen ihnen folgen, um einen islamistischen Kämpfer zu heiraten, dann ist das ein Problem, das uns alle betrifft. Mit diesen fanatisierten Jugendlichen exportieren wir den Terror in die Länder des Mittleren Ostens, deren Schicksal uns zu lange gleichgültig war. Diese jungen Menschen sind Opfer einer Ideologie, die Religion in den Dienst der Politik stellt und sich dabei auf konservative Auslegungen des Islam stützen kann.

Umgekehrt importieren wir den Terror nach Deutschland, indem wir islamistischen Fundamentalisten Einlass in unser Land gewähren. Es ist nicht die große Zahl der hierher geflüchteten, bedrohten und verfolgten Menschen, die mir Sorgen bereitet. Die meisten von ihnen sind dankbar, dass sie in Deutschland Schutz gefunden haben. Mir geht es um die Hardliner, die – unregistriert und mit falscher Identität ausgestattet – in unser Land kommen. Sie nutzen die Wege der Flüchtlinge, um in Deutschland unterzutauchen.
Zugleich radikalisiert sich eine Allianz aus NPD und Pegida. Beinahe jeden Tag müssen wir erleben, dass Flüchtlingsheime angezündet und Anschläge auf Asylsuchende verübt werden. Menschen, die vor dem Terror des IS und den Fassbomben Assads zu uns geflohen sind, werden in Deutschland erneut angegriffen und bedroht. Auch diejenigen, die sich für Flüchtlinge engagieren, sind vor verbalen und physischen Attacken nicht mehr sicher. All das führt uns vor Augen, dass wir ein Integrationsproblem haben, das nicht nur Migranten betrifft: Es gibt zu viele Menschen in diesem Land, die unsere demokratischen Werte nicht teilen.

Es gibt zu viele Menschen in diesem Land, die unsere demokratischen Werte nicht teilen.

Und was tun wir? Nur zu gern überlassen wir die Politik den Profis und den Extremisten. Wir meckern, wenn es nicht so läuft, wie wir uns das vorstellen. Für mich grenzt ein solches Verhalten an unterlassene Hilfeleistung. Selbstverantwortung und politisches Bewusstsein sind für mich Bürgerpflicht. Ich weiß, dass ich selbst die Verantwortung für mein Leben trage, und nehme mir das Recht auf eine politische Meinung und auf politische Teilhabe. Das nenne ich demokratische Machtausübung. Wer sich dieses Recht nimmt, kann die Entwicklung beeinflussen, kann Prozesse in seinem Sinn gestalten.
Wir alle müssen uns heute fragen, in welcher Welt wir leben und in welche Welt wir unsere Kinder entlassen wollen. Wir müssen endlich aus unserem Traum erwachen und von der rosaroten Wolke herunterkommen, auf der wir es uns schon zu lange bequem gemacht haben. Wir müssen die Augen aufmachen und erkennen, was um uns herum los ist. Was wir dann sehen werden, ist nicht schön. Es führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei: Der Friede in Deutschland ist bedroht.

Wir müssen endlich … von der rosaroten Wolke herunterkommen!

Wir als Bürger [und Bürgerinnen] können entscheiden, wie wir mit dieser Bedrohung umgehen. Wenn Migranten [und Migrantinnen], ihre Kinder und Enkel auch dazugehören sollen und dürfen, dann ist Deutschland bedroht, und zwar in dem Moment, in dem die neuen Deutschen bedroht sind, weil sie die hiesigen Werte verteidigen. Wer das verstanden hat, erkennt, dass auch die Gewalt nichts mit Herkunft zu tun hat, sondern mit Werten im Kopf.“ 9

Autorinnen: Birgit Hoyer/Düzen Tekkal, Bild: Cover Piper Verlag

Tekkal, Düzen, Deutschland ist bedroht. Warum wir unsere Werte jetzt verteidigen müssen, Berlin-Verlag 2016, ISBN 9-783-8270-7887-2.

 

 

  1. Tekkal,9.
  2. Tekkal, 14.
  3. Tekkal, 33.
  4. Tekkal, 38.
  5. Tekkal, 13.
  6. Tekkal, 40.
  7. Tekkal, 63.
  8. Tekkal, 69.
  9. Tekkal, 4f.
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