Ein Wort, das bewirkt, was es sagt. Über die pfingstliche Hoffnung

Über das leere Grab an Ostern, die Erscheinung Jesu als „Wahrheit, die fortgeht“ und die Hoffnung des Pfingstereignisses, die Gabe der Gottrede zu empfangen. Ein Beitrag von Fana Schiefen.

Zwischen Ostern und Pfingsten

Die Zeit zwischen Ostern und Pfingsten ist für Christ*innen eine besondere Zeitspanne. Diese 50 Tage sind charakteristisch für den christlichen Glauben: Wir haben erfahren, dass Gott Mensch geworden ist, einer von uns, dass er unser Leben mit allen Facetten des Glücks und des Leids kennt; auch den Tod, durch den er verwandelt in ein neues Leben gegangen ist. Zwei Dinge hat er zurückgelassen: Ein leeres Grab und Gottes Geist.

Ein leeres Grab und Gottes Geist

Zwischen diesen beiden Grenzerfahrungen spannt sich die christliche Existenzweise auf. Der Erfahrung des Todes, der Gottverlassenheit, der Leere steht diejenige des Lebens, der Liebe und der Fülle gegenüber. Zwischen diese Pole ist unser Glaube gestellt. Zwischen ihnen muss sich die christliche Sprache bewegen und bewähren. Es gibt eine philosophische Denkweise, die auf die spannungsgeladene Struktur unserer Erzähltraditionen hinweist und ihr dekonstruktives Potential aufdecken möchte. Für christliche Sinn- und Bedeutungskontexte hat das in besonderer Weise der französische Philosoph Jean-Luc Nancy getan.[i]

Das Christentum setzt sich aus dem zu-sammen, mit dem es sich aus-einander-setzt.

Auto-Dekonstruktion des Christentums

Nancy vertritt die These, dass dem Christentum ein selbstdekonstruktiver Zug innewohne.[ii] Das Christentum lebe aus einer Dynamik und Spannung heraus, welche zugleich über es selbst hinausweise und als Öffnung, als „Ent-Ver-schließung“ (déclosion) verstanden werden kann. Das Christentum zu verstehen, bedeutet also, „die konstitutiven Elemente […] auseinanderzunehmen und zu versuchen, zwischen ihnen und gleichsam hinter ihnen, im Hintergrund der Konstruktion zu erkennen, was ihren Zusammenschluss ermöglicht hat.“[iii] Die Dekonstruktion des Christentums ist als doppelter Genitiv zu verstehen: Sie setzt das Christentum in den Modus der Dekonstruktion, ins Offene und charakterisiert gleichzeitig die Dekonstruktion als christlich. Man könnte auch einfacher sagen: Das Christentum setzt sich aus dem zu-sammen, mit dem es sich aus-einander-setzt. Es steht in einem unruhigen (a-theistischen) Verhältnis zu sich selbst. Zwei Merkmale sind für den autodekonstruktiven Prozess des Christentums zentral: Selbstüberschreitung und Öffnung. Das Christentum ist für Nancy wesentlich „die Öffnung der Welt auf – die unzugängliche Alterität.“[iv] Das Gewicht, das er dieser Erfahrung beimisst, drückt er in seiner Interpretation der folgenden Szene aus:

Ich, die Wahrheit, ich gehe fort.

Noli me tangere

Anhand der kleinen Studie Noli me tangere[v] [Rühre mich nicht an] illustriert Nancy das autodekonstruktive Potential christlicher Überlieferung. Im Mittelpunkt steht die Begegnung mit Maria von Magdala und dem auferstandenen Jesus am Grab. Zusammengefasst findet man die a-theistische Interpretation der Auferstehung in der Formulierung ‚im Fortgehen‘ [en partance]. Der Auferstandene, der von sich gesagt hat, „ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6) und dem Maria geglaubt hat, sagt nun: „Ich, die Wahrheit, ich gehe fort.“[vi] Das Paradox zeigt sich für Nancy in der Erscheinung des Fortgehenden, des Aufbrechenden. Der Auferstandene, die Wahrheit, sie sind nur da im Entschwinden, im Entzug. Daraus schließt Nancy, dass wir die Gegenwart Gottes, die Präsenz Jesu nur „aus und mit seiner Distanz“[vii] erfahren können. Die Verwechslungsperikope am Grab zielt in herkömmlichen Interpretationen auf die Auflösung des Missverständnisses. Bei Nancy ist diese Verwechslung bleibendes und entscheidendes Merkmal des Auferstandenen: Ein Anderer seiner selbst zu sein. „Er [der Auferstandene; F. S.] ist seine eigene Alteration und seine eigene Abwesenheit.“[viii] Nicht nur für die Frau am Grab, sondern für alle, denen er begegnet und die ihn erkennen.

Die hier oszillierenden Elemente der Abwesenheit und Präsenz, der Bezogenheit und Verwechselbarkeit führen über die Frage nach dem Körper zur Frage des Seins und des Sinns.[ix] Laut Nancy ist der Körper stets dem Ereignis des Sinns ausgesetzt. Eine Bewegung kann nicht festgehalten werden, sondern muss losgelassen werden, damit sie sich vollziehen kann. Wie aber können wir von diesem Ereignis sprechen, es verkünden? Wir sind beauftragt und gehalten in der Spannung zwischen der Erfahrung vom leeren Grab, von der Erfahrung seiner unbegreiflichen Präsenz zwischen uns (Emmaus) und der Himmelfahrt, durch die er sich uns entzieht. Das Pfingstereignis gibt uns die Hoffnung, dass wir durch den Empfang des Geistes Gottes den Mut und die richtigen Worte für diese Erfahrungen finden.

Pfingstereignis als Hoffnung auf Gabe der Gottrede

„Und sie werden Propheten sein“ (Apg 2,18)

Die Sprache ist für Nancy das Subjekt der nicht aufhörenden Bewegung des ständigen Verweisens. Jedoch ist Sprache kein einheitliches Ganzes, sondern die „Offenheit einer Möglichkeit von Sinn.“[x] Das bedeutet, im Element der Sprache kommt die Gesamtheit unserer Bezüge zum Ausdruck. Und zugleich wissen wir, wie unzureichend unsere Sprache ist.

Christ*innen leben aus der Ostererfahrung heraus, die vor der Freude zunächst ein Schock war. Auch wir müssen verstehen, dass die Art der Präsenz des Auferstandenen eine andere ist. Eine verwandelte Präsenz, deren Fülle (im Sinne der Erfüllung) nicht festgehalten werden kann, sondern sich in der wiederholten Erfahrung der Erscheinungen und Begegnungen zwischen uns ereignet. Die Pfingstgeschichte erzählt von diesem Erkenntnisprozess der Jünger*innen. Zunächst waren auch sie über die Entzogenheit Christi enttäuscht und traurig. Sie schlossen sich ein und verstummten. Doch dann haben sie Mut gefasst, sich zu öffnen, sich selbst zu überschreiten und von dieser Erfahrung in anderen Sprachen zu erzählen. Im Pfingstereignis erfüllt sich die theologische Hoffnung auf die Gaben des Geistes, die zur Gottrede befähigen, zu einer „Verkündigungsform, die bewirkt, was sie sagt.“[xi] Das Feuer ist ein aufschlussreiches Bild für die dekonstruktive Kraft unserer Sprache. So wie das Feuer in sich die Kraft birgt, die Dinge, die es ansteckt, zu erleuchten oder zu zerstören, so kann auch die autodekonstruktive Dynamik Sinn- und Bedeutungszusammenhänge erhellen und verbrennen.

Die Zeit zwischen Ostern und Pfingsten führt uns die Spannung christlicher Glaubensexistenz vor Augen: In unserer Welt machen wir sowohl Erfahrungen des leeren Grabes sowie der erfüllten Augenblicke. Wir können sie als Momente der Gottesferne und Gottesnähe deuten. Um sich zu öffnen, sich selbst zu überschreiten und davon zu erzählen, bedarf es schon einmal der einen oder anderen Gabe, die wir vom Hl. Geist erhoffen dürfen.

 

Fana Schiefen, Dr. theol., ist wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Philosophische Grundfragen der Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. 2017 wurde sie mit der Arbeit „Öffnung des Christentums? Eine fundamentaltheologische Auseinandersetzung mit der Dekonstruktion des Christentums nach Jean-Luc Nancy“ promoviert.

Foto: Andy Watkins, www.unsplash.com

[i] Vgl. Jean-Luc Nancy, Dekonstruktion des Christentums, Berlin/Zürich 2008.

[ii] Diese Eigenschaft erkennt Nancy in allen monotheistischen Religionen.

[iii] Ebd., 53.

[iv] Ebd., 20.

[v] Vgl. Jean-Luc Nancy, Noli me tangere, Berlin/Zürich 2008.

[vi] Ebd., 24.

[vii] Ebd., 23.

[viii] Ebd., 38.

[ix] Vgl. Jean-Luc Nancy, singulär plural sein, Berlin 2004.

[x] Jean-Luc Nancy, Die Anbetung, Dekonstruktion des Christentums 2, Berlin/Zürich 2012, 159.

[xi] Bruno Latour, Jubilieren, Über religiöse Rede, Berlin 2016, 236.

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