WM-Boykott als Christenpflicht? Frag‘ den Moralisten

Heute ist das Eröffnungsspiel der Fußball-WM. Der Ausrichter ist korrupt. Der Gastgeber nutzt das Großereignis für seine Politik schamlos aus. Gute Gründe, diese WM zu boykottieren. Feinschwarz-Moralist Daniel Bogner ermutigt zum Gewissensspagat.

Uli: Ich mag Fußball. Besonders zu Turnierzeiten schau ich ganz gerne die Spiele, besonders die der eigenen Nationalmannschaft. Mich stört aber, dass Russland die WM instrumentalisiert und so seine problematische Politik vergessen machen will. Bin ich moralisch gefordert, die WM zu boykottieren, indem ich diesmal „nicht mitmache“, also auf das Schauen der Spiele verzichte?

Antwort: Lassen Sie mich ganz spontan beginnen: Hier in der Schweiz, von wo ich Ihnen schreibe, würde so eine Frage kaum jemand stellen – alle sind froh und stolz, dass man überhaupt in der Endrunde vertreten ist (zum vierten Mal in Folge!). Die Weltmeisterschaft ist für ein eher kleines Land eine tolle Gelegenheit, sich der Welt zu präsentieren – und der Sport ist ein ideologisch einigermaßen unverfängliches Medium dafür…

Es gibt viele Gründe, diese WM zu ignorieren!

Aber natürlich gäbe es viele Gründe, diese WM mit Nichtbeachtung zu strafen: die dubiosen und undemokratischen Machenschaften der FIFA, die Instrumentalisierung des Ereignisses in Putins Machtkalkül, nicht zuletzt die zutiefst kapitalistische Ausbuchstabierung des ganzen Spektakels.

Entscheidend aber ist: Wem nützt es, wenn Sie persönlich die Spiele nicht verfolgen? Es müssten schon sehr viele sein, die es Ihnen gleichtun. Das kann man aber wohl nicht erwarten, wenn wir ehrlich sind. Deshalb bleibt Ihr persönlicher Boykott vor allem ein symbolisches Zeichen. Sie verschaffen sich ein gutes Gewissen – und das ist auch in Ordnung! Wenn es Ihnen das wert ist, dann gut. Aber verändern werden Sie nicht sehr viel.

Ich finde, Sie sollten auch über die „Kostenseite“ Ihrer Entscheidung nachdenken: Sie werden sich wahrscheinlich für mehrere Wochen aus dem Freizeit-, Kollegen- und Freundeskreis ausschließen. Sie werden innerlich aufgekratzt und vielleicht auch zermürbt immer wieder vor dem Fernsehgeschäft stehen bleiben und ein paar Spielminuten auf den Bildschirmen ergattern, vielleicht den Torschrei einer fröhlichen Gartenrunde oder vom nächsten Public viewing aufschnappen. Sie werden – ganz für sich alleine – grübeln, ob Ihre Entscheidung die richtige war…

Im Kern bleibt die WM ein sportlicher Wettbewerb – und der ist attraktiv und erhält dem Ereignis einen Rest an Legitimität.

Ich will Ihnen ein Element für Ihre Abwägungen mitgeben, das Ihnen vielleicht hilft. Bei aller Kritik bleibt immer noch, dass die Fußballweltmeisterschaft zwar in einer maximal problematischen „Hülle“ daherkommt, dass es darin aber einen Kern aus sportlichem Wettbewerb gibt, der attraktiv bleibt und dem Ereignis einen Rest an Legitimität erhält. Und auf dieser sportlichen Ebene gibt es manchmal Überraschungen, die die kapitalistische Logik sprengen, unterwandern, desavouieren: David-gegen-Goliath-Situationen, zwischen Ländern, die sonst nicht viel miteinander zu tun haben, oder die sich politisch in herzlicher Abneigung verbunden sind. Der Sport birgt die Chance, einmal (!) andere Signale zu senden, den Rest zu vergessen, eine andere Logik walten zu lassen.

Fußball-WM, das ist auch alle vier Jahre eine internationale Begegnung. Schon klar, da geht’s nicht direkt um fair trade, Globalisierungskritik und weltweite Gerechtigkeit. Um Begegnung aber schon. Man setzt sich der Tatsache aus, dass es die anderen gibt und dass die anders sind. Und dass das vielleicht gar nicht so schlimm ist, sondern Vielfalt bedeutet und bereichert.

Die WM ist viel mehr als ein Instrument der FIFA und von Vladimir Putin.

Basale Botschaft, ich weiß, aber bei der WM wird die in ziemlich breitem Maßstab erlebt, von Milliarden Menschen, aus allen Schichten und Milieus. So ein Format muss man erstmal haben! Also: WM, das ist natürlich auch ein Instrument in den Händen einer geldgierigen FIFA und eines anerkennungswütigen Regimes – aber es ist nicht nur das, sondern viel, viel mehr: sportlicher Wettkampf, Chance zum kollektiven Ausnahmezustand für hunderte Millionen von Menschen, ein Zusammentreffen unterschiedlicher Kulturen.

Eine Bemerkung noch, weil wir hier ja im theologischen Feuilleton sind: Als Kirchenmitglied kennt man diese höchst unkomfortable Lage: Man fühlt sich einer Sache (der christlichen) verbunden und zugehörig. Von Außenstehenden wird man aber für das Ganze (die Kirche mit all’ ihren problematischen Seiten) in Haft genommen („Wie kannst Du das nur unterstützen?!“). Man sieht selbst durchaus all die kritischen Punkte, die man keineswegs gut heißt – aber man kann deshalb nicht einfach „gehen“, weil man einer Sache verpflichtet ist (= Glaube).

Eine Weltmeisterschaft gehört auch den Zuschauerinnen und Zuschauern.

Vielleicht ist es mit der Fußball-WM ähnlich: Man muss einen notwendigen Spagat aushalten. Es ist doch klar: Am besten würde irgendjemand anders diese WM ausrichten, nicht die Putin-ergebene FIFA. Aber eine Weltmeisterschaft gehört auch den Zuschauerinnen und Zuschauern, denen der Fußball etwas gibt: Gelegenheit zum Feiern, zum Freuen, zum Auszeit-Nehmen. So wie wir ja auch sagen: Kirche, das sind wir alle.

Deshalb wäre meine Empfehlung: Schauen, feiern, jubeln! Und nie vergessen, dass dieses wunderbare Russland Besseres verdient hat als sein aktuelles Regime.

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Haben auch Sie eine Gewissensfrage – vielleicht gar mit Bezug zu Glaube und Religion? Unser Redaktionsmitglied Daniel Bogner ist Moraltheologe – ein Beruf, der an seiner zweisprachigen Universität in französischer Sprache auch „moraliste“ genannt wird. In loser Folge wird er sich an einer Antwort versuchen, die Ihnen vielleicht weiterhilft.

Ihre Fragen schicken Sie an: redaktion@feinschwarz.net

Bild: Matthew Henry / BURST

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