Allzu viel ist ungesund. Das leidige Thema der „Schöpfungsbewahrung“

Das Thema Schöpfung ist in aller Munde. Benedikt Collinet spürt angesichts von deprimierenden politischen Maßnahmen den Möglichkeiten nach, die sich theologisch nicht zuletzt aus der Schöpfungserzählung ergeben – und plädiert für das Setzen von kleinen ersten Schritten.

Egal ob der Verweis auf den göttlichen Auftrag, die Schöpfung zu bewahren (Gen 1,26), oder die Klimaziele von Paris zitiert werden, ob man den Skandal der Autoindustrie heranzieht oder die Massentierhaltung zum Thema macht, ob Recycling propagiert oder ein nachhaltiger Lebensstil gefordert wird: das Thema Schöpfung ist in aller Munde. Seit der Club of Rome vor genau 50 Jahren begann, über die Begrenztheit der Welt nachzudenken, sorgen die Themen „Überbevölkerung“, „Endlichkeit der Ressourcen“, „Konsumismus“, „Vermüllung“ usw. für Schlagzeilen.

Das Thema Schöpfung ist in aller Munde.

Immer gibt es aber auch gefeierte Gegenmaßnahmen, wie den „autofreien Sonntag“, die Reduktion von FCKW-Gasen oder auch die Großinitative des Kyoto-Protokolls mit seinen Nachfolgeschriften. Kurzfristige Maßnahmen, mittelfristige Versuche und langfristige Abkommen werden beschlossen.

Klare Feindbilder verschleiern den Durchblick

In der Politik spürt man eine große Bereitschaft, über Dinge zu reden, Abkommen zu schließen und sich dann möglichst geschickt wieder aus der Affäre zu ziehen, sodass es zwar symptomatische Verbesserungen gibt, aber erst die nächsten Generationen wirklich draufzahlen. Die Frustration nimmt weiter zu – und das soll sie auch.

Wenn große Medien die Themen der Schöpfungsverantwortung behandeln, dann immer mit der übertriebenen Darstellung der tatsächlich großen Probleme und der Andeutung kleinerer, meist privater Initiativen, die zeigen, dass durch Bürgerinnenbeteiligung alles gelöst werden kann.

Der Blick auf den Eigenanteil an der Situation, die politische Macht des Volkes und die Aufdeckung der echten Machtmechanismen bleibt weitgehend im Dunkeln.

Die Verantwortung für die Schöpfung liegt beim Einzelnen, weniger bei den Institutionen. Gleichzeitig werden die großen Konzerne verteufelt und die Politik als korrupt und durchsetzungsschwach vorgeführt, um deutlich zu machen, dass von dort keine Rettung zu erwarten ist. Der scheinbar investigative Journalismus der Großverlage fördert nur zu Tage, was bereits jede und jeder weiß: es wird zu wenig für die Umwelt getan und der Grund liegt im Egoismus „der da oben“. Der Blick auf den Eigenanteil an der Situation, die politische Macht des Volkes und die Aufdeckung der echten Machtmechanismen bleibt weitgehend im Dunkeln – und können auch in diesem Beitrag nicht ausreichend beleuchtet werden. Es wird ein Feindbild erzeugt, gegen welches man nicht gewinnen kann – so braucht man es auch gar nicht erst zu versuchen.

Überforderung von allen Seiten

Die Überflutung mit aufbereiteten Daten und Fakten, das Ausmaß der Probleme und die unzähligen Lösungsvorschläge ermüden auf Dauer und verstärken den Effekt: alles wird immer schlimmer, es entsteht der Eindruck, dass sich nicht wirklich etwas ändert und der eigene Beitrag zu klein ist, um dauerhafte Auswirkungen zu haben.

Zu viel ist unbewältigbar, wenig nützt nicht genug, also lässt man es besser gleich.

Neben diese Menge an massenmedialen Daten tritt eine zweite Gruppe: die Idealisten. Sie fordern von allen Menschen jetzt und sofort ihr ganzes Leben zu ändern. Sei es die vegane Bewegung, die radikalen Gegner der Ölindustrie oder auch die zunehmende Bewegung, die ein Zurück zur Subsistenzwirtschaft fordern, sie alle haben eines gemeinsam: ihre Forderungen sind unrealistisch. Es ist nicht möglich eine Gesellschaft von einem Moment auf den anderen komplett umzukrempeln. Kein Mensch kann alle Aspekte seines Lebens gleichzeitig umstellen, außer es gibt einen unausweichlichen Zwang von außen. Auch hier greift wieder der Mechanismus: zu viel ist unbewältigbar, wenig nützt nicht genug, also lässt man es besser gleich.

Leidensdruck – oder: der „Frosch-im-Topf Effekt“

In seinem Film An inconceniet truth (Eine unbequeme Wahrheit) aus dem Jahr 2006 verwendet Al Gore für die Klimaerwärmung das Bild eines Frosches, der langsam lebendig gekocht wird. Würde er gleich ins heiße Wasser geworfen, so das Bild, dann hüpfte er sofort heraus. Durch den allmählichen Temperaturanstieg merkt der Frosch aber nicht, wie er gegart wird. Erst wenn der Leidensdruck so groß ist, dass es tatsächlich schon zu spät ist, versucht er zu reagieren.

Es gibt viele rhetorische Stilblüten, aber nur rudimentäre Konsequenzen.

Dieses Bild trifft auch die aktuelle Situation. Es gibt viele rhetorische Stilblüten, aber nur rudimentäre Konsequenzen. Die politische Agenda orientiert sich an der Meinung der Leute, denn die nächste Wahl will gewonnen werden. Unpopuläre Entscheidungen und tiefe Einschnitte in Gesellschaft oder gar Wirtschaft sind undenkbar. Der amerikanisch-juridische Freiheitsgedanke, erst dann zu regulieren, wenn bereits etwas passiert ist, blockiert das Potential vorausschauend zu handeln.

Dabei könnte das Bild ja auch modifiziert werden. Der radikale Einschnitt in den eigenen Alltag, den ein wirklich schöpfungsbewusstes Leben verlangt, ist ein Sprung in eiskaltes Wasser. Doch was, wenn man die eigenen Bedürfnisstrukturen nur Stück für Stück abgekühlt werden und man am Ende in einem weder zu heißen noch zu kalten Wasser sitzt? Keine lauwarme Brühe der Unentschlossenheit, sondern ein wohltemperiertes Bad, das den je aktuellen Bedürfnissen entspricht.

Die Botschaft der Weltkirche

Seit der ersten Sozialenzyklika Rerum novarum (1891) und dem Konzilsdokument Gaudium et Spes (1965) ist sich die Kirche ihrer Verantwortung in der Welt auch offiziell bewusst. Auch die Themen der Bevölkerungsentwicklung und die „Sorge für das gemeinsame Haus“, wie es Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato Si (2015) so schön ausgedrückt hat, sind Themen des kirchlichen Lehramts in den letzten Jahrzehnten geworden.

Papst Franziskus fordert eine „neue Art von Leadership“ und eine persönliche Schöpfungsspiritualität aller Menschen.

Doch nicht nur die kritische Gegenwartsanalyse, auch eine Reihe von Dialoginitativen, theologischen Diskursen und praktischen Konsequenzen zeigen sich in Rom. Vor genau 11 Jahren (am 12.06.2007) verkündete Benedikt XVI., der Vatikanstaat werde ab sofort daran arbeiten, der erste klimaneutrale Staat der Welt sein, ein Ziel, das weitgehend erreicht wurde. Die Päpstliche Akademie der Wissenschaften hat Grundlagenforschung und Dialog über Schöpfungsverantwortung sehr weit oben auf ihrer Agenda. Erst vergangene Woche fand die Konferenz „Energiewandel und die Sorge für das Gemeinsame Haus“ in Kooperation mit der in Nordamerika führenden katholischen Notre Dame University (Indiana) und 40 Vertreterinnen und Vertretern aus Energiewirtschaft, -management und -lobbyismus statt, um über eine dauerhafte Abkehr von nicht nachhaltigen Energien zu debattieren. Im Rahmen einer angeschlossenen Privataudienz (08.06.2018) ließ Franziskus es nicht an Deutlichkeit – und auch Seitenhieben, z.B. auf den Wasserspekulanten Nestlé – mangeln: „Die Luftqualität, der Meeresspiegel, die Trinkwasser-Reserven, das Klima und das delikate Gleichgewicht der Öko-Systeme – all das wird von der Art und Weise, wie die Menschheit ihren Durst nach Energie stillt, stark beeinflusst. Um diesen Durst zu stillen, darf man nicht den wirklichen Durst nach Wasser schlimmer machen, oder die Armut, oder die soziale Ausschließung.“ Franziskus fordert eine „neue Art von Leadership“ und eine persönliche Schöpfungsspiritualität aller Menschen in Anlehnung an Laudato Si.

Eine biblische Spiritualität des Paradieses

Ein Aspekt dieser Spiritualität ist meines Erachtens das Paradies. In den Schöpfungserzählungen der Bibel (Gen 1–2) erfahren wir, dass Gott allen Lebewesen gibt, was sie zum Leben nötig haben. Auch Jesus spricht vom „Leben in Fülle“ (Joh 10,10). Diese Fülle meint aber nicht, dass wir jederzeit alles verfügbar haben oder permanent überkonsumieren müssen, wie es uns die Werbung einredet.

Die Psychologie hat nachgewiesen, dass immer alles zu haben, nicht glücklich macht, nie etwas zu besitzen auch nicht.

Es geht um das „Genug haben“, das Nötige haben. Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse, aber nicht jedes davon muss jederzeit befriedigt werden. Die Psychologie hat nachgewiesen, dass immer alles zu haben, nicht glücklich macht, nie etwas zu besitzen auch nicht.

Aus diesem Grund werden in der Bibel immer wieder die Armen in den Mittelpunkt gestellt, die nur das Nötigste haben (Mt 5,3; Mk 12,42 u.ö.). Sie wissen den Wert dessen, was sie besitzen, zu schätzen und wissen genau, wieviel genug ist und wo der Luxus beginnt. Denen, die zu viel haben, rät Jesus, alles zu verkaufen, denn sie binden sich zu sehr an diesen Besitz (Mt 19,16-30; Lk 18,18-30). So wird es einfacher für sie, das Nötige zu erkennen und zufrieden zu sein. Denen, die zu wenig haben, hilft er, teilt das Brot (Mk 6,30-44par) und heilt die Krankheiten und Verletzungen. Jede/r bekommt das, was sie oder er zum Leben braucht – heißt es ja auch schon im Vater Unser „unser tägliches Brot gibt uns heute“ (Lk 11,3).

Der (ökologische) Sündenfall ist der Glaube daran, dass genug nicht genug ist und man mehr braucht, als nötig ist.

Das Paradies ist der Ort, an dem alle Kreaturen das hatten, was sie brauchten, der (ökologische) Sündenfall ist der Glaube daran, dass genug nicht genug ist und man mehr braucht, als nötig ist.

Den ersten Schritt in den Alltag wagen

An dieser Stelle kann eine kritische Selbstreflexion einsetzen. „Was brauche ich wirklich?“ ist ein erster Schritt hin zu einem schöpfungsbewussten Leben.

Eine zweite Frage ist jene der Bequemlichkeit: Muss es das Flugzeug sein – auch wenn Ökosteuer bezahlt wird – oder wäre nicht auch der energieeffizientere Zug eine Option? Kann 1kg Steak um 2,20€ wirklich mit „Gütesiegel“ produziert sein? Brauche ich das 20te T-Shirt, das 12te Paar Schuhe und das dritte Auto wirklich oder ist es nur bequemer? Muss ich mir alles leisten, was ich mir leisten kann?

Wie aus der Hirnforschung und Verhaltenstherapie bekannt ist, reicht es aber nicht, nur etwas zu lassen, um etwas im eigenen Leben zu ändern, es braucht noch andere Dimensionen.

Die Frage des Nutzens: Was habe ich davon?

Die eine ist die Frage des Nutzens. Was habe ich davon, wenn ich Zug fahre, teures Fleisch und weniger Kleidung kaufe? Im Zug gewinne ich Zeit, um nachzudenken, Zeit die ich bewusst für mich einplanen kann, in der ich nicht erreichbar sein muss, wenn ich nicht will. Hochwertiges Essen ist gesünder, ich kann darauf achten, woher das Produkt stammt, wie die Haltung des Tieres war und weiß vielleicht mehr zu schätzen, dass ein Lebewesen (Pflanze oder Tier) für mich gestorben ist. Ich kann bei der Kleidung Wert auf Qualität legen, ökologische Mode oder fair trade Waren kaufen. Weniger Kleidung bedeutet kleinere Kleiderschränke und in der Folge mehr Platz oder auch die Chance, in eine kleinere Wohnung zu ziehen. Dann spare ich Miete oder Grundsteuer und habe mehr Geld, um es in Erfahrungen und Reisen, in Hobbies und Initativen zu stecken. Es ist letztlich eine Frage der richtigen Perspektive, des mindsets.

Die zweite Dimension ist der Blick auf die Gesellschaft. Die Änderungen im eigenen Leben werden nicht ausreichen, um die Schöpfung zu bewahren und zu retten. Es braucht dafür größere Anstrengungen. Daher ist es sinnvoll, sich zunächst in einen Bereich einzuarbeiten, nicht in alle. Warum ist es sinnvoll faire Kleidung zu kaufen? Woran erkennt man ein wirklich nachhaltiges Biosiegel? Welche Marken und Namen stehen für welchen Umgang mit Mensch, Tier und Planet? Welche alternative Energiequellen gibt es? Wie kann ich mein Haus ökologisch umgestalten?

Es geht nicht darum, heute die Welt zu retten, es geht darum, heute den ersten Schritt zu setzen.

Wenn der eigene Schwerpunkt gefunden ist, dann gibt es wiederum unzählige Möglichkeiten, sich zu engagieren oder zu beteiligen. Das muss nicht gleich der Höhenflug sein. Engagement in Netzwerken wie Avaaz.org oder change.org, Spenden für Umwelt- und Tierschutzorganisationen, das Besuchen von Demonstrationen, die Begrünung der eigenen Fensterbank, das Teilnehmen an Müllsammlungen, Recycling oder das Abschalten unnötiger Standby-Geräte sind ein guter Anfang.

Was sich im Kleinen bewegt, das wird sich auch im Großen bewegen lassen. Das Umdenken Weniger, die sich zusammenschließen, kann ein großes Umdenken erzeugen, wie wir aus der Geschichte immer wieder gelernt haben. Eine Politik, die sich an den Wählermeinungen orientiert, wird einlenken, ein Markt ohne Konsumenten wird sich neu organisieren, desinteressierte oder überforderte Mitmenschen werden sich anschließen. Es geht nicht darum, heute die Welt zu retten, es geht darum, heute den ersten Schritt zu setzen, wie klein er auch sein mag… und morgen den zweiten.


Autor: Dr. Benedikt Collinet ist Universitätsassistent am Institut für Bibelwissenschaft, Fachbereich Altes Testament, der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien

Beitragsbild: pixabay

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