Das Gloria des Fußballs: Im Sport liegt das Lob des Schöpfers

Fußball lobt die Schöpfung Gottes, wenn die äußeren und inneren Rahmenbedingungen natürlicher und sozialer Art geachtet und eingehalten werden. Von Frank Martin Brunn.

Sie ist angepfiffen, die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer. Für einen Monat ist Fußball Thema Nummer 1 quer durch alle Gesellschaftsbereiche. Die Geschicklichkeit der Spieler, die Dynamiken des Spiels, das Auf und Ab, die Siege und die Niederlagen, Begeisterung und Enttäuschung – das zeigt der Fußball und weist damit weit über sich selbst hinaus.

Fußball bringt in verdichteter Form anthropologische Grundsituationen zur Aufführung.

Bei großen internationalen Sportfesten wie den Fußball-Weltmeisterschaften oder den Olympischen Spielen geht es immer auch darum, im Wettstreit das Menschenmögliche zu zeigen. Die Begeisterung für die Spiele speist sich zum einen aus der Spannung des Wettbewerbs, darum, welche Mannschaft besser ist. Zum anderen speist sich die Begeisterung  aus der Faszination über die Eroberung des Balls, gekonntes Dribbeln, geschicktes Zuspiel in der eigenen Mannschaft, das Umspielen des Gegners und natürlich der Schuss auf das Tor auslösen. Die Bewegungsmöglichkeiten menschlicher Körper begeistern im Fußball wie auch in anderen Künsten. Neben der physisch-technischen Seite geht es bei den Siegen und den Niederlagen zudem darum, diese zu feiern und zu ertragen. Der Fußball bringt in verdichteter Form anthropologische Grundsituationen zur Aufführung.

Typisch für das sportliche Spiel ist, dass es immer wieder neu beginnt. Mit jedem Turnier, mit jeder Saison, mit jeder Meisterschaft geht es von vorne los. Jeder Teilnehmer und jede teilnehmende Mannschaft hat dieselbe Chance. Sieg und Niederlage hängen meist von vielen Faktoren ab, nicht bloß von einer Einzelleistung. Die Athleten können viele Situationen beherrschen und sich viel erarbeiten, und doch bleibt im Mit- und Gegeneinander so viel Unbeherrschbares, dass es keine sicheren Siege gibt. Wer heute siegt, kann morgen verlieren und wer heute verliert, kann morgen siegen.

Weil Siege und ihr Glück flüchtig sind, darum wird an der Ambivalenz von Sieg und Niederlage in den Spielen des Sports gerade die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen deutlich. Die leiblichen Erfahrungen, die im Sport gemacht werden, verweisen darauf, dass die Erlösungsbedürftigkeit nicht einzig den Geist des Menschen betrifft, sondern den ganzen Menschen als leibliches Wesen. Dabei ist der Leib als Bedingung von Sporterfahrung geradezu der Angelpunkt der Erlösungsbedürftigkeit, die im Sport erfahrbar wird. Genauso, wie er auch der Angelpunkt für das Glück ist, dass im Sport erfahrbar wird.

Ein Fußballspiel  braucht sichere Rahmenbedingungen natürlicher und sozialer Art, sonst ist es nicht möglich.

Damit solche Erfahrungen gemacht und öffentlich dargestellt werden können, sind allerdings sichere Rahmenbedingungen notwendig. Ein Fußballspiel wie jedes sportliche Spiel braucht sichere Rahmenbedingungen natürlicher und sozialer Art, sonst ist es nicht möglich. Wo Krieg herrscht, wo in den Straßen geschossen wird, kann niemand Fußball spielen. Die antike Vorstellung von der olympischen Waffenruhe, aus der Pierre de Coubertin die Idee vom olympischen Frieden geformt hat, beruht auf dieser schlichten Einsicht. Weil sportliche Spiele und Wettkämpfe Frieden oder mindestens eine fest vereinbarte Waffenruhe brauchen, ist es geradezu ein Widerspruch in sich, wenn ein Staat an der Fußballweltmeisterschaft teilnimmt oder sie gar ausrichtet, der zugleich an einem anderen Ort Krieg führt.

Der Sport bedarf aber nicht nur äußerer sicherer Rahmenbedingungen sozialer Art, sondern die Funktionäre und Athleten müssen auch für innere sichere Rahmenbedingungen sozialer Art sorgen. Fußball ist wie jeder Wettkampfsport ein Regelspiel. Regelspiele sind Spiele, die durch Regeln konstituiert werden. Sie beruhen schlicht auf nichts anderem als der Einhaltung von Regeln, d.h. ohne die grundsätzliche Bereitschaft Regeln einzuhalten, ohne eine formelle Fairness, ist kein Sport möglich.

Die Skandale, in welche die FIFA und ihre Akteure verwickelt sind, widersprechen den sozialen Rahmenbedingungen, für die Fußball steht.

Deswegen ist es geradezu ein Widerspruch in sich, wenn Sportfunktionäre oder gar Sportverbände gezielt Regeln brechen, wie es beim Doping geschieht, und Spieler und Athleten zu solchen Regelbrüchen auffordern. Doping, aber auch Korruption in den Verbänden, Schiedsrichterbetrug und eingeübtes Foulspiel zerstören die inneren Rahmenbedingungen des Sports. Untergraben werden die inneren Rahmenbedingungen des Sports, wenn die auf dem Platz geforderte Chancengleichheit sich nicht im Verhalten der Verbände bei der Planung, Vorbereitung und Ausrichtung der Wettkämpfe widerspeigelt. Die Skandale rund um Ausbeutung, Betrug und Korruption, in die die FIFA und ihre Akteure verwickelt sind, widersprechen den sozialen Rahmenbedingungen, für die Fußball steht.

Weil Fußball bei der Weltmeisterschaft in riesigen Stadien gespielt wird, gerät hierbei leicht in Vergessenheit, dass ein Fußballspiel auch auf sichere natürliche Rahmenbedingungen angewiesen ist. Bei der kommenden Weltmeisterschaft 2022 in Katar werden wir sehen, dass dazu die Temperaturen gehören. Deshalb baut man dort Stadien mit verschließbarem Dach, um sie vor den Spielen ausreichend kühlen zu können. Sonst würden Spieler und Zuschauer vermutlich kollabieren.

Aber nicht nur die Außentemperatur muss mitspielen: Jeder Fußballspieler und -fan weiß, dass bei einem Sturzregen oder Hagel das Spiel unterbrochen werden muss, weil es nicht mehr möglich ist. Genauso wissen viele um den Aufwand, den es bedarf, um einen Rasenplatz so zu pflegen, dass darauf Fußball gespielt werden kann. In anderen Sportarten sind die natürlichen Rahmenbedingungen offensichtlicher: Wo Lawinen abgehen, kann niemand Skifahren. Wo ein Sturm übers Wasser tobt, ist schwimmen, paddeln, segeln oder surfen nicht mehr möglich. Neben diesen äußeren natürlichen Rahmenbedingungen gibt es auch innere: Schließlich muss ein Mensch einigermaßen gesund sein, um Sport treiben zu können. Verletzungen und Krankheiten müssen auskuriert sein, sonst kann kein Spieler und keine Spielerin die optimale Leistung erbringen.

Der seine äußeren und inneren Rahmenbedingungen achtende Sport ist Gotteslob.

Wenn die äußeren und inneren Rahmenbedingungen sowohl sozialer als auch natürlicher Art gegeben sind, dann lassen sich im Sport grundlegende anthropologische Erfahrungen machen. Aus theologischer Perspektive wird unter diesen Bedingungen im Sport implizit das Lob Gottes laut. Wenn wir Gott mit der Bibel als Schöpfer von Welt und Mensch und als Geber der Gebote für das menschliche Zusammenleben begreifen, dann kann der seine äußeren und inneren Rahmenbedingungen achtende Sport als mit dem Willen Gottes im Einklang stehend begriffen werden.

In solchem Sport wird die Schöpfung Gottes zur Darstellung gebracht. Darum ist er Gotteslob. Das sportliche Spiel als solches lobt Gott dafür, das es möglich ist. Dieses Gotteslob wird durch den sachgemäßen Ablauf des sportlichen Spiels laut, also implizit, ohne dass es den Beteiligten bewusst sein müsste. Solcher Sport erinnert an Frau Weisheit aus den Sprüchen Salomos 8,30f, die vor Gott auf dem Erdkreis spielt und ihre Freude an den Menschen hat. Fußball wie Sport überhaupt lobt die Schöpfung Gottes, wenn die äußeren und inneren Rahmenbedingungen natürlicher und sozialer Art geachtet und eingehalten werden, weil der Sport anthropologische Grundsituationen zur Aufführung bringt.

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PD Dr. Frank Martin Brunn ist Wissenschaftlicher Geschäftsführer der Arbeitsstelle Kirche und Gemeinwesen am Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Hamburg.

Bild: Pexels.com / CC0 License 


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