Zum Verzweifeln schwer: «Zehn Gebote Vol. 2»

In einer Kunstperformance werden die Tafeln der 10 Gebote mit Sackkarren von Zürich nach Bern geschoben. Uwe Habenicht war dabei und berichtet. Über eine schweisstreibende Kunstaktion und ihr theologisches Gewicht.

Die Zwillinge Patrik und Frank Riklin betreiben bereits 20 Jahren das St. Galler „Atelier für Sonderaufgaben“. Wer es mit ihnen zu tun bekommt, muss einiges an Verwirrung und Mühe in Kauf nehmen. Dem Sog ihrer neuen Kunstperformance „Die 10 Gebote Vol. 2“ konnte ich mich nicht entziehen.

10 neue Gebote in 10 Sandsteinplatten gemeisselt: insgesamt rund 1 Tonne Gewicht.

Wenige Wochen nach Gesprächen in ihrem Atelier steige ich zusammen mit zwei weiteren Komplizinnen in den Zug, um irgendwo zwischen Zürich und Bern wieder auszusteigen. Dort erwarten uns die von den Riklins auf dem St. Galler Klosterhof in 10 Sandsteinplatten gemeisselten neuen 10 Gebote.

Es sind gewichtige 10 Gebote. Sie wiegen insgesamt rund 1 Tonne. Diese Gebote werden nun auf dem „Riklinschen Reflexionsweg“ auf 10 Sackkarren von Freiwilligen von Zürich nach Bern geschoben. Im Museum für Kommunikation werden sie dort für anderhalb Jahre Asyl erhalten.

In einer öffentlichen Aktion waren die Tafeln zuvor im Zürcher Schanzengraben versenkt worden. Die Stadt Zürich hatte dem Künstlerpaar daraufhin prompt einen Ordnungsbescheid zur Entfernung der Platten zugestellt. Darum nun der Transport von Zürich nach Bern.

Eine Gemeinschaft auf Zeit: Wildfremde Menschen schieben einen Tag lang 100 kg schwere Sandsteinplatte.

Als wir an diesem Morgen in Spreitenbach vor dem Gemeindezentrum kurz vor 10 Uhr ankommen, fehlt von den Platten jedoch jede Spur. Nach und nach treffen weitere Freiwillige ein, die sich bereit erklärt haben, einen Tag lang eine 100 kg schwere Sandsteinplatte über den Heitersberg zu schieben und zu zerren.

Und nun beginnt das Erstaunliche: Wildfremde Menschen beginnen Kontakt zueinander aufzunehmen und eine Gemeinschaft auf Zeit zu bilden. Was hier in der ersten halben Stunde beginnt, wird sich im Laufe des Tages immer mehr vertiefen. Wir teilen einander nicht nur die Eckdaten unseres Daseins mit: Name, Wohnort, Familienstand. Wir kommen wirklich ins Gespräch über Lebensträume, Knoten im Lebenslauf – und über Religion.

Endlich tauchen auch die Riklins auf, ihr kleines „Kernteam“ im Schlepptau. Einige packen Tapes und Verbandsmaterial aus, mit dem sie ihre Hände verbinden. Sie waren bereits auf der ersten Etappe dabei und wissen worauf sie sich einlassen. Wir Frischlinge schauen einander fragend an. Als wir wenig später die Sackkarren mit den Gebotstafeln aus dem Keller des Gemeindehauses ins bewölkte Licht dieses Tages schieben, verstehen wir mehr.

Wir fühlen uns als Teil einer Mission. Aber welcher Mission eigentlich?

Ganz schön schwer so eine Gebotstafel, denke ich bei der ersten kleinen Steigung. Rund 250 Höhenmeter werden wir auf dieser 6km langen Tagesetappe zu überwinden haben. Nach den ersten 200 Meter bilden sich die ersten Schweißtropfen auf meiner Stirn.

Aber wir sind ja gemeinsam unterwegs. Das motiviert. Wir fühlen uns als Teil einer Mission. Aber welcher Mission eigentlich? Sind wir im Namen der Kunst unterwegs? Oder im Namen der Religion? Oder unserer eigenen Sinnsuche? Ich blicke auf die Steintafel, die ich seit mehr als einer Stunde Meter um Meter bergan schiebe: „Halte Prozesse am Laufen, auch wenn sie zu Ende zu sein scheinen.“ Ist das wirklich ein Gebot?

Es kommt etwas in Gang auf diesem Weg.

Eine junge Frau erzählt mir von ihrem schwierigen Verhältnis zur Religion. Von Zuhause hat sie in dieser Hinsicht nichts mitbekommen. Nun ist sie ihren Kindern gegenüber irgendwie sprachlos, fühlt sich unsicher und doch suchend. Ist Gott vielleicht doch viel mehr eine Kraft als ein personales Gegenüber? Ihre Frage bleibt offen. Die zunehmende Steigung lässt die letzten Gespräche verstummen, alle Kraft geht ins Schieben. Und doch: Es kommt etwas in Gang auf diesem Weg. Lange unausgesprochene Fragen werden gestellt.

Den Riklins ist es gelungen, etwas Immaterielles zu materialisieren und damit erlebbar zu machen. Frank Riklin – oder was es Patrik? – erzählt mir von seinem Vater. Dieser findet es anmassend, die 10 Gebote neu zu schreiben. Darf man so etwas?

Meine Tafel: „Halte Prozesse am Laufen, auch wenn sie zu Ende zu sein scheinen.“

Mein Besuch im St. Galler Atelier des Künstlerpaares fällt mir ein. An einer Tür entdeckte ich einen mit Tesakrepp befestigten unscheinbaren Zettel. Als Überschrift steht dort: „Manifest des Ateliers für Sonderaufgaben“. Einige der dort festgehaltenen Einsichten kehren fast wortwörtlich in den Formulierungen der neuen 10 Gebote wieder. Langsam beginne ich zu verstehen, dass die Riklins mit der Neuausgabe der Gebote ihr künstlerisches Schaffen, ihre subversiven und partizipativen Alltagsinterventionen gebündelt haben.

Mein Blick fällt wieder auf meine Tafel: „Halte Prozesse am Laufen, auch wenn sie zu Ende zu sein scheinen.“ Das liest sich in der Tat wie ein Kommentar zu vielen ihrer Projekte, wie beispielsweise das Bignik. Es handelt sich um ein gemeinschaftliches Picknick, das von Jahr zu Jahr wächst und für einige Zeit ganze Dörfer und Städte lahmlegt.

Gute Kunst macht das Gewicht des Ungeschriebenen spürbar.

Und auch bei der heutigen schweisstreibenden Kunstperformance wird ein jahrtausendealter Prozess neu belebt. Immer schon wird das menschliche Denken und Handeln von Grundsätzen und Geboten geleitet. Was ich mag oder nicht mag, was ich tue oder eben auch nicht tue, all das wird von „regulativen Sätzen“ oder, wie der Theologe Dietrich Ritschl es nennt, „impliziten Axiomen“ geleitet.Wir denken und handeln ja nicht zufällig von Augenblick zu Augenblick. Vielmehr lenken grundsätzliche Haltungen und Überzeugungen unsere Wahrnehmung und Entscheidungen.

Die Riklins haben mit dem Meisseln in Stein solche Sätze materialisiert und ihnen das Gewicht gegeben, das ihnen zukommt. Auf diese Weise können wir uns mit solchen Sätzen kritisch auseinandersetzen und zugleich spüren, wie schwer wir an solchen Sätzen tragen, wenn wir sie durch unseren Alltag schieben. Kunst macht das Unsichtbare sichtbar. Gute Kunst macht das Gewicht des Ungeschriebenen spürbar.

Die Gruppe hat den höchsten Punkt der heutigen Etappe erreicht und legt eine Pause ein. Hände werden von Handschuhen und Taps befreit. Der Rücken wird gestreckt. Dankbar setzen wir uns unter ein schützendes Dach. Über uns geht ein Gewitter nieder. Ich glaube, das war damals auch schon so.

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«Zehn Gebote Vol. 2»

  1. Believe in the urgency of your thoughts.
  2. Trust insanity and question the conventional.
  3. Break in so others can break out.
  4. Venture into new territories and surprise yourself.
  5. Create new realities and make them happen.
  6. Be convinced and you will not need courage.
  7. Endure criticism as it drives discourse.
  8. Accept antagonism as it is a sign that something new is happening.
  9. Do not look for customers find accomplices.
  10. Keep processes going even if they seem to end.

Ab dem 9. Juli werden die Gebotstafeln vor dem Museum für Kommunikation in Bern zu sehen sein. Sie bilden den Auftakt zur dortigen Ausstellung «Planetopia – Raum für Weltwandel»

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Uwe Habenicht ist reformierter Pfarrer in St. Gallen und Autor. Zuletzt von ihm erschienen: «Leben mit leichtem Gepäck. Eine minimalistische Spiritualität» sowie «Freestyle Religion. Eigensinnig, kooperativ und weltzugewandt – eine Spiritualität für das 21. Jahrhundert» – im Echter Verlag.

Bild: Uwe Habenicht

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