Zum Verhältnis von Gebet, Spiritualität und wissenschaftlicher Theologie

Spiritualität Glaube Vernunft

Müssen Synodenteilnehmer:innen mehr beten? Und gibt es „spirituellere“ theologische Ausbildungsstätten? Johann Pock (Wien) über die Frage von „Spiritualität“ von Theolog:innen und zum Verhältnis von Glaube und Vernunft.

Wenn Veränderungen und Reformen anstehen, führt dies zu Ängsten und Irritationen. Eine Form des Umgangs damit ist es, sich verstärkt auf „die Tradition“ zu beziehen. Und häufig ist dies verbunden mit der Forderung, dass die andere Seite mehr beten sollte. Eine andere ist die (offene oder unterschwellige) Diffamierung der Reformer. Dies zeigt sich kirchlich aktuell an mehreren Orten. Dieser Beitrag möchte Dynamiken aufzeigen – und Fragen benennen, die sich dabei stellen.

Kontextualisierung: Vorwürfe von fehlender Spiritualität gegenüber universitärer Theologie und Reformbewegungen

Zwei öffentliche Wortmeldungen der jüngsten Zeit führen mich zu diesem Statement. Die eine Wortmeldung kommt von Papst Franziskus. Im April 2021 hat er in mehreren Katechesen über das Gebet gesprochen. Dabei hat er in einer Katechese auch die Bedeutung des Gebetes für Reformen festgehalten.[1]

Der versteckte Vorwurf : Reformer würden vor allem auf die mediale Präsenz schauen – und ihre Anliegen kämen nicht aus dem Gebet heraus.

Ein Papst, der die Bedeutung des Gebets einschärft – das ist erwartbar und kein Aufreger. Was dabei jedoch zu hinterfragen ist, ist der nicht nur unterschwellige, sondern praktisch offen ausgesprochene Vorwurf, dass aktuelle Reformen „mit viel Organisation und medialer Berichterstattung“ erfolgten – jedoch ohne Gebet. Dies halte ich für eine Unterstellung, welche das Narrativ reformkritischer Gruppen übernimmt – und das Ganze geschieht wohl nicht zufällig im Umfeld der aktuellen Diskussionen um den synodalen Weg der römisch-katholischen Kirche in Deutschland.[2] Der versteckte Vorwurf lautet: Reformer würden vor allem auf die mediale Präsenz schauen – und ihre Anliegen kämen nicht aus dem Gebet heraus. Damit aber wären es (wie Papst Franziskus es nennt) keine „echten“ Reformen.

Bieten kirchliche Hochschulen die besseren „identitätsstiftenden und zugleich intellektuell befriedigenden Antworten“?

Eine zweite Wortmeldung erfolgte davor im Februar 2021. Angesichts der in Deutschland verkündeten Konzentration der Priesterausbildung auf drei Standorte (München-Mainz-Münster) hat der Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz, selbst Professor für Spirituelle Theologie, betont,  dass es neben einer „intellektuell redlichen Ausbildung“ auch eine „wesentliche spirituelle Komponente“ im Theologiestudium brauche.[3] Auch dieser Aussage ist zuzustimmen. Problematisch wird jedoch die Konsequenz, die er daraus zieht. Er fährt nämlich mit einer Unterscheidung fort: auf der einen Seite sind die staatlichen theologischen Fakultäten als „Stätten einer maximalen Wissensvermittlung“ sowie „Schulen des unabhängigen kritischen Denkens, das die intellektuelle Welt bis heute befruchtet und herausfordert“ – auf der anderen Seite die kirchlichen Hochschulen, die bessere „identitätsstiftende und zugleich intellektuell befriedigende Antworten bieten, die ihnen den Lebensraum eröffnen, innerlich zu wachsen, um später Aufgaben in der Kirche zu übernehmen“.[4]

Damit wird jedoch eine Differenz zwischen „intellektuellem Dialog“ und „Identitätsstiftung“, zwischen „Spiritualität“ und „intellektuellem kritischem Denken“ eingezogen – und zugleich institutionell zugeordnet: Auf der einen Seite die kritischen, intellektuellen (aber nicht spirituellen) Fakultäten an staatlichen Unis; auf der anderen Seite die „spirituellen“ kirchlichen Hochschulen (die aber sehr wohl für sich den Anspruch höchster Wissenschaftlichkeit erheben – ausgedrückt auch durch die Rechte zur Vergabe von akademischen Titeln). Theologen der Zukunft (hier bewusst nicht gegendert) bräuchten, um für spätere Aufgaben in der Kirche qualifiziert zu sein, vor allem diesen zweiten Zugang.

Beide Statements werfen aus meiner Sicht viele Fragen auf. Einigen möchte ich im Folgenden in aller gebotenen Kürze nachgehen.

Es gibt keine allgemein gültige und anerkannte Definition von Spiritualität

Wer definiert „Spiritualität“?

In diesen genannten Diskussionen finde ich die Frage interessant, was denn jeweils unter „Spiritualität“ verstanden wird. Denn es gibt keine allgemein gültige und anerkannte Definition von Spiritualität. Wenn daher eine Institution als „spiritueller“ als die andere bezeichnet wird, steckt dahinter eine unausgesprochene Wertung – in diesem Fall, dass universitäre Theologie und die Ausbildung von Theolog:innen an universitären Fakultäten nicht spirituell seien. Spiritualität wird hier offensichtlich gleichgesetzt mit bestimmen Formen öffentlich sichtbarer religiöser Praxis (wie gemeinsame Gottesdienste).

Aus meiner Sicht gehört zur Spiritualität aber viel mehr – nämlich auch Haltungen und Handlungen. Der benediktinische Grundsatz des „Ora et labora“ verbindet z.B. Gebet mit Arbeit, ohne sie als Gegensätze anzusehen. Und gerade die Caritasorganisationen haben schon vor Jahrzehnten die Fragestellung diskutiert: Was macht die Christlichkeit, die eigene Spiritualität, aus? Woran wird sie sichtbar?

Und es braucht Kriterien, um spirituelle Formen und Traditionen unterscheiden zu können: Denn wenn man sich den Markt der Spiritualität ansieht, ist nicht jede Form tauglich, Menschen zu einem guten Leben zu führen. Hier hat das Christentum einen reichhaltigen spirituellen Schatz an Formen und Traditionen anzubieten.

Die Vielfalt der Spiritualitäten

Im Blick auf die Spiritualität im Rahmen der Ausbildung von Theolog:innen (und auch im Blick auf den Synodalen Weg) ist mir wichtig, auf die Vielfalt von Spiritualitäten und spiritueller Theologie hinzuweisen. Denn gibt es nicht unterschiedliche Möglichkeiten, spirituell zu leben? Und müssten nicht gerade Personen, die dann als Seelsorgerinnen und Seelsorger Menschen auf ihrem Lebens- und Glaubensweg begleiten, auch unterschiedliche Formen von Spiritualität kennenlernen? Es gibt unterschiedlichste Ordensspiritualitäten mit ihrer teilweise über Jahrhunderte bewährten Form von Gebet, geistlichem Leben und Dienst an den Menschen. Es gibt geistliche Gemeinschaften und Erneuerungsbewegungen. Und es gibt die Spiritualität von Einzelpersonen im Dienst der Kirche – teilweise stärker diakonisch-caritativ geprägt, teilweise aus einer intellektuell-fragenden Position heraus.

Viele der Reformüberlegungen und auch eine akademische „intellektuelle“ Theologie sind aus der persönlichen Spiritualität der handelnden Personen erwachsen.

Wenn nun Reformbewegungen und auch universitärer Theologie zu wenig Gebet oder zu wenig Spiritualität vorgeworfen wird (und sei es vom Papst selbst), wird aus meiner Sicht dabei zu wenig beachtet, dass viele der Reformüberlegungen und auch eine akademische „intellektuelle“ Theologie aus der persönlichen Spiritualität der handelnden Personen erwachsen sind. Dazu gehören für mich neben dem Gebet auch das Bibelstudium, diakonisches Handeln, Seelsorge, Menschenliebe etc. – also eine Vielfalt an spirituellen Formen. Eine Engführung auf bestimmte spirituelle Formen wird meines Erachtens den Personen und Institutionen nicht gerecht.

Spiritualität liegt in der von Personen gelehrten Theologie und ihrem Glaubens- und Lebenszeugnis.

Spiritualität als Teil der Identität von Theologinnen und Theologen

Spiritualität liegt daher aus meiner Sicht nur zum einen Teil in öffentlich sichtbaren Gebetsformen. Sie liegt mindestens ebenso in der von Personen gelehrten Theologie und ihrem Glaubens- und Lebenszeugnis. Die Frage an alle, die in der Theologie lehren, lautet: Welche Spiritualität habe ich, in welcher Form prägt sie mein Forschen und Lehren? Zu welcher persönlichen Spiritualität ermutige ich oder leite ich an? Spiritualität ist für mich dabei höchst aktuell, gegenwartsbezogen, und sie verändert und bewährt sich in der Auseinandersetzung mit der jeweiligen Situation.

Karl Rahner: „Kirche wirklicher Spiritualität ist … eine offene, demokratisierte und gesellschaftskritische Kirche“.

Karl Rahner veröffentlichte 1972 ein kleines Büchlein mit dem Titel „Strukturwandel der Kirche als Gabe und Aufgabe“. Kirchengeschichtlicher Hintergrund war die beginnende Würzburger Synode. Darin spricht er von einer notwendig „entklerikalisierten Kirche“, von einer „Moral ohne Moralisieren“ – und es geht ihm um eine „Kirche wirklicher Spiritualität“. Rahner skizziert eine zukünftige Kirche als eine offene, demokratisierte und gesellschaftskritische Kirche. Gerade bei ihm sieht man, wie sich höchste Intellektualität, persönliche Loyalität, ja Liebe zur Kirche und das Bekenntnis zur notwendigen Veränderung, dem Wandel der Kirche vereinen können – und das Ganze als spiritueller Prozess verstanden wird.

An Rahner kann man lernen, wie notwendig eine Theologie ist, die öffentlich ist; die sich auf die Fragen der jeweiligen Zeit einlässt; die auskunfts- und gesprächsfähig ist in der Gesellschaft. Zugleich ist der Autor des Büchleins „Von der Not und dem Segen des Gebetes“ selbst ein betender und glaubender Mensch.

Der Dauerbrenner: Das Verhältnis von Glaube und Vernunft

Eine weitere Frage, die sich in dieser Diskussion zeigt, ist die alte Spannung von „Glaube und Vernunft“, die nicht zuletzt auch von der Religionsphilosophie diskutiert wird und die hier nur kurz angerissen werden kann.

Christian Tapp hat die Diskussionslinien sehr gut dargelegt. Die Theologie als Wissenschaft ist ihm zufolge von zwei Seiten unter Druck: „Auf der einen wird sie von Religionsgegnern bedrängt sowie von Leuten, die überzeugt davon sind, dass Religion und Wissenschaft, Glaube und Vernunft einander grundsätzlich ausschließen. Auf der anderen Seite zerren traditionalistische kirchliche Kräfte an ihr, die vernünftige Dispute scheuen und darin eine Bedrohung des Glaubens sehen.“

Hier gilt es, beiden Seiten gegenüber diskursfähig, aber auch widerständig zu bleiben. Nach Anselm von Canterbury (1033 – 1109) verlangt der Glaube nach dieser Vernunft („fides quaerens intellectum“). Insofern geht es darum, diese Spannung immer wieder neu auszuloten, zu thematisieren – aber nicht, sie aufzulösen in die eine oder andere Richtung.

Hier kann man aber innerkirchlich auch auf das Kirchenverständnis des Zweiten Vatikanums rekurrieren: Denn eine „Kirche in der Welt“, deren Aufgabe es ist, die „Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums zu deuten“, muss sich mit allen Mitteln auf diese Welt einlassen – ja, sie ist Teil dieser Welt.

Kirchliche Studien als „günstige kulturelle Laboratorien“ (Veritatis Gaudium 3)

Schließlich geht es in der Diskussion ja gerade um Orte des Nachdenkens über „Gott und die Welt“. Dazu hat Papst Franziskus am 8.12.2017 die Apostolische Konstitution Veritatis Gaudium.  Über die kirchlichen Universitäten und Fakultäten veröffentlicht. Darin wird deutlich die universitäre Theologie gestärkt und vom „günstigen kulturellen Laboratorium“ gesprochen:

Kirchliche Studien sind … eine Art günstiges kulturelles Laboratorium

„Die kirchlichen Studien sind nämlich nicht nur dazu da, Orte und Programme qualifizierter Ausbildung für Priester, Personen des geweihten Lebens oder engagierte Laien anzubieten, sondern sie bilden eine Art günstiges kulturelles Laboratorium, in dem die Kirche jene performative Interpretation der Wirklichkeit ausübt, die dem Christusereignis entspringt und sich aus den Gaben der Weisheit und der Wissenschaft speist, durch die der Heilige Geist in verschiedener Weise das ganze Volk Gottes bereichert: vom sensus fidei fidelium zum Lehramt der Hirten, vom Charisma der Propheten zu dem der Lehrer und der Theologen.“ (VG 3)

Der Papst gibt daraufhin 4 Leitkriterien an für die Überarbeitung der Studienordnungen. Eines der Kriterien lautet: „eine im Licht der Offenbarung mit Weisheit und Kreativität ausgeübte Inter- und Transdisziplinarität.“ (VG 4c) Und der Papst verlangt sogar „eine Anhebung der Qualität der wissenschaftlichen Forschung sowie einen fortschreitenden Anstieg des Niveaus des theologischen Studiums und der verwandten Wissenschaften“ (VG 5)

Damit ist aber auch in der Vorgabe der Konstitution die wissenschaftliche Theologie nicht im Gegensatz zur Spiritualität oder zu einer innerkirchlichen Ausbildung der Priester gesetzt – ganz im Gegenteil: Es wird auf Inter- und Transdisziplinarität Wert gelegt und auf eine Theologie, die auf den „sensus fidei fidelium“ hört.

[1] https://www.kathpress.at/goto/meldung/2009665/papst-ohne-gebet-keine-echten-reformen-in-der-kirche (abgerufen 17.4.2021).

[2] Vgl. dazu https://www.katholisch.de/artikel/29469-geistliche-begleiterin-beim-synodalen-weg-wird-genug-gebetet am 17.4.2021 (abgerufen 17.4.2021).

[3] https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/aktuell/priesterausbildung-rektor-von-heiligenkreuz-warnt-vor-deutschem-sonderweg;art4874,216106, am 22.2.2021 (abgerufen 17.4.2021). Ebenso: https://www.katholisch.de/artikel/28855-heiligenkreuz-rektor-fuer-priesterausbildung-an-kirchlichen-instituten

[4] Ebd.

Autor: Johann Pock ist Pastoraltheologe an der Universität Wien und Mitglied des Redaktionsteams.

Beitragsbild: Bild von Thomas B. auf Pixabay

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