Zurück aus Indien in ein verändertes Zuhause

Die Kolumne für die kommenden Tage 7

Ich war drei Monate in Indien/ Westbengalen (Kalkutta) – und erlebte dort eine andere Welt:  Viele Menschen, aber kein Körperkontakt. Viel Staub und viel Lärm, doch keinen störte es. Straffe Hierarchien – und trotzdem eine Kirche mit den Jesuiten, die unheimlich menschlich, offen, frei und fördernd für Frauen waren. Ich unterrichtete Deutsch und Englisch als Freiwillige in Kalahrdaya. Dies alles verließ ich früher, da aufgrund des Coronavirus Österreich die Grenzen dicht machte und ich sicher einreisen wollte.

Nun bin ich zu Hause – doch es ist komplett anders als davor. Meine Erzählungen von Indien interessieren fast niemanden, da alle mit der neuen Situation (Corona) beschäftigt sind. Treffen zum Austausch finden über Skype, Whatsapp oder Telefon statt. Ich sehe niemanden. Ich kann Gott sei Dank einkaufen und walken gehen – aber alles alleine.

Ich möchte Bücher von der Uni-Bibliothek entlehnen für meine Dissertation – doch alles ist zu; es ist nicht erlaubt, sich Bücher auszuborgen. Ich versuche es digital – doch die benötigten Bücher sind vor 2015 erschienen, also „alt“, so wie ich … – und daher nicht digitalisiert. Dieses Jahr war auch als Auszeit zum Schreiben meiner Arbeit gedacht. Jetzt könnte ich in Ruhe in Österreich schreiben – aber ganz ohne Bücher geh es doch nicht, oder kann ich es nicht.

Ich würde gerne meine Familie und Freunde treffen – es geht nicht. Alle über 60-65 Jahre zählen zur Risikogruppe. Daher rufe ich sie an, und sie erzählen mir selbstverständlich, wie sehr sie sich zu Hause eingesperrt fühlen. Ich erzähle ihnen, dass ich jetzt da bin und gerne für sie einkaufen gehe – sie meinen: Bitte nicht, ich muss einmal am Tag hinausgehen können. Es folgt eine Diskussion! Ob sie einsichtig sind – ich weiß es nicht. Meine Freundinnen versuchen ihre Kinder zu bespaßen, und ich darf ihnen dabei nicht helfen. Sehr gerne möchte ich sie alle nach drei Monaten wieder sehen, reden und spielen, aber der Coronavirus erlaubt es uns nicht.

Alles verändert sich und nichts bleibt wie es war, dies erlebe ich in meinem Leben nun zum dritten Mal. Dieses Durchkreuztwerden von Dingen oder Vorgängen, die ich als Mensch nicht in der Hand habe, ist für mich nicht leicht zum Aushalten. Gerne habe ich über alles die Kontrolle. Der Schmerz der Veränderung und Machtlosigkeit, der ich einfach ohne mein Mittun ausgesetzt bin, sitzt tief.

Das Vertrauen auf einen Gott, der viel größer, mitfühlender und mächtiger ist als meine Vorstellung, hilft mir manchmal, besser mit der Situation umzugehen. Nachdem es nicht in meiner Macht steht, muss ich die Situation annehmen und akzeptieren. Mit ihr leben zu lernen, ist immer wieder eine Herausforderung. Ich wusste nicht, dass mein Bildungskarenz neben den sozialen Einsätzen in Kirgisien und Indien auch in Österreich für mich solche Herausforderungen mit sich bringen würde.

Einfach zulassen, einfach abwarten, einfach da sein. Ich hoffe, dass ich das immer besser lerne, auszuhalten. Und dass wieder aus dem Durchkreuzten etwas Neues entsteht.

Susanne Kleinoscheg ist Theologin und hat auch den Master in Ethik und Religionswissenschaft. Sie unterrichtet Religion und Ethik im WIKU-Graz. Als freiwillige Helferin arbeitete sie zuletzt drei Monate im Projekt Kalahrdaya in Kalkutta mit.

Foto: Susanne Kleinoscheg

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