Gender-Forschung. Umkämpfte Normalität in der Katholischen Theologie

Heute, am 18.12.2017, findet der universitäre Aktionstag #4genderstudies statt. Wissenschaftler_innen sind aufgerufen, auf die Vielfalt und Bedeutung von Genderstudies hinzuweisen. Auf feinschwarz.net übernehmen das vier Tübinger Professor_innen.

Eine überaus bunte Truppe sammelt sich zum Kulturkampf gegen das, was sie »Genderismus«, »Gender-Ideologie« oder auch »Gender-Wahn« nennt. Die Abwehr des Gender-Konzepts verbindet ganz unterschiedliche Menschen. Nicht selten wird Gender dabei zum Container-Begriff für alles, was mit Geschlechterpolitik, mit Gleichstellung von Frauen, mit Feminismus, mit veränderten Konzepten von Männlichkeit, mit Homosexualität und vielem mehr zu tun hat.

Katholischen „Anti-Genderismus“ findet man in kirchenamtlichen Dokumenten – sogar (wenn auch dort in einer eher homöopathischen Dosis) in der Enzyklika »Laudato si´« oder in dem Schreiben »Amoris Laetitia«. Man findet ihn in theologischen Büchern und Zeitschriftenartikeln. Vor allem findet man ihn – und dann oft ungehemmt – im Internet, etwa auf kath.net, aber auch auf gemäßigten katholischen Homepages. Man findet ihn auf der Straße, beispielsweise im Zuge der sogenannten »Demos für alle« in Stuttgart. Und man findet ihn in Feuilletons nicht nur konservativer Tageszeitungen, in Talkshows im Fernsehen, in evangelikalen und rechtspopulistischen Medien.

Katholischer Antigenderismus

Die Positionen eines katholische „Anti-Genderismus“ erwecken den Eindruck, dass sich nun alle ihr Geschlecht selbst aussuchen können und die Schöpfungsordnung nichts mehr wert ist. Gegen diese neue kulturelle und politische Hegemonie soll sich die Kirche kulturkämpferisch als Kraft »wider den Zeitgeist« profilieren.

Geschlecht ist ein maßgeblicher »Platzanweiser« in den sozialen Zusammenhängen unserer Gesellschaft. Dies gilt zumal in den sozialen Zusammenhängen des christlichen Glaubens, allen voran in der Kirche. Was diesen »Platzanweiser« angeht, haben sich seit dem 19. Jahrhundert einige Formen von Normalität durchgesetzt: Jeder Mensch »hat« erstens genau ein Geschlecht – und er/sie »hat« dies als eine unabänderliche Eigenschaft über sein/ihr ganzes Leben hinweg. Es gibt zweitens genau zwei Geschlechter – und damit Menschen nur als Männer und Frauen. Diese beiden Geschlechter schließen einander aus. Kein Mensch ist beides und niemand ist etwas »dazwischen« und niemand ist etwas anderes als Mann oder Frau. Das Geschlecht eines jeden Menschen steht drittens von Geburt an fest, verschwindet nicht und lässt sich auch nicht verändern; es ist nämlich ein natürlicher, ein von Natur aus vorgegebener und biologisch eindeutig bestimmbarer Tatbestand. Das Geschlecht ist, viertens, verbunden mit bestimmten Rollen, Tugenden und Orten in dieser Welt. Mit diesen Normalitätsannahmen wird Gesellschaft »gemacht«, werden Beziehungen organisiert, wird Macht und Einfluss verteilt, werden Ressourcen und Lebenschancen zugewiesen – auch in der Kirche. Und mit diesen Normalitätsannahmen wird Theologie betrieben und werden – nicht zuletzt – die biblischen Schriften gelesen und werden dort, vor allem in Genesis 1,27, die ´natürlichen´ zwei Geschlechter hineingelesen.

Nicht vergessen: Geschlecht wird in Praktiken „gemacht“.

Das Konzept ›gender‹ problematisiert diese Normalitätskonzepte. Geschlecht wird als soziale Konstruktion begriffen. Geschlecht ist ein bedeutungsvoller Sachverhalt – eine Zuweisung von Eigenschaften mit der gleichzeitigen Zuschreibung der Bedeutung dieser Eigenschaften, der Zuschreibung von »Sinn«. Das heißt nicht, dass es keine Biologie mehr gibt; aber der Wert, der den vielfältigen (auch biologischen) Ausformungen dessen, was wir „Geschlecht“ nennen, zugemessen wird, ist weder an Chromosomen oder an Hormonen noch an Körpern ablesbar. Er wird gemacht. Wir „erschaffen“ und verändern Geschlechter kontinuierlich durch Bedeutungszuschreibungen, sie sind ein sozialer und kommunikativer Tatbestand, eben ein soziales Konstrukt.

Dass die Geschlechter uns vorgegeben sind, dass wir in unserem Handeln und in unseren Identitäten durch eine vorgegebene Geschlechterordnung bestimmt werden, funktioniert vor allem dann, wenn wir vergessen, dass das Vorgegebene zuvor von uns gemacht wurde. Wir kommunizieren Geschlechter als selbstverständliche, als notwendige, also normale oder sogar als natürliche Gegebenheiten – und machen uns so die Welt, in der wir alltäglich handeln, zu einem sicheren Ort.

„Weil Männer so sind“ reicht nicht mehr.

Als Gegenstand von Praktiken sind Geschlechter mit all ihren Bedeutungszuschreibungen rechenschaftsfähig und -pflichtig. Ein einfaches „Weil ich ein Mädchen bin“ oder „Weil Männer eben so sind“ fällt als Rechtfertigungsgrund aus. Naturalisierung und Normalisierung sind dann Strategien, um die Rechenschaftspflicht für Geschlechterkonstruktionen zu unterlaufen – und nicht zu rechtfertigen, was der Rechtfertigung bedürfte.

Versteht man Geschlecht als eine soziale Konstruktion, dann heißt die Hauptfrage nicht mehr: Ist das alles noch normal? Es gilt vielmehr zu fragen, wie denn Geschlechter »hergestellt« und Menschen zu Frauen und Männern »gemacht« werden, wie darüber Menschen zu verschiedenen und voneinander unterscheidbaren Identitäten und zu verschiedenen Gesellschaftsmitgliedern werden. Man wird danach fragen, wie Menschen das Wissen miteinander teilen, dass die Differenzen ihrer Geschlechter vor- und aufgegeben, normal und selbstverständlich sind, wie sie sich diesen Differenzen fügen und ihnen im eigenen Leben entsprechen – und dies selbst dann, wenn dies zu ihrem eigenen Nachteil ist. Man wird auch danach fragen, ob und wie Menschen an einer entsprechenden Geschlechterzuordnung leiden und wie sie ihr widersprechen, ob und wie sie sich ihrer Normalisierung widersetzen – und gerade darin ihre Identität finden. Und man wird danach fragen, wie Menschen an der ihnen vorgegebenen Normalität »arbeiten«, wie sie diese verändern, wie sie ihre Geschlechter differenzieren oder wie sie die Geschlechter vervielfältigen – oder Situationen ihres Handelns und Bereiche ihrer Identitäten schaffen, in denen sie die Geschlechterordnung »außer Kraft setzen« und sich so zeitweise und kontextbezogen geschlechtslos »machen«.

Produktive Genderforschung

In der Gender-Forschung (»gender studies«) wird diesen und ähnlichen Fragen wissenschaftlich nachgegangen – und dies mit großem Erfolg. Die Gender-Konzeption gehört damit zu den gegenwärtig produktivsten Impulsen wissenschaftlicher Forschung – und dies über die unterschiedlichen Wissenschaftsfächer und ihre Disziplinen hinweg.

Auch in der Theologie, auch in der katholischen Theologie, wurde der Impuls des Gender-Konzeptes aufgenommen und Gender als ein Analyseinstrument in der theologischen Forschung etabliert. Um nur von unseren eigenen theologischen Fächern zu berichten:

Gender in Ethik, Pastoral und Bibel

In der theologischen Sozialethik wurde die gemeinsame Verantwortung von Menschen für ihre Geschlechter und ihre Geschlechterordnung manifest; so kann der die Gegenwartsgesellschaften mitbestimmende »gender trouble« analytisch und normativ bewältigt werden. Dort, wo in der Moraltheologie die Natur der Geschlechter als ein traditioneller Rechtfertigungsgrund ausgehebelt wird, werden nicht nur vernünftigere Rechtfertigungen angestoßen, sondern auch bislang unsichtbare Fragen von Menschen, die ihre Sexualität leben und um ihre Identität ringen, sichtbar und stereotype Antworten darauf unplausibel gemacht.

Auch aus der Praktischen Theologie sind Fragen gendersensibler Pastoral nicht mehr wegzudenken. Dabei wird deutlich, dass die Verflüssigung der Geschlechterverhältnisse keine Bedrohung der Offenbarung ist, sondern dass wir gerade einen befreienden Grundzug der Offenbarung besser verstehen lernen, nämlich die von Gott ermöglichte Vielfalt der Schöpfung. Eine gendersensible Kirche funktioniert weniger als Normalisierungsagentur, die starre Stereotype verfestigt, sondern als eine Solidaritätsagentur mit der oft wild bewegten Lebensbewältigung von Männern und Frauen und dem, was sich unter ihnen und zwischen ihnen abspielt. Uralte biblische Einsichten werden dann neu entdeckt, etwa diese: Denn Gott bin ich und nicht Mann (Hosea 11,9)

In der Bibelwissenschaft gehört die Analysekategorie Gender schon lange auf vielfältige Weise zum Instrumentarium. Biblische Texte handeln nicht nur von Geschlechterdifferenzen und darauf bezogenen Handlungsspielräumen (beispielsweise im Buch Leviticus oder bei Paulus) mit jeweils zugrundeliegenden, durchaus verschiedenen Körperdiskursen, sondern das Phänomen des ´doing gender´ lässt sich (unter Anderem) auch in Figurenzeichnungen und Raumkonstruktionen nachverfolgen. Es ist demgegenüber bedrückend zu sehen, wie in der allgemeinen Diskussion um Genderfragen ein einzelner Satz wie Gen 1,27 aus seinem literarischen, historischen und kulturellen Kontext gelöst und in biblizistischer Manier zur überzeitlichen Norm gemacht wird.

Eine heilsame Verunsicherung

„Gender“ ist nicht nur eine Analysekategorie, sondern auch eine Verunsicherungskategorie. Mit dem Gender-Konzept wird einer der dominanten Rechtfertigungsgründe für die Verteilung von Macht und Ämtern, für die Ordnung von Beziehungen sowie für die Steuerung von Körper- und Sexualitätsschemata, nämlich die Natur der Geschlechter, in Zweifel gezogen. Die Folgen dieses Zweifels sind tiefgreifend: Kein Argument dieser Welt kann die einfach vorgegebene Natur der Geschlechter in ihrer ursprünglichen Fraglosigkeit wieder zurückbringen.

„Gender trouble“ als Zeichen der Zeit

Über die unterschiedlichen theologischen Disziplinen hinweg ermöglicht der Gender-Ansatz damit gemeinsame Anstrengungen der Theologie, alle Formen eines »gender trouble« als maßgebliches »Zeichen der Zeit« zu entdecken, ihn in einer angemessenen Sprache theologisch zu deuten sowie Glaubenden und ihrer Kirche für eine Welt im »gender trouble« Orientierungen zu geben und Handlungsoptionen zu bieten.

Matthias Möhring-Hesse, Professor für Theologische Ethik/Sozialethik in Tübingen

Regina Ammicht-Quinn, Professorin für Theologische Ethik, Sprecherin am Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften und Co-Direktorin des Zentrums für Gender- und Diversitätsforschung in Tübingen

Ruth Scoralick, Professorin für Altes Testament in Tübingen

Michael Schüßler, Professor für Praktische Theologie in Tübingen

Bild: https://twitter.com/mvbz_fuberlin

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