Zwei Päpste, eine Kirche und letzte Gespräche…

Der ehemalige Papst Benedikt führt „letzte Gespräche“, die polarisieren. Erny Gillen spürt der Bewegung der Äußerungen nach und trifft auf ein Prinzip Leadership à la Franziskus…

Noch rascher als das Geschriebene vergeht das Gesprochene oder ein gar nur mal so dahin Gesagtes. Mit seinen “Letzte[n] Gespräche[n]” [1] melden sich der Papst-Emeritus und sein Biograph nochmals zu Wort und besetzen den Raum der Interpretationen – wohl auch um ihn vor dem Verfall durch die Zeit zu bewahren. So könnte Josef Papst Ratzinger gedacht haben, als er von Papst Franziskus vernahm, dass die “Zeit stärker sei als der Raum”.

Dieses erste Bergoglio-Leadership-Prinzip zeigt – wie die drei anderen auch -, worin sich die beiden Prälaten unterscheiden und wie sie untrennbar zusammen halten (müssen), damit die katholische Klammer, die alles umfasst, nicht auseinander bricht. Während der Abgeschiedene gegen sein Vergessen schreibt und schreiben lässt, spricht der Aktuelle die Menschen quer durch alle Schichten an und redet mit ihnen als Weggefährte. Mit seinem Placet für den Druck der “letzten Gespräche” erweist sich Franziskus barmherzig gegenüber seinem Vorgänger, dem das Alleinsein wohl zu lange wird und begleitet ihn in seiner Menschlichkeit ohne Amt und mit Würde.

Was ist eine Amtsperson?

Wer Josef Papst Ratzinger vor den Ämtern und nach den Ämtern ist und war, interessiert nicht nur ihn, sondern viele Menschen, die verstehen wollen, was eine Amtsperson ist, um dann gerade an seinem herausragenden Verständnis zu begreifen, dass es sie so nicht gab und nicht gibt. Weder das Kleid und die Socken, noch der Hut und der Stab machen die Person im Amt aus.

Im Jahr der Barmherzigkeit macht sich nun auch Josef wieder auf den Weg seiner Menschwerdung und zeigt sich so, wie er ist und war. Franziskus hatte die Maskerade von Anfang an nicht so ernst genommen („Schluss mit dem Zirkus“), sondern Kleid und Schuhe sowie Hut und Stab als Utensilien für den Weg in die Welt angenommen und verstanden. Was den einen vom anderen unterscheidet, zeigt der Spiegel an der Wand mit Deutlichkeit: einer posiert in seinem Kloster nackt im weissen Kleid, während der andere sein Gewand schmutzig macht, wenn er draußen unterwegs zu den Kranken, Flüchtlingen, Gefangenen und Einsamen ist.

Die Zeit ist der Bote Gottes.

(Peter Faber)

Die Leadership-Formeln von Papst Franziskus zeigen sowohl den krassen Unterschied im selben Gewand und Amt, als auch das untrennbare Band der apostolischen Sukzession. Die Zeit ist der Bote Gottes, sagt er mit seinem Mitbruder Petrus Faber und handelt entsprechend. Denn auf sie kommt es an, wenn die Wirklichkeit und nicht (nur) die Ideen (drittes Leadership-Prinzip) verändert werden sollen. Den Konflikt nutzt der Papst für die Einheit (zweites Leadership-Prinzip) auch mit Josef Papst Ratzinger. Warum hätte er ihn daran hindern sollen, sich zu entäussern? Im Christentum geht es doch um die ständige Menschwerdung in der Welt von heute und nicht um irgendeine Art der Entweltlichung. Es geht doch gerade darum, aus der Kirche hinaus und in die Welt hinein zu treten, um dort zu wirken, wo schon Jesus auf den Strassen der Menschen unterwegs war. Josef schließt sich nun nolens volens Franziskus, dem Jesus Nachfolger auf der Kathedra Petri, an und zieht mit seinen “letzten Gesprächen” Bilanz: Der Christenmensch ist und bleibt ein Mensch unter Menschen, ein Bürger unter Bürgern, ein Suchender unter Suchenden.

Das Ganze ist größer als der Teil.

So scheint das vierte und letzte Leadership-Prinzip von Franziskus in der von Josef Papst Ratzinger erbetenen und ihm gestatteten Symbol-Handlung der “letzten Gespräche” durch: “Das Ganze ist dem Teil übergeordnet” (Evangelii Gaudium 234). Zu guter Letzt geht es weder bei Papst Franziskus noch beim Vorgänger um eine Teilfrage, etwa wie das Amt auszuüben ist, sondern darum, als Mensch vor Gott und der Welt zu bestehen. In diesem Sinne können auch und gerade nun nach den “letzten Gesprächen” beide weiter als Personen bestehen, die ihren Weg suchen und mitten im Volk Gottes in die offene Zukunft unterwegs sind.

[1] Zum neuen Buch von Benedikt XVI. und Peter Seewald, das gerade bei Droemer Knaur erscheint (September 2016).

 

Erny Gillen hat gerade zur “Papst Franziskus Leadership Formel” das Buch “gesund geführt im Krankenhaus. Die Papst Franziskus Formel” (August 2016) veröffentlicht. Er war Generalvikar des Erzbistums Luxemburg und ist heute in der Ethik-Beratung im Rahmen von moralfactory.com tätig. 

Bild: Antonino Alibrando / pixelio.de

Print Friendly