2021, das Transformationsjahr

2021 war ein bewegtes Jahr – nicht nur aufgrund von Covid 19 und auch nicht nur aufgrund des Synodalen Weges. Auch andernorts bewegte sich Theologie, tastete sich weiter voran in Richtung Transformation. Thomas Ruster blickt zurück und nach vorne und stellt die immer gültige Frage nach zukunftsfähigen Theologien.

Nein, ein Reformationsjahr war es nicht, das vergangene Jahr. Auch wenn sich das viele im Zusammenhang des Synodalen Weges erhofft haben. Die Themen, die dort in den Foren diskutiert wurden – Macht und Ohnmacht in der Kirche, Frauen und Männer in kirchlichen Ämtern, erlaubt und verboten in Sexualität und Partnerschaft – rüttelten an den Grundfesten der Kirche. Unterscheidungen, die lange fraglos gegolten hatten, wurden in Frage gestellt. Aber es reichte noch nicht, um die alten Strukturen zurückzusetzen, sie in eine andere Form zu bringen, sie zu reformieren. Wir befinden uns irgendwo auf dem Weg zu einer Reformation – nämlich auf dem Weg der Transformation. So wie, um Luthers Reformation anzuführen, auch diese nicht möglich gewesen wäre, wenn es nicht schon im Spätmittelalter bedeutende Prozesse der Transformation des kirchlichen Lebens gegeben hätte. Darauf weist die Reformationsforschung hin, und davon kann man lernen, wie es zu Reformation kommen kann.

Jetzt reden in der Theologie alle von Transformation.

Transformation ist ein Begriff, über den man nicht nur in Gesellschaft und Politik, etwa im Koalitionsvertrag der Ampelkoalition, immer wieder stolpert, sondern der auch in das Zentrum des theologischen Diskurses eingewandert ist. Schaut man auf die großen systematisch- und praktisch-theologischen Tagungen hier in Deutschland im letzten Jahr, etwa auf die Konferenz der European Academy of Religion (EuARe), die Tagung der European Society for Catholic Theology (ESCT), die Tagung der AG kath. Dogmatik und Fundamentaltheologie des dt. Sprachraums oder den Kongress der AG für Pastoraltheologie, dann war hier der Begriff der Transformation sowohl in den Tagungsthemen wie in den Vorträgen überall präsent. Hauptsächlich ging es bei den genannten Tagungen um eine Transformation der Schöpfungstheologie. Damit schließt sich schon der Kreis zum gesellschaftlichen Transformationsdiskurs. Wo es um den Weg hin zu einer klimagerechten und nachhaltigen Gesellschaft geht, steht theologisch die Transformation der Schöpfungstheologie auf der Tagungsordnung. Für die klassische Schöpfungstheologie, die sich nur schwer gegen den Vorwurf wehren konnte, die Herrschaft des Menschen über die Natur zu legitimieren und damit die ökologische Krise wesentlich mit verursacht zu haben, steht eine Transformation an. Hochinteressant, was dazu alles in den Tagungsbeiträgen ausgeführt wurde. Theologie ist in Bewegung wie selten zuvor – im Zeichen der Transformation.

Transformation und Information

Da ist es an der Zeit, sich Gedanken über diesen Begriff zu machen. Was bedeutet Transformation? Martin Kirschner, Inhaber der DFG-Heisenberg-Professur „Theologie in Transformationsprozessen der Gegenwart“ an der KU Eichstätt, benennt Transformation als eine mögliche Weise der Reaktion auf die Erfahrung von Wandel und Umbruch. Die anderen Formen sind der Versuch, den bestehenden Zustand zu stabilisieren. Oder den Umbruch zu leugnen. Oder gleich die Forderung nach einer Revolution. Aber weder Stabilisierung noch Leugnung sind noch möglich angesichts der tiefgreifenden Krise im Zeitalter des Anthropozän. Die Forderung nach Revolution ist abstrakt und illusorisch und überdies, wie Kirschner sagt, durch die Erfahrungen mit den Sozialutopien im 20. Jahrhunderts diskreditiert. Bleibt noch die Transformation. Sie zielt auf „dieselbe Welt – und doch anders“[1]. Aber was bedeutet es, eine Form zu wandeln, zu transformieren?

Bei Formen mag man an Gefäße denken, die einen Inhalt aufnehmen und ihn davor bewahren, in die Umwelt zu zerfließen – an eine Blumenvase beispielsweise. Die Vase realisiert die Unterscheidung zwischen Wasser und Luft. Oder man denke an musikalische Formen, die es erlauben, Töne als Noten zu formulieren und sie als Melodie, als Fuge, als Sonate zu fassen. Musikalische Formen unterscheiden zwischen Musik und Geräusch. Wenn alle einfach drauflos spielen würden ohne Form und Struktur, könnte man keine Musik mehr hören. In der modernen Musik haben sich die klassischen musikalischen Formen oft als unzureichend erwiesen oder sind bewusst überschritten worden. Komponist:innen haben neue Formen für ihre musikalischen Gedanken ausprobiert. Oft wird dabei sogar die Form des Notensystems verlassen. Das ist dann eine Transformation. Systemtheoretisch gesprochen, sind Formen Elemente des Informationsverarbeitungsprozesses in einem System. Anregungen bzw. Störungen, die aus der Umwelt auf das System eindringen, werden in eine Form gebracht, um in der Codierung des Systems verstanden und kommuniziert werden zu können. Eben das meint In-formieren, in eine Form bringen. Solche systemischen Formen sind eine Eigenproduktion des Systems, sie liegen nicht in der Umwelt vor. Eine Transformation ist immer dann nötig, wenn die Impulse aus der Umwelt nicht mehr im System gelesen werden können. Die Unterscheidung Wasser und Luft funktioniert nicht, wenn es sich um Nebel handelt. Oder, um bei der Musik zu bleiben, wenn man aus der zeitgenössischen Musik all das aussortiert, was nur Geräusch zu sein scheint. Formen sortieren Informationen stets in einer Unterscheidung mit zwei Seiten. Der Nebel unterläuft die Unterscheidung von Wasser und Luft, die neue Musik die von Geräusch und Musik. Niklas Luhmann illustriert das Problem der Form sehr gut am Sowjetsystem. Dieses war zunehmend nicht mehr in der Lage, Daten aus der Wirtschaft im politischen System zu deuten. Die politischen Kader konnten nur erkennen, ob der Plan erfüllt worden ist oder nicht. Aber diese Unterscheidung war ungeeignet, um die Ereignisse in der Wirtschaft zu verstehen, und deshalb ist diese Wirtschaft untergegangen.[2] Eine Transformation bedeutet, eine Unterscheidung in der Informationsverarbeitung zu verändern. Auf die Theologie, vor allem die Schöpfungstheologie übertragen heißt das: Die Störungen, die aus dem Anthropozän auf die Theologie eindringen, können nicht mehr in der Form der Unterscheidung zwischen dem guten und allmächtigen Schöpfergott auf der einen Seite und den durch die Sünde des Menschen verursachten Übeln und Leiden auf der anderen Seite verarbeitet werden. Gott ist nicht unbehelligt von Übeln des Anthropozän. Und auch nicht unbeteiligt an ihrer Entstehung, jedenfalls wenn man die Schöpfungserzählungen der Bibel so interpretiert wie bisher. Auch die exklusive Unterscheidung zwischen den Menschen und den übrigen Geschöpfen ist nicht mehr praktikabel. Der Mensch steht der Natur nicht gegenüber wie das Politbüro den Wirtschaftsbetrieben. Die Schöpfungstheologie muss transformiert werden.

Transformation der Leitunterscheidungen

Die Schöpfungstheologie ist klassischerweise der erste Traktat der Dogmatik. Sie ist grundlegend für den ganzen Rest der Theologie, für das Gottesverständnis, die Anthropologie, die Lehre von der Erlösung. Die Transformation wird sich nicht auf die Schöpfungslehre einhegen lassen. Alle Leitunterscheidungen, mit denen die Theologie bisher Informationen aus Umwelt verarbeitete, sind in Auflösung begriffen. Nennen wir nur die wichtigsten: die von Schöpfer und Schöpfung – sie ist evolutionstheoretisch gar nicht mehr zu halten; und schon gar nicht kann von Schöpfung als einem vergangenen Ereignis gesprochen werden. Die von Transzendenz und Immanenz – nur von einer Transzendenz in der Immanenz, einer Beteiligung des göttlichen Geistes an den Prozessen der Natur kann noch verantwortungsvoll geredet werden. Die von Gott und Mensch – jedenfalls nicht, wenn sie als Begründung eines „Human Exceptionalism“, einer Rede von dem Menschen als der Krone der Schöpfung, herangezogen wird. Die von Mensch und Tier – sie wird ja von der Biologie gar nicht mehr unterstützt und setzt eben jenen menschlichen Exzeptionalismus voraus, der an der Wurzel aller Umweltprobleme liegt. Und schließlich, vielleicht grundlegend: Die Unterscheidung von Geist und Materie, von Vernunft und Körper – die Quantenphysik hat sie gegenstandslos werden lassen. Gott ist reiner Geist, die Schöpfung steht ihm als das Reich des Materiellen gegenüber, das nur im menschlichen Geist auf Gott verweist – das wird man heute nicht mehr wiederholen können. Die Orientierung, die diese Unterscheidungen einst gaben, hilft nicht mehr, die Welt zu verstehen. Die Aufgabe der Transformation in der Theologie geht sehr weit.

Wie geht Transformation?

Aber wie geht denn Transformation? Wie kann man sie vorantreiben, sie, diese Riesenaufgabe, die die Theologie bewältigen muss, will sie nicht so blind werden wie einst das Politbüro? Das „European Research Network TRANSCENDING SPECIES – TRANSFORMING RELIGION“ hat sie ausdrücklich zum Programm erhoben und nennt auch schon in ihrem Namen einen Weg, den man gehen kann: Die Speziesgrenzen überschreiten. Das heißt zuerst die zwischen den menschlichen und den nichtmenschlichen Tieren. Fängt man damit an, dann steht man, um im Bild zu bleiben, im Nebel. Verunsicherung breitet sich aus, sowohl in Bezug auf das menschliche Selbstkonzept wie in Bezug auf die Weise, wie die menschlichen Tiere mit den anderen Tieren umgehen. Ich schaue in das Programm der von einigen Netzwerkmitgliedern im Sommer 2022 geplanten Tagung „Animate Life“, um eine Idee davon zu bekommen, wie Transformation in der Theologie über die Behauptung hinaus, dass sie sein müsse, konkret von statten gehen kann. Eine Leitunterscheidung wird kontingent gesetzt, damit geht es los. Und dann fängt man damit an, die Texte der Theologie ganz neu zu lesen. „Animate Readings“, so heißt es im Programm. Es geht darum wahrzunehmen, wie nichtmenschliche Tiere in die klassischen Texte verwoben sind auch da, wo diese Texte gar nicht ausdrücklich von ihnen sprechen oder sie bewusst ausschließen oder sie als Gegenbilder zum Menschlichen gebrauchen. Und wenn diese Texte von der Geschichte reden oder gar von der Heilsgeschichte, kann es dabei bleiben, dass nur Menschen Akteure der Geschichte sind bzw. Gott nur durch die Menschen in der Welt handelt? Wie ist eine „Animate History“ zu denken, die, übrigens im Einklang mit neueren Ansätzen der Geschichtswissenschaft, auch die historische Agency der nichtmenschlichen Tiere berücksichtigt? Was bedeutet es dann, dass ein weltweit erfolgreiches Zeichentrickformat wie Peppa Wutz Kindern alle Akteure nur in Tiergestalt präsentiert? Ist das schon der Entwurf einer „Animate Future“, einer Ko-Habitation von menschlichen und nicht menschlichen Tieren, in der die früheren Gewaltverhältnisse überwunden sind? Oder ist es letzter Ausdruck einer Vermenschlichung der Tiere, ein Triumph des Anthropozentrismus? Das „Animate Life“, auf das die Theologie in eschatologischer Imagination vorgreift, wird jedenfalls nicht nur Visionen einer neuen Form des Interspezies-Zusammenlebens, sondern auch Ideen zu seiner praktischen Gestaltung enthalten müssen, will sie nicht abstrakt und wirklichkeitsfremd werden.

Transformation lernen, das ist nach dem Transformationsjahr 2021 auch und immer konkreter das Programm des neuen Jahres.


Autor: Thomas Ruster war bis 2021 Professor für Systematische Theologie am Institut für Katholische Theologie der TU Dortmund. Er ist Mitglied des European Research Network „Transcending Species – Transforming Religion“.

Beitragsbild: soulsana, unsplash.com


[1] Vgl. https://www.ku.de/thf/theologie-in-transformationsprozessen-der-gegenwart

[2] Vgl. Niklas Luhmann, Einführung in die Systemtheorie, Heidelberg 2006, 118–131.


Außerdem von Thomas Ruster bei feinschwarz.net erschienen:

Das unauslöschliche Siegel der Sklaverei

 

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