Weihnachtlicher Unsinn. Über das missdeutete Judesein Jesu

Krippe Jesu Judentum

In Weihnachtspredigten kommt oft eine erschreckende Unkenntnis von Jesu Judentum zum Vorschein. Amy-Jill Levine und Marc Zvi Brettler erläutern fünf der häufigsten Fehlauslegungen.

Zu Weihnachten verkündigen Christ:innen die Geburt einer Führungsgestalt, die mit Wahrheit und Gnade herrschen wird. Das ist eine gute Nachricht, denn in der Welt gibt es von beidem herzlich wenig. Der Glaube, dass Jesus diese Gestalt ist, gibt all jenen Hoffnung, die in ihm die Liebe Gottes, die Vergebung der Sünden und die Verheißung des ewigen Lebens sehen.

Als Juden respektieren wir solche Überzeugungen, auch wenn sie nicht die unseren sind. Außerdem erkennen wir an, dass Jesus, ein Jude des ersten Jahrhunderts, eindeutig Teil der Geschichte des Judentums ist.

Toxische Irrtümer

Als Bibelwissenschaftler:innen wissen wir aber auch, dass in Weihnachtspredigten oft toxische Irrtümer über das Judentum Jesu zutage treten und damit judenfeindliche Fehlinterpretationen der Heiligen Schrift so verbreitet sind wie der Weihnachtsmann und seine Elfen.

Viele Priester und Pastor:innen, selbst solche, die sich für bessere jüdisch-christliche Beziehungen einsetzen, wären entsetzt zu erfahren, dass ihre Predigten antijüdische Stereotypen verstärken. Aber wenn sie verkünden, dass Jesus den Blick auf die Armen, die Nächstenliebe und die Botschaft des Friedens in die Welt gebracht habe, tun sie genau das: Sie reißen Jesus nicht nur aus der jüdischen Geschichte heraus, sondern entstellen auch die Lehren des Judentums und öffnen dem Antisemitismus Tür und Tor.

Das Übel beginnt schon vor der Geburt Jesu: Neben dem verbreiteten Ammenmärchen von den bösen jüdischen Gastwirten, die Josef und Maria abweisen, weil diese den happigen Preis für ein Zimmer nicht bezahlen können, haben wir Predigten gelesen, in denen behauptet wird, Maria sei in den Stall gebracht worden, weil sie mit ihrer Geburt die Herberge nach jüdischem Gesetz unrein gemacht hätte. Das ist Unsinn. Wie das Lukasevangelium deutlich macht, gab es in der Herberge einfach keinen Platz für sie, um ein Kind zu gebären.

Wenig sachkundige Predigten

In anderen wenig sachkundigen Predigten ist die Rede davon, dass die Hirten, die Marias Baby willkommen heißen, zu den „Ausgestoßenen“ oder „Unreinen“ gehörten. Auch das ist Unsinn. Rachel, Mose und David waren Hirten, und der bekannte Psalm 23 beginnt mit den Worten: „Der Herr ist mein Hirte.“ Hirten waren weder mehr noch weniger rituell unrein als die meisten Juden ihrer Zeit.

Hier einige weitere Klischees, die die frohe Botschaft von Weihnachten begleiten:

„Hätten legalistische Juden gewusst, dass Maria unverheiratet schwanger war, dann hätten sie sie gesteinigt. Jesus dagegen war der Inbegriff von Barmherzigkeit.“

Die antiken Rabbiner lehrten: „So wie Gott barmherzig ist, sollt auch ihr barmherzig sein.“ Zu den göttlichen Attributen, an denen sich Juden und Jüdinnen orientieren sollten, gehörte es, Nackte zu bekleiden, Kranke zu besuchen, Trauernde zu trösten und die Toten zu begraben.

Die Juden steinigten keine Frauen wegen Ehebruchs; nach der rabbinischen Literatur ist es praktisch unmöglich, Menschen hinzurichten. Die berühmte „Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war“ (Joh 8,2–11), hatte nicht gesteinigt werden sollen. Die Pharisäer waren schon seit einiger Zeit der Auffassung, dass die Steinigung nicht die richtige Reaktion auf Ehebruch ist, und um Jesu Auslegung der Tora zu testen, befragten sie ihn nach seiner Meinung zu jenem archaischen Gebot: „Was sagst du dazu?“

Jesus hat die Tora nicht abgeschafft

An anderer Stelle verschärft Jesus die Tora: Während die Tora Mord verbietet, verbietet die Bergpredigt den Zorn gegen andere (Mt 5,22); die Zehn Gebote verbieten den Ehebruch, aber die Bergpredigt verbietet schon das Begehren (Mt 5,28). Jesus hat die Tora nicht abgeschafft. Im Gegenteil – er lehrte seine Jünger, wie sie sie befolgen sollten.

„Mit der Darstellung der Jungfrau Maria bei Lukas bringt die Weihnachtsgeschichte den Feminismus in die Welt.“

Das Judentum kennt zahlreiche weise, fromme und mutige Frauen, von den Erzmüttern über Rahab, Debora und Hanna bis hin zu Rut und Ester, und in den griechischen Texten Judith und Susanna sowie die Mutter der makkabäischen Märtyrer. Die Evangelien, selbst eine gute Quelle für die Rekonstruktion des Judentums des ersten Jahrhunderts, berichten, dass jüdische Frauen über eigenes Vermögen verfügten, eigene Häuser besaßen, als Wohltäterinnen in Erscheinung traten und in Synagogen und im Jerusalemer Tempel am Gottesdienst teilnahmen.

Frauen schlossen sich Jesus nicht an, weil sie im Judentum unterdrückt wurden; sie folgten Jesus, weil sie in ihm den idealen Rabbiner, Heiler und Exorzisten sahen.

„In der Geburtsszene bei Matthäus durchbrechen die Sterndeuter aus dem Osten die Fremdenfeindlichkeit der Juden.“

Der Prophet Jesaja kündigt an, dass der Tempel in Jerusalem „ein Haus des Gebets für alle Völker“ (Jes 56,7) sein soll, und zur Zeit Jesu war er das auch. Sein „Vorhof der Nichtjuden“ hieß alle Menschen willkommen. Die örtlichen Synagogen nahmen Nichtjuden und -jüdinnen auf, die als „Gottesfürchtige“ bekannt waren. Im Lukasevangelium wird sogar berichtet, dass jüdische Älteste Jesus baten, einen römischen Hauptmann zu heilen, „denn er liebt unser Volk und hat uns die Synagoge gebaut“ (Lk 7,5).

Jesus hat die Offenheit nicht erfunden

Jesus hat die Offenheit für Nichtjuden und -jüdinnen nicht erfunden; er gehörte einem Volk an, das dazu berufen ist, ein „Licht für die Völker“ (Jes 49,6) zu sein.

„Jesus, der neugeborene ‚Friedensfürst‘, überwindet den kriegerischen Gott des Alten Testaments.“

Frieden ist ein grundlegender Wert der Hebräischen Bibel und des Judentums. Die Jesaja-Wand in der UNO verweist auf die Prophezeiung von Jesaja 2,4 und Micha 4,3, die sich eine Zeit vorstellen, in der alle Völker „ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Lanzen zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“

Die Juden zur Zeit Jesu taten ihr Bestes, um militärische Auseinandersetzungen mit Rom zu vermeiden. Als der römische Kaiser Caligula von ihnen verlangte, seine Statue im Jerusalemer Tempel aufzustellen, antworteten die Juden nicht mit dem Schwert, sondern mit einem der ersten dokumentierten Sitzstreiks der Geschichte. Die Sorge Jesu um den Frieden ist Teil seiner jüdischen Tradition, keine Neuerung.

„Mit dem Jesuskind, von einfachen Hirten willkommen geheißen, wird die Anteilnahme für die Armen geboren.“

Das Buch Deuteronomium in der Hebräischen Bibel lehrt: „Die Armen werden niemals ganz aus deinem Land verschwinden. Darum gebiete ich dir: ‚Öffne deine Hand für die Armen und Bedürftigen in deinem Land‘“ (Dtn 15,11). Der Prediger sagt weise: „Wer das Geld liebt, bekommt vom Geld nie genug; wer den Luxus liebt, hat nie genug Einnahmen“ (Koh 5,9).

Die Freiheitsglocke in der US-amerikanischen Stadt Philadelphia mit der Aufschrift „Proclaim Liberty Through All the Land Unto All the Inhabitants thereof“ (Verkündet Freiheit im ganzen Land für alle seine Bewohner) zitiert das Buch Levitikus und nimmt damit Bezug auf Israels Tradition des Jubeljahres, in dem die Schulden erlassen wurden (Lev 25,10). Jesus hat die Sorge für die Armen nicht erfunden; sie gehörte zu der Tradition, aus der er lebte.

Jüdische Tradition anerkennen und bekräftigen

Jesus war Jude, und gerade weil er Jude war, sprach er vom Frieden, von Barmherzigkeit, von der Fürsorge für die Armen, von der zentralen Bedeutung der Tora und vom Wert aller Menschen.

Um der Welt ein wenig mehr Gnade und Wahrheit zu bringen, wäre es gut, wenn die Anhänger Jesu die jüdische Tradition, zu der Jesus sich bekannt hat, anerkennen und bekräftigen würden, anstatt zu versuchen, Jesus gut aussehen zu lassen, indem sie das Judentum schlecht aussehen lassen.


Prof. Dr. Marc Zvi Brettler ist Professor für Judaic Studies an der Duke University in Durham, USA. Prof. Dr. Amy-Jill Levine ist Professorin für Neues Testament und Jüdische Studien an der Hartford International University for Religion and Peace, USA. Unter anderem schrieben sie zusammen „The Bible With and Without Jesus“ (2020).

Dieser Text erschien zuerst auf Englisch in Religion News Service am 24. Dezember 2021 unter: https://religionnews.com/2021/12/24/five-christmas-sermon-blunders-that-get-judaism-and-jesus-wrong/?fbclid=IwAR2w_HO-9e9GgfZph4YzxM_AzcwIcRB-hsY3gEkTCsznkjIZhe8zVQcemUo. Übersetzung ins Deutsche von Norbert Reck. Eine ausführlichere Darstellung findet sich in: „Das Neue Testament – jüdisch erklärt. Lutherübersetzung mit Kommentaren“ (Deutsche Bibelgesellschaft 2021), dessen amerikanische Originalausgabe Brettler und Levine herausgegeben haben und das im Oktober 2021 erstmals auf Deutsch erschienen ist.

Bildquelle: Pixabay, Verlag

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