Taufe to go – Erfahrungen aus Dänemark

Müssen sich die Menschen eigentlich der kirchlichen Praxis anpassen oder umgekehrt? Meike Barnahl und Emilia Handke stellen die „Drop-In Taufe“ vor, zu der vielleicht schon bald in Hamburg eingeladen wird.

Früh am Morgen bricht er auf. An diesem besonderen Tag. Gut 200 Kilometer liegen vor ihm. Er kennt die Strecke gut. Wie viele hundert Mal ist er sie wohl schon gefahren in den 67 Jahren seines bisherigen Lebens? Aber heute ist es anders, denkt er, als er den Wagen aus seinem Dorf lenkt. Richtung Osten. Auf nach Kopenhagen.

Sie begrüßen freundlich, wer auch immer hereinkommt.

Früh am Tag schon haben sie angefangen, den Raum zu bereiten. Das Team hat die Positionen verteilt: Zwei stehen am Eingang. Sie begrüßen freundlich, wer auch immer hereinkommt. Manche treten schüchtern durch die Tür. Andere sind erwartungsfroh.

Mehrere aus dem Team sind bereit für die vielen Gespräche heute. Sie wissen nicht, was sie erwartet. Es ist jedes Mal neu und anders.

Wer auch immer kommt, kann heute die Taufe empfangen.

Mettes Mann spielt die ersten Töne auf der Orgel. Die nächsten Stunden wird er Melodien in den Raum senden für ganz besondere Momente.
Mette selbst steht am Taufbecken. Sie wird heute taufen.
Wer auch immer kommt, kann heute die Taufe empfangen.

„Drop-In Taufe“ in der Kopenhagener Kristkirken.

Es war Mettes Idee. 2017 hat sie den Stein ins Rollen gebracht. Gehört hat sie davon aus Norwegen. Als sie es ihrem Bischof Peter Skov-Jacobsen erzählt, ist er entsetzt: Eine Fast-Food-Taufe?! Wer weiß, wer da kommt. Das macht man doch nicht aus einer spontanen Laune heraus. Schließlich ist das ein Sakrament. Und was ist eigentlich mit dem Taufunterricht, der doch wohl der Taufe vorausgehen muss?

Eine Fast-Food-Taufe?

Mette Gramstrup ist nicht der Typ, der sich beirren lässt. Beharrlich und temperamentvoll erklärt sie Bischof Peter ihre Gedanken dazu. Heißt es nicht beim Evangelisten Matthäus zuerst: „Geht und tauft“ und erst danach: „lehrt sie“? (Mt 28, 19b-20a) Geht Gottes Gnade nicht voraus? Steht nicht über allem: Du bist mein geliebtes Kind? Und hatte der Kämmerer aus Äthiopien nicht gesprochen: „Siehe, da ist Wasser; was hindert’s, dass ich mich taufen lasse?“ (Apg 8, 36b)

„Geht und tauft“ und erst danach: „lehrt sie“?

Bischof Peter ließ sich von Mettes flammenden Worten nicht überzeugen.
Aber er sagte auch nicht Nein.
Er sagte: „Mach, was du meinst – aber ich will nichts davon wissen!“

Es ist spät geworden. Mette tun die Füße weh. Sieben Stunden hat sie vorne in der Kristkirken am Taufbecken gestanden. Sieben Stunden! Sie ist erschöpft und gleichzeitig erfüllt bis oben hin – womit, das kann sie gar nicht richtig sagen. Aber eigentlich kann es nur das sein, was man versucht mit „Heiligem Geist“ zu benennen. Da ist ein Strahlen in ihr.

Sieben Stunden hat sie vorne in der Kristkirken am Taufbecken gestanden.

Wie gut, dass sie sich nicht hat beirren lassen. Wie gut, dass sie gemacht hat, was sie meint.
Genau das sagt auch Bischof Peter, als wir zum Tee zusammensitzen: „Gott sei Dank habe ich nicht Nein zu Mette gesagt! Ich bin ja so froh darüber!“
Die „Drop-In Taufe“ gibt es inzwischen an zahlreichen Orten in Dänemark, in größeren Städten, aber auch in kleineren Kommunen. In den ersten drei Jahren hatten sich schon mehrere hundert Menschen auf diese Weise taufen lassen.

Keine der Befürchtungen hat sich bewahrheitet.

Keine der Befürchtungen hat sich bewahrheitet. Die Geschichten der Menschen, die an solch einem Tag über die Schwelle treten, sind tief und wahrhaftig. Manche tragen den Gedanken an die Taufe schon viele Jahre oder Jahrzehnte mit sich herum. Mit Fast-Food hat das überhaupt gar nichts zu tun. Manche Geschichten sind schmerzlich, manchmal ist es einfach nur zum Heulen – so schön ist es, zu erleben, was in der Taufe Geheimnisvolles geschieht.

Post zur „Drop-In Taufe“ in der Kristkirken bei Facebook

Spät am Abend biegt er wieder in die Dorfstraße ein. Sein Dorf ist dasselbe geblieben. Aber in ihm ist etwas anders. Nach 67 Jahren ist etwas geschehen, das sein Leben in ein anderes Licht rückt. Bis vor einigen Monaten hat er nicht gewusst, was ihm gefehlt hat. All diese Jahre. Genaugenommen hat er die meiste Zeit überhaupt nicht gewusst, dass ihm etwas fehlt – bis zu dem Tag, als er den Post zur „Drop-In Taufe“ in der Kristkirken bei Facebook entdeckte. Aber heute Abend fühlt er sich wie noch nie: Ganz und zu Hause.

Noch niemals zuvor hat er so geleuchtet.

Mette wischt sich eine Träne aus den Augen, als sie den Hörer auflegt. Früh am Morgen hat das Telefon schon geklingelt. „Ich danke Ihnen aus tiefstem Herzen. Ich weiß nicht genau, was gestern geschehen ist. Aber eins weiß ich: Noch nie in fünfzig Jahren habe ich meinen Mann so erlebt. Noch niemals zuvor hat er so geleuchtet. Aus seinem tiefsten Inneren heraus.“

Die Worte klingen noch lange in Mettes Ohren. Auch Tage danach ist sie noch sehr bewegt, als sie davon erzählt.

Es sind Begegnungen mit Menschen wie Mette Gramstrup und Bischof Peter Skov-Jacobsen in Kopenhagen, die einen noch einmal neu ins Nachdenken bringen. Die Taufe ist ein hochintimes Geschehen. Ihr haften große Worte wie „Reinigung“ oder „Gotteskindschaft“ an. Was diese Themen wirklich für einen persönlich bedeuten, wird man eher selten veröffentlichen oder nur mit ganz wenigen Menschen teilen. Die Kirche hat im Laufe der Jahrhunderte aus der Taufe einen bürgerlichen Festakt für Familien gemacht, der dadurch auch voraussetzungsreich wird. Die Geschichte des Kämmerers aber ist eine andere. Es ist die Geschichte eines Einzelnen, der für diesen Schritt einen ganz anderen – einen intimeren – Rahmen braucht. Diese Geschichten von Einzelnen gibt es an jedem Ort.

Die Kirche hat im Laufe der Jahrhunderte aus der Taufe einen bürgerlichen Festakt für Familien gemacht.

Um ihnen einen passenden rituellen Rahmen zu geben, braucht es einen Schutzraum und auch eine gewisse Anonymität, so zeigen es die Erfahrungen aus Dänemark. Nicht selten kommen die Menschen von weit her. In ihrem vertrauten Umfeld hätten sie diesen Schritt nicht gewagt, erzählen sie immer wieder.

Und es braucht eine gute Kampagne im Vorfeld, berichten Mette und ihr Team. Mehr als ein halbes Jahr vorher haben sie sämtliche Social-Media-Kanäle bespielt. Natürlich wollten sie aufmerksam machen auf dieses neue Angebot, darüber hinaus aber vor allem Vertrauen schaffen und ansprechbar sein für die Fragen der Interessierten.

„Ritualagentur“ – „Drop-In Taufe“ künftig auch in Hamburg?

Mit der „Ritualagentur“ (vorläufiger Arbeitstitel!) haben wir nun die Ressourcen und die Möglichkeit, Erfahrungen mit dem dänischen Modell der „Drop-In Taufe“ auch in Hamburg zu sammeln. Die Ritualagentur ist ein kirchlicher Ort, der die parochiale Kasualpraxis für Hamburg und Umgebung ergänzt und sich zum Ziel setzt, jene 50 Prozent unserer Kirchenmitglieder zu erreichen, die den parochialen Zugang zu Kasualien nicht mehr in Anspruch nehmen. Ein interdisziplinäres Team aus einer Referentin für Kommunikation und Medien, einem Kirchenmusiker, zwei Menschen für die Organisation und Verwaltung und drei Pastor:innen kümmert sich u.a. um den Aufbau eines digitalen Bestattungskalenders, die Verstetigung des Tauffests, die Entwicklung von Begrüßungsformaten für Neugeborene sowie um stellvertretende kreative Formate für distanzierte Kirchenmitglieder.

kreative Formate für distanzierte Kirchenmitglieder

Welcher kirchliche Ort sich in Hamburg für die „Drop-In Taufe“ eignet und ob der Name auch in Deutschland passt, will gut überlegt sein. Aber der Name muss kommunikationsstark zum Ausdruck bringen: Es ist deine Taufe. Der Segen für dein Leben. Am … nur für dich.“

Es waren seit jeher unterschiedliche Motive, die sich an die Taufe anlagerten. Von einem Schutz- oder Zugehörigkeitsritual, einem Bund mit Gott oder einem persönlichen Zeichen für eine bessere Weltordnung über einen Neuanfang mitten im Leben bis hin zum Zeichen der Trennung von der eigenen Herkunftsfamilie. Die Studie von Wilfried Meißner zeigt jedenfalls, „dass mit Erwachsenentaufen langandauernde biographische und religiöse Entwicklungen einhergehen […], auf die kirchliche Akteure kaum Einfluss nehmen können“[1]. Die Erwachsenentaufe ist letztlich das sichtbare Symbol für innere Veränderungen, die sich im Laufe der Jahre in einem Menschen geformt haben und nun nach rituellem Ausdruck verlangen. Die Geschichten reichen von der Irritation über die transzendentale Obdachlosigkeit der eigenen Eltern über den Wunsch nach Zugehörigkeit zu etwas Größerem bis hin zu Formen der eigenen Identitätsvergewisserung. Vielleicht sind sie es, die wir wieder öffentlich erzählen müssen – auf wie viel tausend Weisen Leben durch die Taufe erneuert werden kann und was das eigentlich ist: die Taufe. Wir leben nicht mehr in einer Gesellschaft, in der man sich mit der Taufe in eine bestehende staatliche Ordnung einfügt oder „im Modus des konfessionellen Zeitalters, wo die fraglose Übernahme der Tradition ergänzt wurde durch die Bewusstmachung bestimmter Inhalte“[2] – wir leben in einer Optionsgesellschaft, in der sich die Taufe in einem offenen Suchprozess des Lebens behaupten muss. Dazu braucht es berührende Bilder und Beispiele – Geschichten, die etwas mit einem zu tun haben. Erzählen wir sie wieder lauter und geben wir ihnen unterschiedliche Räume zum Klingen.


Meike Barnahl leitet als Pastorin die Hamburger „Ritualagentur“.

Dr. Emilia Handke leitet als Pastorin das Werk „Kirche im Dialog“ der Nordkirche, hat die „Ritualagentur“ in Kooperation mit den beiden Hamburger Kirchenkreisen initiiert und ist jetzt als wissenschaftliche Projektentwicklerin der Ritualagentur tätig.

Weiterhin von Emilia Handke bei feinschwarz.net erschienen:

Ostersteine – Ein Interview mit Emilia Handke

 

Religiöse Resonanzen ausloten – Über das Prinzip „Kirche im Dialog“

Feiern, wovon wir träumen! Das Hamburger Kooperationsprojekt „Wohnzimmerkirche“

Aufs Radar der Menschen kommen

Konfessionslosigkeit gestalten! Ein Plädoyer dafür, genau(er) hinzuschauen

Popupchurch: Kirche da, wo du bist

Zeit, dass sich was dreht. Überlegungen zu einer Kasualpraxis der Zukunft


Beitragsbild: Greetanjal Khanna, unsplash.com


[1] Wilfried Meißner: Erwachsentaufe im Zeitalter von Konfessionslosigkeit. Eine qualitativ-empirische Untersuchung zu ihrem lebensgeschichtlichen Zustandekommen und zu ihrer Bedeutung, Leipzig: 2019, 368.

[2] Michael Domsgen: Von Generation zu Generation: Was tun, wenn das nicht mehr zu funktionieren scheint?, in: ZThK 115 (2018), Heft 4, 474-497, 484.

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