Ich bin voll. Braucht erfülltes Arbeiten einen neuen Gott?

Das Leben in Fülle – die kirchliche Personalverantwortliche Judith Zortea kommt ihm beim Essen von Keksen (bzw. Plätzchen) mit ihrer Tochter auf die Spur. Was bedeutet das für die sich wandelnde Welt der Arbeit? Und steckt darin nicht vielleicht auch ein Stück alltgstauglicher Leutetheologie? New Work als theologisches Lernfeld.

„Ich bin voll“ erklärt unsere Tochter und schiebt den Teller mit Gemüsesuppe von sich. Zwei Toastbrote mit Butter will sie dann doch noch, jetzt ist sie wirklich voll. Kurz darauf sehe ich wie sie sich einen Keks schnappt und dabei meine Reaktion beobachtet. Sie kennt ja meine Einstellung zu Gemüse und Keksen. Unsere Tochter ist halt einfach voll. Sie kennt das was sie gerade braucht und holt es sich mutig auch gegen die mütterlichen Vorstellungen von Ernährung. Sie ist voll Vertrauen und Selbstwert.

Dieses Mal lache ich und ermuntere sie, den Keks zu essen, denn heute bin ich genauso voll wie sie. Das ist nicht immer so, manchmal bin ich auch nur halbvoll oder auch leer. Ein solches Halbvoll hatte ich auch in meiner Anstellung als Personalerin in der Industrie. Es war vieles sehr gut: die Aufgaben, das Unternehmen, die KollegInnen, das Gehalt, und doch fehlte etwas. Am Arbeitsplatz über Gott sprechen zu können, das könnte mehr Fülle bringen, dachte ich damals und wechselte zur Kirche.

Ich weiß, was mich nährt

Inzwischen bin ich tatsächlich oft voll. Nicht weil ich in der Kirche arbeite, sondern weil ich weiß, was mich nährt und ich es mir meistens erlaube, einen Keks zu essen, auch gegen die allgemeine Vorstellung, Gemüsesuppe würde mir besser tun. Nicht immer, aber mit Mut immer öfter.

Sehnsucht nach Ganzheit

Die Sehnsucht nach dieser Ganzheit, nach Fülle auch am Arbeitsplatz ist groß. Viele Menschen spüren, dass sie mehr zu bieten haben, als sich in bestehende Strukturen einzufügen. Das zeigt sich bei einem Blick auf den Arbeitsmarkt. Waren es früher die Arbeitssuchenden, die sich bewarben, so sind es heute die Unternehmen, die sich bei den Fachkräften bewerben.

Der Markt hat sich in vielen Branchen umgedreht. Nicht nur weil sich die Bevölkerungspyramide umdreht, auch weil vor allem die jungen Menschen eine sinnvolle Arbeit machen wollen und in ihrem Beruf und ihrem Leben Ganzheit erfahren wollen. Sie wählen ihren Arbeitsplatz bewusst aus.

Arbeitsplatzwahl nach dem Keksprinzip

Viele Menschen sind auf der Suche nach einem Beruf der erfüllt. Dies ist auch der Grund, warum auch die Coaching-Szene boomt. Doch die Gleichung ist nicht so einfach wie sie scheint. Coaching ist nicht gleich „Voll sein“ und die Arbeitsplatzwahl nach dem Keksprinzip bringt auch nicht automatisch ein erfülltes Arbeitsleben. Mein eigener Weg und die Begleitung vieler Menschen und Systeme hat mir gezeigt: Es braucht vor allem Mut, Vertrauen und ein ermunterndes Zunicken.

Voll sein braucht Mut

Für Fülle im Berufsleben braucht es Mut, weil man sich in seiner Ganzheit dem Umfeld zutraut. Das kann unbequem sein.

In meiner Arbeit als Berufungscoach fällt mir auf, dass viele Menschen einen guten Zugang zu ihren Talenten und Begabungen haben, dass sie auch ganz gut wissen, welches Umfeld sie brauchen um aufzublühen. Die Coachees kennen den Weg zur Fülle im Beruf, doch oft steht da ein unsichtbares „das darfst du nicht, das kannst du nicht“ im Raum. Irgendwo im Innen oder im Außen fehlt die Erlaubnis und das Vertrauen, den Weg der Fülle im Beruf auch gehen zu dürfen. Den Weg trotzdem zu gehen braucht Mut, denn die Gesamtheit seiner Berufung anzubieten, da gibt es vielleicht Ablehnung, Kritik oder moralische Appelle. Schade, da geht sehr viel Potential für diese Welt verloren.

Ein Ausflug ins Unbewusste

In meiner Arbeit als Coach und Prozessbegleiterin bin ich immer wieder erstaunt, von welchen Sätzen wir Menschen im Unbewussten geleitet werden.

Erforsche ich mit Coachees die Glaubenssätze, die ihren Konflikten und Blockaden zugrunde liegen, kommen immer wieder Aussagen wie „dann liebt mich Gott nicht mehr“ oder ähnliches. Nicht alle nennen es Gott, doch bei den Meisten wird das Denken und Handeln davon geleitet, welche Vorstellung sie von ihrer Anbindung an das Transzendente haben. Erstaunlich oft kommt ein strenger, beurteilender und verurteilender Gott vor, dem man gefallen muss. Interessanterweise auch bei Menschen, die, bewusst gefragt, einen liebenden Gott beschreiben würden.

Gott vom erfüllten Leben her denken

Angenommen, aus meinen Erfahrungen ließe sich etwas ableiten, dann wäre dies eine Anfrage an die Theologie, Gott vom erfüllten Leben und von Erfüllung am Arbeitsplatz her zu denken. Welche Vorstellung von Transzendenz und von Gott beflügelt die Berufung der Menschen., Was lässt sie die Fülle, das „voll sein“ in ihrem Beruf erfahren?

Vom Voll sein lernen statt Fülle predigen

„Ich bin voll“ Das würden viele gerne sagen, wenn sie am Abend von der Arbeit nach Hause kommen. Immer mehr Menschen sind nur bereit, ihre Lebenszeit in ihren Beruf zu investieren, wenn sie genau diesen Satz an den meisten Abenden sagen können. Sie wollen einen sinnvollen Beitrag leisten und ihre Begabungen für die Welt und für andere Menschen einsetzen. Dazu folgt jeder einzelne seiner Berufung und dazu braucht es ein beflügelndes Arbeitsumfeld.

Auch einige Unternehmen suchen nach Wegen, wie Menschen in ihrer Ganzheit sich einbringen können. Frederic Laloux hat in seinem Buch „Reinventing Organizations“ einige dieser Wege untersucht. Einige Unternehmen bieten Mediationsräume, arbeiten an New Work Konzepten, richten Besinnungswege ein und fördern Gemeinschaft, Reflexion und persönliche Weiterentwicklung. Nicht unähnlich dem, was Religionen an Wegen zur Ganzheit anbieten. Entsteht da vielleicht Theologie von selbst, geleitet von der Suche nach erfülltem Arbeiten?

Theologie könnte mitforschen

Die Theologie beschäftigt sich schon lange mit erfüllter Arbeit. Im Diskurs um die Ganzheit am Arbeitsplatz finde ich davon wenig, jedenfalls nicht dort wo die Personal- und Unternehmensszene über New Work, Berufung und Charisma spricht. Die Theologie könnte hier interessante Aspekte in den Diskurs einbringen, sie könnte mitforschen, mitlernen und mitlehren. Ganz praktisch an dem Ort, an dem „voll sein“ im täglichen Leben entsteht.

Gott und die erfüllte Arbeit

Die Gottesbilder und Transzendenzvorstellungen, die wir bewusst und unbewusst in uns tragen, scheinen einen starken Einfluss auf unser Ganzheitserleben zu haben. Auf verschiedenen Ebenen gehen Menschen und Systeme dieser Sehnsucht nach Ganzheit nach. Dies zeigt sich in der Coaching-Szene, in den Diskursen von New Work und der konkreten Arbeitsplatzwahl der jungen Menschen.

In den traditionellen Kirchen wird diese Ganzheit wenig gesucht. Dies hat etwas mit der Geschichte der Kirche zu tun. Es hat auch etwas mit dem Gottesbild zu tun, welches vielerorts in der Kirche anzutreffen ist. Vielleicht ist es an der Zeit, die Theologie auf den Kopf zu stellen und die Vorstellung von Transzendenz und Gott vom erfüllten Leben her zu sehen.

Welche Lehre von Gott beflügelt Menschen?

Welche Lehre von Gott beflügelt die Menschen, ihre Berufung zu leben? Welcher Gott nickt den Menschen aufmunternd zu, wenn wir einfach „voll“ sind und voller Vertrauen unseren ganz eigenen Weg gehen?

Heute habe ich wieder Gemüsesuppe gekocht, ich mag sie einfach und danach esse ich mit unserer Tochter Kekse. Ich wünsche Ihnen und mir ein neues Jahr, in dem die Fülle uns leitet und freue mich diese Überlegungen weiterzuführen.


Mag. Judith Zortea ist Gemeindeberaterin, Personalentwicklerin und Coach.

Literaturhinweis: Frederik Laloux, Reinventing Organizations. Ein Leitfaden sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit Taschenbuch, Vahlen 2016.

Bildquelle: Privat.

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