Seit zehn Jahren gibt es ein Wort für ein Phänomen, das es immer schon gegeben haben mag, dem es jedoch an der Begrifflichkeit fehlte, um sagbar, um salon – respektive internetfähig zu werden: Regretting Motherhood, wahlweise Regretting Parenthood. Von Barbara Staudigl
In einer Studie aus dem Jahr 2015 befasste sich die Israelitin Orna Donath mit Frauen, die von sich sagen, dass es ein Fehler war, Mutter zu werden.1 Mutterschaft zu bereuen, galt lange Zeit als ein verbotenes Gefühl, da es nicht zu den Vorstellungen und Narrativen von Muttersein passte; nicht umsonst lautet der Untertitel der Studie von Donath „Wie Frauen mit einem unerlaubten Gefühl leben“. Donath untersuchte den Aspekt der Reue, den sie abgegrenzt haben will gegen „nur“ ambivalente Gefühle, die mit dem Muttersein einhergehen. Bei der Reue geht es um die Erkenntnis, dass es Fehler war, Mutter zu werden.
Frauen lieben und bereuen.
Dabei geben die Frauen an, ihre Kinder zu lieben und sich um sie zu sorgen – und doch die Entscheidung für die Mutterschaft zu bereuen, weil sie ein Leben leben, das sie so nicht leben wollen, einen Preis bezahlen, den sie so nicht zahlen wollen.2 Ein Blick ins Internet zeigt, dass das Thema in der medialen Welt angekommen ist: ZDF heute3, das Schweizer Fernsehen4, die Frankfurter Rundschau5, sie alle berichten über bereute Elternschaft, ganz abgesehen von Eltern- und Familienratgebern oder feministischen Internetseiten. Dass es nicht nur einzelne Menschen sind, zeigen Untersuchungen, die in Polen, Deutschland, Finnland oder den USA durchgeführt wurden. Im Schnitt geben 5 bis 7 Prozent der Eltern an, die Elternschaft zu bereuen.6
Es ist schwierig, sich diesem Thema objektiv zu nähern, da ich die subjektive Seite von Schuld, Scham und Leiden respektieren möchte; es ist schwierig, darüber zu schreiben ohne persönliche Kenntnis von betroffenen Müttern und Eltern. Doch ich meine, man darf dieses Phänomen nicht ausschließlich im persönlichen Radius der Eltern halten, sondern muss nach den gesellschaftlichen Anteilen fragen. Kinder zu haben und zu erziehen ist immer – auch – ein gesellschaftlich relevantes Phänomen. Es muss die gesamte Gesellschaft zutiefst angehen, wenn Mütter und Väter ihre Elternschaft bereuen und den Preis der Elternschaft als zu hoch empfinden, geht es doch um Rahmenbedingungen, die Erziehung leichter oder schwerer machen.
Individuelle Entscheidung der Einzelnen – existenzielle Entscheidung für die Gesellschaft
Ich behaupte, dass sich in den letzten 20 Jahren die Situationen für Eltern verschärft haben, der Preis für Kinder hoch geworden ist – und die Last viel zu einseitig auf den Schultern der Eltern liegt, gesamtgesellschaftlich zu wenig strukturelle Verantwortung für Kinder übernommen wird. Dass die Geburtenrate in Deutschland im Jahr 2024 mit einer Rate von 1,35 Kindern je Frau einen neuen Tiefstand erreichte (im Jahr 2021 waren es noch 1,58 Kinder je Frau), stützt diese These – und sollte alarmieren.
Auch wenn es die höchst individuelle Entscheidung der Frau oder eines Paares ist, ob, wann, wie viele und mit wem man Kinder bekommen möchte, ist diese Entscheidung immer auch eingebettet in eine gesamtgesellschaftliche Situation. Jeder und jede ist frei, sein und ihr Leben so zu gestalten, wie er und sie es möchte. Ohne diese grundsätzliche Freiheit in Abrede zu stellen: Kinder sind kein Wert neben materiellen oder Selbstverwirklichungswerten, sondern eine existenzielle Grundsatzentscheidung im Leben einer Frau oder eines Paares und eine existenzsichernde Entscheidung für Gesellschaften. Eine Gesellschaft muss plurale Lebensentwürfe tolerieren – und dennoch um ihrer eigenen Existenz willen jenen für Kinder höher bewerten und dies durch politische Entscheidungen und angemessene Rahmenbedingungen unterstützen.
Eltern werden allein gelassen
Es ist hinlänglich bekannt, dass Kinder bis zum 18. Lebensjahr oder im Falle eines Studiums noch länger sehr viel Geld kosten. Die letzten offiziellen Angaben des Statistischen Bundesamt sind aus dem Jahr 2018 (schon allein die Tatsache, dass diese Berechnung sieben Jahre alt ist, zeigt das niedrige Interesse am Thema) und liegen durch die Inflation in den letzten Jahren zweifellos um etliches höher. 2018 lagen die Kosten bei ca. 160.000 € bis 180.000 € bis zum 18. Lebensjahr. Kommt ein 5-jähriges Studium hinzu, erhöht sich der Betrag um noch einmal mindestens 60.000 – 70.000 € (auf einer nach oben hin offenen Skala durch den heillos überteuerten studentischen Wohnraum an Studienorten). Die staatlichen Transferleistungen in Form von Kindergeld oder Steuerfreibeträgen mögen in der Vergangenheit kompensatorisch gewirkt haben, doch sie können heute an drei hochproblematischen Punkten zu wenig ausrichten:
- bezahlbarer Wohnraum für Familien
- verlässliche Betreuungs- und Bildungseinrichtungen für Kinder
- gerechtes Rentenniveau von Menschen, die Care-Arbeit an Kindern verrichten.
Kein bezahlbarer Wohnraum für Familien.
Anfang 2025 wurde eine Studie im Auftrag des Verbändebündnisses „Soziales Wohnen“ veröffentlicht, die deutlich machte, dass bundesweit ca. 550.000 Wohnungen fehlen. Der Mangel an Wohnraum führt dazu, dass vor allem in Großstädten Mieten explodieren. So sind z.B. nach Berechnungen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung die durchschnittlichen Wiedervermietungsmieten von im Internet inserierten Wohnungen in großen kreisfreien Städten zwischen 2010 und 2022 um fast 70 Prozent gestiegen. Seit den 90er Jahren haben Bund, Länder und Kommunen in großem Ausmaß sozial gebundenen Wohnraum verkauft und die Sozialbindung von Wohnungen aufgehoben. Die Reduktion von 2.033.900 Sozialwohnungen im Jahr 2007 auf 1.072.266 im Jahr 2023 spricht Bände – und ist skandalös in einem Land, das sich selbst als Sozialstaat definiert.
Dass hier Familien besonders betroffen sind, ist selbstredend. Adäquaten Wohnraum zu finden, ist v.a. in Ballungsgebieten oft nicht mehr möglich – ganz zu schwiegen von adäquaten Sozialräumen für Kinder, die gerade in Ballungszentren oft keine Outdoor-Möglichkeiten mehr haben. Die Frage, ob man sich Kinder leisten kann angesichts nicht vorhandenen Wohnraums, muss tatsächlich realistischerweise oft verneint werden.
Keine verfügbaren, keine verlässlichen Betreuungsangebote
Im Jahr 2024 hatten trotz Rechtsanspruch auf Kitabetreuung aus dem Jahr 2013 13,6 Prozent der Kinder keinen Betreuungsplatz, so das Institut der deutschen Wirtschaft.7 Ähnlich lässt sich die Situation für den ab 2026 bestehenden Rechtsanspruch auf einen Ganztagesbetreuungsplatz in der Grundschule für die Zukunft prognostizieren, weil es schlicht kein Personal gibt und derzeit allein für den Kita-Bereich ca. 125.000 Erzieherinnen und Erzieher fehlen.
Der Personalmangel führt zu einem zweiten Problem: Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung veröffentlichte in einer Umfrage von Anfang 25, dass 59% der erwerbstätigen Eltern mit kurzfristigen Schließungen oder verkürzten Betreuungszeiten in Kita oder Ganztagesschule konfrontiert sind.8 Im Alltag bedeutet dies, dass Eltern Urlaubstage einreichen müssen, um die Betreuung zu bewältigen. Dass sich der Stress durch systemische Spontanausfälle erhöht, da ohnehin 14 Wochen schulische Ferienzeit bei einem Urlaubsanspruch der Eltern von sechs Wochen gestemmt werden müssen, ist selbstredend.
Keine angemessene Anerkennung bei der Rente
Lange Erziehungszeiten oder ein Erwerbsleben in Teilzeit sind die größten Risikofaktoren für Altersarmut. Die Geburt des eigenen Kindes führt vor allem bei Frauen zu einer Reduktion der Arbeitszeit. Im Jahr 2023 gingen 67 % aller Mütter mit mindestens einem Kind unter 18 Jahren einer Teilzeitbeschäftigung nach (und 9 % aller Väter). Die Einführung der so genannten Mütterrente im Juli 2014 hat eine Anerkennung der ersten drei Erziehungsjahre zur Folge – und ich möchte sie nicht klein reden, das ist zweifellos ein Fortschritt. Aber es darf nicht zum Feigenblatt werden für eine Gesellschaft, die die Erziehungsarbeit großzügig den Eltern überlässt. Bis ein Kind volljährig ist, vergehen 18 Jahre, in denen 67% aller Mütter nur in Teilzeit arbeiten. Dies mag z.T. persönliche Gründe haben, ist zum Teil einem völlig unzureichenden Betreuungssystem in Kita und Ganztagesangeboten geschuldet. Wir brauchen in Deutschland dringend die Arbeitskraft der Mütter, wenn die Generation der Babyboomer in Rente geht und sich der Fachkräftemangel noch einmal zuspitzt; und wir brauchen Frauen, die für ihre eigene Rente vorsorgen. Für beides braucht es ein funktionierendes und qualitativ gutes Betreuungs- und Bildungssystem.
Appell: geteilte Verantwortung für Erziehung
Eltern bezahlen tatsächlich einen hohen Preis dafür, Kinder aufzuziehen. Und sie bezahlen ihn zu singulär in einer Gesellschaft, in der immer weniger Menschen Kinder bekommen und eine politische Lobby für Kinder immer kleiner wird. Aladin el Mafaalani, Bildungsforscher an der Universität Dortmund, schreibt in seinem Buch „Kinder. Minderheit ohne Schutz“ „Würden alle Eltern von Minderjährigen (Mütter und Väter zusammengerechnet) einen deutschlandweitern Verband gründen, hätten sie viele Millionen Mitglieder weniger als der ADAC.“9 Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen, sagt ein afrikanisches Sprichwort. Im Jahr 1996 kontextualisierte Hilary Clinton diese These in ihrem Buch „It Takes a Village: And Other Lessons Children Teach Us“.10
Eine Gesellschaft braucht Kinder. Sie braucht Erwachsene, die bereit sind, Eltern zu werden und Kinder aufzuziehen. Aber diese Eltern brauchen die Gesellschaft, die die ressourcen- und kostenintensive Tätigkeit der Erziehung als Teil ihres genuinen gesellschaftlichen Auftrags sehen. Sharing responsibility, lautet der Appell von Hillary Clinton. Der Preis für Kinder darf nicht allein von Eltern bezahlt werden.
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Barbara Staudigl, Prof. Dr., leitet die Trägerstiftung der Katholischen Stiftungshochschule (KSH) und einer Fachakademie in München. Sie war viele Jahre als Pädagogikprofessorin und Schulleiterin tätig und führte in ihrer Schule den Marchtaler Plan und den so gen. Vernetzten Unterricht (vernetztes Unterrichten verschiedener Fächer, darunter Religion) ein.
Bild: privat
Beitragsbild: Ausschnitt aus Buchcover Donath, Orna, #regretting motherhood. Wenn Frauen bereuen, KNAUS 2016.
- Donath, Orna (2016): #regretting motherhood. Wie Frauen mit einem unerlaubten Gefühl leben, München. ↩
- In einer Talkshow erzählt die Mutter Wiebe Sch. von diesem Gefühl nach der Geburt ihres Kindes: der Preis für diese Entscheidung sei zu hoch. ↩
- Wenn Frauen ihre Mutterschaft bereuen. ↩
- Ich bereue das Muttersein. ↩
- „Ihr werdet mich Monster nennen.“ Mütter erzählen, ob sie bereuen, Kinder bekommen zu haben. ↩
- Vgl. Schröder, Alina (2022): Studien enthüllen: Warum Eltern es bereuen, Kinder bekommen zu haben. ↩
- Geis-Thöne, Wido (2024): 306.000 Betreuungsplätze für unter Dreijährige fehlen. ↩
- Vgl. Kohlrausch, Bettina/ Jung, Rainer (2025). ↩
- El Mafaalani, Aladin/ Kurtenbach, Sebastian/ Strohmeier, Klaus Peter (2025): Kinder. Minderheit ohne Schutz. Aufwachsen in der alternden Gesellschaft, Köln, 17. ↩
- Clinton, Hillary Rodham (1996): It takes a village. And other Lessons children teach us, New York City. ↩


