Was ist im vergangenen Jahr unerwartet gelungen? Die Redaktion beschließt das Jahr mit einem kleinen Rückblick.
Helga Kohler-Spiegel
Was in diesem Jahr unerwartet gelungen ist, nahm seinen Anfang in einer eigentümlichen Mischung aus Neugier, Überforderung und dem leisen Wunsch, etwas Eigenes wachsen zu sehen. Nach fünfunddreißig Jahren erstmals erneut ein eigenes Kräuterbeet. Das klingt bescheiden, beinahe banal.
Wir pflanzten, was man pflanzt, wenn man beginnt: Kräuter, verschiedene Salate, Schnittlauch, Petersilie, Basilikum, Tomaten. Ein Beet als Versprechen. Kaum hatten sich die ersten Blätter gezeigt, traten die Schwierigkeiten auf. Thripse. Dickmaulrüsselkäfer. Und anderes Ungeziefer, dessen Bezeichnungen man sich erst aneignet, wenn der Schaden bereits sichtbar ist. Die anfängliche Freude wich rasch dem Frust. Jeden Morgen derselbe Blick: angefressene Blätter, geschwächte Pflanzen, und bei jeder Berührung stoben Schwärme kleiner weißer Fliegen davon. Alles deutete auf einen klassischen Anfängerfehler hin. Also: alles wieder herausreißen. Neu beginnen. Den Boden lockern, neu setzen, hoffen.
Was sich dann entwickelte, war unerwartet. Nicht spektakulär, nicht makellos, aber von einer stillen Beständigkeit. Es wuchs. Langsam, widerständig, mit sichtbaren Spuren von Verlust und Erholung. Nicht alles überlebte. Manches musste mehrfach entfernt werden. Nicht alles gedieh üppig. Aber genug. Genug, um zu ernten. Genug, um zu erkennen: Gelingen bedeutet nicht, dass nichts misslingt. Gelingen bemisst sich nicht am reibungslosen Erfolg, sondern daran, dranzubleiben – und wahrzunehmen, was sich trotz allem entwickelt.
Nicht spektakulär, nicht makellos, aber von einer stillen Beständigkeit.
Rainer Bucher
Jenseits des privaten Lebens, in dem mit dem Alter das Unerwartete sowieso abnimmt und zudem seine Verheißung verliert, war es im vergangenen Jahr nur eines, was unerwartet und gelungen zugleich war: Der Sieg der demokratischen Kandidat:innen in den diversen US-amerikanischen Wahlen des Herbstes 2025.
Das ließ die Hoffnung aufkommen, dass der Trump’sche Furor seinen Höhepunkt überschritten haben könnte und es der amerikanischen Gesellschaft doch noch gelingt, dem ruchlosen Treiben im Weißen Haus langsam, aber sicher Einhalt zu gebieten.
Wenn es dann auch noch ausgerechnet der Trump’schen Administration gelingen würde, das hunderttausendfache Töten in der Ukraine zu stoppen, dann wäre des unerwartet Gelungenen 2026 unerwartet viel.
… dass es der amerikanischen Gesellschaft doch noch gelingt, dem ruchlosen Treiben im Weißen Haus Einhalt zu gebieten.
Wolfgang Beck
Große Dinge mit Stolz aufzulisten, die mir gelungen sind, fällt mir schwer. Denn das wirkt schnell eitel, eingebildet und arrogant. Im Laufe des letzten Jahres habe ich es genossen, ein paar Abende für ein Konzert oder eine Opern-Aufführung zu reservieren. Gerade weil ich keine bildungsbürgerliche Sozialisierung erlebt habe, sind solche Abende für mich etwas Besonderes. Ich bin dementsprechend auch im Laufe des letzten Jahres mit gemischten Gefühlen zu solchen Terminen gegangen. Es sind Zeiten des „Digital Detox“ – großartig und auch ziemlich herausfordernd. Außerdem dauern Opern meist lange und sind damit eine konditionelle Herausforderung: Vor Beginn der Aufführung der Oper „Boris Godunow“ des russischen Komponisten Mussorgski spreche ich daher meine unbekannte Sitznachbarin an. Man verbringt immerhin vier Stunden in unmittelbarer Nähe miteinander. Da kann man auch mal einen „guten Abend“ wünschen, finde ich. Ich sage der etwas älteren Dame, dass sie mich gerne mit dem Ellenbogen in die Seite stoßen darf, sollte ich neben ihr einschlafen. Das passiert mir schon mal. Und es könnte peinliche Nebenwirkungen haben. An diesem Abend gelingt es mir wach zu bleiben und die ganze Aufführung zu verfolgen. Auf dem Heimweg bin ich beglückt, beeindruckt und ein bisschen stolz auf den gelungenen Abend mit wachen Sinnen.
Zeiten des „Digital Detox“ – großartig und auch ziemlich herausfordernd
Franziska Loretan-Saladin
Gerne denke ich an die zwei Tage im vergangenen Mai zurück. Zusammen mit gut 20 angestellten und freiwilligen Mitarbeitenden des Treffpunkts Stutzegg in Luzern war ich in Beaune, einem wunderschönen Städtchen im Burgund. Wir besuchten vor allem das dortige «Hôtel-Dieu», das Impuls gebend war für die offene Gaststube Stutzegg. Vom Ursprungsort der Spitalschwestern-Gemeinschaft und deren Wirken wollten wir uns neu inspirieren lassen.
Besonders eindrücklich war die Führung mit einer der beiden letzten in Beaune lebenden Spitalschwestern, Sr. Louise Duchini. Im «Saal der Armen», des im 15. Jh. als „Palast für die Armen“ gegründeten Hospiz machte sie uns vertraut mit den Anliegen des Gründerpaares des «Hôtel-Dieu», Nicolas Rolin und Guigone de Salins. In diesem wunderschönen Gebäude fanden mittellose Kranke bis in die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts Aufnahme und Pflege. Der grosse Krankensaal ist wie ein Kirchenraum gebaut, in dessen Chor auch täglich Gottesdienst gefeiert wurde.
Am zweiten Tag trafen wir uns bei Sr. Louise zu einer Austauschrunde bei Kaffee und Kuchen. Erfüllt von den vielfältigen Eindrücken und mit neuer Motivation für unseren Treffpunkt ging es mit dem Car wieder nach Luzern zurück.
Hôtel-Dieu: In diesem wunderschönen Gebäude fanden mittellose Kranke Aufnahme und Pflege.
Regina Elsner
Seit 2022 scheint es mir an jedem Jahresende ein unerwartetes Gelingen, dass die Ukraine weiterhin der russischen Aggression standhält und ukrainische Kolleg*innen allem zum Trotz weiterhin schreiben, forschen, dokumentieren, zu unseren Konferenzen gereist kamen und nicht müde werden, uns ihre Situation zu erklären. Unerwartet im Sinne von enttäuschend ist jedoch, dass die Abschreckung der Gewalteskalation ausgerechnet denjenigen politisch Mächtigen gelingt, die Menschenwürde und Gerechtigkeit verachten, und nicht denen, die sich den Schutz von Freiheit und Menschenrechten auf die Fahnen geschrieben haben.
Vor diesem Hintergrund bin ich jedoch am Ende dieses Jahres vor allem sehr dankbar für die unerwartete Freiheit belarussischer politischer Gefangener. Unter ihnen sind mehrere Menschen, die mir und meinem Freundeskreis sehr nahestehen. Es ist ein unerwartetes Wunder, mit welch ungebrochener Würde sie nach Jahren aus der Folterhaft gekommen sind, und es macht Hoffnung, dass sich mein, unser, eher leises und mühsames Einstehen für Menschenwürde und Gerechtigkeit – etwa durch Briefe in Gefängnisse, Petitionen, Demonstrationen und unendliche Hintergrundgespräche – am Ende doch bewährt.
ein unerwartetes Wunder, mit welch ungebrochener Würde sie nach Jahren aus der Folterhaft gekommen sind
Christian Bauer
Eigentlich mache ich mir nicht viel aus Neujahrsvorsätzen. Im vergangenen Jahr hatte ich mir aber doch etwas vorgenommen. Denn ich war es leid, immer zu viel zu arbeiten. Und wenn man einmal die Notbremse zieht und etwas absagt, dann sind es häufig die schönen Dinge, die dran glauben müssen. Daher habe ich mir für 2025 vorgenommen, so viele alte Freund:innen wie nur möglich zu treffen. Es ist mit der Arbeit ja ohnehin immer nie genug. Mich von diesem Druck zumindest ein wenig frei zu machen, ist unerwartet gut gelungen.
Jedes einzelne Treffen hat mir aufs Neue gezeigt, wie wahr und auch wie schön die folgende Lebensweisheit von Rolf Zerfaß ist: „Ein Freund ist jemand, der dich an die Melodie deines Lebens erinnert, wenn du in der Gefahr bist, sie zu vergessen.“ Dietrich Bonhoeffer hatte ja so recht, als er die Freundschaft als „schöne Kornblume“ im Weizenfeld des Zweckrationalen bezeichnete: „Schutzlos wächst sie in Freiheit und heiterer Zuversicht, dass man das Leben unter dem weiten Himmel ihr gönne. Neben dem Nötigen will auch das Freie leben.“
„Ein Freund ist jemand, der dich an die Melodie deines Lebens erinnert, wenn du in der Gefahr bist, sie zu vergessen.“
Julia Enxing
Es ist Ende September 2025 und die eine lang ersehnte Urlaubswoche für dieses Jahr steht vor der Tür – auf meiner ostfriesischen Lieblingsinsel. Unzählige Male waren meine Hündin und ich schon dort. Freitagabend, ca. 20:30 Uhr, sollte die Fähre anlegen. Als wir endlich die Reise antreten und in den Zug steigen, bahnt sich die Erschöpfung erst richtig den Weg: rien ne vas plus. Zum Glück muss gerade nichts abgearbeitet werden, Mailsender:innen erhalten seit einer Stunde eine Abwesenheitsnotiz. Während ich so aus dem Fenster schaue und die Landschaft an mir vorbeifliegt, ich alle Restenergie darauf verwende, den Junggesellenabschied einige Reihen vor mir zu ignorieren, hält der ICE an – auf offener Strecke. Muss ich an dieser Stelle schreiben, was das bedeutet und wie es weitergeht? Ich hatte in Bremen 45 min Umstieg eingeplant, um den letzten Fernbus an diesem Tag Richtung Nordseeküste zu bekommen. Wir standen 70 min auf freier Strecke.
In Bremen kämpften wir uns Richtung DB-Infoschalter durch: Die Wartezeit in der dortigen Schlange ließ mir mehr als genug Zeit um festzustellen, dass ich wirklich auf den allerletzten Bus gesetzt hatte, was mir einige Zeit später die unfreundliche DB-Mitarbeiterin ebenfalls bestätigte – im Rücken ein Plakat, das zur Freundlichkeit Bahnmitarbeitenden gegenüber aufrief. Sie sei nicht zuständig, da ich mein DB-Ticket nicht bis zum Fähranlieger gebucht hätte, sondern „vermutlich aus Geiz“, den Bus einzeln reserviert hatte. „Pech! Müssen sie halt hier übernachten – viel Spaß in Bremen“. Nun, auf „Spaß in Bremen“ hatte ich keine Lust, ebenso wenig darauf, von sieben Urlaubstagen einen weiteren mit Anreise zu verbringen.
Ich grübelte hin und her, schaute mir die Strecke von Bremen bis zur Insel immer wieder auf der Landkarte an, ließ mir das Schienennetz anzeigen. Dann entschied ich mich für einen Sprint zurück zum Gleis. Wir sprangen in die Regionalbahn Richtung Oldenburg, dort, so konnte ich sehen, würden wir mit zwei Minuten Umsteigezeit die nächste Regionalbahn nach Sande bekommen können. Sande war schonmal besser als Bremen. Bei schwachem Netz googelte ich nach Taxiunternehmen in Sande. Endlich ging der Anruf durch und ich wurde mit einem freundlichen „Moin“ begrüßt, schilderte kurz meine mir recht ausweglos erscheinende Lage, denn: Laut Googlemaps brauchte man mit dem Auto knapp 45 min von Sande zur Fähre. Wir würden um 18.35 in Sande ankommen, 19.15 Uhr geht die Fähre. Der Taxifahrer sagte sofort: „Dat versuchen wir. Geht klar. Ich lasse den Motor laufen und sie springen direkt ins Auto und wir düsen los.“ Wie die Schwerverbrecher:innen auf der Flucht, rasten wir durchs Wangerland und bogen um 19.13 Uhr auf den Fähranlieger ein. Mit Koffer in der Hand ging es auf die Fähre – und in diesem Moment legte sie ab. Acht Menschen und eine Hündin standen an Deck. Die Möwen schrien, die Fähre tuckerte vor sich hin und belohnt wurden wir mit dem schönsten Sonnuntergang, den ich je gesehen hatte (siehe Beitragsbild). Plötzlich wurde alles still in mir und mir kam die Weisheit des Paulus in den Sinne, dass der Friede G:ttes wahrlich höher ist als meine Vernunft (Phil 4,7).
Da hält der ICE an – auf offener Strecke. Muss ich an dieser Stelle schreiben, was das bedeutet und wie es weitergeht?
Jonas Maria Hoff
Es ist ja leider fast immer ein unerwartetes Gelingen, im Alltagstrubel Zeit für konzentriertes Lesen von Büchern zu finden, die nicht mit der Arbeit zusammenhängen. Sofern es sich dabei um Erstlektüren handelt, ist zusätzlich noch unerwartbar, was der Text mir wie erzählt. 2025 hatte ich mit solchen Lektüren gleich mehrfach unerwartet Glück. Für zwei Bücher gilt das ganz besonders: Zu Beginn des Jahres bin ich in der Lektüre von Tonio Schachingers Echtzeitalter versunken. Der Roman erzählt von der schulischen Karriere eines Jungen der Generation Z auf einem Wiener Elitegymnasium. Auch wenn die äußeren Umstände dies nahelegen, lassen die Schilderungen des Schullebens keineswegs Harry-Potter-Romantik aufkommen. Unter dem klassischen Schleier herrschen Druck und Enge. Selbstbewusstsein und Erfolg findet der junge Protagonist dann auch in der fast maximalen Gegenwelt des Gaming.
Wenn Schachinger eine romantisch-unromantische Befreiungsgeschichte präsentiert, steht der Roman Die schönste Version von Ruth-Maria Thomas für eine gegenläufige Dynamik. Am Beginn des Buches sieht sich eine junge Frau unvermittelt und scheinbar überraschend häuslicher Gewalt ausgesetzt. Der eigene Partner wird in der vermeintlichen Idylle zum Gewalttäter. Die Erzählung rekonstruiert die Wirkung dieses Ereignisses ebenso wie den langen Weg in die Katastrophe. Im Wechsel von Rückblenden und Gegenwartspassagen wird der Gewaltausbruch als Konsequenz von Rollenerwartungen sichtbar.
unerwartbar, was der Text mir wie erzählt
Daniel Kosch
Im November dieses Jahres erblickte mein zweites Enkelkind das Licht der Welt. Unerwartet war das nicht, im Gegenteil: nach neun Monaten und anstrengenden letzten Wochen der Schwangerschaft sogar sehnsüchtig erwartet. Und doch: «unerwartet gelungen», und keineswegs «normal» und im Blick auf unsere Welt schon gar nicht «selbstverständlich»! Denn wie viel muss zusammenstimmen, damit ein neues Menschenkind gesund geboren wird und seinen Weg ins Leben in einer Familie und einem Umfeld beginnen kann, das ihm Sorge trägt, es beschützt und begleitet in einer Zeit, in der es noch so verletzlich und abhängig ist. «Ja, Du hast dieses Menschenkind gewebt im Leib seiner Mutter. Ich danke dir, dass es auf erstaunliche Weise wunderbar geschaffen ist», denke ich in Anlehnung an Psalm 139.
Wie viel muss zusammenstimmen, damit ein neues Menschenkind seinen Weg ins Leben in einem Umfeld beginnen kann, das ihm Sorge trägt.
Und Sie?
Was ist bei Ihnen 2025 unerwartet gelungen?
Die Redaktion wünscht Ihnen einen guten Weg ins Neue Jahr!


