Eine eher mögliche Zukunft

Franca Spies beschäftigt die sanfte Vision einer inklusiveren Welt, in der auch bisher ausgegrenzte Körper von Gewicht sind (Judith Butler).

„Wenn diese Arbeit eine ‚normative’ Dimension hat“, so schreibt Judith Butler über ihr Werk „Körper von Gewicht“, „besteht sie genau darin, […] die Kette der Zitierungen in eine eher mögliche Zukunft umzuleiten, um die eigentliche Bedeutung dessen, was in der Welt als ein geschätzter und wertvoller Körper gilt, zu erweitern.“[1]

Der deutsche Titel „Körper von Gewicht“ resultiert aus der Herausforderung, das Wortspiel „Bodies That Matter“ in einer anderen Sprache wiederzugeben. „Bodies That Matter“ sind gemäß der Alltagssprache zunächst einmal Körper, auf die es ankommt, die wichtig und mit Bedeutung versehen sind. Im wörtlichen Sinne des englischen Ausdrucks handelt es sich zudem um Körper, die sich oder etwas materialisieren, die zu Materie werden. Materie, so hält Butler fest, ist nicht als eine feste Oberfläche zu denken, sondern als ein Prozess der Materialisierung, als etwas zu Materie Gewordenes, in dem sich Machtdynamiken niederschlagen. Die Materialisierung zitiert das Überlieferte und reproduziert dadurch immer wieder dessen Machtanspruch. In dieser zitatförmigen Materialisierung besteht der Zusammenhang zwischen dem alltagssprachlichen und dem wörtlichen Verständnis der „Bodies That Matter“: Eine Materialisierung, die wesentlich auf der Wirkung der Macht beruht, erzeugt wertvolle und verworfene Körper, schützenswerte Leben und solche, für die dies nicht gilt. (Antworten auf allerlei Missverständnisse einer solchen Formulierung lassen sich hier nachlesen.)

Sogar Kritiker*innen der Butler’schen Philosophie werden vermutlich ihrer Diagnose etwas abgewinnen können, nach der gesellschaftliche Macht und Diskurshoheit eine Hierarchisierung menschlicher Leben bewirken können. Die überfälligen Debatten über Rassismus, die seit dem Mord an George Floyd nicht nur in den USA geführt werden, zeugen davon. Mit Butler ließe sich fragen: Wie kann es in Zukunft gelingen, dass die Bedeutung dessen, was als ein wertvoller Körper gilt, um den schwarzen Körper Floyds erweitert wird? Doch auch jenseits dieses drastischen Beispiels und ohne es relativieren zu wollen, lässt sich mit Butlers Philosophie der Blick auf die kleinen und großen Ausgrenzungen und Verwerfungen wenden, die aus der Machtposition erfolgen und eine identitätsstabilisierende Wirkung haben.

Wenn ich in dieser sommerlichen „Zwischen-Zeit“ über Fragen nachdenke, die mich (sei es theologisch oder politisch) immer wieder beschäftigen, finde ich mich in Butlers Zitat gut wieder. Gerade die Vorsicht in ihrer Formulierung macht deren Stärke aus. Butler zeichnet kein utopisches Ideal und fordert keinen revolutionären Klassenkampf, sondern fragt in aller Zurückhaltung nach einer „eher möglichen“ Zukunft, die sich hoffentlich ein wenig inklusiver gestaltet, einer Zukunft, in der der Bereich des Möglichen selbst erweitert wird. Dieser sanften Vision lässt sich für theologisches Denken und kirchliches Handeln einiges abgewinnen. Sie beruht, wie Butlers Werk verdeutlicht, zunächst einmal auf einer gründlichen Analyse der eigenen blinden Flecken, der Ausschlussmechanismen und Exklusivitäten, auf denen die eigene Identität aufgebaut ist oder die sie sich zumindest erlaubt. Diese Ausschlüsse werden in der zitatförmigen Wiederholung der Vergangenheit stets wieder produziert und verfestigt. Ihre Dynamik zu überprüfen führt daher zu einer Traditionskritik, die dieser Tradition nie entkommen kann. Diese Traditionskritik ist jedoch – wie theologischer Traditionskritik so oft unterstellt wird – nicht einfach destruktiv, sondern sucht nach den Möglichkeiten einer produktiven Verschiebung der Tradition in eine inklusivere, eher mögliche Zukunft.

Beispiele für Ausschlussmechanismen oder Verwerfungen gibt es in der Theologie- und Kirchengeschichte (und -gegenwart) zuhauf. Doch auch das positive Gegenbild lässt sich anhand eines der Ursprungsszenarien des Christentums erhellen: anhand des gemeinsamen Mahls. Sallie McFague hebt hervor, dass Jesu Auswahl seiner Mahlgefährt*innen aus Zöllnern und Sünder*innen von einer inklusiven Tat zeugt, die gängige gesellschaftliche Überzeugungen seiner Zeit destabilisieren musste. Darin zeige sich, dass Erlösung nie unabhängig von den sozialen und politischen Gegebenheiten einer Zeit gedacht werden dürfe, sondern mit konkreten Bemühungen um eine größere Ganzheit zusammenhänge.[2]

Auf diesen inklusiven und destabilisierenden Charakter des Denkens und Handelns Jesu, der den Raum der Möglichkeiten erweitert und sich Menschen zuwendet, statt sie auszugrenzen, sollte sich die Theologie beziehen. Oder frei nach Butler: Wenn die Theologie eine normative Dimension hat, besteht sie genau darin, die Kette der Überlieferungen in eine eher mögliche Zukunft umzulenken, um die Bedeutung dessen, was in der Welt und in der Kirche als ein geschätzter und wertvoller Körper gilt, zu erweitern.

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Franca Spies ist wissenschaftliche Assistentin an der Professur für Fundamentaltheologie der Universität Luzern.

Bild: privat

Grafik: Juliane Maiterth

[1] Judith Butler, Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts, Frankfurt 102019, 48.

[2] Vgl. Sallie McFague, Models of God. Theology for an Ecological, Nuclear Age, Philadelphia 1987, 51f.

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