Du baust einen Tisch

Christian Henkel macht sich zu Nora Gomringers Lyrik Gedanken zur Architektur pastoraler Theologie.

Du baust einen Tisch

Tisch unter den du dann Füße streckst
Tisch für den du Bretter über die Kreuzung trägst

Nora Gomringers Du baust einen Tisch (2003) hat mich in den letzten Jahren nicht losgelassen. Ich habe die Zuschnitt-Abteilungen von Baumärkten und Holzhandlungen besucht, Formatkreissägen, Oberfräsen, Exzenterschleifer bedient. Angeschliffen, gebohrt, auf Gehrung gesägt – zweimal messen, einmal sägen. Ich weiß also, wenn ich vom Tisch rede, wovon. Und doch wird es jeder Lehrling besser machen als ich. Weil gelernt nun mal gelernt ist.

Im Gespräch mit einem Architekten, der das Tischlerhandwerk gelernt hat, frage ich, wofür er mich als Theologen brauchen könnte. „Für die selten gewordenen Worte, die uns fehlen,“ sagt er. Seither sammle ich Worte. Ich tage sie wie Bretter über die Kreuzung: Geschaffen sein; Verantwortung und Freiheit tragen; der Erlösung bedürfen; mit der Eschatologie die absolute Finalität der eigenen Existenz anzweifeln. Der Stapel wächst, aber ein Tisch wird nicht daraus. Mir wird es unangehem, so etwas durch den öffentlichen Verkehrsraum zu manövrieren. Und vielleicht schleppe ich diese Sprachbretter nur mit mir, damit ich mich selbst legitimiert fühle, überhaupt zu sprechen.

An mir vorbei
Baust du einen Tisch
Unter dem ich jedem auf die Zehen trete
Einen Tisch an dem ich kein Gespräch mehr bin

Bauen, das tun andere. Es entstehen Esstische, Schreibtische, Seziertische. Tische, an denen sich Familien und Freunde treffen, aber auch Tische, an denen nicht jede und jeder Platz hat, an denen man aufpassen muss, was man sagt, solange man die eigenen Füße darunter stellt. Ich aber stehe nicht vor einem Tisch, sondern vor einem Bretterhaufen. Annette Spiros Buch How to Begin setzt hier an und beschreibt, wie Architekturstudierende im ersten Jahr sich jede Woche eine neue Konstruktionsaufgabe geben, jede Woche mit wenigen Materialien beginnen. Das Buch liest sich nicht wie eine Einleitung in Statik oder Architekturgeschichte, es liest sich leicht und spielerisch. Noch nicht, nicht mehr, oder wenigstens gerade einmal nicht beschwert mit dem, was sonst alles zu einem technischen Studium gehört. Ich denke an Olafur Eliasson, seine Studierenden in der Kunstakademie, das organisierte Chaos im Institut für Raumexperimente und sein Buch How to Make the Best Art School in the World. Könnten wir uns das als Praktische Theologinnen und Theologen nicht auch ab und an leisten, also dieses nicht beschwert sein, einmal nicht daran denken, dass es den weißen Raum – und schon denken wir wieder an eine Referenz: Jörg Seips Geschichte der Pastoraltheologie – eigentlich nicht gibt? Wie müsste das aussehen?

Einen Tisch baust du […]
Einen Scheißtisch […]

Am Anfang müssen wir durch die Empörung hindurch, dass uns die meisten Tische nicht gefallen. Wir müssen durch die Scheußlichkeiten des Quelle Katalogs, mit den Span- und Resopalplatten, der Eiche rustikal, passend zur Schrankwand. „The revolutionary force today has two targets, moral as well as material. Its young protagonists are one moment reminiscent of the idealistic early Christians, yet they also urge violence and cry, ‘Burn the system down!‘,” schreibt Saul Alinsky und sagt damit, dass unser Anfangen politisch ist. Neben dem Bretterhaufen ein Scheiterhaufen. Den müssen wir nicht einmal selbst aufschichten. Quelle ist pleite, an der Fürther Straße in Nürnberg haben sie das riesige Firmengelände des Versandriesen mit Bauzäunen umzingelt. Es bleibt uns gar nichts anderes übrig, als auf den Trümmern neu zu beginnen. Uns elend fühlend schauen wir den eigenen Bretterhaufen an, die Sprache und die symbolischen Gesten, an denen das Christentum so reich ist und die immer weniger verständlich sind.

So einen Tisch baust du für sie
So lange sie ihre Füße unter ihn streckt
Isst sie,
was du auf den Tisch bringst

Wir könnten mit einer ganz basalen Erfahrung neu beginnen. Dorothy Bass macht das in einem englischsprachigen Handbuch der Pastoraltheologie. Bevor das Fach sich selbst definiert, methodisch verortet und theologisch einnordet, erzählt sie die Geschichte von einem Abendessen mit Freunden. Nichts ist so basal lebensnotwendig und zugleich so in Riten eingebettet, so die Autorin. Und nirgendwo wird der Gegensatz zwischen der satten Gesellschaft und der Not der Anderen so deutlich. Und an diesen Tisch bringt sie die Sprache und die Symbole einer Mahlgemeinschaft. Vielleicht machen wir daraus Molekularküche im Stil Ferran Adriàs, der die Nuancen eines Geschmacks und des damit verbundenen Gefühls isoliert und neu zusammenfügt. Vielleicht weigern wir uns zu essen, was auf den Tisch kommt.

an mir vorbei
im Scheinwerfer
gingst du vorbei mit Brettern für einen Tisch
ich wünschte
du bautest einen für…

Mich lässt das Tischbauen nicht los. Das Spielerische und das Existentielle daran. Die kleinen Gesten. Dafür braucht es eine Werkstatt. Warum leisten wir uns nicht eine solche beginnen zu spielen? Das Quelle-Gebäude in Nürnberg wäre noch frei.

_________

Dr. Christian Henkel ist Akademischer Rat für Digitalisierung und Transfer an der Universität Eichstätt.

Bild: privat

Grafik: Juliane Maiterth

Print Friendly, PDF & Email