Orientalismus im Advent? Wie dekolonial sind unsere Weihnachtsmärkte? – Einige Beobachtungen aus Freiburg von Vera Fath.
Es ist wieder so weit: Die besinnliche Zeit ist da. Mit einer Tasse dampfendem Glühwein in der Hand und dem Geruch von gebrannten Mandeln in der Nase spazieren Tausende von Menschen über den Weihnachtsmarkt. Die Lichterketten an den kleinen Häuschen und in den Straßen kreieren eine gemütliche Atmosphäre. Es wirkt wie eine andere Welt, in der trotz des ganzen Trubels die Zeit noch ein wenig langsamer vergeht. Ein Ort der Tradition und Kultur – doch was heißt das eigentlich?
Ein Ort der Tradition und Kultur – doch was heißt das eigentlich?
Spazieren wir dafür doch einmal über den Freiburger Weihnachtsmarkt, den es seit 52 Jahren gibt. Die Marktkultur zeugt seit jeher von vielfältigen Angeboten auch aus anderen Ländern und Kulturen. Doch welche Perspektive haben diese Inszenierungen? Was gilt als traditionell, was als fremd? Werden heterogene Traditionen abgebildet oder Stereotype in Szene gesetzt, um ein fremdes Gegenüber im Kontrast zur eigenen kulturellen Bühne zu schaffen? Wie fügt sich in dieses Spiel mit Begriffen wie „traditionell“ die Bezeichnung „orientalisch“ ein? Der Freiburger Weihnachtsmarkt – ein Ort kultureller Inszenierungen also. Dies ist umso spannender, bedenkt man wie kulturell plural die deutsche Gesellschaft faktisch geprägt ist.
Weihnachtsmarkt – ein Ort kultureller Inszenierungen
1978 führte Edward Said den Begriff des Orientalismus ein, um kritisch zu beleuchten, wie westliche Kolonialmächte ein homogenes Bild von vorderasiatischen Kulturen zeichneten, das sie Orient nannten. Orientalismus versteht er als „ein westlicher Stil, den Orient zu beherrschen, zu gestalten und zu unterdrücken“.[1] Dieser Stil nutzt Stereotype, um das sie beängstigende Fremde vereinfacht einzuordnen. Welchen geographischen Raum der Orient abdeckt, ist unklar. Mittlerweile wird Saids Gegenbild des hegemonial überstellten Westens, des Okzidents, ebenfalls als Homogenisierung kritisiert. Dennoch eröffnet Saids Kritik eine Rollenbeschreibung im Kulturschauspiel Weihnachtsmarkt.
Stereotype, um das sie beängstigende Fremde vereinfacht einzuordnen
Aladdin und Rotkäppchen auf Schwarzwaldtournee

Der pompöse Turban und die gebeugte Körperhaltung des Abgebildeten verdeutlichen die orientalistischen Attribute des Reichtums und der Faulheit, die eine Unterlegenheit zum westlichen Okzident konstruieren. Der fliegende Teppich verweist auf die Assoziation des Magischen mit dem Orient, welche im Kontrast zum rationalen, kontrollierten Westen steht. Durch die Rahmung von anderen traditionellen Märchenerzählungen mit schwarzwaldähnlicher Szenerie wird das Fremde der Darstellung eingebettet in einen heimischen Kontext. Somit passt das Karussell ästhetisch bestens in die nostalgische Inszenierung des Weihnachtsmarktbereichs in der Altstadt.
Assoziation des Magischen mit dem Orient – im Kontrast zum rationalen, kontrollierten Westen
Sesam öffne dich für das Schlemmen im Orient
Ein Stück weiter bei den Marktständen bewirbt „Sirin´s Genussbazar“ seine Nuss- und Fruchtwaren mit dem Slogan „Schlemmen wie in 1001 Nacht – Reisen Sie mit uns in den Orient“. Die Anspielung auf „1001 Nacht“ weckt sofort Assoziationen. Während Europäer*innen von Alibaba und der Räuberhöhle träumen, ist das Werk in arabischen Ländern weniger beliebt. Unter diesem Titel ist die westliche Rezeption der historisch vielschichtig und mehrsprachig überlieferten Erzählsammlung bekannt. In dieser zeugen orientalistische Stereotype von einer westlichen Perspektive auf die darin dargestellten Welten, zu der auch die Figur Aladdin gehört. Daran zeigt sich die Adressat*innenschaft des Werbeslogans. Verbunden mit dem Reiseaufruf „durch den Orient“ wird deutlich: Hier lässt sich entspannt und genussvoll Fremdes in Probierhäppchen erfahren und einordnen.
entspannt und genussvoll Fremdes in Probierhäppchen erfahren und einordnen

„Exotismus der Sinne“
Der Begriff des Basars scheint vertraut – ruft er doch gleich Wohltätigkeitsveranstaltungen wie Kleiderbasare ins Gedächtnis. Und doch verweist die persische Schreibweise „Bazar“ hier auf die ursprüngliche Funktion als öffentlicher Markt. Auch der Begriff Sirin wurzelt im persischen und auch kurdischen Wort für Süßigkeiten. Damit deutet der Firmenname darauf hin, dass die Inhaber*innen selbst einen engeren Bezug zu einer im „Orient“ verorteten Kultur haben. Ein Blick auf die Website bestätigt diesen Eindruck. Hier bewirbt der Familienbetrieb mit seiner Angebotsvielfalt inklusive vieler türkischer Süßigkeiten, ihre Heimat erfahrbar zu machen. Ob sich die Familie selbst als orientalisch verortet, bleibt offen. Dennoch eröffnet sich die Frage: Zeugt Sirins Genussbazar von internalisierten Orientalismen oder ist er nicht vielmehr ein Zeichen der Wiederaneignung kultureller Traditionen? Für letzteres spricht, dass auch 1001 Nacht zunehmend von seiner westlichen Vereinnahmung zurückbeansprucht wird.[4] Daran wird deutlich, dass in einer kulturell plural geprägten Gesellschaft die Perspektive nicht so leicht bestimmbar ist, wie es eine Gegenüberstellung von Ost und West suggerierte.
ein Zeichen der Wiederaneignung kultureller Traditionen?
Die drei Magier und ihr Kunsthandwerk aus dem Morgenland

Kontrast zwischen dem realen, in geographischen Einheiten lokalisierbaren Westen und dem undefinierbaren verklärten Raum des Morgenlands
Eine Frage der Perspektive
Das plurale Angebot des Weihnachtsmarkts suggeriert ein Abbild kultureller Vielfalt, und doch ist der „Orient“ in der Inszenierung eines kulturell „Eigenen“ Freiburgs vor allem kontrastierender Anreiz. Angesichts der angesprochenen Kundschaft kann weiterhin eine westliche Perspektive der Werbung festgestellt werden. Dennoch ist die Sache komplexer, wie es sich beispielsweise an den Betreibenden von Sirins Genussbazar zeigt. In einem kulturell divers geprägten Deutschland vermischen sich kulturelle Traditionen auch in der Wiederaneignung verfremdeter Kulturgüter wie der Erzählungen von 1001 Nacht. Um die Binarität eines vermeintlichen „wir gegen sie“ aufzubrechen, muss dieses Verweben von herkömmlichen und neuen Perspektiven auf Kulturgüter berücksichtigt werden.
Wenn Aladdin und Rotkäppchen auf dem Kinderkarussell zu Nachbarn werden …
Wenn Aladdin und Rotkäppchen auf dem Kinderkarussell zu Nachbarn werden, zeigt sich hieran das vorherrschende Spannungsfeld zwischen Teilhabe und Verfremdung. Zwar spielen Traditionen anderer Ethnien in der kulturellen Inszenierung des Weihnachtsmarktes eine zunehmende Rolle. Jedoch verbindet sich dieser Ausdruck von Vielfalt im Kulturschauspiel Weihnachtsmarkt mit westlich geprägten Regieanweisungen. Denn die Dramaturgie dieser Traditionen spielt weiterhin häufig mit ihrer verfremdeten und selektiven Rezeption.
Bilder: Vera Fath
[1] Said, Edward: Orientalism, New York: Pantheon Books 1978; Said, Edward: Orientalismus, deutsche Ausgabe, Frankfurt a M: Fischer 2009, S. 11.
[2] Nakchbandi, Sandra: „Orientalismus auf der Hollywood-Leinwand. Zwischen Edward Saids Orientalismus, David Leans Spielfilm Lawrence von Arabien und Disneys Animationsfilm Aladdin – Stereotype und das ‚westliche Konstrukt‘ des Orients in Filmen“, Masterarbeit Leopold-Franzens-Universität Innsbruck 2018, online abrufbar unter: https://resolver.obvsg.at/urn:nbn:at:at-ubi:1-11712, S. 69.
[3] Brunotte, Ulrike: „Religion und Kolonialismus“, in: Kippenberg, Hans G./Rüpke, Jörg/Stuckrad von, Kocku (Hrsg.): Europäische Religionsgeschichte. Ein mehrfacher Pluralismus, Bd. 1, Göttingen 2009, S. 339-369, hier S. 344-345.
[4] Larzul, Sylvette: „Arab Receptions of the Arabian Nights: Between Contemptous Dismissal and Recognition”, in: Pouillon, Francois/Vatin, Jean-Claude (Hrsg.): After Orientalism. Critical Perspectives on Western Agency and Eastern Re-appropriations (Leiden Studies in Islam and Society 2), Onlineausgabe, Leiden/Boston: Brill 2015, S. 199-217.


