Die international bekannte Künstlerin Mahbuba Maqsoodi hat den Kunstwettbewerb im Kloster Reute für sich entschieden und gestaltet dort einen neuen Ort der Stille. Maike Domsel beschreibt die 2026 entstehende spirituelle Topografie als Lebenslinien der Hoffnung.
Die Gegenwart ist ein Raum verschobener Gewissheiten. Ihre Bruchkanten lassen sich nicht mehr übersehen: ökologische Kipppunkte, politische Entgrenzungen, spirituelle Erschöpfung. 1 Es sind Zeiten, in denen die Frage nach Hoffnung nicht mehr als naiver Optimismus erscheinen darf, sondern als anthropologische Grundfrage im Horizont einer eschatologischen Gegenwartstheologie: Was trägt den Menschen im Übergang, und was gibt ihm Orientierung?
Geistliche Bewegtheit, die in eine ermüdete Welt hineinragt.
Wo Gewissheiten brechen, gewinnt das Zeichenhafte selbst an Gewicht: Lebenslinien können zu einem Deutungsraum werden, weil in ihnen etwas von der zugesagten Durchlässigkeit zwischen Vergangenem, Gegenwärtigem und Kommendem sichtbar wird – Linien, die Menschen, Traditionen und Zukunftsentwürfe miteinander verweben und Brüche nicht verdecken, sondern durchlässig machen für Licht. Vor diesem Hintergrund erhält auch das Heilige Jahr 2025, unter dem Leitwort „Pilger der Hoffnung“, einen Nachklang, der über den kirchlichen Kalender hinausreicht: Es benennt eine geistliche Bewegtheit, die in eine ermüdete Welt hineinragt und selbst dann noch weiterführt, wenn die liturgischen Zeichen verstummen. Die Frage stellt sich daher neu – auch jenseits des Jahres, das sie ausgerufen hat: Wie können Kunst und Spiritualität zu Räumen werden, in denen eine gebrochene, aber tragfähige Hoffnung Gestalt gewinnt? 2
Maqsoodis Werk im Frauenkloster Reute entzieht sich einer einfachen Beschreibung, weil es nicht primär zeigt, sondern freilegt. In diesem Raum, dessen franziskanische Spiritualität von Stille und Einfachheit bis in die mittelalterliche Tradition zurückreicht, werden Glas, Mosaikstein, Licht, Schichtungen und Linien zu einem Erfahrungsraum, in dem Wahrnehmung selbst zum Medium theologischer Einsicht wird. Die Künstlerin entwirft eine Ästhetik der Transparenz, in der Biografie und Transzendenz, Geschichte und Gegenwart, Verletzlichkeit und Verheißung miteinander in Beziehung treten, ohne sich aufzuheben. Der Zyklus ist als Gesamtkunstwerk konzipiert, und erst in dieser Durchdringung erschließt sich seine Kraft.
Die Kunst verlangt nicht Interpretation, sondern Anteilnahme.
Die Lebenslinien – im Putz eingelassene Glasfragmente – ziehen sich wie feine, leuchtende Fäden aus dem Raum, in dem die Gestalten der Gründerinnen erinnert und konturiert werden, durch alle Räume des Ortes der Stille. Sie sind keine dekorativen Elemente; sie sind Struktur. Sie verweisen darauf, dass geistliche Tradition nicht ein Pflichtarchiv ist, sondern ein Geflecht aus Erfahrung, Haltung und Verantwortung, das weitergeführt werden will. Im Raum der Gründerinnen werden Hände zum theologischen Motiv: Gesten des Segens, des Haltens, des Empfangens, des Loslassens, der Gemeinschaft. Dabei ist die Darstellung nicht naturalistisch, sondern symbolisch aufgeladen – und gerade darin liegt ihre Kraft. Sie erlaubt den Betrachtenden, die Wurzel einer solchen Verbundenheit nicht als Vergangenheit, sondern als lebendige Möglichkeit zu sehen. Sichtbarkeit wird zu Erinnerung, Erinnerung zu Vergewisserung. 3
In den anschließenden Kabinetten verschiebt sich der Blick von der Fensterachse an die Wand. Drei wandfüllende Mosaike, die sich mit den Spiegeln vereinen, entfalten die Themen Weg, Wahrheit und Leben in einer Farbigkeit, die keine eindeutigen Konturen bietet und doch jeder Beliebigkeit widersteht. Diese Mehrdimensionalität ist selbst Deutung, denn sie unterläuft die Versuchung, Wahrheit in Geraden, Weg in Ziele und Leben in Eigenschaften festzuschreiben. Die Kunst verlangt hier nicht Interpretation, sondern Anteilnahme. Besonders eindringlich ist die Darstellung der Lebensquelle im Brunnengang, in der aus zwei Händen Quelle wird, aus Quelle Gestalt und aus Gestalt Wasser – ein Bild, das sich nicht in schneller Betrachtung erschließt und dennoch im Gedächtnis bleibt. Es zeigt einen Ursprung, der nicht verweist, sondern vollzieht: Leben ist Gabe, und Gabe ist Bewegung.
Auch der Stollengang wirkt zunächst schlicht, doch entfalten die Lebenslinien eine Sogwirkung, die den Blick unwillkürlich zum Fixpunkt führt, der Guten Beth – Elisabeth Achler, von den Menschen ihrer Zeit wegen ihrer Hingabe und Barmherzigkeit so genannt – im Feuer stehend, als Gestalt entschiedenen, leidenschaftlichen Lebens. Feuer ist hier nicht Zerstörung, sondern Energie, nicht Gericht, sondern Berufung. Die Darstellung ist stark, ja überbordend, und gerade darin wahr: Heiligkeit ist nie leise. 4 Über alle Räume hinweg offenbart sich ein Dialograum, der sich keiner religiösen Abschlussdeutung unterstellt, sondern der Wahrheitssuche aller Menschen ihre Würde lässt.
Die Kunst ist hier nicht Kommentar, sondern Initiation.
Maqsoodi arbeitet aus einer muslimisch-humanistischen Sensibilität, doch die Sprache des Glases ist keine exklusive. Sie berührt religiöse, säkulare und fragile Hoffnungen, weil sie einen Grundzug menschlicher Erfahrung sichtbar macht: die Sehnsucht, im Zerfall orientiert zu bleiben, die Fähigkeit, in Brüchen Licht zu erkennen, die Ahnung, dass Welt mehr ist als ihre faktische Gestalt. Die Kunst ist hier nicht Kommentar, sondern Initiation: Sie führt hinein in eine Haltung, in der Sehen zu Verstehen wird und Schweigen zu Erkenntnis. In einer Zeit von Überforderung und Beschleunigung vermögen diese Arbeiten einen Raum zu eröffnen, in dem Wahrnehmung wieder leiblich wird, in dem Fragen zugelassen werden und in dem Hoffnungen nicht vertröstet, sondern freigelegt werden. So wird die Ästhetik der Transparenz selbst zu einer theologischen Aussage: Hoffnung entsteht dort, wo etwas sichtbar wird, das zuvor verborgen war – nicht als fertige Antwort, sondern als Weg, der betreten werden kann. 5
In solcher Ästhetik wird sichtbar, was Theologie selten ausspricht: dass Hoffnung aus Wahrnehmung wächst. Nicht als Trost, sondern als Gegenwart, in der sich schon etwas von dem zeigt, was noch nicht ist und doch den Raum verändert. Sie kennt Gesten: ein Offenwerden der Zukunft, ein Widerstehen gegen den Niedergang, ein Erinnern an das Mehr der Wirklichkeit. In der franziskanischen Anthropologie werden diese Gesten zu einer Lebensform, einer schonenden Weltzugewandtheit, einer Friedenspraxis, die aus dem inneren Ja zum Leben entsteht – und die Lebenslinien zieht, die nicht trennen, sondern verbinden. 6
Hoffnung, die religiöse und nicht-religiöse Menschen teilen können.
Wo Hoffnung so verstanden wird, braucht sie Räume, in denen sie leiblich werden kann. Das Kloster wird in Maqsoodis Projekt darum nicht zum musealen Raum, sondern zum Labor einer spirituellen Ökologie. Stille ist hier kein Rückzug, sondern ein offener Zwischenraum 7, in dem der Mensch wieder atmen, hören, unterscheiden kann – und in dem jene inneren Orientierungspunkte reifen können, die in einer Kultur der Überforderung verloren zu gehen drohen. Diese Stille ist zutiefst sozial: Sie schafft Wahrnehmung für den anderen, für sein Leid, seine Geschichte, seine Hoffnung, und wird so selbst zu einer Praxis der Verantwortung.
Die „Lebenslinien“ Maqsoodis wirken weiter. Sie erinnern daran, dass Hoffnung nicht bloß ein privates Gefühl ist, sondern eine kulturelle Tugend8, die Verbindungen stiften, Polarisierungen unterbrechen und solidarische Bewegungen sichtbar werden lassen kann. Sie öffnen Übergänge zwischen Weltbereichen, die sonst leicht getrennt bleiben: ökologische Verantwortung, interreligiöse Sensibilität, Erinnerungsarbeit, Sehnsucht nach Frieden. In diesem Horizont gewinnt auch der Dialog mit dem Säkularen an Gewicht: Hoffnung wird zu einem Vokabular, das religiöse und nicht-religiöse Menschen teilen können – nicht als Einheitsformel, sondern als gemeinsame Suchbewegung.
So lädt Maqsoodis Werk dazu ein, Lebenslinien der Hoffnung weiterzuführen – persönlich, gemeinschaftlich, politisch. Es zeigt, dass Hoffnung zu einer Kraft werden kann, die Wirklichkeit verwandelt: leise, widerspenstig, durchscheinend. Vielleicht beginnt Hoffnung dort, wo Menschen sich auf den Weg machen – als Pilgernde, die die Linien ihres Lebens nicht glätten, sondern im Licht der kommenden Möglichkeit neu lesen lernen. 9 Die Räume der Stille werden am 23. Oktober 2026 ihre Türen für Suchende öffnen.
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Dr.in theol. Maike Maria Domsel, Privatdozentin an der Universität Bonn am Seminar für Religionspädagogik, religiöse Erwachsenenbildung und Homiletik; Lehrerin für Katholische Religion und Französisch am Humboldt-Gymnasium in Köln; Fachgebietseditorin für Religionspädagogik, interreligiöse Bildung und Katechetik (Handbuch der Religionen).
Bild: Maqsoodi
Bild: Mahbuba Maqsoodis
- Vgl. Maike Maria Domsel: Krisendiskurse in bildungswissenschaftlichen, psychologischen und soziologischen Zeitschriften von 2020 bis 2023 – eine Literatursichtung aus religionspädagogischer Perspektive, in: Theo-Web. Zeitschrift für Religionspädagogik 23 (2024) H. 1, 23–39, S. 1. ↩
- Vgl. Maike Maria Domsel/Mevlida Mesanovic: Kunst als Medium des Dialogs? – Mahbuba Maqsoodis transkulturelle Ästhetik, in: Isik, Tuba (Hg.): Islamisch-ästhetische Bildung. Neue Ansätze für die religiöse Bildung, Baden-Baden 2024, S. 65–89, S. 66–68. ↩
- Vgl. https://www.klosterberg-reute.de/index.php/2025/06/27/ausschreibung/. ↩
- Vgl. ebd. ↩
- Vgl. Jürgen Moltmann: Hope in These Troubled Times, Genf 2024. ↩
- Vgl. Krijn Pansters: Franciscan Virtue: Spiritual Growth and the Virtues in Franciscan Literature and Instruction of the Thirteenth Century, Leiden/Boston: Brill 2012 (Studies in the History of Christian Traditions 161). ↩
- Vgl. Papst Franziskus, Laudato si’, Rom 2015, Nr. 10; 233. ↩
- Vgl. Markus Vogt/Martin Schneider, Glaube, Hoffnung, Liebe: Tugenden einer grenzüberschreitenden Ethik, in: Der Mensch 57 (2018), 10–15. ↩
- Vgl. Papst Franziskus, Spes non confundit (Verkündigungsbulle zum Heiligen Jahr 2025), Rom 2024, https://www.vatican.va/content/francesco/de/bulls/documents/20240509_spes-non-confundit_bolla-giubileo2025.html. ↩


