Patricia Erben-Grütz beschreibt religiöse Sprachlosigkeit als Herausforderung für schulpastorales Handeln an katholischen Schulen.
„Wissen Sie, wo ich das Grußwort an Maria finde?“ So fragte mich jüngst eine Kollegin bei der Vorbereitung einer Andacht im Schulkontext. „Wie bitte?“, entgegnete ich irritiert. – Es hat etwas gedauert, bis ich verstanden habe, was meine Kollegin eigentlich meinte, bzw. worin unser Kommunikationsproblem lag.
Der für viele Religiöse bekannte Gebetswortschatz, wie z. B. „das Gegrüßest seist Du Maria“ wirkt für nicht wenige Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Mitarbeitende – auch an Schulen in kirchlicher Trägerschaft – fremd und ungebräuchlich. Sie halten sich für „normal“, d.h. für nicht religiös, treffen in kirchlichen Schulen teilweise jedoch auf eine religiöse Sprachanforderung, der sie sich nicht gewachsen fühlen. Noch schwieriger dürfte es für die „Normalen“ sein, das „Kirchensprech“ anzuwenden, um eigene, möglicherweise religiöse Gefühle und Empfindungen in Sprache zu bringen, wenn sie nicht wissen, was genau damit gemeint ist. – Wenn Schulpastoral aber genau das zum Ziel hat (man denke an den bischöflichen Auftrag, den Dialog mit den Menschen in der Schule zu führen), muss sie sich dem Problem der religiösen Sprachlosigkeit im schulischen Kontext stellen, die insbesondere in den nord-ost-deutschen Bistümern der Republik eher die nüchterne Regel, statt die Ausnahme ist.
Religiöse Sprache – was ist das?
Nähern wir uns dem Phänomen aus verschiedenen Perspektiven. Was genau meint religiöse Sprachlosigkeit? Religiöse Sprache ist die Rede zu Gott im Unterschied zur theologischen Fachsprache als Rede über Gott. – Die Rede über Gott entspricht einer distanzierenden objektivierenden Sprache, die das, was sie begrifflich zu treffen sucht, als Ergebnis eines diskursiven Verstehensprozesses fixiert. Die Rede zu Gott (entweder intersubjektiv oder subjektiv) ist demgegenüber sprachlicher Ausdruck eines Beziehungsverhältnis zu Gott. Sie ist oftmals metaphorische, symbolische oder analoge Rede. Worauf bezieht sich nun die Problemformulierung einer religiösen Sprachlosigkeit?
Meiner These nach betrifft es vor allem die religiöse Alltagssprache, die kaum noch präsent ist. Dafür lassen sich mehrere Faktoren ausmachen. Ein Grund für den Sprachverlust könnte die Konzentration auf die theologische Fachsprache sein, die nur Expertinnen und Experten zugänglich ist, während theologisch Unkundige aufgrund fehlender begrifflicher und semantischer Sprachkenntnisse kaum einen Verstehenszugang zur ihr gewinnen. Denn die theologische Fachsprache ist eine Expertensprache, deren Begriffe, wie z. B. „Dreifaltiger Gott“ oder „Offenbarung“ nur in einem Binnenraum wirklich verständlich sind. 1 Eine Adaption theologischer Inhalte in eine Alltagssprache ist damit kaum für die Allgemeinheit möglich und aufgrund des Relevanzverlustes von Religion auch nicht sonderlich zwingend.
Ein weiterer Grund für den Sprachausfall könnte die Auslagerung des „religiösen Geschäftes“ hinter Kirchentüren sein. Dem Sakralraum eigene liturgische Sprache – das „Kirchensprech“ 2 – hat für den gottesdienstlichen Gebrauch „überlebt“, ist aber vielfach nicht im alltäglichen Leben der Liturgieteilnehmerinnen und -teilnehmer bzw. für Menschen ohne kirchliche Sozialisation gebräuchlich. Sie wirkt oft formelhaft und exklusiv und das nicht nur, weil Gräzismen und Latinismen einen großen Raum einnehmen. Schließlich resultiert der schleichende Ausfall religiöser Alltagssprache auch aus der simplen Tatsache, dass dieselbe nicht gesprochen und damit auch nicht weitergegeben wird. Denn eine Sprache lernt man durch Hören und vor allem durch eigenes Sprechen.
Religiöse Sprachspiele wie z.B. „voller Hoffnung sein“ (bei Schwangerschaft) oder „behütet bleiben“ (unter Gottes Schutz stehen) gehen so verloren. Wenn aber der religiöse Wortschatz fehlt, kann auch religiöse Empfindung oder Erfahrung nicht mehr ins Wort gehoben und nicht mehr geteilt werden. Denn religiöse Deutung der individuellen Erfahrung bedingt die aktive Verwendung eines entsprechenden Sprachschatzes. Im Osten der Bundesrepublik, in dem religiös „nichts selbstverständlich“ ist, bedeutet dieser Sprachausfall für Religionsunterricht und Schulseelsorge, dass religiöse Sprachspiele überhaupt erst erlernt werden müssen. 3 Zumal in den östlichen Bundesländern, wo die Familie vielfach als Vermittlerin einer religiösen Alltagssprache ausfällt. Studien zeigen, dass die individuelle religiöse Rede, z. B. als persönliches Gebet, sogar in Familien zur Privatsache geworden ist, die sich ihrer Kirche und dem Gemeindeleben vor Ort sehr verbunden fühlen. 4 Das bedeutet, dass eine religiöse Alltagsrede kaum noch im häuslichen Umfeld oder Freundeskreis gepflegt wird und deshalb auch nicht im schulischen Kontext vorausgesetzt werden kann.
Verstehen und Üben religiöser Sprachspiele
Was könnte eine solche Bestandsaufnahme nun für kirchliche Schulen in den nord-ost-deutschen Diözesen der Republik bedeuten, deren Auftrag die Vermittlung religiöser Bildung ist? Wie kann eine Einführung in die Welt der religiösen Sprache bei dem hohen Anteil nicht religiös vorgeprägter Schülerinnen und Schüler gelingen? Wie lässt sich die religiöse Sprachkenntnis fördern, die Mitarbeitende benötigen, um eine religiöse Schulkultur zu unterstützen?
Entscheidend für das Verstehenlernen religiöser Rede im schulischen Kontext dürfte die Fähigkeit religiöser Expertinnen und Experten sein, religiöse Sprachspiele in den Schulalltag übersetzen zu können. Voraussetzung dieser Übersetzungskompetenz ist die Kenntnis des semantischen Gehalts religiösen Wortschatzes und eine eigene spirituelle Erfahrungswelt, die aus einer Verbundenheit mit dem Transzendenten schöpft. Beispielsweise müssten religiös konnotierte Begriffe wie „Lieben“ und „Glauben“ oder „Hoffen“ viel häufiger übersetzt werden, bevor sie der Schulgemeinschaft „gepredigt“ werden. Denn das religiöse Lieben meint nicht den biologischen Fortpflanzungsakt, das religiöse Glauben ist kein ungefähres Wissen und die religiöse Hoffnung nicht Zweckoptimismus.
Die religiös verstandene Wahrheit meint nicht mathematische Richtigkeit, die religiös verstandene Gnade ist ein unverdientes Geschenk und kein Zugeständnis. Sünde meint nicht eine moralische Disqualifizierung des Menschen, sondern beschreibt eher dessen Verhältnis zu Gott und seinen Mitmenschen. Die Liste der alltagssprachlich zu übersetzenden religiösen Begriffe ließe sich noch weiter fortsetzen.
Außerdem ist die Authentizität religiöser Rede bedeutsam. Dabei meint Authentizität sowohl intellektuelle Verständlichkeit als auch Subjektivität, d. h. Gebundenheit an die Lebens- und Erfahrungswelt des Sprechenden. 5 Zugleich ist auch ein wenig Mut gefordert, in großen Schulsystemen mit vielen nicht religiös geprägten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern öffentlich mit religiösem Vokabular zu sprechen. Einem beauftragten Schulseelsorger oder einer beauftragten Schulseelsorgerin wird eine solche religiöse Rede qua Amt zugestanden, für andere Professionen gilt dies nicht unbedingt in gleicher Weise. Hilfreich sind hierbei feste Zeiten und Orte im Schuljahr, in denen die religiöse Betrachtungsperspektive auf den Schulalltag von verschiedenen Gruppen (Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler, nichtpädagogisches Personal) in der jeweils eigenen Sprache reflektiert und zum Ausdruck gebracht wird.
Begegnungsräume mit Gott schaffen
Ein Ort für die Einübung in die religiöse Sprachwelt kann neben dem Religionsunterricht das Angebot der Schulpastoral an katholischen Schulen sein. Schulpastoral hat den Auftrag, Begegnungsräume mit Gott für den Einzelnen oder für Gruppen schaffen. Sie bietet geschützte Räume jenseits einer Bewertung oder eines Leistungsdrucks für das Ausprobieren und Erlernen religiöser Rede an.
Mögliche Formate der Unterstützung könnten beispielsweise offene Gesprächsangebote sein, in denen Sinnfragen des Lebens thematisiert werden und eine Suche nach Antworten sprachlich ermöglicht wird. Ebenso hilfreich für den religiösen Spracherwerb sind die aktive Mitgestaltung von liturgischen Feiern, die das Leben und den Alltag der Schulgemeinschaft thematisieren. Das können Feiern mit biografischem Bezug sein oder liturgische Feiern zu Beginn und Abschluss des Schuljahres, am Ende einer Schullaufbahn oder vor Prüfungen. Ins Wort gehobene Reflexion von gemeinsam gemachten Naturerfahrungen oder der Erfahrung im Aushalten von Stille bieten ebenfalls Anknüpfungspunkte, um sich in religiöser Alltagssprache einzuüben.
Besonders hilfreich kann der Austausch über Erfahrungen von Gestalten der Bibel sein. Methoden des Bibliologs oder Bibliodramas ermöglichen den Teilnehmern das empathische Einfühlen in die Personen biblischer Geschichten. Zugleich motivieren sie dazu, die eigene Sprache zu gebrauchen, um sich in die biblische Situation hineinzuversetzen oder sich stellvertretend für die biblische Person sprachlich zu äußern.
Religiös Empfundenes bleibt subjektiv und mehrdeutig.
Der Erwerb religiöser Sprache ist analog zum Erwerb musikalischer, literarischer oder künstlerischer Ausdruckmittel zu verstehen. Denn sie ist eine genauso metaphorische, symbolische bzw. analoge Sprache. Die Versprachlichung des religiös Empfundenen entzieht sich dem objektiven Zugriff wie das Erleben von Musik, Kunst oder Literatur. Es bleibt subjektiv und mehrdeutig und darf dies auch sein. Ein Training des Austauschs über künstlerische Zugänge zum Lebensalltag von Schülerinnen und Schülern oder Lehrkräften schult auch die Ausdrucksfähigkeit in religiösen Belangen. Insbesondere der Einübung in das Verstehen von Symbolen kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu.
Das Erlernen einer Sprache gelingt am besten über das Sprechen derselben. Den Lernprozess unterstützt dabei auch ein wiederkehrendes Feedback eines religiös erfahrenen Experten. Es kann Orientierung geben und für das weitere Bemühen motivieren. Denn das Interesse am Spracherwerb korrespondiert mit einer zunehmenden Teilhabe an der Sprachengemeinschaft.
Für den Erwerb religiöser Sprache hat es sich bewährt, regelmäßig wiederkehrende Anlässe im Schulalltag zu nutzen, um religiöse Anliegen im eigenen Sprachgebrauch zu formulieren und so eine religiöse Alltagssprache (weiter) zu entwickeln. Die Sprachformen von Danken, Bitten, Loben, Klagen oder Staunen sind dabei oftmals grundlegend. In ihnen sind Anliegen aus dem Lebensalltag eines jeden Mitglieds der Schulgemeinschaft für eine Begegnung mit dem Transzendenten vermittelbar.
Religiöse Redewendungen sind authentisch in die Alltagssprache zu übersetzen.
Eine religiös geprägte Schulkultur an katholischen Schulen setzt also den Gebrauch einer religiösen Alltagssprache voraus, die – zumindest im Osten der Republik – bei Schülerinnen und Schülern wie Lehrpersonal nicht vorausgesetzt werden kann. Deshalb bedarf es einer wiederholenden Einübung aller Mitglieder der Schulgemeinschaft in die religiöse Sprachwelt. Zugleich kommt es auf die Vermittlungskompetenz religiöser Expertinnen und Expertn an, religiös konnotierte Begriffe und den semantischen Gehalt religiöser Redewendungen in die Alltagssprache von Schülerinnen und Schülern bzw. Lehrkräften authentisch zu übersetzen. Methoden der aktiven Sprachteilnahme von Teilnehmenden bei der Gestaltung religiöser Anlässe unterstützen den religiösen Spracherwerb mehr als die Wiederholung auswendig gelernter, aber nicht verstandener Texte.
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Patricia Erben-Grütz, Theologiestudium in Erfurt und Freiburg, Weiterbildungsstudien in Sozialökonomie und Bildungsmanagement in Magdeburg und Halle/Saale; Referentin für Religionspädagogik, Lehrerbildung, Schulpastoral in der Edith-Stein-Schulstiftung des Bistums Magdeburg, in deren Trägerschaft sich 8 allgemeinbildende Schulen im Land Sachsen-Anhalt befinden.
Bild: privat
Bild: privat
- Vgl. Halbfas, Hubertus, Religiöse Sprachlehre, Ostfildern 2012, 327ff. ↩
- Körner, Reinhard, Kirchisch für normale Menschen, Leipzig 2012. ↩
- Vgl. Lütze, Frank, Verständigung, wo nichts selbstverständlich ist – Herausforderung der Weiterentwicklung des Religionsunterrichts in Ostdeutschland, in: Ulrich Kropac/ Mirjam Schambeck (Hg.): Konfessionslosigkeit als Normalfall: Religions- und Ethikunterricht in säkularen Kontexten, Freiburg/Bg. u.a. 2022, 264-278. ↩
- Vgl. Ergebnisse der Forschungsstudie: „Christliche Religiosität in Ostdeutschland im Spiegel familiärer Weitergabe“, Tagung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg am 09.05.2025. ↩
- Vgl. Altmeyer, Stefan, Fremdsprache Religion? Sprachempirische Studien im Kontext religiöser Bildung, Stuttgart, 2011, 315. ↩


