Am 22. März 2026 wurde – gemeinsam mit Rita Perintfalvi* – Erwin Kräutler in Luzern mit dem Herbert Haag Preis für Freiheit in der Kirche ausgezeichnet. Gleichzeitig erscheint sein Buch «Prophetische Kirche in Amazonien». Daniel Kosch stellt es vor.
Mit dem Herbert Haag Preis wird das lebenslange Engagement von Bischof Erwin Kräutler (*1939) gewürdigt, der von 1981 bis 2015 Bischof von Xingu war, dem flächenmässig grössten Bistum Brasiliens. Für seine Überzeugungen ist Dom Erwin, wie er von den Leuten genannt wird, trotz Lebensgefahr eingestanden, wurde bedroht, schwer verletzt und überlebte einen Mordanschlag nur knapp. Mut und Hartnäckigkeit zeichnen aber nicht nur seinen prophetischen Einsatz für die indigenen Völker Amazoniens und für die Ökologie aus, sondern auch seine Positionsbezüge innerhalb der Kirche. Die Herbert Haag Stiftung hebt drei Leitmotive seines Wirkens hervor:
- den Einsatz für Umweltschutz und Klima: «Wir haben nur diese eine Welt und keinen Plan B»
- das Engagement für die Rechte der indigenen Bevölkerung: «Sie sind nach wie vor in ihrem kulturellen, aber auch physischen Überleben bedroht»
- das Plädoyer für den Wandel hin zu einer nicht-klerikalistischen, geschlechtergerechten Kirche, die «Hoffnungsträgerin für Menschen an der existenziellen Peripherie ist».
Prophetische Kirchenkritik
Obwohl er Papst Franziskus kannte und schätzte, und seine Vision von einer synodalen Kirche teilte, äusserte er sich im Vorfeld der Zweiten Sitzung der Weltsynode 2024 sehr kritisch zum Instrumentum laboris, der Grundlage für die Arbeit der Synode. Zum einen bedauerte er, dass Franziskus das Thema der Weihe von Frauen aus dem Synodenprogramm gestrichen «und wie es scheint, auf den Sankt Nimmerleinstag hinausgeschoben hat». Es gehe «um Gottes Willen, doch nicht darum, was vor zweitausend Jahren tatsächlich gegolten hat oder nicht, sondern es geht um Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit. … Im Klartext: die Weihegnade darf Frauen nicht länger verweigert werden!» (Herder Korrespondenz online).
Zum anderen kritisierte er den Fortbestand der «ganze(n) hierarchische Machtpyramide mit den vielfältigen Stufen und Rängen». Und drittens hielt er fest, um den Menschen in Armut und Marginalität «überhaupt zuhören zu können, müssen wir uns erst einmal aus unserer kirchlich geschützten Geborgenheit hinaus in die geächtete, verabscheute Ungeborgenheit der Peripherien hineinwagen! nicht leicht! Und das Instrumentum laboris gibt auch keinen Rat, wie dies geschehen könnte oder soll».
Authentische Liebe zu Gott – konsequente Nachfolge Jesu – Option für die Armen
Zeitgleich mit der Verleihung des Herbert Haag Preises (mit dem 2023 auch die Redaktion von feinschwarz.net ausgezeichnet worden war) veröffentlicht die Edition Exodus unter dem Titel «Prophetische Kirche in Amazonien» ein Buch des Preisträgers. Der Untertitel «Indigene Völker und Ökologie» benennt dessen Hauptanliegen.
Sr. Birgit Weiler hat dazu eine instruktive Hinführung verfasst. Es sei «bezeichnend», dass Kräutler genau am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils 1965 nach Xingu in Brasilien kam. Denn er sei ein Priester und Bischof ganz in dessen Geist, der sich die «kopernikanische Wende» des Konzils in der Beziehung zu den nichtchristlichen Religionen zu eigen gemacht habe (14). «Im Geist des Evangeliums hat sich Erwin Kräutler von Anfang an […] entschieden für die Anerkennung der indigenen Völker, ihrer Würde, Rechte, Kultur und Sprache eingesetzt und mit den indigenen Menschen und Gemeinschaften Beziehungen auf Augenhöhe gestaltet, geprägt von wechselseitigem Austausch» (15).
Zudem macht die Hinführung auf die Verdienste Kräutlers für den katholischen Missionsrat für die indigenen Völker (CIMI) aufmerksam, den er mitbegründet und lange Jahre präsidiert hat. Der CIMI hat das Missionsverständnis erneuert: Mission bedeutet nicht länger Bekehrung, sondern, «Zeugnis zu geben vom Evangelium, gemeinschaftlich Samenkörner des Reiches Gottes zu säen und daher prophetisch Missstände und Ungerechtigkeiten, die die indigenen Völker erleiden, zu dokumentieren, sie zusammen mit den indigenen Völkern öffentlich anzuzeigen sowie mit friedlichen Mitteln für die Respektierung der Menschenrechte, insbesondere der Landrechte der indigenen Völker zu kämpfen» (19).
Mit Papst Franziskus verbinde Erwin Kräutler die Einsicht in «die unbedingte Notwendigkeit einer ganzheitlichen Ökologie […], in der die menschliche, soziale, wirtschaftliche, politische, kulturelle, ökologische und spirituelle Dimension miteinander verwoben sind» (21).
Neben seinem entschiedenen Einsatz «für eine synodale und geschlechtergerechte Kirche» (22) betont Birgit Weiler die für Kräutler typische Verbindung von «Mystik und Prophetie» (24). Um «Verantwortungslosigkeit, Unstimmigkeiten und Ungehorsam anzuprangern» und zugleich «das Volk, das leidet, zu trösten […] bedarf der Prophet oder die Prophetin jedoch selbst des Trostes und der Stärkung durch Gott in Kontemplation und Gebet» (24). Zum prophetischen Rollenverständnis des Xingu-Bischofs gehört, dass er nicht «eine Stimme für die Armen sein», sondern diese «tatkräftig darin unterstützen [will], mit eigener Stimme zu sprechen» (16).
Prophetische Kirche in Amazonien
Dieses Selbstverständnis widerspiegelt sich auch im Text von Erwin Kräutler. Einleitend stellt er die Rolle und das Wirken von Prophetinnen und Propheten in der Bibel vor (29-48), nicht ohne die biblische Reflexion mit dem amazonischen Kontext zu verknüpfen. Gegen Kreise, die behaupten, der Einsatz für die Indigenen und die Umwelt habe «nichts mit dem Evangelium zu tun», hält er fest, das hiesse, «die Augen vor Ungerechtigkeiten, Gewalttaten und Verbrechen gegen die Würde und die Menschenrechte zu verschliessen und zu schweigen angesichts der Ausgrenzung so vieler unserer Brüder und Schwestern […] Die Diskriminierungen zu leugnen, diejenigen zum Schweigen bringen zu wollen, die vor Schmerz schreien und nach Gerechtigkeit rufen, widerspricht dem Evangelium unseres Herrn Jesus Christus» (33).
An den biblischen Teil des Buches (37-40) schliesst nicht etwa eine auf das eigene prophetische Wirken bezogene Darstellung an, sondern eine sorgfältige Rekonstruktion des prophetischen Redens «in der Kirche Amazoniens» (49). Präsentiert wird eine lange Reihe von Versammlungen, Treffen und Gremien seit den 1970er-Jahren, für die der «Schutz des Lebens in Amazonien» (58) eine wichtige Rolle spielte. Zahlreiche Dokumente und Statements bezeugen die tiefe Verwurzelung des Engagements
- in der konkreten Situation,
- in der Verbundenheit mit den Menschen und der Schöpfung,
- sowie im eigenen Glauben,
aber auch die globale Bedeutung des Themas. Als «Schwester der Schöpfung betrachtet die Kirche Amazoniens den Schutz der gesamten Schöpfung als Teil ihrer fundamentalen Option und ruft alle Männer und Frauen dazu auf, sich um den Planeten als unser gemeinsames Zuhause zu kümmern» (79).
Die Kirche Amazoniens als solche hat eine prophetische Rolle. Dies nicht nur wegen der weltweiten Bedeutung von Amazonien für das Klima und den globalen Wasserhaushalt, sondern auch aufgrund ihrer Art und Weise, als Kirche zu leben und mit den pastoralen Herausforderungen umzugehen. Schon 2013 fand ein erstes «Treffen der Katholischen Kirche im Amazonasbecken in neuen Formen» statt, 2019 dann die Amazoniensynode in Rom, deren Schlussdokument für synodale Prozesse plädiert und die Weltsynode vorwegnimmt: «Es wird höchste Zeit, sich auf diesen Weg zu begeben, Verantwortlichkeiten vorzuschlagen und zu übernehmen, um Klerikalismus und willkürliche Anweisungen zu beenden. Synodalität ist eine verfassungsmässige Dimension der Kirche. Wir können nur dann Kirche sein, wenn wir darauf achthaben, dass das gesamte Volk Gottes den sensus fidei wirksam ausüben kann» (83, vgl. auch 96-103). Vor diesem Kontext wird auch der Einsatz von Papst Franziskus für die indigenen Völker und die Ökologie sowie für das «geliebte Amazonien» gewürdigt (91-95).
Märtyrerinnen und Märtyrer des Weges
Ein letztes Kapitel (107-116) bezeugt anhand von Personen, die Kräutler persönlich gekannt hat, das Wirken von Frauen und Männern, die ihren Einsatz für Menschenrechte und Menschenwürde mit dem Leben bezahlt haben. Denn «keine Rede und kein Artikel zur Verteidigung Amazoniens, der in ihrer physischen und kulturellen Existenz gefährdeten Völker und der nicht weniger durch skrupellose Ausbeutung, Brandrodungen, Abholzungen und Verlust der Artenvielfalt bedrohten Umwelt darf diejenigen vergessen, die das Engagement für diese Anliegen das Leben gekostet hat» (107).
«Heiliger Boden»
Ein «unvorhergesehener Epilog» (117-131) spricht von der Verbundenheit Erwin Kräutlers mit Papst Franziskus und vom Beginn des Pontifikates von Leo XIV. Anlässlich eines Treffens von Franziskus mit Vertretungen indigener Völker in Peru 2018 hielt dieser eine Ansprache, welche eindrücklich von der Bedeutung dieser Völker für jene spricht, die nicht in diesen Gebieten leben: «Wir, die wir nicht in diesen Gebieten leben, brauchen eure Weisheit und euer Wissen, um ohne Zerstörung in den Schatz eintreten zu können, den diese Region in sich birgt; und die Worte des Herrn an Mose hallen wider: ‹Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden› (Ex 3,5)» (123).
Ein Anhang (133-152) dokumentiert einen 2014 erstmals veröffentlichten autobiographischen Text, der sich zusammen mit der Hinführung von Birgit Weiler gut als Einstieg in die Lektüre eignet und einen starken Eindruck von der Persönlichkeit dieses aussergewöhnlichen Bischofs und seiner «liebenden Solidarität» hinterlässt (138).
Synodalität und Einsatz für die Welt

Erwin Kräutler, Prophetische Kirche in Amazonien. Indigene Völker und Ökologie, Edition Exodus: Luzern, 2026, 152 Seiten.
*Rita Perintfalvi setzt sich in Ungarn für die Opfer sexuellen und spirituellen Missbrauchs ein, engagiert sich für die Geschlechtergerechtigkeit und gegen jede Form der Diskriminierung und ist heftigster Kritik ausgesetzt – beispielsweise vonseiten rechtsgerichteter und regierungsnaher Medien. Die Würdigung Ihres Wirkens durch Irmtraud Fischer, Mitglied des Stiftungsrates der Herbert-Haag-Stiftung, sowie die Rede der Preisträgerin sind hier zugänglich.
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Daniel Kosch, Dr. theol., leitete von 1992-2001 die Bibelpastorale Arbeitsstelle SKB und war von 2001-2022 Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) . Seit 2023 ist er Präsident des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.
Jüngste Publikation: «Synodal und demokratisch. Katholische Kirchenreform in schweizerischen Kirchenstrukturen» (Edition Exodus, Luzern 2023).
Foto: Christoph Knoch


