Paulina Schröder ist Theologin. Und sie ist Mutter. Hier teilt sie Reflexionen über beides – und die Welt, in der wir leben.
Mein Sohn betrachtet neugierig eine Schnecke. Er legt seine Schätze, einen kleinen Bagger, die Schaufel und meinen Schlüssel, auf den Boden und setzt sich daneben. Das ist derzeit sein Lieblingsspiel: „sitzen“. Nichts drängt ihn weiter, nichts muss fertig werden, nichts muss irgendwohin. Es gibt nur diese Schnecke und Zeit, die stehen bleibt.
Ich stehe wartend hinter ihm und als er mich mit „Mama sitzen“ auffordert, mitzuspielen, versuche ich nervös, ihn zum Weitergehen zu bewegen. Nicht, weil es anstrengend wäre, hier zu stehen und die Schnecke anzuschauen, sondern weil sich „sitzen“ der Logik entzieht, durch die mein Alltag sonst strukturiert ist: Zielorientierung, Effizienz, Fortschritt. Meist habe ich eine To-Do-Liste, die meinen Tag in eine ordentliche Abfolge einzelner Schritte zerlegt. Das Spiel meines Sohnes hingegen scheint in einer anderen Zeitlichkeit stattzufinden, in einer, die nicht in winzige Einheiten zerfällt.
Das Leben ist gut sortiert
Das reguläre Leben unserer mitteleuropäischen Gesellschaftsordnung ist gut sortiert: Es gibt eine Zeit für Arbeit, eine Zeit für Familie, eine Zeit für uns oder mich, denn die Tage sind unterteilt in Arbeitszeit, Familienzeit, Freizeit. Lebensräume werden funktional differenziert: hier wird gearbeitet, dort geschlafen, anderswo gespielt. In den meisten Wohnungen gibt es sogar ein Wohnzimmer, einen Raum, in dem einfach nur gewohnt wird – was auch immer das heißt. Soziale Rollen folgen ebenfalls einer solchen Logik. Mich gibt es in beruflich, privat, familiär, gesellschaftlich. Vormittags bin ich die und nachmittags eine andere.
Diese Form der Ausdifferenzierung ist nicht zufällig. Hier zeigt sich im Kleinen, was Ivan Illich bereits in den 70er Jahren als Verlagerung von Lebensvollzügen in institutionelle Räume kritisiert[1]: Erwerbstätigkeit, Carearbeit, Bewegung, Bildung, Kultur – alles hat eine eigene Raum-Zeit und selten fallen sie zusammen. Klare Abgrenzung von Zeiten, Räumen, Rollen und Identitäten stellt eine Grundlage moderner Gesellschaften dar, ermöglicht sie dem Individuum doch Spezialisierung, steigert seine Effizienz und verschafft ihm (vermeintliche) Freiheitsräume.
Fragmentierung trennt, was zusammengehört
So ist Fragmentierung – von lateinisch frangere, brechen – das Gebot der spätmodernen Stunde. Doch wie bei der Fragmentierung einer Festplatte wird dabei das Ganze auseinandergebrochen, damit zur Steigerung der Arbeitsleistung einzelne Teile neu geordnet werden können. Es wird getrennt, was zusammengehört.
Hartmut Rosa interpretiert Fragmentierung als eine Form von Weltbeziehung, die auf Steigerung, Kontrolle und Reichweite abzielt und damit letztlich dem Zweck dient, alles – auch die eigene Person – universell verfügbar zu machen.[2] Dabei drohe laut Rosa die Erfahrung von Resonanz verloren zu gehen. Was Rosa als Resonanz beschreibt, lässt sich auch anthropologisch lesen: dass nämlich menschliches Leben wesentlich auf Beziehung hin angelegt ist – und dort brüchig wird, wo Beziehungen und Bezogenheiten zerfallen.
Mein neuer Alltag mit Kind
Mein neuer Alltag mit Kind folgt nur noch selten einer kontrollierten, effizienten Abfolge. Ich stehe in der Küche und koche. Mein Sohn sitzt auf der Arbeitsplatte, rührt mit einem Löffel in einer leeren Schüssel und beobachtet, was ich tue. Zwischen meiner Schulter und dem Ohr klemmt das Telefon, nebenbei wische ich etwas auf, das übergelaufen ist. Nichts davon geschieht nacheinander, sondern alles gleichzeitig. Und nichts von dem, was ich angefangen habe, wird fertig. Obwohl ich als Mutter nun schon fast zwei Jahre alt bin, lerne ich noch immer: Das ist keine schlechte Organisation. Es ist eine andere Form von Wirklichkeit.
Freund:innen gratuliere ich daher zur Geburt ihrer Kinder mit den Worten: Willkommen auf der anderen Seite. Wer Kinder hat, spürt deutlich, dass die durch Fragmentierung optimierte Ordnung des Alltags unter Druck gerät. Nicht, weil sie grundsätzlich widerlegt würde, sondern weil sie sich als nur begrenzt tragfähig erweist. Kinder fügen sich nicht in Zeitfenster, nicht in Räume, nicht in Zuständigkeiten. Ihr Anspruch ist umfassend(er), sie wollen nicht betreut werden, sondern sie wollen am Leben teilnehmen. Damit bringen sie eine Erfahrung ins Spiel, die im fragmentierten Alltag kaum vorgesehen ist: Gleichzeitigkeit. Plötzlich geschehen Dinge nebeneinander. Leben lässt sich nicht mehr vollständig synchronisieren.
Nebeneinander von Aufgaben, die es zu bewältigen gilt
Besonders deutlich zeigt sich diese Spannung in der Organisation von Sorgearbeit. Erwerbsarbeit, Care-Arbeit, Beziehungsarbeit und Selbstsorge werden häufig additiv als ein Nebeneinander von Aufgaben gedacht, die es zu bewältigen gilt. Die damit einhergehende Belastung ist vielfach beschrieben worden.[3] Weniger Aufmerksamkeit erhält jedoch die strukturelle Dimension: dass diese Aufgaben nicht nur zahlreich sind, sondern unterschiedlichen Logiken folgen, und dass sie sich gerade deshalb oft kaum miteinander vereinbaren lassen.
Die Folge ist nicht nur Überforderung, sondern auch Vereinzelung, welche nicht selten gerade diejenigen Menschen trifft, die am meisten Beziehung brauchen und leben. Care-Theoretikerinnen wie Joan Tronto weisen darauf hin, dass Sorgearbeit keine private Zusatzaufgabe, sondern eine grundlegende gesellschaftliche Praxis sei – die jedoch in fragmentierten Lebensformen oft unsichtbar bleibt.[4] Wo das Bewusstsein für die gesellschaftlich-strukturelle Ebene dieser Themen fehlt, führt Fragmentierung daher häufig zu Fragmentarisierung – der Zerstückelung von Lebensräumen, Beziehungen und Identitäten.
Heilsam, weil es Brüche sichtbar macht
Allen Irritationen und Herausforderungen zum Trotz erfahre ich das Leben mit Kind als heilsam, weil es Brüche in der von uns erdachten Lebenswelt und -praxis sichtbar macht. (M)ein Kind interessiert sich nicht für die Trennung von Arbeits- und Lebenszeit. Es unterläuft funktionale Zuordnungen. Es besteht auf Präsenz. (M)ein Kind braucht Gemeinschaft und stiftet sie. Damit verweist es auf eine Dimension von Leben, die sich der Fragmentierung entzieht: Beziehung als etwas, das nicht beliebig unterbrochen und wieder aufgenommen werden kann. Oder, um es mit Rosa zu sagen: Beziehung als gemeinsames Resonanzgeschehen, das sich nur dort ereignet, wo wir uns wirklich betreffen und verbinden lassen.
Derart existenzielle Überlegungen wecken die sich eigentlich in Elternzeit befindende Theologin in mir. „Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen“ lautet ein Satz, der mir immer wieder begegnet. Gemeint ist: Eltern und Kinder brauchen ein vielfältiges, buntes soziales Netz. Meine Hoffnung als werdende Mutter war, dass eine Dorfgemeinschaft auftaucht, sobald ein Kind da ist – in Nachbarschaft, Familie, unter Freund:innen und nicht zuletzt in Kirche. Immerhin kennt die christliche Tradition eine starke Vorstellung von Gemeinschaft, die Trennungslinien nicht aufhebt, aber relativiert: „Da ist nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave noch Freier“ (Gal 3,28). In Aussicht gestellt ist im Galaterbrief eine Form des Zusammenlebens, die sich nicht an Zugehörigkeiten und Zuständigkeiten orientiert.
Widerstand gegen funktionale Differenzierung
Leider zeigt sich mir ein anderes Bild, nämlich eine kirchliche Praxis, die ebenfalls der Logik funktionaler Differenzierung folgt und zielgruppenspezifisch, kategorial sowie effizient organisiert sein will. Kinder unter sich. Familien unter sich. Erwachsene unter sich. Männer, Frauen, Studierende, Alte – jeweils unter sich. Dabei zerbricht nicht nur ein Ideal, sondern vor allem geht eine Erfahrung verloren: dass Glaube sich in der Gleichzeitigkeit und Vielfalt gemeinsamen Lebens vollzieht – nicht in seiner Aufteilung. Als Frau, Mutter und Theologin habe ich eine unbequeme Anfrage: Reproduziert Kirche, indem sie immer passgenauere Angebote schafft, genau jene Fragmentierung, welche die Botschaft des Evangeliums zu überwinden sucht?
Fragmentierung lässt sich nicht einfach zurückdrehen. Sie ist Teil moderner Lebensverhältnisse – und sie ermöglicht vieles, aber neutral ist sie nicht. Wo Fragmentierung zur dominierenden Logik wird, gerät Leben unter Druck, das auf Gleichzeitigkeit, Offenheit und Bezogenheit angewiesen ist. Leben mit Kindern macht diese Spannung sichtbar. Nicht als Ideal, sondern als Widerstand.
Für einen Moment fällt nichts auseinander
Mein Sohn sitzt noch immer neben der Schnecke. Jetzt sitze ich daneben. Hier auf dem Boden kann ich nichts organisieren, nichts planen, nichts tun. Ich kann nur sitzen, schauen, einfach da sein. Und für einen Moment fällt nichts auseinander – fast so, als ließe sich Leben gar nicht teilen. Sie mögen das für illusorische Idylle halten. Doch in mir klingt in diesem Moment eine Erinnerung an, leise und durchdringend wie ein Urton, der singt: Ich bin doch eins und als solches Teil eines Ganzen.
[1] Vgl. Illich, Ivan: Entschulung der Gesellschaft, München 20177.
[2] Vgl. hier und im Folgenden: Rosa, Hartmut: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2019.
[3] Vgl. z.B. Schutzbach, Franziska: Die Erschöpfung der Frauen. Wider die weibliche Verfügbarkeit, München 20218.
[4] Vgl. Tronto, Joan C.: Moral Boundaries. A political argument for an ethic of care, New York 1993 sowie dies.: Caring democracy. Markets, equality and justice, New York 2013.
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