Seelsorge gehört zu den Kernaufgaben der Kirchen. Ulrich Feeser-Lichterfeld und Stefan Gärtner legen hier Thesen zur Professionalität in der Seelsorge vor. Und sie laden alle Interessierten an der Zukunft der Seelsorge und der in ihr Engagierten zur Diskussion ein.
Es braucht keine aufwendigen Statistiken und gewagten Prognosen, um festzustellen, dass die Zahl der Hauptamtlichen in der Pastoral sinkt und weiter sinken wird. Insbesondere im weiten Feld der christlichen Seelsorge sind schon jetzt Bewältigungsstrategien erkennbar, die nachdenklich stimmen: Planstellen in der sogenannten Kategorialpastoral – zum Beispiel in Krankenhäusern oder Altenpflegeeinrichtungen – werden nicht neu besetzt und Basisqualifizierungen für Nicht-Theolog:innen treten an die Stelle des lange Zeit selbstverständlichen Zu- und Miteinanders aus Theologiestudium und berufspraktischer Aus- und Weiterbildung zur Seelsorger:in. Die nachfolgenden Thesen zur Professionalität in der Seelsorge wollen die Diskussion zwischen den beiden Verfassern hierzu ausweiten und von dritter Seite befragen lassen. Alle Interessierten an der Zukunft der Seelsorge und der in ihr beruflich Engagierten sind eingeladen, ihrerseits Position zu beziehen.
Professionell heißt: Handeln mit fachlicher Qualität einerseits und Handeln von Profis andererseits
1. Intuitiv erscheint es wünschenswert und geboten, dass in der Seelsorge so professionell wie möglich gearbeitet wird. Schließlich mag es als logisch gelten, dass seelsorgliches Handeln besser ist, je professioneller es geschieht. „Professionell“ ist hier in einem doppelten Sinne gemeint: Handeln mit fachlicher Qualität einerseits und Handeln von Profis andererseits, hier also von in der kirchlichen Seelsorge angestellten Hauptamtlichen. Dass zwischen beiden Begriffsbedeutungen Spannungen, ja Widersprüche entstehen können, ist evident: Wer kennt nicht Seelsorgende, die ihr „Handwerk“ nur unzureichend beherrschen? Umgekehrt gibt es Menschen ohne pastoralen Beruf oder ohne amtskirchliche Beauftragung, die dennoch sehr erfolg- und folgenreich seelsorglich wirken. Günstig für Gegenwart und Zukunft von Seelsorge erscheint es uns gleichwohl, dass diese weiterhin auch professionell gestaltet wird. Dabei müssen sich aber Fähigkeits- und Zuständigkeitskompetenzen bei den handelnden Personen hinreichend entsprechen. So werden sie von ihren jeweiligen Gegenübern als stimmig erlebt.
Wer Seelsorge sucht, kann dementsprechend von einer Seelsorgeperson Qualität erwarten
2. Versteht man Professionalität in der Seelsorge als das qualifizierte Berufshandeln von haupt- und nebenamtlich Tätigen, sorgt dies für Zuverlässigkeit in der Kirche. Das hier verortete professionelle Handeln zeichnet sich dann durch Fachwissen und erlernbare Kompetenzen und Fähigkeiten aus. Wer Seelsorge sucht, kann dementsprechend von einer Seelsorgeperson Qualität erwarten und sollte keine Stümperei und schon gar keinen geistlichen Missbrauch im kirchlichen Kontext befürchten müssen. Mehr noch: Wo Qualitätsstandards in der Seelsorge unterschritten werden, können die Betroffenen Verbesserungen einfordern. Das gibt ihnen (zumindest potenziell) Einfluss auf die Pastoral und die Kirche insgesamt. Gut gemeint ist in einer professionellen Kirche nämlich nicht mehr gut genug. Zusätzlich betrifft Professionalisierung nicht nur die individuelle Berufsausübung, sondern auch die Organisationsstruktur der Konfessionsgemeinschaften. In einer unprofessionellen Institution ohne Mitbestimmung, Transparenz, Anerkennungskultur, passende Weiterbildungsangebote oder Aufstiegsmöglichkeiten kann man auf Dauer als Fachperson nicht bestehen.
3. Auch wenn Seelsorge manches Mal oder auch häufiger als wenig oder gar nicht seelsorglich erlebt wird, widerspricht dies nicht der Notwendigkeit, sie weiter zu professionalisieren. Ganz im Gegenteil. Schließlich ist Fachlichkeit von Seelsorge kein Selbstzweck, sondern Dienst an der Kommunikation des Evangeliums in einer weltanschaulich pluralen Gesellschaft. Unbeschadet der Erfahrung und Einsicht, dass sich seelsorgliches Geschehen auch ohne bewusstes Zutun zwischen den Beteiligten ereignen kann, impliziert die Berufsrolle von Profis ein spezielles Wissen und Können. Das ist nicht zuletzt ein Erfordernis angesichts gewachsener und weiter wachsender Komplexität seelsorglich-pastoralen Handelns, insbesondere in nicht-kirchlichen Zusammenhängen. Es braucht entsprechend qualifizierte Berufsrollenträger:innen.
Es ist ein Kennzeichen von Professionalität, wenn die beruflich Handelnden dieses Potenzial wahrnehmen, würdigen und verstärken.
4. Dass Professionalisierung in der Seelsorge aber kein Selbstzweck ist, zeigt sich darin, dass sie dem Empowerment aller Getauften in der Kirche sowie potenziell aller Menschen dient bzw. zu dienen hat. Haupt- und Nebenamtliche im pastoralen Dienst ergänzen mit ihrer Expertise das Handeln anderer: Sie können Dinge, die Professionslaien (noch) nicht können; umgekehrt haben Letztere Möglichkeiten, über die eine hauptamtliche Seelsorgeperson nicht immer verfügt, wie etwa die direkte Teilhabe an der Lebenswelt der Betroffenen. Es ist vorrangiges Ziel der Hauptamtlichen bzw. es sollte ihr Bestreben sein, das Vermögen aller im Sinne von seelsorglichem Können und Wollen auszubauen und neu zu inspirieren. Fachleute in Seelsorge sind sich bewusst, dass sie es mit Menschen zu tun haben, die als Geschöpfe Gottes und als Getaufte zur Selbst- und Nächstensorge berufen und befähigt sind. Es ist ein Kennzeichen von Professionalität, wenn die beruflich Handelnden dieses Potenzial wahrnehmen, würdigen und verstärken. Insbesondere erweist sich eine Fachperson dann als professionell, wenn sie willens und fähig ist, von der nicht-professionell praktizierten Seelsorge zu lernen.
5. Fachlichkeit in der Pastoral ist dementsprechend schlecht bzw. gerade nicht professionell, wo die Fähigkeiten der Professionslaien abgewertet statt gefördert werden. Mag das auch oftmals unbewusst geschehen, es führt auf deren Seite entweder zu Verletzungen oder zu Spiegelreaktionen. Im zweiten Fall verhalten sich die Betroffenen analog zum Auftreten der Neben- und Hauptamtlichen abhängig und sie schätzen ihre eigene Befähigung und Berufung zur (Seel-) Sorge gering. Das kann dauerhaft zu einem protoprofessionellen Verhalten führen, welches das Handeln der Profis überhaupt erst anregt und in der Folge unverzichtbar erscheinen lässt. Dies bestätigt wiederum deren Rolle und Bedeutung, sodass solche Fachleute gerne und unkritisch auf alle möglichen Bedürfnisse und Fragen der Menschen eingehen. Professionalisierung ist hier, so unverzichtbar sie als Reaktion auf soziale Differenzierungsprozesse in Moderne und Spätmoderne ist, eine Machtstrategie zur Aufrechterhaltung und Verteidigung einer berufsständischen Rolle.
Fachlichkeit wird gegenüber amtstheologischen Argumenten als sekundär gewertet.
6. Die Machtdynamik der Professionalisierung kennt in der römisch-katholischen Kirche mit der Unterscheidung zwischen Geweihten und Ungeweihten eine einmalige Variante. Der Vorrang der Geweihten in der pastoralen Rolle beruht nicht auf professionellen Fertigkeiten, sondern er wird bereits vorgängig festgestellt. Zusätzlich werden Frauen und Transpersonen aufgrund eines dem Berufshandeln vorgeschalteten Kriteriums oftmals von einer Leitungsrolle in der Kirche ausgeschlossen. Beides erschwert ein Professionalisierungsplädoyer, insofern Fachlichkeit gegenüber amtstheologischen Argumenten als sekundär gewertet wird.
Jesus Christus ist und bleibt das erste Subjekt in der Pastoral
7. Selbstverständlich gibt es Aufgaben insbesondere in der Kategorialpastoral, die ein theologisches Studium sowie auf die Seelsorgepraxis ausgerichtete Zusatzausbildungen erfordern, zum Beispiel pastoralpsychologische oder homiletische. Auch aus diesem Grund ist ein Mehr an Fachlichkeit in der Seelsorge unverzichtbar. Insgesamt erscheint es für den Professionalisierungsdiskurs in der Kirche geboten und überfällig, dass hinreichend konkrete und kommunizierbare Qualitätsstandards formuliert und mit Hilfe von Wirkmodellen geprüft und fortgeschrieben werden. Solche Standards und Modelle zu entwickeln, zu erproben, kritisch zu reflektieren und immer wieder zu reformulieren, ist eine Aufgabe von Seelsorgeprofis gemeinsam mit den Dienstgebern. Dass die Praktische Theologie hier unterstützen kann, erscheint uns naheliegend, gilt es aber immer wieder zu beweisen. Praxis- und Theorieprofis dürften auf jeden Fall gut beraten sein, wenn sie Qualitätsstandards und Wirkmodelle nicht selbstreferentiell entwerfen, sondern dafür sowohl bei der Alltagsseelsorge von Professionslaien als auch bei nicht-theologischen Disziplinen in die Lehre gehen.
8. Nicht zuletzt: Christ:innen, die professionell in der Pastoral tätig sind, können dank ihrer theologischen Aus- und Fortbildung sich, ihre Berufsrolle und ihr Handeln relativieren und zugleich immer wieder neu ausrichten an Jesus von Nazareth, den die deutschen Bischöfe in ihrem Wort „In der Seelsorge schlägt das Herz der Kirche“ als den Seelsorger schlechthin bezeichnet haben. Ihm gegenüber sind alle Profis in der Pastoral, also Priester, Diakone und weitere haupt- und nebenamtliche Seelsorger:innen, so die Bischöfe, „Seelsorgehelfer“. Denn Jesus Christus ist und bleibt das erste Subjekt in der Pastoral.
Hintergrundliteratur der Autoren:
Feeser-Lichterfeld, Ulrich; Feiter, Reinhard: Gemeinde und Berufung, in: Pastoraltheologische Informationen 28 (2008-1), 144-161. https://doi.org/10.17879/zpth-2008-8283
Feeser-Lichterfeld, Ulrich; Brüseke, Katharina; Hartl, Matthias; Riese, Marion: Mehr Seelsorge als gedacht. Wahrnehmungen und Perspektiven seelsorglichen Engagements in Caring Communities, in: Zeitschrift für Pastoraltheologie 41 (2021-2), 107-119. https://doi.org/10.17879/zpth-2021-3754
Gärtner, Stefan: Vor Risiken und Nebenwirkungen wird gewarnt. Beobachtungen zur Professionalisierung der Pastoral, in: Pastoraltheologische Informationen 32 (2012-1), 27-47. https://doi.org/10.17879/zpth-2012-1197
Gärtner, Stefan: Pastorale Beruflichkeit von Lai*innen angesichts radikaler religiöser Deinstitutionalisierung, in: Burke, Andree; Henkelmann, Andreas (Hg.): Laienberufe in der Pastoral. Krise, Transformationen und Neuformatierungen in der katholischen Kirche, Stuttgart 2025, 141-153.
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