Schwester Christine Klimann arbeitet im Frankfurter Priesterseminar. Sie gehört zum Team der spirituellen und pastoralpsychologischen Ausbildung in Sankt Georgen. Und sie fragt sich, wie sie mit den Spannungen, die ihre Rolle und ihre Aufgabe mit sich bringen, sinnvoll umgehen kann.
Für ein gemeinsames Wochenende der Seminaristen der norddeutschen Priesterseminare – dem ersten seiner Art – zum Thema „Identität und Gottesbilder“ setze ich mich vor einigen Monaten mit Fritz Riemanns „Grundformen der Angst“[1] näher auseinander. Einigermaßen erschrocken bin ich, als mir bei Riemanns Beschreibungen der verschiedenen Typen klar wird, wie gut man meinen Einsatz in der Priesterausbildung als depressive Strategie verstehen kann. Mir ist – und zwar rein aufgrund meines Geschlechts, denn ich bin nicht nur Theologin, sondern lebe auch zölibatär – eine Straße verwehrt. Und was mache ich? Ich helfe anderen, auf ihr voranzukommen.
Diejenigen, die mich morgen
aus der Kirche hinausdrängen?
Eine noble, evangeliumsgemäße Geste, könnte man sagen. Aber ist das nicht masochistisch? Zumal ein realistischer Blick auf die Männer, die sich gegenwärtig für das Priestertum interessieren, zeigt, dass ein Großteil von ihnen eine ganz andere Kirche bauen und stützen wollen, als ich mir wünsche. Ich halte es nicht für unrealistisch, dass diejenigen, denen ich heute in unterschiedlichen Ausbildungskontexten begegne, morgen diejenigen sein könnten, die mich eines Tages endgültig aus der Kirche hinausdrängen.
Läuft hier also grundsätzlich etwas falsch? Bin ich Systemerhalterin wider Willen? Sollte ich mich in Psychotherapie begeben oder meinen Job wechseln? Diese Fragen beschäftigen mich immer wieder. Gleichzeitig gibt es da diesen Eindruck, dass meine Tätigkeit in der Priesterausbildung vielleicht tatsächlich etwas mit Berufung zu tun haben könnte. Ich bin zwar in der Berufungspastoral tätig, stehe dem Begriff Berufung, vor allem auch in Bezug auf mein eigenes Leben, aber durchaus skeptisch gegenüber. Zu leichtfertig wird in Verbindung mit diesem Begriff gedacht, dass Gott einen präzisen Plan für ein Leben hat, zu schnell werden höchst komplexe Vorgänge monokausal interpretiert. Das klingt dann in der Erzählung eines Berufungsweges etwa so: „… und dann kam meine Berufung“. So als ob damit alles klar wäre.
Vielleicht gibt es aber so etwas wie einen Ruf, eine Einladung, die herausfordert und dennoch die menschliche Freiheit respektiert. Und vielleicht gibt es noch eine andere Erklärung für meine Tätigkeit in der Priesterausbildung als eine masochistische Veranlagung.
Erst einmal ist es nichts Außergewöhnliches, Menschen auf Wegen zu fördern, die man selbst nicht gehen kann. Viele Lehrerinnen, Mentoren, Trainerinnen, Eltern – und die Liste der Rollen und Berufe ließe sich noch beliebig fortsetzen – helfen anderen Menschen dabei, Ziele zu erreichen, an denen sie selbst nie angekommen sind. Das Eigentümliche an meiner Situation ist, dass der Grund dafür rein im Geschlecht liegt und dass es in der westlichen Welt kaum andere Aufgaben und Positionen gibt, die an dieser Variabel hängen. Nur Gynäkologen – und die wenigen männlichen Hebammen – befinden sich in einer ähnlich-anderen, noch auswegloseren Konstellation. Sie werden die Erfahrung, bei der sie Frauen professionell begleiten, selbst nie machen können.
Ungerechtigkeitsgefühl
Obwohl ich mit hoher Wahrscheinlichkeit Priesterin geworden wäre, hätte es die Möglichkeit dazu gegeben, empfinde ich eher ein Ungerechtigkeitsgefühl als den tiefsitzenden Wunsch nach dem Priestertum und den damit verbundenen Möglichkeiten. Wäre das anders, hätte ich tatsächlich den starken Wunsch, selbst Priesterin zu werden, würde Freud wahrscheinlich berechtigterweise grüßen lassen. Masochismus wäre nur eine der möglichen Spielarten unbewusster Dynamiken, die mich in die Priesterausbildung hätten führen können.
Von meinem Charakter her bin ich keine Kämpferin. Vor einiger Zeit habe ich von einem Kirchenmann das etwas zweifelhafte Kompliment bekommen, als gutausgebildete und profilierte Frau so angenehm angenehm zu sein. Vielleicht tut mir da das Empfinden von Ungerechtigkeit ganz gut, wenn es darum geht, mich nicht einfach mit allem abzufinden, sondern meine Weise zu suchen, produktiv in der Priesterausbildung präsent zu sein.
Fokus der Persönlichkeitsentwicklung
Priesteramtskandidaten verbringen gewöhnlich die Zeit ihres Theologiestudiums in einem Priesterseminar und sollen sich während dieser Zeit ihrer intellektuellen Ausbildung, aber auch der Einübung ins geistliche Leben widmen und durch Praktika erste pastorale Erfahrungen machen. Die Ausbildungsordnungen[2] betonen dabei ausdrücklich die Wichtigkeit der menschlichen Dimension der Ausbildung, das heißt der Persönlichkeitsbildung. Pastoralpsychologie beschäftigt sich in der Priesterausbildung oft mit der Frage der Eignung der Kandidaten. Meine Aufgabe hat hingegen den Fokus der Persönlichkeitsentwicklung und ist daher im forum internum angesiedelt. Die Aufteilung in forum externum (Regens – Ausbildungsleitung) und forum internum (Spiritual – geistliche Begleitung) hat in der Priesterausbildung Tradition und soll gewährleisten, dass es auch im Ausbildungskontext einen geschützten, vertraulichen Rahmen gibt, in dem die Kandidaten nicht befürchten müssen, bewertet zu werden. Die Arbeit mit der Gruppe und die Einzelgespräche mit mir dienen der persönlichen Weiterentwicklung und Selbstreflexion. Die Gespräche sind teilweise verpflichtend, teilweise freiwillig und können nur fruchtbar werden, wenn die Beziehung stimmt und von gegenseitigem Respekt geprägt ist. Vielleicht liegt gerade darin das zutiefst Sinnhafte meiner Tätigkeit.
Denn dazu brauche ich nicht nur einen realistischen und professionellen Blick auf die Seminaristen, sondern auch eine Haltung des Respekts ihnen gegenüber. Auch wenn ich manches nicht verstehe und anderes fragwürdig finde, respektiere ich ihre Motivation, ihre Lebensgeschichte, ihre Bereitschaft, sich zu engagieren, das Geheimnis ihrer jeweiligen Person, das sich nie ganz ergründen lässt. Und ich glaube an die Möglichkeit zu Veränderung und Entwicklung. Die Spannung zwischen Realismus und Hoffnung zu halten, ist anstrengend.
Sowohl der realistische Blick als auch die Hoffnungsperspektive stützen sich auf zwei Säulen: zum einen auf psychologische Erkenntnisse, zum anderen auf die geistliche und theologische Überzeugung, dass Gottes Gnade wirkt. Gott ernst zu nehmen, bedeutet aber auch, damit zu rechnen, dass er nicht dazu da ist, unsere Erwartungen zu erfüllen, sondern der ganz Andere bleibt.
Der Respekt muss gegenseitig sein.
Oft treffen wir uns, die Seminaristen und ihre Pastoralpsychologin, an dem Punkt ihrer bangen und ehrlichen Frage, wie sie sich denn gut auf einen sehr herausfordernden Lebensentwurf vorbereiten können.
Damit es funktioniert, muss der Respekt gegenseitig sein. Mich zu respektieren, ist für einige von den Seminaristen vermutlich ziemlich herausfordernd. Sie sind sicherlich nicht mit allem einverstanden, was ich sage, tue, verkörpere und schreibe. Sie müssen es ertragen, dass ich nicht in ein klassisch-konservatives Frauenbild und Frömmigkeitsideal passe, dass es auf geistliche Fragen auch psychologische Antworten gibt, dass ich 2-3 mal im Semester predige und dass ich mit ihnen über Gefühle und Bedürfnisse sprechen will.
Ich habe den Eindruck, dass sie mich respektieren. Und das ist nicht selbstverständlich, denn wenn der Respekt echt ist, fordert er ihnen ab, sich in eine Spannung hineinzubegeben und konstruktiv mit ihr umzugehen.
Wesentliches Ziel der menschlichen Dimension der Priesterausbildung, für die ich zuständig bin, ist es, einen Reifungsweg zu begleiten, der zu mehr Selbsterkenntnis und Integration der verschiedenen Bereiche und Aspekte der Persönlichkeit führt. Dadurch mögen die Kandidaten freier werden, um sich verantwortet in Dienst nehmen zu lassen. Dafür braucht es Ambiguitätstoleranz und Unsicherheitskompetenz, und zwar jeweils nach innen und nach außen. Sie lassen sich schwer vermitteln, vielleicht aber gerade in der respektvollen Beziehung zu einer anderen Person, z. B. zu einer Pastoralpsychologin, erleben und lernen.
Manchmal sehe ich schwarz für unsere Kirche und unsere Gesellschaft. Berufung bedeutet für mich, der Resignation etwas entgegenzuhalten und mich mit all dem, was ich bin und was ich kann, einzubringen. Dass der Ort, den ich dafür gefunden habe (oder der mich dafür gefunden hat), die Priesterausbildung ist, erstaunt mich zuweilen. Vor allem meinem Team verdanke ich, dass die Spannungen mich dabei aktuell nicht zerreißen. Was die Zukunft bringen wird, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass ich nicht aufhören will, mich um Respekt, um Komplexität, um das Aushalten von Spannung und um Hoffnung zu mühen.
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Sr. Christine Klimann sa ist Mitglied der Kongregation der Helferinnen. Sie ist als Pastoralpsychologin im Priesterseminar Sankt Georgen und in der Berufungspastoral (Zentrum für Berufungspastoral, Zukunftswerkstatt SJ) tätig. Ihre Schwerpunkte liegen in psychologischer und geistlicher Begleitung und in der Fortbildung – für Ausbildner in Priesterseminaren und im Ordenskontext sowie für geistliche Begleitung von jungen Menschen.
Foto: Kathrin Schander
[1] Fritz Riemann: Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie. 10. überarbeitete und erweiterte Auflage (52.–63. Tausend). Ernst Reinhardt Verlag, München, Basel 1975
[2] Kongregation für den Klerus, Das Geschenk der Berufung zum Priestertum. Ratio Fundamentalis Institutionis Sacerdotalis, 2016, S. 46-49 (https://www.clerus.va/content/dam/clerus/documenti/ratio-2026/Ratio-de_08-12-16.pdf) und
Die deutschen Bischöfe, Ratio Nationalis Institutionis Sacerdotalis. Rahmenordnung für die Priesterbildung, 2026, S. 52-65 (https://www.dbk-shop.de/media/files_public/d9b1dacaef8041ca00c36adb72c333f1/DBK_11118_neu.pdf)
Titelfoto: Philipp Erle


