Das vor 100 Jahren publizierte Romanfragment Das Schloß (1926) von Franz Kafka geht dem Verhältnis von Freiheit und Sicherheit nach. Dirk Oschmann würdigt das erfolgreiche Scheitern Kafkas und zeigt die Aktualität des Fremden „K.“ auf.
Kafka hat drei Versuche unternommen, einen Roman zu schreiben, dreimal ist er gescheitert, denn alle Texte sind Fragmente geblieben. Den ersten Roman Der Verschollene konnte er nicht abschließen. Sein Freund Max Brod hat ihn postum 1927 unter dem Titel Amerika publiziert. Belehrt durch diese Erfahrung, hat Kafka beim zweiten Roman Der Proceß nach dem Anfang gleich das Ende geschrieben und die Hauptfigur sterben lassen, weil sich mit dem Ende der Figur das Ende des Textes begründen lässt. Hier lagen die Schwierigkeiten dann in der konkreten Ausgestaltung des Wegs vom Anfang bis zum 
Mehr als eine Dorfgeschichte
Auf den ersten Blick handelt es sich bei Kafkas Schloß um eine ganz einfache Geschichte, eine straight story, die man knapp zusammenfassen könnte: ein Mann von etwa Mitte Dreißig kommt in ein Dorf unterhalb eines Schlosses, um dort als der neu berufene Landvermesser zu arbeiten. Innerhalb von nur vier Tagen wird er eingestellt, bekommt eine Wohnung, findet eine Braut und etabliert sich als „Mitbürger“.[2] Dann bricht der Text äußerlich ab, vielleicht aber auch innerlich, weil es nach der gelungenen gesellschaftlichen Integration des Mannes tatsächlich nichts Interessantes mehr zu erzählen gab. So dargestellt, klingt diese Dorfgeschichte wunderbar wie ein Märchen, in dem sich am Schluss alles zum Guten fügt. Aber Kafka hat nicht Märchen geschrieben, sondern, wie der Kulturphilosoph und Literaturkritiker Walter Benjamin meinte, „Märchen für Dialektiker“.[3]
Landstreicher?
Oder Landvermesser?
Deshalb gibt es für die Leser:innen auch märchenhafte Schwierigkeiten im Verständnis sowohl des Mannes als auch der Welt, in die er eintritt. Der Mann wird auf die Chiffre „K.“ reduziert, den Anfangsbuchstaben seines Nachnamens. Sein Alter lässt sich nur schätzen. Einblicke in seine Herkunft erhält man kaum. Dass er Frau und Kind hat, wird an einer Stelle suggeriert, aber nicht ausgeführt (13). Für sein Selbstverständnis, seine Kraft, seine Beharrlichkeit und Durchsetzungsstärke wichtig ist die Erinnerung an das Erklettern einer Mauer in der Kindheit, die sonst niemand zu erklettern vermochte (49f.). Seine „recht zerlumpte“ äußere Erscheinung macht ihn für die Leute im Dorf „natürlich verdächtig“ (11). Sie glauben nicht, dass er der neue „Landvermesser“ sein soll, sondern halten ihn vielmehr für einen „Landstreicher“ mit „Landstreichermanieren“ (12, 9). K. aber lässt sich nicht abweisen und setzt sich fest. Doch alles an ihm bleibt unklar, für die Leute im Dorf und die zuständigen Schlossbeamten ebenso wie für die Leser:innen des Romans. Wer oder was ist K.? Landstreicher oder Landvermesser? Wie alt ist er? Wo kommt er her? Was hat er vor? Seine öffentlich verkündeten Absichten widersprechen einander. Einmal heißt es: „Ich will immer frei sein“ (14), ein anderes Mal aber, er wolle „Mitbürger“ sein, „ununterscheidbar, […] und sehr schnell mußte das geschehn.“ (42) Immer frei sein zu wollen und zugleich ununterscheidbarer Mitbürger erscheint im sozialen Gefüge freilich wie die Quadratur des Kreises.
Der Fremde als Störfaktor
Im Gegenzug nehmen ihn Dorf und Schloss hauptsächlich als Störfaktor wahr, der die gewohnte Herrschaftsordnung durcheinanderbringt und alle in Aufruhr versetzt. Von der Berufung eines Landvermessers scheint niemand etwas zu wissen. Bis zur endgültigen Entscheidung weist man ihm widerwillig die Position eines Schuldieners zu. Er wird konstant und paradigmatisch als der Fremde stigmatisiert und ausgegrenzt: „Sie sind nicht aus dem Schloß, Sie sind nicht aus dem Dorfe, Sie sind nichts. Leider aber sind Sie doch etwas, ein Fremder, einer der überzählig und überall im Weg ist, einer wegen dessen man immerfort Scherereien hat, […], einer dessen Absichten unbekannt sind.“ (80) Um sich hier zurechtzufinden und zu behaupten, ist K. auf seine Beobachtungen und Deutungen angewiesen, außerdem auf Erzählungen und Erklärungen derer, die mit ihm zu sprechen bereit sind. Das prägt den Roman in formaler Hinsicht: Man folgt K.s Perspektive, seinen Wegen durch das Dorf – zum Schloss dringt er nicht vor – , seinen Wahrnehmungen und Überlegungen sowie den vielen Gesprächen, die er führt und die fast ausschließlich Zwiegespräche oder regelrechte Verhöre zur Erkundung seiner Pläne sind. So bekommt man Einblick in seine Bewusstseinsprozesse, kaum jedoch in seine Befindlichkeiten. Erzählt wird von innen, aber nicht vom Inneren.
K.s Entscheidung, trotz wiederholt scharfer Zurückweisungen in dieser Welt zu bleiben, verstärkt seine Undurchsichtigkeit. Denn diese nach außen fast vollständig abgeschlossene Welt ist geradezu märchenhaft böse und komplett lebensfeindlich: kalt, dunkel, statisch, archaisch, hierarchisch und von struktureller Gewalt bestimmt, mit welcher der riesige bürokratische Apparat der Schlossbehörde das Dorf in dauernder Knechtschaft hält.[4] Bis auf etwa „zwei Tage“ im Jahr herrscht Winter (488), hell wird es tagsüber höchstens „ein, zwei Stunden“ (30), und es ist durchweg eisig kalt. Die Trostlosigkeit, Schwere und Unerbittlichkeit der Lebensumstände lässt die Dorfbewohner:innen gelähmt und hoffnungslos wirken. Dennoch lehnt K. den Vorschlag seiner Braut Frieda ab, etwa nach Südfrankreich oder Spanien auszuwandern (215).
Soziale Anerkennung
Um diese Unbeirrbarkeit K.s zu verstehen, ist an die beiden Deutungen zu erinnern, entweder „Landstreicher“ oder „Landvermesser“ zu sein, wobei diese Deutungen zugleich spezifische Existenzformen umreißen. „Landstreicher“ sind im herkömmlichen Verständnis Menschen am sozialen Rand, ohne Arbeit, ohne Obdach, ohne festen Wohnsitz, die, vielleicht aus der schieren Not, vielleicht aber auch aus dem Bestreben, „immer frei sein“ zu wollen, gezwungen sind, ausgestoßen und ruhelos umherzuziehen. Ein „Landvermesser“ dagegen hat seinen Platz als geachtetes Mitglied in einer Gemeinschaft sicher. Mit der vermeintlichen Berufung ins Dorf scheint K. die Positionen wechseln zu können, nämlich vom „recht zerlumpten“ Landstreicher zum anerkannten Landvermesser zu werden und auf diese Weise endlich einen legitimen Platz in dieser Welt einzunehmen. Hier geht es folglich nicht allein um Selbstbehauptung, sondern auch um soziale Anerkennung und gesellschaftlichen Aufstieg. Denn K. kommt „von tief untenher“ und weiß also, „wie um das Vorwärtskommen gekämpft werden muß, besonders wenn man von tief untenher kommt“ (253). So entschlossen und willensstark er einst die Mauer erklommen hat, so entschlossen und willensstark ergreift er die Chance, sich im Dorf zu etablieren und eines Tages vielleicht sogar ins Schloss selbst zu gelangen. Nach bereits vier Tagen darf er vorläufig resümieren: „[I]ch habe, so geringfügig das alles ist, doch schon ein Heim, eine Stellung und wirkliche Arbeit, ich habe eine Braut, die, wenn ich andere Geschäfte habe, mir die Berufsarbeit abnimmt, ich werde sie heiraten und Gemeindemitglied werden.“ (313)
Gegen die Ambivalenz der Freiheit wählt K. die stabile Einbindung in die Gesellschaft, durch Beruf, Heirat und Mitbürgerschaft. Er gibt damit auch ein Sinnbild für die Wahl, mit der jede/r Einzelne in der Moderne prinzipiell konfrontiert ist, im Horizont der Freiheit den eigenen Platz im Leben finden zu müssen.
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Dirk Oschmann ist seit 2011 Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Leipzig, war mehrfach Gastprofessor in den USA und ist seit 2024 Präsident der Deutschen Kafka-Gesellschaft. In seinen Forschungen befasst er sich vornehmlich mit der deutschen Literatur von der Aufklärung bis zur Klassischen Moderne.
Foto: Jakob Weber
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[1] Max Brod: Nachwort zur ersten Ausgabe [1927]. In: Franz Kafka: Amerika. Hg. v. Max Brod. Frankfurt/M. 1989, S. 260–262, hier S. 261.
[2] Franz Kafka: Das Schloß. Kritische Ausgabe. Hg. v. Malcolm Pasley. Frankfurt/M. 1982, S.42. Alle weiteren Nachweise erfolgen im Text in Klammern hinter der Anführung.
[3] Benjamin über Kafka. Texte, Briefzeugnisse, Aufzeichnungen. Hg. v. Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt/M. 1981, S. 15.
[4] Der Literaturnobelpreisträger Imre Kertész spricht im Blick darauf von „einer Welt der Knechtschaft, die auf allgemeiner Übereinkunft beruht“. Imre Kertész: Galeerentagebuch. Reinbek 32016, S. 57.


