Das, was wir Realität nennen, wird von großen Wirklichkeitsmaschinen konstruiert. Eine von ihnen ist das Geld. Können wir hinter diesen Spiegel schauen? Thomas Heller meint: Wir müssen es dringend versuchen.
Die Welt sieht aktuell so richtig mies aus. Zur Beschreibung reichen Schlagworte: Iran. Ukraine. Gaza. Autoritäre Staatsformen. Menschenrechtsverletzungen. Klimaveränderung. Extremwetter. Extremismus. Und noch ein Satz: Die Menschheit verursacht ein gigantisches Massensterben, vermüllt die Welt und schafft es noch nicht mal, Süßgetränke ordentlich zu versteuern.
Genug Anlässe also, um einen Schritt zurückzutreten. Wieso ist das so? Die Gründe sind Legion: das Leben in „Misstrauensgemeinschaften“. KI und Social Media, Faulheit und Hochmut. Wir benötigen mehr „theologische Selbstaufklärung“. Und vielleicht gibt es noch eine weitere Ursache: Es gelingt uns nur sehr schwer, das, was wir Realität nennen, zu hinterfragen.
Es gibt Geld nicht wie Luft und Licht
Denn viele Phänomene, die zur aktuellen Lage beitragen, sind weit weniger selbstverständlich, als zumeist gedacht wird. Ein Beispiel hierfür ist das Geld. Denn hier handelt es sich nicht um ein, so Immanuel Kant, „Ding an sich“. Es gibt Geld nicht wie Gras und Erde, Luft und Licht. Vielmehr ist es ein kulturelles Konstrukt, welches Realität nicht nur prägt, sondern generiert.
Zumeist wird all das als Geld verstanden, was eine Bewertungs-, Wertaufbewahrungs- und Tauschmittelfunktion ausübt. Seine Gestalt hat sich im Lauf der Geschichte vielfach geändert. Bereits für steinzeitliche Kulturen lässt sich das sog. Tauschgeld nachweisen: Salz, Metalle, Äxte, Spaten, Rinder, Tee, Muscheln. Auch Menschen wurden als Geld betrachtet (bspw. Ex 21,21). Ab ca. dem 6. Jahrhundert v. Chr. trat dann das Münzgeld hinzu, ab dem 17. Jahrhundert das Papiergeld (mit einigen Vorläufern). Heute ist vor allem das sog. Buchgeld von Relevanz. Hier handelt es sich um Forderungen gegen eine Bank aufgrund einer Kontobeziehung.
Die spezifische Gewalt des Geldes
In all diesen Formen hat Geld die Menschheit in einem unvorstellbaren Ausmaß beeinflusst. An dieser Stelle besonders wichtig: Geld trägt wesentlich bei zu einer Differenz zwischen arm und reich und pervertiert Menschen, Dinge und Handlungen zu Waren und Dienstleistungen. Geld etabliert derart eine Gewalt sui generis: Gewalt, die es ohne Geld nicht geben würde.
Zu dieser Gewalt zählen Raub, Diebstahl und Unterschlagung, zeitgleich viele Formen von Betrug, Erpressung oder Hehlerei sowie globale Krisen anheizende Finanzmarktwetten. Bewaffnete Konflikte, die mit Geld finanziert und oft aus monetären Gründen heraus geführt werden, gehören in diese Reihe. Auch die Beiträge der Menschheit zum Biodiversitätsverlust und zur Schöpfungsverschmutzung werden selten aus purer Boshaftigkeit heraus vollzogen – sondern weil sie kostengünstiger (und bequemer) erscheinen. Und abschließend noch eine besonders subtile Gewalt: Geld korrumpiert, sofern es bezahlt wird, jedes gute Handeln. Denn ohne Geld würde das Gute getan werden, weil es gut ist (und nicht, weil dafür bezahlt wird).
Geld ist auch nur ausgedacht
Und bei all dem gerät in Vergessenheit: Beim Geld handelt es sich um eine Erfindung. Diese ist zwar uralt, aber dennoch künstlich. Sie ist eine, so der Staatswissenschaftler Walter Taeuber in einem Aufsatz „Geld“ im Jahr 1943, „Kulturtatsache“ (S. 438). Grundsätzlich wäre auch eine Wirklichkeit ohne möglich. Wir können uns diese nur nicht vorstellen. Sie hat keinen Topos, keinen Ort in unserer Imagination. Wer würde noch früh aufstehen, um Waren zu stapeln, Brötchen zu backen und Busse zu fahren? Wie könnten dann noch arbeitsteilige Gesellschaften aufrechterhalten werden, welche die Pocken ausgerottet sowie die Menschheit auf den Mond gebracht haben? Eine Welt ohne Geld ist eine Utopie: ein Ort, den es nicht gibt.
Die Existenz des Geldes etabliert derart einen weitreichenden Verblendungszusammenhang. Häufig bemerken wir diesen nicht. Michel Foucault hat für solche Mechanismen in „Dispositive der Macht“ (1978) den Begriff „Dispositiv“ (von dispositus/Anordnung) vorgeschlagen. Gemeint sind, sehr kurz gesagt, Diskurse, welche Wirklichkeit bestimmen und schaffen, und die sich u.a. in Architektur, Institutionen und Verwaltungshandeln manifestieren. Sie sind die Gläser des Wirklichkeitsaquariums der Menschheit: unsichtbar und dennoch alles bestimmend.
Nicht die Utopie ist absurd,
sondern unsere Gegenwart
Nun ließe sich sagen: Ist doch alles prima. Mein Gras ist grün – und den Rest regelt die Rechtsschutzversicherung. Dazu sage ich: Nichts ist prima. Und wenn es uns nicht schlecht geht, so doch vielen anderen Menschen. Und ggf. wäre es hier ja hilfreich, in einer Welt zu leben, in welcher mit dem Geld auch all die Gewalt, die das Geld generiert, verschwunden ist.
Das ist utopisch, klar. Aberwitzig. Irrsinnig. Und angesichts der positiven Aspekte, die mit dem Geld verbunden sind, ganz sicher nicht unproblematisch. Aber wir brauchen solche Ideen. Sie helfen, mal eine neue Perspektive einzunehmen und motivieren für die Suche nach einer besseren Welt. Dass das dringend nötig ist, zeigt nicht zuletzt der aktuelle „Bericht zur weltweiten Ungleichheit 2026“. Die Untersuchung arbeitet u.a. heraus: Die reichsten 0,001% der Menschheit besitzen „drei Mal mehr Vermögen […] als die gesamte ärmere Hälfte zusammen“ (S. 4). Es ließe sich auch sagen: Nicht die Utopie ist absurd, sondern unsere Gegenwart.
Drei weitere Dispositive
Geld ist dabei nur ein Dispositiv neben anderen. Auch die Trennung von Mensch und Natur ist hier zu erwähnen. Sie führt ebenfalls zu einer Gewalt sui generis: zur Ausbeutung der belebten und unbelebten Mitwelt. Im Hintergrund steht nicht selten eine Missinterpretation von Gen 1,28, welche darauf abhebt, dass die Schöpfung dem Menschen zur Verfügung gestellt sei.
Ein weiteres Dispositiv ist die Aufteilung der Menschheit in zwei Geschlechter. Zwar mag dies Anhalt darin besitzen, dass viele Menschen entweder weibliche oder männliche Geschlechtsorgane haben. Jedoch gibt es ebenso zahlreiche intergeschlechtliche Menschen, deren Existenz dieses binäre Schema und die von ihm erzeugte Gewalt (bspw. in Form der Petromaskulinität) als menschengemacht aufzeigt. Wie gut, dass zumindest dieses Dispositiv in den letzten Jahrzehnten etwas aufgebrochen wurde, trotz vieler Widerstände. Deutlich ist dies bspw. in der Möglichkeit, bei Einträgen ins Personenstandsregister den Eintrag „divers“ zu wählen.
Und noch ein letztes Beispiel: die Verfasstheit der Menschheit in Territorialstaaten. Die daraus resultierende Gewalt liegt auf der Hand. Entsprechend gilt: Viele bewaffnete Konflikte würden ihren Sinn verlieren, wenn wir ein solches Dispositiv, das oft mit hohem Aufwand generiert wird, zumindest stets in Einklang mit den Menschenrechten denken könnten (was dann auch bspw. Artikel 1–19, 23 und 25 GG entspricht). Dass es sich auch bei diesem Dispositiv um kein Naturgesetz handelt, illustriert Johannes Krause in seinem Buch „Die Grenzen Europas“. Hier zeichnet er nach, wie in der EU das „Territorialitätsprinzip auf die europäische Ebene“ (Klappentext) zumindest teils übertragen und ein neues, europäisches „Territorialitätsdispositiv“ (S. 35) generiert wurde – welches nun wiederum neue Gewalt erzeugt.
Unterwegs zu einem neuen Himmel
und einer neuen Erde
Wie können solche Dispositive erkannt werden? Wer hilft, die Gegenwart durch die Brille der Utopie zu sehen und den Weg in bessere Welten zu suchen? Eine erste Anlaufstelle sind die biblischen Schriften. Wo, wenn nicht hier, wird die Hoffnung artikuliert, dass „alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt“ (1 Kor 15,24), unter denen die Welt leidet, unbedeutend werden? Eine Hoffnung darauf, dass „ein neuer Himmel und eine neue Erde“ (Offb 21,1) entstehen?
Mit einer Hinterfragung der o.g. Dispositive ist das durchaus verbunden. Paulus merkt an, dass die Differenz zwischen Frauen und Männern in Christus aufgehoben wird (Gal 3,28). In der sog. Völkerwallfahrt zum Zion wird das – für biblische Zeiten ohnehin anachronistische – Konzept des Territorialstaates überflüssig (Jes 2,2–4; Mi 4,1–4). Und Jesus selbst fokussiert auf eine Welt ohne Geld: mit seiner Gegenüberstellung von Gott und Geld (u.a. Mt 6,24) und seinem Aufruf zu Besitzlosigkeit (u.a. Mt 6,19–34). Dieser ist, das verdeutlicht die Perikope vom reichen jungen Mann in aller Schärfe (Mt 19,16–30), in der Tat wortwörtlich gemeint. Die Bibel wandert damit am Weltenrand: noch in dieser Realität, aber schon mit Blick auf die nächste.

Kirche und Theologie haben auf dieser Basis eine wichtige Aufgabe. Sie sind in besonderem Maße dazu aufgerufen, das Bewusstsein dafür wach zu halten, dass die Welt auch eine andere, bessere sein kann. In einer Gegenwart, in der reaktionäres Gedankengut en vogue und „Superrealo“ ein Ehrentitel ist, ist das nicht einfach. Aber immerhin gibt es Unterstützung durch Philosophie und populäre Kultur: in den Werken von Platon, René Descartes, Thomas Morus, Lewis Carroll gibt es viele anschlussfähige Gedanken. Das geht hin bis zu den Matrix-Filmen.
Besonders herauszustellen ist jedoch „Star Trek“. Hier wird eine Zukunft erzählt, in der die Menschheit das Geld abgeschafft hat, gleichfalls Territorialstaaten und die Ausbeutung der Mitwelt. Auch offen queere Personen sind mittlerweile vertreten. Das Franchise selbst sieht in dieser Evolution seinen tieferen Sinn. So betont der fiktive Charakter Q, der einer Gottesfigur ähnlich ist, dass es der Menschheit nicht vorrangig darum gehen sollte, bspw. Sterne zu kartographieren. Zentral ist vielmehr: „die Erkundung von unbekannten Möglichkeiten der Existenz“ (am Ende der Folge „Gestern, heute, morgen“). Wenn wir nach besseren Welten suchen, dann wäre die Beschäftigung mit „Star Trek“ also zumindest ein erster Schritt. Am 8.9.2026 wird das Franchise sechs Jahrzehnte alt. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!
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Titelbild: Shutterstock / Zolak


