Erste Gedanken zur Definition von Feindschaft und deren Einfluss auf die Wahrnehmung biblischer Texte von Maira Rehr.
Beschäftigt man sich mit dem Nehemiabuch, was ich in meiner Promotion tue, kommt man nicht um die sogenannten ‚Feind*innen‘ herum, die immer wieder in kurzen Sequenzen auftauchen. Die Texte stellen den Zorn der ‚Feind*innen‘ über das Mauerbauprojekt dar. Gegner*innen, Feind*innen oder Widersacher*innen trifft man jedoch nicht nur im Nehemiabuch, sondern in vielen biblischen Texten beider Testamente an, sei es in den Psalmen oder wenn von den ‚Feind*innen des Kreuzes Christi‘ oder dem ‚Feind Gottes‘ die Rede ist. Bevor man jedoch über ‚Feind*innen‘ und ‚Feindschaft‘ in den Texten spricht, ist es sicherlich sinnvoll, zu klären, was Feindschaft ist oder nicht ist.
Was ist Feindschaft? Und was nicht?
Feindschaft wird von außen auf ein Individuum oder eine Gruppe projiziert. Das Feindliche wird dabei nicht nur als nicht-zugehörig, sondern als das Eigene bedrohend beschrieben. Hier liegt der Unterschied zum Fremden. Diesen Unterschied beschreibt Kristin Platt so:
„[D]er Fremde ist namenlos, er stellt an die Gesellschaft die Frage der Zughörigkeit. Der Fremde ist inkongruent, seine Gestalt ist unbestimmt; doch trotz der Unbestimmtheit verkörpert er Opposition, denn er relativiert die Grenzlinien allein dadurch, daß er nicht in den gültigen Grenzen zu definieren ist. Der Feind hingegen ist klar bestimmt, er hat einen Namen, er ist der existentiell bedrohende Andere, er stellt Fragen an die Macht, Autorität, Existenz.“[i]
Gegner*in und/oder Feind*in?
Neben der Unterscheidung zur Fremdheit ist meines Erachtens die Differenzierung zwischen einer (historischen) Gegnerschaft und Feindschaft notwendig. Denn nicht alle (historischen) Gegner*innen werden zu Feind*innen gemacht. Auch müssen Feindkonstruktionen nicht aus realen Konfliktsituationen konstruiert werden. Darüber hinaus überdauern manche Feindkonstruktionen historische Konflikte und werden ohne Konflikt weiter aktualisiert und angepasst, während andere aufgegeben werden, wie Simon Hadler und Johannes Feichtinger es an dem Beispiel von Türken und Schweden in Österreich zeigen.[ii] Feindschaft ist eben nicht das Resultat einer Konfliktsituation, sondern einer spezifischen Zuschreibung, die sich Konfliktsituationen zu Nutze machen kann, um „Macht- und Statuspositionen“[iii] zu sichern.
Feindschaft als spezifische Zuschreibung, um sich Macht zu sichern.
Auch deswegen läuft die Aussage Carl Schmitts, dass die Freund-Feind-Unterscheidung die Grundlage des Politischen[iv] sei, fehl. Zunächst sind Fremdheit und Feindschaft zu unterscheiden.[v] Sodann ist ein weiterer Kritikpunkt an Schmitts Theorie, dass laut Schmitt das kollektive Feindbild eine „Erkenntnisfunktion negativer Identitätsbildung“[vi] hat. Durch die Erkenntnis der Feind*innen, also dem Gegenteil des Eigenen, solle man erkennen, was das Eigene, dem Kollektiv Ursächlichen, sei. Wenn jedoch Feindschaft eine Konstruktion ist, die den Anderen zugeschrieben wird, wird nicht nur Feindschaft beliebig, sondern auch die Identität des Eigenen: „Historisch zeigt sich nämlich, dass beliebige Feind-Definitionen, die einen hochkohäsiven Effekt besitzen können, möglich sind – insofern das aber auch auf definitiv falsche Feind-Definitionen zutrifft, müssten, nach Schmitt, diese auch zur kollektiven Selbstverkennung führen.“[vii]
Dabei wird durch die Zuschreibung der Feindschaft der Fokus auf das feindlich markierte Andere gelegt und dieses negativ affiziert. Die Figur der Feind*innen wird mit Angst und Bedrohungsgefühlen aufgeladen und handelt es sich bei den Figuren der Feind*innen und des Eigenen um Kollektive, so hat die Konstruktion von Feindschaft eine zweifache homogenisierende Wirkung. Das Feindliche und das Eigene werden als sich in sich jeweils gegenüberstehende Einheiten wahrgenommen. Eine Binnendifferenzierung oder eine Positionierung zwischen dem Eigenen und dem Feindlichen ist nicht mehr möglich. Jegliche Deutungsvarianz oder Ambivalenz innerhalb der Beziehung wird verschleiert. Durch diese Festschreibung erscheinen Beziehungen, die immer ein dynamisches Element von (Re)aktion haben, im Deutungsmuster der Feindschaft starr oder in eine Richtung eskalierend. Da jede Handlung der feindlich Markierten durch die Feindschaft motiviert erklärt wird, wird jede Handlung des Feindlichen (gegenüber des Eigenen) im kollektiven Deutungsmuster als potentiell schädlich interpretiert – unabhängig von der Intention der Handlung, die durchaus positiv gemeint sein könnte.
Mobilisierungspotenzial
Durch die Erzeugung von Bedrohungs- und Angstgefühlen wohnt der Konstruktion von Feindschaft großes Mobilisierungspotential inne. Die Idee, die Konstruktion des Eigenen ‚verteidigen zu müssen‘, suggeriert eine Handlungsdringlichkeit. Zudem bündelt und kanalisiert die konstruierte Feindschaft Aggressionen, die Gewalt legitimiert. Für die Gruppe, die als feindlich konstruiert wird, ist es hingegen kaum möglich, dieses kollektive Bild zu dekonstruieren, da keine Aktion außerhalb des Deutungsmusters wahrgenommen werden muss. Das kollektive Bild von Feindschaft verblasst erst dann für die konstruierende Gruppe, wenn die kollektive Konstruktion von Feindschaft keine Mobilisierungspotentiale mehr hat.[viii]
Dies zeigt eben auch, dass kollektive Feindschaft keine anthropologische Grundkonstante ist, sondern eine Art von identitäts- und machtstabilisierendem Instrument. Damit kann der Bezug zu biblischen Texten hergestellt werden, die häufig Fragen der Identitätskonstruktion und der Machtdynamiken (mit)diskutieren. Denn diese Überlegungen zur Feindschaft haben einen Einfluss auf die Wahrnehmung von ‚Feind*innen‘ in den Texten.
differenzierte Blicke auf das komplexe Phänomen der Feindschaft – auch in biblischen Texten
Grundfragen für einen sensiblen Umgang mit Feindschaft in biblischen Texten wären exemplarisch: Werden hier wirklich Feindschaften beschrieben oder interpretieren wir diese in (historische) Gegnerschaft oder Fremdheit hinein? Beschreibt der Text kollektive Feindbilder oder individuelle Zerwürfnisse, dessen Resultat ein individuelles Feindbild ist? Falls es individuelle Feindschaften sind, werden diese durch die Aufnahme in Traditionsliteratur generalisiert? Falls es konstruierte kollektive Feindschaften sind, wer konstruiert diese Feindschaften und wie? Welche Interessen könnten durch die Konstruktion von Feindschaft legitimiert oder stabilisiert werden? Aus welcher Position ist die Feindschaft konstruiert, einer mit Macht oder einer marginalisierten Position? Diese Fragen und viele mehr zu stellen, kann helfen einen differenzierten Blick auf das komplexe Phänomen der Feindschaft nicht nur aber auch in biblischen Texten zu erhalten.
[i] Platt, Kristin: Unter dem Zeichen des Skorpions- Feindmuster, Kriegsmuster und das Profil des Fremdens, in: Brehl, Medardus; dies. (Hg.): Feindschaft, München 2003, 13-52, 22.
[ii] Hadler, Simon; Feichtinger, Johannes: Feinde zu Gegnern und Gegner zu Feinden. Feindbilder als Gedächtnis stabilisierende Kategorie in Zentraleuropa, in: Radonić, Ljiljana; Uhl, Heidemarie (Hg.): Gedächtnis im 21. Jahrhundert. Zur Neuverhandlung eines kulturwissenschaftlichen Leitbegriffs (Erinnerungskulturen | Memory Cultures 5), Bielefeld 2016, 263-280, 265-271.
[iii] Platt, Kristin: Unter dem Zeichen des Skorpions- Feindmuster, Kriegsmuster und das Profil des Fremdens, 21.
[iv] Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen, Berlin 92015, 25-35.
[v] Mehr zur Kritik an Schmitts Zusammenführung von Feindschaft und Fremdheit: Platt, Kristin: Unter dem Zeichen des Skorpions- Feindmuster, Kriegsmuster und das Profil des Fremdens, 22-28.
[vi] Thiele, Ulrich: Carl Schmitts Freund-Feind-Theorie, in Ruperto Carola 17 (2021), 141-148, 146.
[vii] Thiele, Ulrich: Carl Schmitts Freund-Feind-Theorie, 146.
[viii] Hadler und Feichtinger zeigen dies für das österreichische, böhmische und mährische Feindeskonstruktion der Schweden. Am Ende des 19. Jahrhundert verlor dies seine Tragkraft und Funktion, als sich Grenzen und Zugehörigkeiten in der Region neuordneten. Hadler, Simon; Feichtinger, Johannes: Feinde zu Gegnern und Gegner zu Feinden, 274f.
Beitragsbild: unsplash.com, Taylor Lagalo

