Was hat der Synodale Weg gebracht? Hat sich das Engagement gelohnt? Katharina Karl über die Evaluation des Synodalen Weges.
Evaluationen dienen der Selbstvergewisserung. Sie zielen an, Fehler in einem System oder in bestimmten Prozessen zu identifizieren und den Beteiligten Gehör zu verschaffen, um Gelungenes zu validieren und Korrekturen vornehmen zu können. Im besten Fall lassen sich daraus Kriterien und Impulse für die Optimierung von Vorgängen und Verfahren erarbeiten. Vor diesem Hintergrund fasste der Synodale Ausschuss den Entschluss, den Synodalen Weg in Deutschland evaluieren zu lassen.
Im Rückblick sollten die Synodalen ihre Eindrücke zu den Bereichen Dialog, Gemeinschaft, Teilhabe, Transparenz, Repräsentanz und Unterscheidung/Entscheidungsfindung reflektieren und bewerten können. Mit einer Gesamtrücklaufquote des Fragebogens von 48,69 % konnte knapp die Hälfte der Beteiligten erreicht werden, wenn auch die Beteiligung der Entsendeorganisationen (zugunsten des ZDKs und zuungunsten der DBK) nicht gleichmäßig ausfällt.
Knapp die Hälfte der Beteiligten konnte erreicht werden.
Während medial vor allem die Krisen oder Höhepunkte des Synodalen Weg rezipiert wurden und das Projekt stark unter dem Vorzeichen der nötigen kirchlichen Reformen und der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals stand, fokussierte die Umfrage neben diesen Punkten auch die Frage nach der Synodalität und den damit verbundenen Dialog- und Konflikterfahrungen. Welche Erkenntnisse lassen sich aus der Erhebung gewinnen?
hohe Zufriedenheit der Synodalen
Zu betonen ist, dass die Zufriedenheit mit dem Synodalen Weg trotz vieler Hindernisse und Enttäuschungen groß ist. Viele bezeugen, dass die Mitarbeit für sie bereichernd war und dass der Prozess zur Etablierung synodaler Strukturen in Deutschland beigetragen hat. Dabei gehen einzelne Einschätzungen jedoch stark auseinander. Kritische Stimmen lassen verlauten: „Wir haben nicht erreicht, wozu wir angetreten sind, der Kairos der Durchsetzung längst überfälliger Reformen ist verspielt“ (Vertreter:innen aus dem Cluster 1 „Veränderungsorientierte“), andere Kritiker fanden konträr das Format an sich zum Scheitern verurteilt (Vertreter:innen aus dem Cluster 3 „Kritische Bewahrer“), da die Reformziele schon fest- und nicht zur Diskussion standen. Ein solch disparates Meinungsbild war auch ohne Evaluation zu erwarten. Stellt also die Evaluation im Grunde nur fest, was schon bekannt war: Progressiv und konservativ finden nicht zusammen? Vielleicht gäbe es etwas Drittes hinzuzulegen: Die Beobachtung, dass vor allem im Cluster 2 der „Pragmatischen Idealisten“, aber auch bei Vertreter:innen aus den anderen beiden Clustern Erfahrungen berichtet werden, die anzeigen, dass sich durchaus Veränderungen von Haltung und Einstellung beobachten lassen und die Auseinandersetzung mit dem Fremden zu einem den Prozess bereichernden Perspektivwechsel geführt hat. Der Umgang mit dem Fremden bleibt zugleich eine offene Frage. Nach einer kreativen Form zu suchen, wie jemand sich den überraschenden und bisweilen ungewollten Ansprüchen des Fremden aussetzen kann, ohne es, um mit Bernhard Waldenfels zu sprechen, zu vereinnahmen (vgl. Waldenfels, Das Eigene und das Fremde, 1995), bleibt eine Herausforderung. Ein gemeinsamer Synodaler Weg kann nur gelingen, wenn alle Beteiligten bis zu einem gewissen Grad bereit sind, ihre Ziele (nicht ihre Positionen) zugunsten des Verbindenden zur Disposition zu stellen und auszuhandeln. Doch in der Realität stößt man hier an eine erste harte Grenze. Zu viele Verhärtungen und Verletzungen können nicht aufgelöst werden – die Fremdheit des/der anderen wird nicht anerkannt, sondern will vereinnahmt werden – eine Form einer missbräuchlichen Ausübung von Macht, von der der synodale Weg nicht frei war.
durchaus Veränderungen von Haltung und Einstellung
Legt man das Augenmerk auf weitere heikle Punkte der Evaluation, sind einige Ausrufezeichen zu machen: Einige konkrete Erkenntnisse dürften leicht umsetzbar sein, wo sie die Organisation betreffen, etwa eine Anpassung der Zeitstruktur oder des Verhältnisses von Foren und Synodalversammlung, die Größe der Gruppe etc. Das Arbeiten an einer Dialog- und Streitkultur ist optimierbar. Sie hängt von der Bereitschaft aller Teilnehmenden, aber auch von der Leitung ab, auf Störungen zu reagieren. Es gibt aber auch Faktoren, auf die schwerer Einfluss zu nehmen ist: So haben etwa die Umstände der Covid-19-Pandemie einen vertieften Austausch und ein besseres Kennenlernen erschwert. Synodale Aushandlungsprozesse sind also nur begrenzt optimierbar, da es Kontingenzen gibt, die nicht vorhersehbar sind und erst retrospektiv bearbeitet werden können.
Das Arbeiten an einer Dialog- und Streitkultur ist optimierbar.
Auch auf die Grenzen evaluativer Verfahren selbst ist hinzuweisen. Das Design der Erhebung musste sich in einem sehr kurzen Zeitraum realisieren lassen. Eine vertiefte Erhebung, etwa durch ein qualitatives Verfahren, war nicht mehr vorgesehen, da mit der letzten Synodalversammlung der Prozess, und damit auch die Möglichkeit einer Finanzierung endete. Ergebnisse mussten also bis dahin vorliegen. Bei der Präsentation der Ergebnisse auf der letzten Synodalversammlung beschlich mich der Eindruck, dass der Raum, mit den Ergebnissen der Evaluation auch zu arbeiten, gar nicht mehr gegeben war. Es ging schon um sich anschließende Fragen der Satzung für das neue Gremium u.ä. Zweifelsohne ist die Frage nach einer tragfähigen Struktur für die Zukunft drängend. Doch ebenso entscheidend ist, umzusetzen, was an Erkenntnissen gewonnen werden konnte.
umsetzen, was an Erkenntnissen gewonnen werden konnte
Der Synodale Weg war ein Experiment, das Erfolgsmomente und Schwachstellen aufzeigt. Seine Evaluation jedoch erfüllt nur dann ihren Sinn, wenn auch eine Umsetzung ihrer Erkenntnisse geplant und strukturell mitgedacht wird. Was macht also eine Synodalkonferenz aus den Ergebnissen? Werden sie diskutiert? Wird ein Setting geschaffen, an einer „Kultur des Hörens“, am Fremdverstehen und an einer kirchlichen Streitkultur zu arbeiten? Wir können gespannt sein, wie der Weg weitergeht. Der Kirche (nicht nur) in Deutschland ist zu wünschen, dass dies gelingt.
Katharina Karl, Dr. theol., ist Professorin für Pastoraltheologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Sie befasst sich mit Formen der Nachfolge und christlicher Lebensgestaltung in der Gegenwart – bevorzugt mit biografiesensiblen Methoden der Pastoraltheologie – und interessiert sich besonders für Pastoral in interkulturellen Kontexten.
Beitragsbild: Manu Schwenderer, unsplash.com


