Das Konzept von „Gemeinschaften der Mitte“ hat in Moscheegemeinden eine zentrale Bedeutung. Der Islamwissenschaftler Jörn Thielmann zeichnet seine Bedeutung am Beispiel der Freitagspredigten nach.
Wie wenige andere Religionen wird der Islam in Deutschland mit Extremismus verbunden und muslimische Gemeinschaften daher von vielen Menschen mit Misstrauen betrachtet. Hört man aber in diese Gemeinschaften hinein und liest, was sie über und zu sich selbst sagen, so zeigt sich ein völlig anderes Bild: Sie wollen „Gemeinschaften der Mitte“, der Ausgeglichenheit sein – und berufen sich dabei auf den Koran: „So machten wir euch zu einer Gemeinde, die in der Mitte steht, auf dass ihr Zeugen für die Menschen seid und der Gesandte [Muhammad; JT] für euch Zeuge sei.“ (Sure 2:143, Übersetzung Hartmut Bobzin).
Einer der bedeutendsten
islamischen Rechtsgelehrten
So zentral dieses Konzept – in Arabisch ummatun wasatun, wasatiyya – auch für Muslim:innen selbst ist, findet es doch in der Islamwissenschaft keine eigenständige Behandlung. Wenn wasatiyya Gegenstand ist, dann im Kontext von Arbeiten zu dem ägyptischen Gelehrten Yusuf al-Qaradawi (1926-2022). Er war einer der bedeutendsten islamischen Rechtsgelehrten der Gegenwart, der seit 1961 in Doha lebte und vor allem durch sein Buch „Das Erlaubte und das Verbotene im Islam“ (1960, dt. 1989) sowie seine eigene Fernsehsendung „Die Scharia und das Leben“ bei Al Jazeerainternational berühmt ist. Durch den von ihm in Dublin gegründeten European Council for Fatwa and Research übte er großen Einfluss auf das muslimische Leben in Europa aus. Er entwickelt wasatiyya als zentralen Baustein seiner Rechtsauffassung, um Treue zur islamischen (Rechts-)Tradition mit einem Leben in der Gegenwart zu verbinden. Damit navigiert er zwischen einem islamischen Denken, das durch rigorose Gegnerschaft zur Moderne und theologisch-juristischen Einseitigkeit zur Gewaltbereitschaft führt, und einer umfassenden Verwestlichung und Selbstsäkularisierung. Seine Nähe zur Muslimbruderschaft, in der er bereits als Student Mitglied war und deren geistlicher Führer er 2004 werden sollte, sorgt einerseits für Leser- und Gefolgschaft, andererseits auch für Distanz gegenüber seinen Positionen. Auch wenn er das Führungsamt der Muslimbruderschaft abgelehnt hat, machen ihn seine Rechtfertigung von Selbstmordattentaten in Israel/Palästina, seine Unterstützung für HAMAS sowie manch andere Positionen, wie die Rechtfertigung der Todesstrafe, zu einer kontroversen Figur, die auf verschiedenen Anti-Terror-Listen stand.[1]
Extrem vs. gemäßigt, konservativ/traditionell vs. liberal/reformorientiert/säkular: „Gemäßigt“ ist eigentlich ja nicht positiv gedacht, sondern eher „nicht ganz so schlimm wie anderes“. Und die Bedeutung von „säkular“ als Etikett bei einer Religion wie dem Islam bleibt dunkel. All diese Begriffe sind relational und Wertungsbegriffe, die sich durch den jeweiligen Standpunkt der urteilenden Person bilden. „Die Mitte“ ist daher auch nicht per se festgelegt und klar bestimmbar, sondern ergibt sich gleichermaßen diskursiv-relational.
Der Kontext muslimischer
Freitagspredigten
Die Notwendigkeit, ein Konzept wie „Gemeinschaft der Mitte“ zu entwickeln und in den islamischen Wissenschaften zentral zu machen, resultiert aus dem Einbruch des imperial-kolonialistischen Europa in die islamische Welt seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Traditionelle islamische Gelehrsamkeit beruht auf dem Konsensprinzip (idjma‘, consensus sapientium). Auf Grund des Entstehens neuer Bildungsinstitutionen sowie des Auftauchens islamischer Intellektueller wurde sie schleichend aufgelöst. Das Einfügen der vorher unabhängigen Gelehrten in Staatsbürokratien, verbunden mit dem Ende einer „Kultur der Ambiguität“ (Thomas Bauer) und dem Eindringen europäischen Positivismus mit seinem binären Denken, konfigurierte das Feld von religiöser Autorität neu. Islamisch begründete Positionen lösten sich aus jedweder Einhegung durch die Bindung an die Tradition und ihrer epistemischen Prinzipien. Die islamische Rechtfertigung von Terrorismus wurde möglich und wird bis heute praktiziert.[2]
In diesem Kontext sprechen muslimische Gemeinschaften in ihren Freitagspredigten zu den Gläubigen. Freitagspredigten sind zentraler Teil des für alle Muslim:innen verpflichtenden Ritualgebets am Freitagmittag. Gegenstand sind Unterweisungen zu zentralen Begriffen des Islams, zur Bedeutung von Ritualen und Festen, aber auch die ethisch-moralische Formung und die Vermittlung des Selbstverständnisses der jeweiligen Gemeinschaft. Die Gemeinschaften sprechen in den Predigten auch zu und über sich selbst.
Die Gemeinschaft der Mitte
Hören wir auf Predigten der beiden größten türkeistämmigen Verbände – DITIB, den deutschen Ableger der staatlichen Religionsbehörde Diyanet, sowie die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş IGMG –, die für mehr als die Hälfte der Moscheen in Deutschland stehen, so begegnet uns seit Anfang der 2000er Jahre immer wieder geradezu beschwörend die „Gemeinschaft der Mitte“.[3]
Mit ihr werden zunächst Eigenschaften der Muslim:innen verbunden, vor allem Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit und Rücksichtnahme gegenüber allen Mitmenschen.[4] Dies umfasst auch die Balance zwischen Körper und Geist und zwischen Geiz und Verschwendung.[5] Mit den Worten des Propheten Muhammad: „Haltet Mittelmaß, bemüht euch eure Taten zu vervollkommnen und Allah nahe zu sein.“[6]
Dann aber sollen Muslim:innen nach Außen sichtbar werden mit diesen Eigenschaften, also Zeugnis als „Gemeinschaft der Mitte“ geben, wie Sure 2:143 fordert. Mit der Forderung, aktiv zum Zusammenhalt der Gesellschaft, ja der Menschheit insgesamt beizutragen, wendet sich die IGMG immer wieder gegen alle Parallelgesellschaften und Doppelzüngigkeit.[7] Zentral dafür ist die Pflege guter sozialer Beziehungen, ausdrücklich auch zu Nichtmuslim:innen.
Die Umma als Vorbild
Solche Beziehungen helfen natürlich auch dem Gelingen des eigenen Lebens, sind jedoch ferner ein Mittel, der Skepsis und den Vorurteilen aktiv zu begegnen, mit denen Muslim:innen zunehmend in der deutschen Gesellschaft konfrontiert sind,. Denn „diese Umma [sollte] ein ‚Vorbild für die Menschen‘ sein und sie ohne Unterschied der Herkunft, Hautfarbe, Sprache und Religion umarmen.“[8]. Auch zehn Jahre später, am 19. Oktober 2023, nach dem Terrorangriff der HAMAS auf Israel und dem Beginn des Gazakrieges, beschwört die IGMG diese Haltung in ihrer Predigt: „Wir lehnen Gewalt und Terror gegen die Zivilbevölkerung ab, egal ob Israelis oder Palästinenser. […] Wir Muslime sind eine Gemeinschaft der Mitte. In all unseren Handlungen halten wir Maß. Wir rufen zum Guten auf und warnen vor dem Schlechten. Wir beten dafür, dass kein Hass in unsere Herzen gelangt, […].“ Es geht um eine ausgewogene Lebensführung, „die Mitte zwischen allen Dingen zu finden“, „Abstand zu nehmen von extremen Handlungen“.[9]
Die „Gemeinschaft der Mitte“ dient also als Kompass zwischen dem Zuviel in der Religion und im Leben und dem Zuwenig. wasat als der Gegensatz von extrem. Maß und Mitte als „der gerade Weg“ ins Paradies.
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[1] Zu ihm siehe Bettina Gräf und Jakob Skovgaard-Petersen (eds.): Global Mufti. The Phenomenon of Yusuf al-Qaradawi. London: Hurst, New York: Columbia University Press, 2009. Darin Gräf zu seinem Verständnis von wasatiyya (S. 213-238). Auch Frank Peter: „Leading the Community of the Middle Way: A Study of the Muslim Field in France”, The Muslim World 96/4 (October 2006): 707-736.
[2] Vgl. Gudrun Krämer und Sabine Schmidtke (eds.): Speaking for Islam. Religious Authorities in Muslim Societies. Leiden, Boston: Brill, 2014. Ferner Thomas Bauer: Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams. Berlin: Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag, 2011, sowie Baudouin Dupret: Positive Law from the Muslim World: Jurisprudence, History, Practices. Cambridge: Cambridge University Press, 2021.
[3] Die Predigten sind auf den Websites zugänglich: www.ditib.de (seit 2011, mehr als 800), www.igmg.org (seit 2004, mehr als 1.100).
[4] IGMG-Predigt vom, 7. Mai 2004: „Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Gerechtigkeit, das Anerkennen und die Rücksicht auf die Rechte anderer, Rücksicht auf die Grundrechte unserer Mitmenschen, eine ‚gute‘ Zunge und ein lächelndes Gesicht.“
[5] Siehe die DITIB-Predigten vom 7. November und 14. Februar 2014.
[6] Zitiert nach der DITIB-Predigt vom 3. Februar 2017.
[7] IGMG-Predigt vom 7. Mai 2004: „Dies wird auch zu dem Zusammenhalt führen, den die Menschheit, angesichts der immer stärker anschwellenden Terrorkriege immer mehr braucht. Wir Muslime, als die vom Koran als ‚ummat-i wasat‘, als Gemeinschaft der Mitte bezeichneten, haben die Verantwortung, in der Gesellschaft ausgleichend zu wirken. Um dem gerecht werden zu können, müssen wir sehr gute zwischenmenschliche Beziehungen aufbauen und pflegen.“
[8] IGMG-Predigt vom 18. Oktober 2013.
[9] IGMG-Predigt vom 14. März 2014.
Titelbild: Shutterstock.com / Salim AL-Obeidani


