Friederike Eichhorn-Remmel und Daniel Remmel über die Frage, was es heißt, in Jerusalem Theologie zu studieren.
„Aber muss es denn unbedingt Jerusalem sein?“ Die Frage klingt nach Fürsorge, nach Skepsis, nach dem Wunsch, Studierende vor Unwägbarkeiten zu schützen. Sie begleitet das Theologische Studienjahr seit jeher und doch trifft sie in diesem Jahrgang auf eine besondere Resonanz. Denn wer sich auf Jerusalem einlässt, tut das nicht trotz der Umstände, sondern inmitten von ihnen. Die Studierenden des 52. Jahrgangs haben das erfahren. Sie kamen später als geplant, sie gingen früher als gewünscht, wechselten Orte, Sprachen, Rhythmen. Und dennoch blieb am Ende eine Überzeugung, die sich nicht wegdiskutieren lässt: Ja, es muss Jerusalem sein. Nicht als heroische Geste, sondern als Erfahrung, die sich nur dort machen lässt, wo sich Geschichte, Gegenwart und Glaube so eng verschränken, dass man ihnen nicht ausweichen kann.
Die Stadt, die nicht abstrahiert werden kann
Jerusalem ist kein Ort, den man studiert, ohne selbst studiert zu werden. Die Stadt stellt Fragen, bevor man selbst welche formuliert. Sie zwingt dazu, Theologie nicht als System, sondern als Beziehung zu begreifen zu Menschen, zu Traditionen, zu Konflikten, zu Hoffnungen. Die Schutzräume, die Warnsysteme, die Nähe zu Heiligen Stätten bilden einen Rahmen, der Sicherheit gewährt. Doch das Eigentliche geschieht im Zwischenraum: in den Kurznachrichten der evangelischen Kollegin oder des Abtes beim ersten Alarm, im stillen Respekt vor religiösen Praxen während der Muslimisch-Christlichen Werkwochen, im gemeinsamen Warten auf das akustische Entwarnungssignal. Hier entsteht eine Gemeinschaft, die nicht geplant werden kann. Sie wächst aus der Erfahrung, dass man einander braucht. Und sie trägt weiter, als es ein Curriculum je könnte.
Wenn Krise zur Lehrmeisterin wird
Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade ein Jahrgang, der von Verschiebungen, Brüchen und Unsicherheiten geprägt war, so klar sagen kann: Es muss Jerusalem sein. Denn Krisen haben eine merkwürdige Kraft. Sie nehmen Gewissheiten weg, aber sie öffnen Räume, die man vorher nicht wahrgenommen hat. Sie nötigen zur Flexibilität und genau darin liegt eine Chance, die weit über die politische Lage im Heiligen Land hinausreicht. Auch die Theologie im deutschsprachigen Raum kennt diese Erfahrung. Sie ringt mit sinkenden Studierendenzahlen, mit veränderten Erwartungen, mit der Frage, wie sie in einer Gesellschaft bestehen kann, die ihre Sprache nicht mehr selbstverständlich spricht. Doch gerade in dieser Suchbewegung entsteht ein Moment der Wachheit. Ein Innehalten, das nicht lähmt, sondern aufmerksam macht für das, was möglich wird, wenn man sich nicht an das Vertraute klammert. Das Studienjahr hat diese Chance ergriffen. Nicht, indem es sich neu erfunden hätte, sondern indem es sich hat bewegen lassen. Das Programm selbst hat eine Beweglichkeit entwickelt, die nicht hektisch, sondern wach ist. Eine Haltung, die weniger fragt, was verloren geht, als was entstehen kann, wenn man sich von der Krise nicht bedrohen, sondern von ihr befragen lässt.
Ein Studienjahr, das sich selbst neu denkt
Dass das Studienjahr sich verändert, ist keine Abkehr von seiner Geschichte. Es ist eine Fortsetzung dessen, was das Programm selbst lehrt: dass Theologie lebendig bleibt, wenn sie sich nicht auf eine Form festlegt. Die Öffnung für unterschiedliche Studienwege, neue Zugänge zu Sprachen, Praxisfeldern, forschende und partizipatorische Lehre, all das sind keine Brüche, sondern organische Bewegungen.[1] Sie entstehen aus dem Bewusstsein, dass die Fragen, die heute an die Theologie herantreten, nicht mehr entlang vertrauter Bahnen verlaufen, sondern sich quer zu den Linien legen, an denen wir uns lange orientiert haben: Nicht gegen das Alte, sondern jenseits gewohnter Ordnungen. Das Theologische Studienjahr in Jerusalem duldet keine engen Kategorien. Der Lernort ist ein Geflecht aus Stimmen, Sprachen und Traditionen. Wer hier Theologie studiert, lernt, dass Vielfalt kein Störgeräusch ist, sondern der Grundton.
Freiheit als Möglichkeitsraum
Dass das Programm diese Bewegungen zulassen kann, liegt auch an seiner institutionellen Freiheit. Es ist ein Ort, der nicht durch Fakultätslogiken begrenzt, sondern durch die Realität im Heiligen Land inspiriert wird. Hier darf ausprobiert werden, was anderswo erst lange beraten werden müsste. Hier können Lehrformate entstehen, die nicht aus der Not, sondern aus der Neugier geboren sind. Hier können Studierende und Lehrende gemeinsam herausfinden, wie Theologie aussehen könnte, wenn sie sich nicht an Strukturen, sondern an Fragen orientiert. Und weil Freiheit nicht nur für die bereits Überzeugten gilt, öffnet das Studienjahr seine Türen inzwischen auch für jene, die noch zögern: Experimentier- und Ausprobierformate, die nicht werben, sondern einladen, zum Fragen, zum Spüren, zum Austesten, ob dieser Ort einer werden könnte, an dem man wachsen will. Solche Freiheit ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Laboratorium, in dem theologische Zukunft nicht entworfen, sondern erprobt wird. Und vielleicht ist es gerade die Krise, die diesen Möglichkeitsraum erst sichtbar gemacht hat.
Die leise Kraft der Resonanz
Dass sich mit den Änderungen und trotz des Krieges mehr Menschen bewerben, erzählt weniger von Erfolg als von Resonanz. Offenbar spüren viele, dass hier ein Raum entsteht, der nicht fragt, woher jemand kommt, sondern wohin jemand will. Das Theologische Studienjahr Jerusalem macht das möglich, weil es keine homogenen Gruppen kennt. Es ist ein Ort, an dem Unterschiedlichkeit nicht aufgelöst, sondern ausgehalten wird. Und gerade darin liegt eine theologische Chance. Wer hier lernt und lehrt, kann erkennen, dass Wahrheit nicht im Ausschluss liegt, sondern im Gespräch.
Ein Ort, der bleibt
Vielleicht ist es gerade die Erfahrung der Unterbrechung, die das Theologische Studienjahr Jerusalem zu einem so eigensinnigen Lehr- und Lernort macht. Womöglich liegt genau darin die eigentliche Einladung. Nicht im Müssen, nicht im Können, sondern im Sich‑Einlassen auf einen Lernort, der mehr zurückgibt, als man gesucht hat. So wird die Krise nicht zum Argument, sondern zu einem Hinweis darauf, wo neue Spielräume entstehen. Und das Studienjahr zeigt sich weniger als festes Programm, denn als Möglichkeit, die sich dort öffnet, wo Gewissheiten brüchig werden und Neues tastend beginnt.
Darum bleibt am Ende kein Imperativ, sondern ein leiser Wunsch, der sich von Jahr zu Jahr weiterträgt: Nächstes Jahr im Theologischen Studienjahr Jerusalem!
[1] Vgl. www.studienjahr.de
Titelbild: https://pixabay.com/de/photos/dormitio-abtei-jerusalem-dominikaner-3911094/


