Die Risse weiten – „anders wachsen“

anders wachsen

Alternative Wirtschaftsmodelle, Entschleunigung und eine Ethik und Frömmigkeit des Genug – seit September ist Juliane Assmann Referentin für „anders wachsen“-Modellgemeinden in Dresden. Hier berichtet sie über ihre Arbeit.

„Kapitalismus. Zeit für einen Neustart“. „Wofür sind Unternehmen da?“. „Unternehmenszweck: Ich bin von einem Unternehmen und hier, um zu helfen“. So fragten und postulierten im August und September die Financial Times und The Economist auf ihren Titelseiten. In den Artikeln hinterfragten die AutorInnen das kapitalistische Leistungsprinzip und machten auf die Verantwortung größerer Unternehmen für die Gesellschaft aufmerksam. Ist unsere Forderung, die „Wirtschaft brauch[e] Alternativen zum Wachstum“, also endlich am Finanzmarkt angekommen?

Wirtschaft braucht Alternativen zum Wachstum

Jein. So einfach bricht man nicht aus dem Karussell aus von „Aber ich habe jetzt etwas geleistet, also verdiene ich auch mehr als jene, die weniger verdienen und offenbar nichts geleistet haben“. Aber die Problemanzeige wird lauter im kapitalistischen Mainstream! Nicht zuletzt, weil auch BankerInnen und BrokerInnen Kinder haben, die bei Fridays for Future mitprotestieren. Ein Hoch auf / gesegnet seien die prophetischen Stimmen der Kinder und Jugendlichen an dieser Stelle!

Bereits 2012 reichte die Initiative „anders wachsen“ bei dem stellvertretenden Ratsvorsitzenden der EKD Jochen Bohl eine Petition ein mit der Forderung „Wirtschaft braucht Alternativen zum Wachstum“. Auch wenn Kirche heute nur noch wenigen in Deutschland ernsthaft gefährlich werden kann, ist sie weiterhin eine wichtige Akteurin in der deutschen Gesellschaft und beeinflusst ethische Entscheidungen innerhalb und außerhalb von Gemeinden. Wenn Kirche keine Alternativen zur Ausbeutung des Planeten und der Menschen anbieten kann, wer dann?

Alternativen zur Ausbeutung des Planeten und der Menschen

Seit 2012 hat sich Einiges getan: mit OKR Dr. Ruth Gütter wurde nicht nur eine Nachhaltigkeitsreferentin für die EKD berufen, sondern auch in Sachsen — von wo die Frage „Wo willst du wachsen?“ kam — ist aus der „anders wachsen“-Initiative eine Arbeitsstelle entstanden, die zuerst mit 50%, jetzt auch mit 100% für Schöpfungsbewahrung sensibilisiert. Zudem werden sich in den nächsten Jahren zwei Dresdner Gemeinden zu „anders wachsen“-Modellgemeinden profilieren.

Konkret bedeutet dies, die Wachstumsfrage in allen Bereichen von Gemeindeleben zu stellen: von der Finanzierung und der Arbeitsaufteilung zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit, über Ansätze von Klimagerechtigkeit im Gemeindeleben, Gemeindeaufbau und sozialen Zusammenhalt bis hin zur Verkündigung, zum Missionsbegriff, Glaubensinhalten und Kirchenmusik.

Nachhaltigkeit in Gemeindeaufbau, Lebensweise und Spiritualität

In praktischen Schritten soll eine Ethik des Genug erprobt und Nachhaltigkeit in Gemeindeaufbau, Lebensweise und Spiritualität gelebt werden. Die ersten Projekte laufen bereits oder stehen in den Startlöchern: in der Gemeinde Frieden und Hoffnung ist ein Bauerngarten entstanden, der mit einem boden- und insektenfreundlichen Konzept bearbeitet wird. Am 27.10. hat offiziell die Grüne-Hahn-Arbeit begonnen, ein Zertifizierungsprozess, durch den auf vielen Ebenen Umweltschutz und Nachhaltigkeit im Gemeindeleben verankert werden soll, in Zusammenarbeit mit der gesamten Gemeinde.

In der Johanneskirchgemeinde wurden Mittel für eine Generationenrikscha bewilligt, mit der der intergenerationelle Dialog sowie die Mobilität und soziale Teilhabe von SeniorInnen gefördert werden soll. 2020 wird in Zusammenarbeit mit foodsharing e.V. ein öffentlich zugänglicher Tauschschrank für Lebensmittel installiert, in den man Lebensmittel stellen kann, die man selber übrig hat, die sich Andere wiederum kostenlos abholen können. In beiden Gemeinden gibt es, seit drei Jahren bzw. jetzt neu gegründet, Arbeitskreise zu den Themen Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit. Dies ist nur ein kleiner Auszug; Updates und Infos zu allen Projekten sind im vierteljährlich erscheinenden Newsletter zu lesen.

Aber wieso fragen wir als Kirche eigentlich nach einem anderen Wachstumsprinzip?

Gen 1,22 Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt das Wasser im Meer, und die Vögel sollen sich mehren auf der Erde.

Gen 24,35 Der HERR hat meinen Herrn reich gesegnet, so dass er zu grossem Wohlstand gelangt ist. Er hat ihm Schafe und Rinder, Silber und Gold, Knechte und Mägde, Kamele und Esel gegeben.

Mk 4,31f [Das Reich Gottes] ist wie ein Senfkorn, das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden, das in die Erde gesät wird. Ist es gesät, geht es auf und wird grösser als alle anderen Gewächse und treibt so grosse Zweige, dass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.

In der Bibel: Metaphern, Berichte und sogar Anweisungen zu Wachstum – und Begrenzungsmaßnahmen

Die Bibel ist durchzogen von Metaphern, Berichten und sogar Anweisungen zu Wachstum: zur Vermehrung der eigenen Spezies, Vermehrung von Wohlstand oder Vermehrung der Glaubensgruppe durch Mission. Genauso ist die Bibel aber auch durchzogen von Begrenzungsmaßnahmen wie dem Shabbat, dem Jubeljahr oder den vielfältigen Warnungen vor den Gefahren von Reichtum. Auch wenn besonders dieser vor allem in den Büchern des Ersten Testaments als Segen gedeutet wird, ist Wachstum dementsprechend differenziert zu betrachten.

Es geht bei anders wachsen keinesfalls darum, Wachstum in jeglicher Hinsicht zu diskreditieren, einen neuen Sündenkatalog aufzustellen oder von oben herab Menschen zu sagen, wie sie zu leben oder nicht zu leben haben. Die Initiative handelt aus der tiefen Überzeugung, dass es rücksichtsvollere und wertschätzendere Wege gibt, Kirche zu sein und zu bauen — sowohl gegenüber der Erde, den Menschen im globalen Süden, wie auch im gemeindlichen Miteinander und gegenüber uns selbst. Abgesehen von ein paar Konzernen und deren CEOs gewinnt keineR, wenn alle von uns vierzig bis fünfzig Stunden in der Woche arbeiten und wir keine Zeit mehr haben, einander in Krankheit zu besuchen, Kuchen zum Geburtstag zu backen, Liebeskummer wie auch die frische Verliebtheit mit den besten FreundInnen zu teilen, die Waschmaschine zu reparieren und dabei trotzdem das Geld nicht reicht. Auch für kulturelle Tätigkeiten, sich lernend weiterzuentwickeln oder für politisches Engagement fehlt in einem Vollzeitberufsleben meist die Zeit.

Es gewinnt niemand, wenn alle viel arbeiten und keine Zeit mehr haben.

Es gibt einen Bruch, einen Riss in allem, so kommt das Licht herein. (Leonhard Cohen, Anthem)

In Dresden wollen wir im Vertrauen auf Gott, dier[1] Wege bereitet, wo vorher keine waren, uns auf genau diese bisher verborgenen oder noch gar nicht vorhandenen Wege begeben und überlegen, wo und wie wir als Kirche eigentlich wachsen wollen. Durch die Risse in den Wänden unserer Gesellschaft brechen die Träume von einer (klima-, gender-, sozial) gerechteren Welt. Und die Verheißung vom Reich Gottes bestätigt und lockt uns, diesen Träumen nachzugehen. Gottes Verheißung macht es uns geradezu unmöglich diesem Locken nicht zu folgen.

Durch die Risse brechen Träume.

Die Vision von anders wachsen ist zutiefst wachstums- und kapitalismuskritisch, aber bleibt in diesem Negativum nicht stehen, sondern versucht den Rissen zu folgen, sie zu weiten und die Verheißung von Gottes Reich des Friedens und der Gerechtigkeit ernst zu nehmen und unter uns anbrechen zu lassen.

Die Theologin Juliane Assmann ist Referentin für „anders wachsen“-Modellgemeinden im Kirchenbezirk Dresden-Mitte.

Bild: Diony de Lara / unsplash.com


[1] Ein Vorschlag für ein genderneutrales Relativpronomen.

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