Mit Foucault im Seminar? Einwürfe zu den Gedanken von M. Heuvelmann

Maximilian Heuvelmann hatte sein Priesterseminar auf feinschwarz.net mit einem Gefängnis verglichen. Regens Wolfgang Lehner greift den Aufschlag auf, um weiter über Priesterausbildung nachzudenken: Eine Seminarausbildung kann kein machtfreier Raum sein. Seminaristen und Regens brauchen eine Kultur „differenzierter Sichtbarkeit“.

Der Vergleich des Münsteraner Priesterseminars mit einem Gefängnis, den Maximilian Heuvelmann in seinem Artikel „Mit Foucault im Seminar“ durchspielt, ist steil. Wer ins Gefängnis muss, bekommt nicht als erstes den Haustürschlüssel ausgehändigt wie ein Seminarist. Wer ins Gefängnis muss, kommt nicht wegen eines für ihn interessanten Lebensentwurfs. Und er kann nicht einfach wieder gehen. Wirklich für einige Monate oder Jahre weggesperrt zu werden, ist wohl kaum mit dem Leben eines Seminaristen vergleichbar. Bedenkenswert ist der Beitrag des Autors trotz des etwas alternativen Vergleichs.

Mit Foucault im Seminar

Seminarausbildung ist ein gemeinsames Ringen um den besten Weg in die Zukunft. Dazu hat Maximilian Heuvelmann einen wichtigen Beitrag geleistet. Denn er spitzt Fragen zu, mit denen ein jeder zu tun hat, der im Seminar lebt – in welcher Rolle und mit welcher Aufgabe auch immer: die Fragen nach Macht, nach dem Dasein und dem Gesehenwerden. Sie beschäftigen unsere Gesellschaft, unsere Kirche, wie ganz besonders auch die Studentinnen und Studenten aus den Generationen Y und Z, die besonderen Wert auf ihr „Privates“ legen. Drei Themenfelder ergeben sich dazu aus meiner Sicht: ein philosophisches, ein theologisches und ein architektonisches.

1. Foucaultsche Kulissen

Die Konsequenz, die der Autor aus seiner Foucault-Lektüre zieht, verdient einen zweiten Blick: Er träumt von einer machtfreien Welt als idealem Raum, Kirche zu leben und Berufung zu entfalten. Er träumt von „Vagabunden der Sehnsucht“ „an Orten, wo Menschen sind, die durch einen ‚Gottsucher‘ irritiert werden und die den ‚Gottsucher‘ irritieren.“ Heuvelmann liefert trendige, sympathische Atmosphären, die sich allerdings als hochgefährliche Kulissen enttarnen. Denn wo Personen miteinander zu tun haben, finden immer Machteffekte statt, ob gewollt oder ungewollt.

Eine Utopie von machtfreien Räumen ist gefährlich.

Der Autor liefert selbst den besten Beleg dafür: Indem er sein Notebook aufklappt, um einen Text über „Foucault im Seminar“ an feinschwarz.net zu senden, wird Maximilian Heuvelmann selbst zum Träger öffentlicher Macht: Er tritt an die Öffentlichkeit und gibt den Seminaristen in Deutschland eine Stimme. Dies ist völlig legitim! Es wäre sogar zu wünschen, dass sich Seminaristen öfter in die öffentliche Diskussion einschalten! Doch dann muss auch das Etikett stimmen: Macht abzulehnen und sie zugleich auszuüben ist widersprüchlich und wirkt schlimmstenfalls manipulativ.

Hochgefährlich ist die schöne Kulisse der machtfreien Räume deshalb, weil sie Vorhöfe des Missbrauchs bietet. Die Täterstrategie des „Grooming“ schafft gezielt vermeintlich „flache Hierarchien“ und scheinbare Vertrauensverhältnisse, um eine positive Beziehung zu den Opfern aufzubauen. Belege dafür gibt es unter katholischen und nichtkatholischen Vorzeichen zuhauf, vom „netten Kaplan“ bis hin zum reformpädagogischen Internat.

Im Interesse der Missbrauchsprävention ist Klarheit von Autoritätsstrukturen und Machteffekten der beste Opferschutz.

Verleugnete und verdeckte Machtverhältnisse wirken subtiler und deshalb verheerender als das panoptische Treppenhaus im Münsteraner Seminar (das es in der Foucaultschen Distanzlosigkeit dort überhaupt nicht gibt). Gerade im Interesse der Missbrauchsprävention ist Klarheit von Autoritätsstrukturen und Machteffekten der beste Opferschutz.

2. Repräsentationen

Konkret wird die Frage nach der Macht für Maximilian Heuvelmann im „Sichtbarwerden“. Alles ist im Münsteraner Seminar einsehbar: Innenhof, Treppenhaus, Flure. „Der Seminarist wird sichtbar gemacht, indem er sich an verschiedenen Stellen bewähren muss.“

Eine Problematisierung des „Sichtbarwerdens“ ist nicht nur soziologisch von Belang. Soziologisch gesehen ist die von Heuvelmann problematisierte „Sichtbarmachung“ ein Problem von Privatsphäre und Datenschutz. „Sichtbarsein“ ist jenseits der Humanwissenschaften ein theologisches Grundcharakteristikum: Gott wird in Jesus Christus sichtbar, die Kirche wird in den Getauften sichtbar, der Priester macht durch die „Re-Präsentatio“ Christus sichtbar – und so weiter. Sichtbarmachung gehört zum Priester-sein folglich wesentlich dazu.

„Sichtbarwerden“ ist grundsätzlich kein Übel, sondern eine Notwendigkeit.

So ist „Sichtbarwerden“ grundsätzlich kein Übel, sondern eine Notwendigkeit – auch um Berufung überhaupt klären zu können. Berufung zum priesterlichen Dienst ist ein zweiseitiges Geschehen: Der Berufene spürt sie, die Kirche muss sie anhand von objektiven Kriterien bestätigen. Dazu braucht sie belastbare Aussagen „über das Verhalten, die Haltung, Interessen und Fähigkeiten des Kandidaten“ – wie Maximilian Heuvelmann schreibt.

Unsichtbare Kandidaten können keine positiven Signale ihrer Eignung setzen. Auch hier zeigen die schrecklichen Missbrauchsgeschehnisse ex negativo Konsequenzen der Unsichtbarkeit: Der Täter wechselte von einer Diözese in die nächste, um dort ungesehen weiter seinem Treiben nachgehen zu können.

Seminaristen erwarten transparente Ausbildungsziele und objektivierbare Standards. Sie erwarten zu Recht: Sichtbarkeit!

Maximilian Heuvelmanns Unbehagen am „Sichtbarwerden“ speist sich – so vermute ich – daraus, dass er eine „andauernde und permanente Ansammlung“ von Informationen fürchtet, eine plötzliche Entlassung, intransparente Kriterien, das heißt im letzten: die Unsichtbarkeit der Ausbilder. Dieses Unbehagen macht auf eine wichtige Dimension aufmerksam: Seminaristen erwarten zu Recht klare und transparente Ausbildungsziele. Sie erwarten zu Recht objektivierbare Standards. Sie erwarten zu Recht Dokumentationen, anhand derer sie nachvollziehen können, wo sie gerade stehen. Sie erwarten zu Recht das Einsichtsrecht in ihre Ausbildungsakte entsprechend der Kirchlichen Datenschutzverordnung. Seminaristen erwarten zu recht – und hier zeigt sich das verblüffende Resultat der Überlegungen Heuvelmanns: Sichtbarkeit!

Es braucht eine „differenzierte Sichtbarkeit“.

Wer mit seinem „Sichtbarwerden“ in Ausbildungszeit ein grundsätzliches Problem hat oder den Regens bei entscheidenden Lebensthemen völlig außen vor lässt, muss mit der Vermutung leben, sich die Weihe erschleichen zu wollen. In der Seminarausbildung braucht es daher eine „differenzierte Sichtbarkeit“. Ein Regens kann sich nur durch belastbare Kenntnisse über die Grundstruktur der Persönlichkeit eines Kandidaten von seiner Eignung überzeugen – die Beweislast dazu liegt zunächst beim Kandidaten selbst.

Die Beurteilungsgrundlage liefert ein Synchron-Diachron-Mix an Beobachtungen. Synchron: Mehrere Quellen an Ausbildern – Männern wie Frauen – müssen ein im wesentlichen konsistentes Mosaik vom Persönlichkeitsbild des Kandidaten liefern. Diachron: Dieses Mosaik muss sich über einen längeren Zeitraum hinweg als positiv fortschreibend erweisen.

Idealerweise entwickelt sich der Kandidat dahin, situationsgerecht sichtbar und sprachfähig zu sein.

Für diesen Mix muss der Regens seinen Kandidaten nicht „andauernd und permanent“, das heißt distanzlos, erleben. Im Gegenteil sind Rhythmisierungen sehr sinnvoll. Idealerweise entwickelt sich der Kandidat dahin, situationsgerecht sichtbar und sprachfähig zu sein: „Zu welchen Gelegenheiten bin ich präsent, wann kann ich mich zurückziehen? Wem gegenüber gebe ich welche Seite meiner Persönlichkeit preis? Ist Präsenz für mich ein Grundproblem?“ Hinter all diesen Fragen tut sich die Herausforderung auf, mit eigenen Grenzen und Verwundungen umzugehen.

3. Monumente der Langweiligkeit

Maximilian Heuvelmann kritisiert das Gebäude des Münsteraner Priesterseminars – an dessen Stelle könnte man etliche Seminargebäude in Deutschland setzen: Zweckbauten von monumentaler Langweiligkeit.

Verbindliche Räume sind notwendige Voraussetzung zur Berufungsklärung.

Vorweg: Ich halte die Einrichtung Priesterseminar für äußerst sinnvoll. Die Erzdiözese München und Freising musste von 1968 bis 1983 auf ein eigenes Haus verzichten. Das Durcheinander von Wohngruppen und Gastaufenthalten in verschiedenen kirchlichen Häusern mochte der Individualität Einzelner sehr entgegengekommen sein. Eine strukturierte und verlässliche Ausbildung war unter diesen Umständen allerdings kaum möglich. Verbindliche Räume sind notwendige Voraussetzung zur Berufungsklärung.

Das Ausbildungsprinzip der „differenzierten Sichtbarkeit“ sollte sich daher auch in der Architektur eines Seminars wiederfinden. Abgesehen davon, dass die Gebäudegröße in einem sinnvollen Verhältnis zur Anzahl der Bewohner stehen muss, braucht das Gebäude eine innere Gliederung: Die Rhythmisierungen von Präsenz und Absenz, von Gebet, Studium und Erholung müssen die Distanzlosigkeit des „panoptischen Blicks“ ersetzen.

Vorbild Kartäuserkloster: Kultur der „differenzierten Sichtbarkeit“ zeigt sich in einer entsprechenden Architektur.

Zeitlos gültiges Vorbild dieser Rhythmisierung sind die kartausischen Klosteranlagen, in denen überschaubare kleinere Gebäude für sich stehen und doch miteinander verbunden sind: Das Private ist ebenso sehr gewahrt wie das „Sichtbarwerden“ in der Gemeinschaft; die Zwecke der Orte sind klar definiert und doch nicht voneinander isoliert. Natürlich ist ein Seminar kein Kartäuserkloster, aber die Kultur der „differenzierten Sichtbarkeit“ zeigt sich dort in einer entsprechenden Architektur.

Der Vergleich des Münsteraner Priesterseminars mit einem Gefängnis durch Maximilian Heuvelmann bietet bei allen Konstruktionsproblemen im einzelnen interessante Ansatzpunkte, um über Priesterausbildung nachzudenken. Ein machtfreier Raum kann Seminarausbildung nicht sein. Klare und transparente Verhältnisse sind in jedem Fall besser als Schattenkulissen. Für verantwortete Entscheidungen ist für einen Regens eine „differenzierte Sichtbarkeit“ des Seminaristen deutlich hilfreicher als der „panoptische Blick“ Foucaults.

___

Dr. Wolfgang Lehner ist Regens des Erzbischöflichen Priesterseminars St. Johannes der Täufer in München.

Bildquelle: Pixabay

___

Der Beitrag erscheint in ausführlicherer Form auf der Homepage des Münchener Priesterseminars:

Gefangen im Seminar?

Print Friendly, PDF & Email