Zehn Anmerkungen zur gegenwärtigen Pandemie

Die gegenwärtige Pandemie gibt zu vielen Reflexionen Anlass. Aus theologischer Perspektive hat Toni Bernet-Strahm zehn Anmerkungen fomuliert.

  1. Anlass:
    In Zeiten des Internets besteht die Gefahr, dass viel religiös Unsinniges zur Corona-Virus-Erkrankung verbreitet wird. Dumm und medizinisch gefährlich ist, wenn man sich anmasst zu wissen, dass Glaubende vom Virus nicht angesteckt werden, weil Hostien und Weihwasser immun seien. Religiös gesehen ist auch das Reden von «Strafe Gottes» nicht nur eine veraltete Gottesvorstellung, sondern angesichts heutigem Wissenstand eine Anmassung und ein absolutes Wissen-Wollen wie Gott.
  1. Was weiss die Wissenschaft über Viren?
    Bevor die Theologie ihre eigene, immer relative Sicht auf das Phänomen dieser Krankheit wirft, muss sie sich daran orientieren, was Biologie (und auch andere Wissenschaften wie die Epidemie-Forschung) darüber wissen. Theologie muss sozusagen im Buch der Natur (Galileo Galilei) zu lesen beginnen.
  1. Forschung: Das Buch der Natur zu lesen kann heute bedeuten, das Wirken von Viren im Verlauf der Evolution zu verstehen.
    Grundsätzlich: Viren sind aus menschlicher Sicht eine sehr zwiespältige Evolutionsrealität. Sie lassen sterben, aber nur soweit, dass Leben weiter geht. Sie sind Parasiten mit starkem Überlebensdrang, sogar auf Kosten von komplexeren Lebewesen.

Viren sind Parasiten mit starkem Überlebensdrang

Aber Viren sind auch Evolutionsantreiber: Sie fördern in den Wirtezellen langandauernde Adaption, Widerstandsfähigkeit und Immunisierung.
Unklar aber ist der Forschung noch Vieles: Man stellt Hypothesen auf, ob und wie die Viren sogar am Anfang des Lebens stehen, im Zwischenbereich der physischen und biologischen Welt. Erklärungen, wie sich das Leben seit den Anfängen der Evolution verändert hat und welche Rollen Viren damals schon spielten, sind Vermutungen.

  1. Erinnerung:
    In Zeiten der Unsicherheit, in denen auch Wissenschaft und Politik in ihren Massnahmen nicht auf grossem Wissen und Erprobung aufbauen können, wird der Mensch wieder auf Urängste zurückgeworfen.
    Um Panik zu vermeiden, kann neben neuer und intensiverer Forschung, neben klugem politischem Eingreifen in den Lebensalltag auch die Erinnerung an religiöse Traditionen und Erfahrungen ein Beitrag für die Gesellschaft sein.

Erinnerung an religiöse Traditionen und Erfahrungen als ein Beitrag für die Gesellschaft

Zum Beispiel:
In den Ritualen und Schriften der Religionen haben Klagen und Verzweiflung ihren Platz. Dabei wird eine Entwicklung zur Humanisierung der Verzweiflung sichtbar: ein Mensch, der Psalmen betet und anklagt, ist menschlicher als eine religiöse Zeremonie, die Lebewesen opfert, zur vermeintlichen Beeinflussung Gottes.
Klagen im Sinne Hiobs ist immer auch ein Eingeständnis des Nicht-Verstehen-Könnens und mühsamen Erduldens. Das gehört wesentlich zu Religiosität, wenn sie im Unverständnis dennoch auf Nähe und Schutz einer alles übersteigende Grösse vertraut.

  1. Gottesbild:
    Die Theologie kann in diesem Zusammenhang auf die Entwicklung der Gottesvorstellung hinweisen. Gegenüber einem strafend eingreifenden Gott, magisch beeinflussbaren Höchsten Wesen oder auch einem abwesenden oder gar nicht existierenden Gott entwirft sie ein in der Auseinandersetzung mit Wissenschaften, Philosophie u. religiöser Erfahrung erweitertes und gereiftes Gottesbild.
  1. Gott-Weltverständnis: ungetrennt und unvermischt.
    Gott ist Ursprung und Prinzip von allem. Im Anfang (= in principio) schuf Gott Himmel und Erde (Gen 1). Dieses Urgeheimnis und Leben im Leben ist  sowohl in der Wirklichkeit als Grund und Bedingung der Möglichkeit von Evolution und Sein anwesend wie auch transzendent entrückt und un-manipulierbar abwesend, also allen menschlichen Geist und alle Sprache übersteigend und so nur annähernd und am besten in symbolischer Sprache umschreibbar. Das heisst: Alles was wirklich ist und geschieht, ist in Gott.

Alles was wirklich ist und geschieht, ist in Gott.

Aber gleichzeitig entlässt diese Transzendenz den Menschen in seine eigene Freiheit. Gott lässt der Autonomie von natürlichen Abläufen wie auch menschlicher Verantwortung ihre eigene Entwicklung. Die Vorstellung vom Eingreifen Gottes ist problematisch. Besser, wenn auch etwas umständlicher, spricht man von der graduell unterschiedlich wahrnehmbaren Tiefe der Wirklichkeit in der Wirklichkeit. Die alte paradoxe Formel der Christologie gilt umso mehr für den Prozess der Evolution: Gott und Schöpfung sind «ungetrennt und unvermischt».

  1. Erfahrungen der Nähe und Ferne:
    Mehr noch als durch Denken oder Beten lässt sich die Nähe Gottes erfahren, wo jemand Gutes tut, im Einsatz für andere für deren Leben, Freiheit und weiteren Selbstentfaltung. Vorrangig dort ist Nähe Gottes erfahrbar, wo Hungernden zu essen gegeben wird und Benachteiligten Recht und Befreiung. Aber auch die Erfahrung der Abwesenheit und Ferne Gottes kann hilfreich sein, wenn es zu mehr Bewusstsein der Eigenverantwortung und zwischenmenschlicher Solidarität führt. Die traditionelle religiöse Formel «Gott gehorsam sein» heisst dann auf die Stimme der Gerechtigkeit in sich zu hören: Was jetzt rechtens ist, muss getan werden. In Zeiten der Pandemie sind solche Zeichen der Zeit erkennbar: explizit oder implizit im Kleinen oder Grossen bei Glaubenden oder Nicht-Glaubenden, Gott-Nahen oder Gott-Fernen.
  1. Vergänglichkeit und Hoffnung in einer eigengesetzlichen Welt
    Die Theologie spricht bewusst von graduellen Erfahrungen der Nähe Gottes: Wenn Gott die Wirklichkeit aller Wirklichkeit ist, dann kommt alles Sein, alle Kraft und Eigenaktivität (Thomas v. Aquin) von Gott. Nach Paulus führt alles Geschehen darauf hin: «Damit Gott sei alles in allem» (1 Kor 15,28). So können alle Galaxien im Universum wie auch die Eigenaktivität kleinster Quarks und Mikroben, letztlich alles, zu einem Anlass urtümlichen Staunens werden. Aber die gleiche Wirklichkeit kann auch Angst auslösen: Wo schon der Überlebenskampf eines Virus für andere Species Zerstörung und Tod bewirkt, wo lebendige Körper zerfallen, um Raum für andere Lebewesen freizugeben. Das gehört zur Wirklichkeit der Wirklichkeit, ist aber graduell noch nicht das, was Intention Gottes in seiner Wirklichkeit ist.

Religiöse Menschen engagieren sich für Schmerzlinderung, gerechte Verhältnisse und für das Gute und Schöne.

Ein theologisches Hoffnungsdenken darf hier aufgrund religiöser Traditionen und menschlicher Hoffnungen – anders als die an die Empirie gebundene Naturwissenschaft – weitere zuversichtliche Gedanken entwerfen: Mit diesem grundlegenden Schöpferwirken, das alles Geschaffene in seine Eigengesetzlichkeit freisetzt, kommt Gott noch nicht zu seinen eigentlichen Zielen. Die Evolution ist zwar offen, vom Zufall gelenkt, erst der Mensch bringt Bewusstwerden und Vernunft ins evolutive Geschehen hinein. Er macht bewusst erlebte positive und negative Erfahrung im Umgang mit der Natur und entdeckt in sich die Verantwortung für Natur und Mitmenschen. Religiöse Menschen vertrauen den heilsamen Erfahrungen in der Geschichte, vertrauen in aller Zweideutigkeit, dass diese schönen Erfahrungen letztlich stärker sind als alle Leid- und Todeserfahrungen, und engagieren sich für Schmerzlinderung, gerechte Verhältnisse und für das Gute und Schöne. Auf Hoffnung hin glauben sie an eine grosse Vollendung dieser Evolution, wie etwa Paulus das formuliert: «Auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt» (Röm 8,21-22).

  1. Wo Liebe ist und wirkt…
    Soweit Menschen sich für das Gute und Rechte auftun, kann Gott im Menschen graduell noch ganz anders in der Wirklichkeit gegenwärtig werden: Er kann in ihnen mit seinen Intentionen Raum finden und in der Welt zum Zug kommen. Die Bibel gibt ein inhaltliches Kriterium für die Erkenntnis von Gottes eigentlicher Wirklichkeit: Ubi caritas, ibi deus est – et agit.
  1. Die Ikone Gottes:
    In Jesus Christus erkennen Christinnen und Christen die graduell entschiedenste Anwesenheit und Nähe Gottes. In jenem uns unterdessen fernen Jesus aus Nazareth sehen sie aufgrund der erhaltenen biblischen Zeugnisse, wie Gott in seiner wahren Wirklichkeit da ist, spricht und wirkt. Jesus ist – so die Theologie von alters her – das «Abbild Gottes», die transparente Ikone Gottes, ist Liebe sichtbar in radikaler menschlicher Konkretheit, sich treu bis zur eigenen Ermordung am Kreuz in Zuwendung auch zu den Feinden und den eigenen Henkern.

Jeder Einsatz im Kampf gegen das tödliche Virus und für jeden infizierten Menschen ist Nähe Gottes

Solch wahres Leben und wahre Wirklichkeit ist konstitutiv, ist Prinzip, ist All-Barmherzigkeit, ist Gott, und kann deshalb nicht von den Fehlern der Evolution und dem Tod beseitigt werden. Solches Menschsein geht ein in die sowohl transzendente wie immanente Wirklichkeit Gottes, sprich: es geschieht Auferstehung. Und zwar schon jetzt: Jeder Einsatz im Kampf gegen das tödliche Virus und für jeden infizierten Menschen ist Nähe Gottes, ist das erforderte Gute zu dieser Zeit, ist wichtig. Und die Theologie kann nur noch ergänzen: All das Gute, das jetzt Menschen tun, ist für sie und für die Welt und in Ewigkeit nicht verloren.

Toni Bernet-Strahm, Dr. theol., ehemaliger Leiter RomeroHaus Luzern

Bild: Beate Bachmann / pixabay.com

Vom Autor bisher auf feinschwarz.net erschienen:

Befreiung nach der Befreiung: Albert Nolans Theologie der Zeichen der Zeit

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