Auf der Suche nach GOLD

Hans Karl Kandel, rolling on - rolling off, 2021; Bild: Norbert Korn

Woran denken Sie, wenn Sie das Wort „Gold“ hören? Die spontanen Antworten sind vermutlich vielfältig. Sie reichen von Licht, Glanz, Strahlen, Ausbeutung, Kitsch, Barock, Reichtum bis hin zu Schmuck, Hochzeit, Elend und natürlich auch Weihnachten. Von Kerstin Bienert.

Kaum eine weihnachtliche Festdekoration kommt ohne den Glanz von goldenen Sternen aus. Es gibt zur Weihnachtszeit keine Supermarktregale ohne die Auslage von goldglänzenden Schokopräsenten. Kein Fest wird wohl so mit „Gold“ in Verbindung gebracht wie Weihnachten. Gold, Weihrauch und Myrrhe bringen die drei Könige dem Neugeborenen in der Krippe. „Gold“ steht da als Symbol für das Wertvollste, das Wichtigste, das sie dem Kind als Geschenk bringen. „Gold“ steht als Symbol dafür, dass uns allen das Wertvollste, das Wichtigste geschenkt wird: Ein Kind, das neues Leben verspricht.

Was ist mehr wert als Gold?

Im Lockdown-Frühjahr 2021 hat der Nürnberger Graffitikünstler Carlos Lorente Jugendliche befragt, was ihre persönlichen Goldschätze sind, was ihnen noch viel mehr wert ist als Gold. Aus den Antworten hat er an der Mauer der Städtischen Galerie in Schwabach ein „Mural“, ein Wandgraffiti gestaltet. In der Mitte steht groß im goldenen Schriftzug das Wort, das die meisten Jugendlichen genannt haben: „Family“. Die Familie ist den Jugendlichen das Wichtigste. Die Familie ist jungen Menschen mehr wert als „Gold“. „Musik“, „Liebe“, „Umarmungen“, „meine Katze“, „Rap“, „Bücher“, „Schule“ und „Glück“ waren weitere Nennungen. Alle Begriffe hat der Künstler im „Handstyle“ als goldene Schriftskulpturen gearbeitet und zum Kunstfestival ortung in der mittelfränkischen Goldschlägerstadt Schwabach als „Street Art Hunt“ versteckt. Während des Kunstfestivals konnten die Besucher:innen diese Skulpturen dann auf dem Parcours aufspüren, zu Golddiggers und Street-Art-Hunters werden und so ihren persönlichen Goldschatz heben …

Carlos Lorente aka Kid Crow, Gold*Diggers „Family“, 2021; Bild: Inka Meißner

ortung ist ein besonderes Kunstereignis in der Stadt Schwabach. Alle zwei Jahre lockt ein Kunstparcour mit rund 25 Stationen vierzehn Tage lang im August tausende Besucher:innen in die Stadt. Künstler:innen gestalten Orte – Alltagsorte, ungewöhnliche Orte in Kellern, Hinterhöfen, auf Dachböden, Fassaden – und öffnen so die ganze Stadt für eine Begegnung mit Kunst. Es ist ein internationaler Kunstwettbewerb, der in Bezug zur Geschichte Schwabachs als Goldschlägerstadt Künstler:innen dazu einlädt ihre künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema „Gold“ zu zeigen:

  • Künstler:innen entwickeln Ideen zum Thema „Gold“
  • sie gestalten Räume und Orte in der Stadt
  • Künstler:innen verändern die Stadt und zeigen neue Blicke und Perspektiven

Seit vielen Jahren gehe ich in den ortung-Tagen mit großer Neugier auf die Suche nach Gold in meiner Stadt, gemeinsam mit vielen anderen Neugierigen. Wir machen uns auf den Weg, um Kunst zu entdecken und uns zu öffnen für die Ideen der Künstler:innen. Bei meinem „weihnachtlichen (Rück-) Blick“ auf den ortung-Sommer 2021 fallen mir neben dem Graffiti zwei weitere Kunststationen besonders ein.

Reduktion auf das Wesentliche: spiegelnde Goldkugel.

In der ehemaligen Synagoge hing mitten im Raum eine riesige Goldkugel. Nicht mehr und nicht weniger. Karolin Schwab aus Berlin wählte eine äußerst reduzierte Formensprache. Die Reduktion auf das Wesentliche führte zur spiegelnden Goldkugel mitten im Raum. Ist es eine glänzende Wunschkugel, eine goldene Erdkugel oder doch eine riesige Christbaumkugel?

Karolin Schwab, Aura, 2021; Bild: Inka Meißner

Die Kugel im Raum ließ den Betrachtenden viel Offenheit für eigene Wahrnehmungen. Im goldenen Spiegel wurde der Raum größer, veränderte sich. So wurden die Betrachtenden selbst Teil der Spiegelung und konnten ganz neu entdecken was um sie herum geschah. Die Kugel brachte die Menschen direkt miteinander in Beziehung. Aus dem – von der Künstlerin ursprünglich – gedachten „Ort der Ruhe“ wurde ein lebendiger Ort der Begegnung. Es gab hier viele individuelle „goldene Momente“… Menschen haben sich nach langer Zeit endlich mal wieder „in echt“ getroffen (und das ganz spontan!), Kinder lagen staunend am Boden unter der Kugel, Freund:innen versammelten sich im Spiegelglanz für gemeinsame Selfies.

Sinnbild der Verbundenheit: der Ring.

Mein Erinnerungsrundgang führt mich als nächstes in die evangelische Stadtkirche. Im dortigen Kunstraum breitete sich ein Feld weißer Ringe am Boden aus. Unterschiedlich stark, unterschiedlich groß, aber alle von nahezu makelloser Glätte und Perfektion. Der Ring als Sinnbild der Zeit – ohne Anfang und Ende. Der Ring als Sinnbild für Verbundenheit. Der Ring als Sinnbild für Geschlossenheit. Der Ring als Sinnbild für Rettung (nicht zufällig dachten viele Besucher:innen sofort an Rettungsringe). Der Ring als Sinnbild für Bewegung.

Gerade eben noch in lebendiger Bewegung wirken die Ringe als seien sie erstarrt, jäh zum Stillstand gebracht. Viele unterschiedliche Ringe, kleine und große, dicke und dünne, teils über- und untereinander liegend, ergeben ein Ganzes: Ein Oval mit zwei goldenen Polen. „rolling on – rolling off“ ist der Titel der Installation von Hans Karl Kandel aus Roth/Mittelfranken: „Der eine Halbring – körperhaft wulstig – steht für Geburt. Das Licht der Welt erblicken, das göttliche Licht. Das Leben als größter Wert. Der andere Pol als filigraner, geräumiger Halbring. Das Ziel, der Übergang, das Transzendente. Leben und Tod diesseits und jenseits – ein uraltes Thema.“

Hans Karl Kandel, rolling on – rolling off, 2021; Bild: Inka Meißner

Vom Standpunkt des goldenen Rings aus, der symbolisch für die Geburt, den Anfang stand, fiel mein Blick geradewegs auf die gotische Strahlenkranzmadonna mit Kind, geschaffen im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts. Damals verstanden die Menschen die Bildsprache sofort: „Maria mit Kind“ steht für die Geburt, steht für einen göttlichen Neubeginn. Hans Karl Kandel schafft rund 600 Jahre später ein neues Bild: ein goldener Halbring, der aus dem Boden wächst. Die Blickachse von hier aus zum zweiten Ring, der symbolisch für den Tod, das Ende stand, führte in der Verlängerung direkt zum Kreuz am Hauptaltar der Kirche.

Kunst, die die Seele öffnet.

Unweigerlich kommt mir das Psalmwort in den Sinn: „Herr, in deine Hände sei Anfang und Ende, sei alles gelegt.“ (Psalm 90,1) ALLES, egal ob durcheinander, ob geordnet, ob wild, ob gehalten, ob lebendig, ob still, ob makellos, ob gold, ob weiß, ob klein, ob groß… einfach ALLES. Das ist das Leben. Wie ein großes Feld unterschiedlicher Ringe, gehalten von zwei Polen. Neu – Bewegt – Erstarrt. Das Spiel des Lebens.

Ich habe keine Ahnung, ob der Künstler genau diese Gedanken auch hatte. Ich habe keine Ahnung, ob er religiös ist oder nicht. Ich habe keine Ahnung, ob er im Kreuz die christliche Hoffnung auf neues Leben sehen kann oder ob ihm diese Gedanken fremd sind. Ganz egal. Ich weiß, dass er mir mit seiner Installation meine eigene Gedanken anbietet. Ich weiß, dass er mir ein Geschenk macht. Ich weiß, dass er mir mit seinem künstlerischen Schaffen die Seele öffnet. Und genau da kann Kunst große Kraft entfalten, wenn sie offen bleibt, wenn sie Fragen stellt, wenn sie zu neuem Sehen herausfordert und wenn sich Menschen all dem öffnen und sich auf den Weg machen selbst zu sehen. Im besten Fall suchen sie miteinander, haben manchmal hilfreiche KunstBegleiter:innen an ihrer Seite und nehmen vor allem die Einladung der Künstler:innen zum Sehen und Suchen an.

In diesem Sommer wurde ich auf diesem Kunst-Such-Weg ganz besonders belohnt: Am 10. Tag der Schwabacher Kunsttage habe ich beim „Street Art Hunting“ einen der versteckten Goldschätze von Carlos Lorente gefunden. Wie eingangs erwähnt, hatte der Graffitikünstler goldene Schriftskulpturen der Begriffe, die den Jugendlichen in der Umfrage mehr wert als Gold waren, in der Stadt versteckt. Mein Goldschatz lag ganz oben im Regal meiner Lieblingsbuchhandlung, zwischen Goethe, Ratgebern und Reiseführern… Ich darf den goldenen Schriftzug behalten. Welches Glück: Ich habe die „LIEBE“ gefunden. „LOVE“ – welch großartige Weihnachtsbotschaft!

Bild: Kerstin Bienert

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 Text: Kerstin Bienert ist Kunsthistorikerin, seit 2009 leitet sie die Museen Burg Abenberg. Als KunstBegleiterin lädt sie zu Kunstspaziergängen ein.

Bilder: Kerstin Bienert, Inka Meißner, Norbert Korn

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