Besuch am Grab von Hegel (1770–1831)

Zu Allerheiligen geht man an die Gräber. Rolf Schieder besucht das Grab von Georg Wilhelm Friedrich Hegel.

Hegels Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte ist ein „Ehrengrab“ des Landes Berlin. Es wirkt entsprechend verwahrlost. Wer Hegel ehren will, der oder die muss schon selbst etwas mitbringen – wie etwa der Besucher, der eine Schachtel Streichhölzer auf dem Grabstein hinterließ – mit der Aufschrift „We’re a perfect match“.

Streichhölzer als Mitbringsel: „We’re a perfect match“

In der kunstgeschichtlichen Tradition des Westens steht Feuer für den göttlichen Geist – und insofern macht das kleine Mitbringsel durchaus Sinn. Denn wenn es ein Alleinstellungsmerkmal des Philosophen Hegel gibt, dann ist es seine Verwendung des Begriffs „Geist“.

Englischsprachige Philosophinnen und Philosophen haben es schwer, den Begriff zu übersetzen. Einige entscheiden sich für „mind“ und reduzieren damit Hegels Geist auf den subjektiven Geist. Dabei verlieren sie den objektiven und den absoluten Geist aus dem Auge. Andere übersetzen Geist als „spirit“, wollen dabei aber sogleich sicherstellen, dass Hegel damit nichts Theologisches im Sinn gehabt hätte. Prägend sei vielmehr der Begriff νους bei Plato und Aristoteles gewesen. Nun findet sich aber in Hegels Religionsphilosophie eine ganz andere Herleitung: „Ohne […] Bestimmung der Dreieinigkeit wäre Gott nicht Geist und Geist ein leeres Wort.“ (Vorlesungen über die Philosophie der Religion I, S. 38)

Säkulare Perichorese der drei Personen der Trinität: Selbstentäußerung an die Welt und Selbstverendlichung als Geist.

Hegels dynamische Verhältnisbestimmung von Allgemeinheit, Partikularität und Singularität lässt sich zwanglos als säkulare Perichorese der drei Personen der Trinität lesen. Gott kann sich seiner Absolutheit nur durch seine Selbstentäußerung an die Welt und durch seine Selbstverendlichung als Geist vergewissern. Die Selbstoffenbarung Gottes, die als solche seine Negation ist, erlaubt den Menschen ihre Welt als eine ihnen erschlossene wahrzunehmen, um sie dann begreifend erneut zu negieren und gerade so am Wirken Gottes als Geist teilzuhaben.

Nicht als dichotomisch aufgespalten in Subjekt und Objekt soll der Mensch sein Dasein in der Welt bestimmen, sondern als immer schon im absoluten Geist aufgehoben – in jenem doppelten Sinn der Negation und der Bewahrung.

Hegel – ein frommer Mann und herausragender Theologe.

Man muss sich also Hegel als einen frommen Mann und als einen herausragenden Theologen vorstellen, dessen Pneumatologie auf Kirchenmauern keine Rücksicht nimmt, sondern die Weltgeschichte als die Explikation des göttlichen Geistes begreift.

Linkshegelianern will das nicht einleuchten und so verweisen sie gerne darauf, dass Hegel doch selbst vom Tod Gottes gesprochen habe. Die entsprechende Passage zum Karfreitagsgeschehen in seiner Religionsphilosophie liest sich so:

„Gott ist gestorben, Gott ist tot – dies ist der fürchterlichste Gedanke, dass alles Ewige, alles Wahre nicht ist, die Negation selbst in Gott ist; der höchste Schmerz, das Gefühl vollkommener Rettungslosigkeit, das Aufgeben alles Höheren ist damit verbunden. Der Verlauf bleibt aber hier nicht stehen, sondern es tritt nun die Umkehrung ein; Gott nämlich erhält sich in diesem Prozess und dieser ist nun der Tod des Todes.“ (Ebd. S. 291)

So wenig also mit der Aussage „Gott ist Liebe“ gemeint ist, dass Gott nichts anderes als Liebe sei, sowenig bedeutet die Aussage „Gott ist tot“, dass von ihm nichts anderes als sein Tod zu berichten sei. Gott kann neben vielem anderen auch tot sein – und dennoch Gott bleiben. Nicht Gott hat also ein Problem, sondern der Tod, denn selbst dieser ist nun nicht mehr gottlos.

Nicht Gott hat ein Problem, sondern der Tod, denn selbst dieser ist nun nicht mehr gottlos.

Man kann davon ausgehen, dass Hegel getrost und im festen Glauben gestorben ist, dass es keine wirklichere Wirklichkeit als Gott selbst gibt. Die Lebenden und die Toten wären gleichermaßen in ihm aufgehoben. Religion, so Hegel, sei der Sonntag des Lebens. Denn anders als in den Geschäften des Alltags seien Entzweiung, Kampf und Verzweiflung überwunden und Versöhnung Wirklichkeit.Und so beginnt seine Religionsphilosophie mit den fast hymnischen Sätzen:

„Gott ist […] der Anfang von allem und das Ende von allem; wie alles aus diesem Punkte hervorgeht, so geht auch alles in ihn zurück; und ebenso ist er die Mitte, die alles belebt, begeistert und alle jene Gestaltungen in ihrer Existenz, sie erhaltend, beseelt. In der Religion setzt sich der Mensch in Verhältnis zu dieser Mitte, in welche alle seine sonstigen Verhältnisse zusammengehen, und er erhebt sich dadurch auf die höchste Stufe des Bewusstseins und in die Region, die frei von der Beziehung auf anderes, das schlechthin Genügende, das Unbedingte, Freie und Endzweck für sich selber ist.“

Während es der Wissenschaft darum gehe, sich der endlichen Welt zu bemächtigen, hat es die Religion vornehmlich mit dem Unendlichen zu tun:

„Als Empfindung bestimmt, ist dies Verhältnis der Freiheit der Genuss, den wir Seligkeit nennen; als Tätigkeit tut es nichts anderes, als die Ehre Gottes zu manifestieren und seine Herrlichkeit zu offenbaren, und dem Menschen ist es in diesem Verhältnis nicht mehr um sich selbst zu tun, um sein Interesse, seine Eitelkeit, sondern um den absoluten Zweck.“ (Ebd. S. 12)

Den absoluten Zweck bestimmt Hegel in §129 seiner Rechtsphilosophie aber so: „Das Gute ist […] die realisierte Freiheit, der absolute Endzweck der Welt.“

„Das Gute ist […] die realisierte Freiheit“.

Um die Realisierung der Freiheit geht es auch der Philosophie:

„Der Gegenstand der Religion wie der Philosophie ist die ewige Wahrheit in ihrer Objektivität selbst, Gott und nichts als Gott und die Explikation Gottes. […] So fällt Religion und Philosophie in eins zusammen; die Philosophie ist in der Tat selbst Gottesdienst, ist Religion, denn sie ist dieselbe Verzichtung auf subjektive Einfälle und Meinungen in der Beschäftigung mit Gott.“ (Ebd. S. 28)

Entweder ist der lebendige Gott gegenwärtig und auch erkennbar – oder es handelt sich um ein Hirngespinst.

Ob man nun „Gott“ oder „das Absolute“ sagt, ist für Hegel unerheblich. Was er aber fürchtet und mit Eifer bekämpft, ist ein Gott, der als Objekt für beliebiges Fühlen und Meinen missbraucht wird und ein Gott, der angeblich in irgendeinem unerkennbaren Jenseits hausen soll. Entweder ist der lebendige Gott gegenwärtig und aufgrund seiner Selbstoffenbarung auch erkennbar – oder es handelt sich eben um ein bloßes Hirngespinst.

Gelegenheit, sich nicht nur des Philosophen, sondern auch des Theologen Hegel zu erinnern.

Nächstes Jahr werden wir den 250. Geburtstag Hegels feiern. Das ist eine gute Gelegenheit für Theologinnen und Theologen wie auch für Philosophinnen und Philosophen, sich nicht nur des Philosophen, sondern auch des Theologen Hegel zu erinnern. Für das Land Berlin wäre es gleichzeitig eine gute Gelegenheit, dem Ehrengrab auch sichtbar die angemessene Ehre zu geben.

Aber vielleicht gibt es dann ja auch noch viele weitere Gaben von Besucherinnen und Besuchern der Grabstätte, die die Begegnung mit dem Geist in Hegels Schriften für einen „perfect match“ hielten und ihrer Freude darüber durch eine kreative Gabe Ausdruck geben.

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Text und Fotos: Rolf Schieder, Professor em. für Praktische Theologie und Religionspädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Zitate aus: Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Religion I, Werke 16, 7. Auflage, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2014.


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