Bildung: Kompetent und abgerichtet?

kompetenzorientiert Lernen

Der Missbrauch gegenwärtiger Bildung und die Frage nach Gott. Von Tobias Foß.

Die Frage, wie Kirche Bildung gestaltet, ist theologisch keine belanglose Fragestellung – im Gegenteil: In der Art und Weise, wie Bildungsprozesse arrangiert werden, wird sichtbar wie christliche Nachfolge verstanden wird. Gegenwärtige Bildungsprozesse sind von erheblichen Missbrauchsgefahren gekennzeichnet. Von daher ist der folgende auf dem ersten Blick religionsdidaktische Beitrag ein Impuls zur Grundsatzfrage theologischen Arbeitens.

Seit den 2000er Jahren hat sich in der deutschen Bildungslandschaft das Modell des kompetenzorientierten Unterrichts durchgesetzt. Schülerinnen und Schüler (im Folgenden: SuS) sollen sich Fertigkeiten aneignen, um ihre Lebensherausforderungen gestalten und bewältigen zu können. Es ist ein wichtiger didaktischer Schritt, diese Haltung zu verinnerlichen – sie steht einem „Trichterlernen“ entgegen, bei dem SuS als leeres Gefäß betrachtet werden, in die vermeintlich wichtige Lernstoffe „reingekippt“ werden sollen. Kompetenzorientiertes Unterrichten ist notwendig, um Menschen in ihren Subjektwerdungsprozessen begleiten und ihre Fähigkeiten fördern zu können.

Kompetenzorientiertes Unterrichten ist notwendig…

Gleichzeitig steht dieser Ansatz unter einer grundlegenden Gefahr, die im Folgenden dargestellt werden soll. Der kompetenzorientierte Unterricht orientiert sich stets an einer konzipierten Anforderungssituation. Von hier aus leiten sich Kompetenzen ab, die SuS brauchen. Die entscheidende Frage lautet: Von welchem Standpunkt aus wird die Anforderungssituation gestellt? Weiter: Geht es nur darum, dass SuS der Anforderungssituation entsprechen? Was ist, wenn die Anforderungssituation Subjektwerdungsprozessen entschieden entgegensteht oder gar als „unmenschlich“ bezeichnet werden muss (etwa die Arbeitsbedingungen in Altenpflegeheimen)? Spitzer formuliert: Sollen SuS in einem neoliberalen System[1] einfach nur funktionieren, indem sie bestehende Anforderungssituationen in diesem gesetzten Rahmen bedienen (wie etwa Erhöhung der Arbeitsintensität, Dumping-Löhne, Privatisierung des Gesundheitssystems usw.)? Werden sie gar für bestehende Systeme „abgerichtet“?

… und steht gleichzeitig unter einer Gefahr.

Dass der Kompetenzbegriff zahlreiche Verflechtungen mit einem neoliberalen Menschenbild aufweist, zeigt sich an unterschiedlichen Veröffentlichungen europäischer oder staatlicher Bildungspapiere. [2]

Meine Überlegungen möchte ich an einem konkreten Beispiel aus meiner Unterrichtserfahrung im religionspädagogischen Vikariat an der Berufsschule verdeutlichen. Ich habe SuS unterrichtet, die sich in einer Ausbildung zum/zur ErzieherIn befanden. Im Unterrichtsgeschehen haben sie deutlich gemacht, dass ihr erlebter Berufsalltag in der Kita mit Stress beladen ist: Zu wenig Personal, zu viele Aufgaben für zu viele Kinder. Gerade in Sachsen-Anhalt ist der Personalschlüssel in Kitas im bundesweiten Vergleich eher schlecht. Die Anforderungssituation lautet also (verkürzt gesagt): ErzieherInnen in Ausbildung treffen auf eine sehr stressige Berufswelt in Kitas. Ein guter kompetenzorientierter Religionsunterricht wird zunächst individuelle Lösungsstrategien fördern (Zeitmanagement, eigene Strukturierung, Pausen, Resilienz). SuS erfahren so Werkzeuge, die belastende Situation auszuhalten, um die Anforderungssituationen bewältigen zu können. Hier sollte jedoch ein kompetenzorientierter Unterricht nicht einfach stehen bleiben. Es gilt gerade unter Inanspruchnahme biblischer Traditionen (z.B. Propheten, Evangelien) nach gesellschaftlich-strukturellen Bewältigungsstrategien Ausschau zu halten, die Druck auf die bestehende Anforderungssituation ausüben (z.B. Betriebsrat, Einreichen von Petitionen, Gewerkschaft).

Nach gesellschaftlich-strukturellen Bewältigungsstrategien Ausschau halten.

SuS müssen Möglichkeiten erfahren, wie sie sich solidarisch vernetzen können, um die bestehende Anforderungssituation nicht nur zu bedienen, sondern tatsächlich verändern zu können, was bedeutet, einen besseren Personalschlüssel zu erreichen. Gerade die gesellschaftlich-strukturelle Seite wird im religionspädagogisch ausformulierten Empowermentansatz unter dem Stichwort „Bevollmächtigung“ als konstitutiver Aspekt für die Initiierung von Bildungsprozessen verstanden.[3] Diesem Bereich muss im Religionsunterricht (wie auch in unterschiedlichen Kommunikationsbemühungen des Evangeliums) ein viel breiterer Raum gegeben werden.

Für religionspädagogisches Handeln sollte es darum gehen, dass SuS in die Lage versetzt werden, mit ihren Kompetenzen die Anforderungssituation nicht einfach blind zu bedienen, sondern vor allem transformieren und verändern zu können. Dies führt zurück zur bereits weiter oben gestellten Frage: Von welchem Standpunkt bzw. von welcher Perspektive aus, wird die Anforderungssituation gestellt? Gibt es einen kritischen Abstand zur Anforderungssituation, sodass diese hinterfragt werden kann und sich SuS Möglichkeiten erarbeiten, wie die verschiedenen Herausforderungen unserer Gesellschaft transformiert werden können? Es gilt deutlich zu machen: Unsere Bedingungen und Anforderungen gesellschaftlichen Lebens können anders sein – sie sind kontingent und nicht vom Himmel gefallen. Unsere Welt könnte anders sein – ein Grundimpuls biblischer Theologie, der die befreiende Botschaft des Kommen Gottes ernst nimmt.[4] M.a.W.: „Der ganz andere Gott, will eine ganz andere Gesellschaft.“[5] Die Frage nach dem Umgang mit den Anforderungssituationen stellt demnach die Frage in den Raum, wie Christentum und Evangelium verstanden wird.

Unsere Welt könnte anders sein.

„‚Alternativlos‘ […] ist ein im Grunde gottloses Wort, weil es die bestehenden Verhältnisse zementieren will und den Menschen die Hoffnung auf Veränderung aus dem Kopf und aus der Hand schlägt. Es ist ein Ausdruck der Siegersprache.“[6]

Wird die Frage nach dem Umgang mit der Anforderungssituation konzeptuell in Kompetenzmodellen nicht bedacht, dann ist der kompetenzorientierte Unterricht instrumentalisierbar und kann sein Ziel verfehlen, nämlich die Förderung von kritischen Subjekten, die ihr Umfeld kritisch-produktiv gestalten wollen bzw. können. Es besteht die Gefahr, dass Kompetenzen dann nur zum verlängerten Arm neoliberaler Ausuferungen werden, welche mehr Risiken als Chancen hervorbringen (Klimakrise, postkoloniale Ausbeutungsmechanismen, soziale Schieflage). Die Welt mit ihrem ökonomischen Rahmen wird so als gegeben hingenommen; sie wird nur noch bedient – ein Götze ist geschaffen.

„Die Individualisierungstendenzen unserer Gesellschaft, die sich in der Individualisierung der Probleme und Lösungen zeigen, führen dazu, dass die dahinter liegenden Ursachen ausgeblendet werden, und verstärken auf einer Wahrnehmungsebene die Akzeptanz des Gegebenen als notwendig.“[7] Konkret bezogen auf den Kompetenzbegriff bedeutet dies, dass sich im schlimmsten Fall folgende Gefahr einstellen kann: „Der Kompetenzbegriff ist in hohem Maße kompatibel mit einer Gesellschaft, die keine Alternativen kennt und braucht. […]. Er verhindert Zweifel und Fragen.“[8]

„Der Kompetenzbegriff … verhindert Zweifel und Fragen.“

Durch einen solchen Missbrauch können Kompetenzen gar einer befreienden Pädagogik entgegenwirken:

„Bildung bedeutet im Kern die Fähigkeit sich zu einem Ganzen in ein Verhältnis zu setzen. Sie bedeutet also die Befreiung aus der Gefangenschaft in einer Situation, durch die determiniert wird, was zu tun ist. Solch eine Bildung ist eine Absage daran, lediglich das zu erkennen und so zu handeln, wie es durch die Situation vorgegeben ist.“[9]

ReligionslehrerInnen brauchen eine kritische Distanz zur Anforderungssituation und haben zu prüfen, inwiefern diese Subjektwerdungsprozessen der SuS entgegensteht. SuS müssen zwar auch bestehende Herausforderungen „bedienen“ können. Sie brauchen aber darüber hinaus Impulse, ungerechte Strukturen wahrnehmen zu können und Wege zu finden, wie diese (und damit die Anforderungssituation) transformierbar sind. Dafür sind Basiskompetenzen der SuS zu fördern, d.h. „die Fähigkeit unermüdlich zu fragen, Gut und Böse zu unterscheiden, zu trauern und die Fähigkeit zum Mitleid. In ihnen spiegelt sich der befreiungstheologische Dreischritt von Sehen, Urteilen und Handeln wider“[10]. Im bleibenden Fokus auf die Transformationsfähigkeit der Anforderungssituation widerspiegelt sich eine Nachfolge Christi, die theologisch „Reich Gottes“ als befreiende Veränderung aller (und damit auch strukturell-gesellschaftlicher) Lebensverhältnisse versteht und dies pädagogisch fruchtbar machen will.

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Tobias Foß hat evang. Theologie studiert, im Bereich Religionspädagogik / Diakoniewissenschaft an der Forschungsstelle für religiöse Kommunikations- und Lernprozesse promoviert und arbeitet als Vikar im Pfarrbereich Hohenthurm bei Halle (Saale). Zurzeit beschäftigt er sich mit politischer Theologie, Konfessionslosigkeit und ökonomischen Transformationsprozessen.

Bild: Kyle Glenn / unsplash.com


[1] Unter Neoliberalismus werden verschiedene gegenwärtige Strömungen verstanden, die ein radikales Marktmodell vertreten und von drei Grundaxiomen bestimmt sind: Deregulierung des Marktes, „freier“ Wettbewerb und Privatisierung aller Lebensbereiche. Diese Grundtendenz hat sich in den 1980er Jahren (Margaret Thatcher, Ronald Reagan) weltweit durchgesetzt. Vgl. hierzu: Butterwegge u. a. 2017.

[2] Vgl. Hellgermann 2018, 17-92.

[3] Zum Empowerment-Ansatz in der Religionspädagogik vgl.: Bucher 2021; Domsgen 2019, 341-378; Foß 2021, 333-338.

[4] Vgl. Veerkamp 2012.

[5] Gollwitzer 1987, 63.

[6] Böhm 2018, 12.

[7] Hellgermann 2018, 86.

[8] AK Religionslehrer_innen im ITP 2018, 83f.

[9] AK Religionslehrer_innen im ITP 2020, 111.

[10] Hellgermann 2018, 165.

Literatur:

AK Religionslehrer_innen im ITP (2020): Künstliche Intelligenz oder kritische Vernunft. Wie Denken und Lernen durch die Digitalisierung grundlegend verändert werden. Münster: Edition ITP-Kompass (Edition ITP-Kompass, Bd. 31).

AK Religionslehrer_innen im ITP (2018): Religionsunterricht unter freiem Himmel. Anstöße zur Kritik des neoliberalen Götzendienstes in der Schule. Münster: Edition ITP-Kompass (Edition ITP-Kompass, Bd. 23).

Böhm, Manfred (2018): Karl Marx und sein Mehrwert, in: Christ und Sozialist/Christin und Sozialistin 2-3/18.

Bucher, Georg (2021): Befähigung und Bevollmächtigung. Interpretative Vermittlungsversuche zwischen Allgemeinem Priestertum und empowerment- Konzeptionen in religionspädagogischer Absicht. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt (APrTh, Bd. 81).

Butterwegge, Christoph, Lösch, Bettina und Ptak, Ralf (32017): Kritik des Neoliberalismus, Wiesbaden: Springer VS.

Domsgen, Michael (2019): Religionspädagogik. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt (Lehrwerk Evangelische Theologie, Bd. 8).

Foß, Tobias (2021): Relevanz im Arbeitsalltag. Das diakonische Profil in der Perspektive von konfessionslosen Mitarbeitenden. Stuttgart: Kohlhammer.

Gollwitzer, Helmut (71987): Ich frage nach dem Sinn des Lebens (Kaiser-Traktate, Bd. 14), München.

Hellgermann, Andreas (2018): kompetent. flexibel. angepasst. Zur Kritik neoliberaler Bildung. Münster: Edition ITP-Kompass (Edition ITP-Kompass, Bd. 25).

Veerkamp, Ton (2012): Die Welt anders. Politische Geschichte der großen Erzählung. Hamburg: Argument.

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