Coworking-space und Fuck-up-nights – eine Chance für die Kirche?

Coworking-space, Start-up und Social Entrepreneur sind Begriffe, die kirchlichen Mitarbeiter*innen kaum über die Lippen kommen. Was hat das alles überhaupt mit Kirche zu tun? Und warum sollte man Räume, Infrastruktur und kirchliches Netzwerk für Start-ups zur Verfügung stellen? Dominik Elmer versucht erste Anworten.

Die Erzdiözese Salzburg betreibt seit August 2018 den Coworking Space „Mirabell 5“ in einem Diözesanhaus mitten in der Altstadt (Mirabellplatz). Auf 120qm Bürofläche samt Küche und Besprechungsraum arbeiten Jungunternehmer*innen an der Weiterentwicklung von gesellschaftlich wertvollen Geschäftsideen.

Nach einem Jahr der Versuch einer ersten Bilanz

Seit nun einem Jahr betreibt die Erzdiözese Salzburg einen Coworking Space, in dem derzeit zehn verschiedene Startups an ihren Geschäftsideen tüfteln. Der Fokus liegt dabei auf Social Entrepreneurship. Es sind Jungunternehmer*innen, deren vorrangiges Ziel nicht die Maximierung des Profits für Aktionäre ist, sondern die Schaffung von gesellschaftlichem Mehrwert. Lösungsansätze für komplexe Probleme aus den Bereichen Nachhaltigkeit, soziales Engagement und Bildungsgerechtigkeit treiben sie an.

Zeichen der Zeit erkennen und in Geschäftsideen umsetzen

Social Entrepreneurs verstehen sich als Weltverbesserer, die die Zeichen der Zeit erkennen und beherzt in eine Geschäftsidee umsetzen. Es sind Startups wie z.B goodi-smile und mit.mach.kompanie, die im Coworking Space arbeiten und sich vernetzen. Als Kirche können wir, ohne die Social Entrepreneurs vereinnahmen zu wollen, von Verbündeten für das Evangelium sprechen.
Mirabell 5 ist rasch zum Lernort für Kirche und Social Entrepreneurs geworden. Ein locus theologicus alienus, wenn man so will. Eine zumutende Fundstelle des Glaubens (H.-J. Sander).

Was war aber der Antrieb dafür einen solchen Raum zu schaffen?

„Ich bin drin“, sagte Boris Becker bass erstaunt vor zwanzig Jahren im Werbespott von AOL. Seitdem sind wir mit und im Internet unterwegs. Heute ist jeder drin. Und wer nicht drin ist, der ist „out“. Ein Alltag ohne Apps, Social-Media-Plattformen und GPS Navigation ist für den Homo digitalis nicht mehr vorstellbar. Eine Entwicklung, die ohne die zahlreichen Startups, die die Digitalisierung vorangetrieben haben, nicht denkbar gewesen wäre.

Kirche als starker Partner für gesellschaftlichen Mehrwert

In der Auseinandersetzung mit dem Impuls „Kirche und kirchliche Gemeinschaft kann nur durch die wachsen, die noch nicht da sind“ ist mit klar geworden, dass Kirche im Bereich der Startup-Szene, insbesondere zu den Social Entrepreneurs, noch keine Andockstellen geschaffen hat. Sie sind es jedoch, die die Zeichen der Zeit erkennen und maßgeblich dazu beitragen können, dass Lösungen für gesellschaftliche Probleme entwickelt werden. Kirche kann und soll hier als starker Partner auftreten, auch um langfristig „drin“ zu bleiben.

Mit Mirabell 5 hat die Erzdiözese Salzburg wortwörtlich einen Raum geschaffen, in dem gesellschaftlicher Mehrwert entsteht. Als Partner auf Augenhöhe stellt sie dafür nicht nur die notwendige Infrastruktur in Form von kostenlosen Arbeitsplätzen für Jungunternehmer*innen bereit, sondern auch ein starkes Netzwerk, das in vielen gesellschaftlichen Bereichen verankert ist.

Alles hip und trendy, hier ist kein Platz für Looser

Das Bild des oder der jungen Unternehmensgründer*in, der oder die mit seinem/ihrem Team bis spät in die Nacht an der Umsetzung der Unternehmensidee tüftelt, sich zwischenzeitlich eine Pause am Tischfußballtisch im Vorzimmer und nach Feierabend ein Bier mit den Kollegen in der Bar gegenüber gönnt, ist fest in den Köpfen verankert. Der Realitätscheck zeigt ein anderes Bild: Jungunternehmer*innen  setzen all ihr Tun, ihre zeitlichen und monetären Ressourcen bedingungslos ein, um ihre vielversprechende und innovative Geschäftsidee zu realisieren. Sie beschreiten dabei einen langen und arbeitsintensiven Weg voller emotionaler Achterbahnfahrten aus Krisen, Rückschlägen und Erfolgen. Am Anfang dieses neu zu beschreitenden Weges gibt es dafür keinen Routenplan und keinen Kompass.

Möglichkeit des Scheiterns

80% der Startups scheitern auf diesem Weg. Das bedeutet für die Jungunternehmer*innen zerplatzte Lebensträume, unwiederbringlich verlorenes Eigenkapital und oftmals der Verlust des sozialen Umfelds.
Die Möglichkeit des Scheiterns spielt weder im medial vorgezeichneten Bild vom erfolgreichen Startup noch in der Startup-Szene selbst eine Rolle, obwohl es ein zentrales und wiederkehrendes Thema für jeden und jede Jungunternehmer*in ist.

Hier sehe ich es als Gebot der Stunde, dass Kirche erneut als Partner auftritt. Es ist unbedingt nötig, pastorale Angebote zu kreieren, um dem gesellschaftlichen Trend zur Tabuisierung des Scheiterns und der Stigmatisierung der Gescheiterten entgegenzuwirken. Ein Format, das sich diesem Thema in einer Form widmet, die von der Zielgruppe als hip und trendy wahrgenommen wird, ist die F.U.N. (fuckup night). Hierbei handelt es sich um ein Format, das denen Bühne bietet, die mal richtig was gegen die Wand gefahren haben.

Fuck-up-Night in einer Kirche

Sie dürfen zurückblickend von dem Projekt oder Startup erzählen, mit dem sie – meist desaströs – gescheitert sind. Das findet meist in einer Bar in angenehmem Ambiente statt. Die F.U.N. gibt es mittlerweile weltweit in über 300 Städten. Im Rahmen der Langen Nacht der Kirchen 2019 haben wir in Salzburg erstmalig eine fuckup night in einer Kirche veranstaltet. Ob es die letzte bleibt… ?


Dominik Elmer ist Stadtpastoral-Referent der Erzdiözese Salzburg (Citypastoral, Infopoint Kirchen, Offener Himmel). Das Projekt Mirabell 5 entwickelte er im Rahmen des Lehrgangs „Kirche erfinden an neuen Orten“.

Bild: Jon Tyson, www.unsplash.com

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