Das ambivalente Verhältnis von Religion und Transformation

Vom 9–11.3.2022 trafen sich (theologische) Expert:innen in Landau zu einer internationalen Konferenz. Katharina Peetz mit einem aktuellen Tagungsbericht.

Die globale Klimakrise, die Krise der römisch-katholischen Kirche zugespitzt in sexualisierter Gewalt, das Erstarken populistischer Bewegungen in ganz Europa, aber auch mehrere Initiativen für Gerechtigkeit in den Kirchen – dies sind nur einige Beispiele für aktuell umkämpfte Transformationsprozesse, in denen der Faktor Religion eine ambivalente Rolle spielt. Diese grundlegende Ambivalenz des Verhältnisses zwischen Religion und Transformation war Thema der internationalen Tagung „Religion and Transformation: Societal, Political and Cultural Processes“ (Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz-Landa/Landau). Wissenschaftler:innen aus Deutschland, Großbritannien, Polen, Slowenien, Ungarn und den USA reflektierten dieses Verhältnis unter radikal veränderten Bedingungen:  angesichts des Krieges gegen die Ukraine und angesichts der Bedrohung von Demokratie und Freiheit in ganz Europa.

Die Vision einer an Menschenrechten, Demokratie und Freiheit orientierten europäischen Gemeinschaft ist tiefgreifend angefragt

Die Sektion Gesellschaft, Nation, Ethnizität zeigte auf, dass die Vision einer an Menschenrechten, Demokratie und Freiheit orientierten europäischen Gemeinschaft tiefgreifend angefragt ist. Sonja Strube (Osnabrück) verdeutlichte, wie Protagonist:innen der „Neuen Rechten“ in Deutschland manipulative Strategien einsetzen, um rechtsradikales Gedankengut in die Mitte der Gesellschaft zu transportieren. Zu diesen Strategien gehören etwa die Vernetzung mit konservativ-christlichen Kreisen oder die Schaffung von künstlichen Graswurzelbewegungen, die eine große Menge Beteiligter vorgaukeln sollen, während eigentlich nur wenige aktiv sind. August H. Leugers-Scherzberg (Saarbrücken) bestimmte Rassismus als Produkt menschlicher Kultur und Form menschlichen Handelns zur Rechtfertigung von Aggressionen oder Privilegien auf Grundlage von tatsächlichen, zumeist aber fiktiven Unterschieden zwischen Menschen. Der Kampf gegen Rassismus erfordert daher einen konstruktiven Umgang mit Unterschieden. Die Situation der religiösen konfessionellen und nationalen Minderheit in Polen im Laufe der Geschichte sowie die Solidarität Polin:en gegenüber Geflüchteten aus der Ukraine beleuchtete Małgorzata Grzywacz (Poznań/Polen).

Der Blick über Europa hinaus

Den Blick über Europa hinaus weitete Christine Böckmann (Heidelberg), indem sie Predigten von afro-amerikanischen Prediger:innen auf Beerdigungen von Opfern rassistischer Gewalt in den USA analysierte. Die Predigten sind für sie ein Zeichen des Widerstandes und der Ermutigung, da sie strukturellen Rassismus aufdecken und zugleich die Hoffnung geben, dass eine gerechte und friedliche Welt möglich ist. Die Auswirkungen von christlich-nationalistischer Politik in Brasilien unter Präsident Bolsonaro auf Menschen mit Behinderung erläuterte Katharina Peetz (Landau). Sie zeigte auf, dass Bolsonaro Menschen mit Gehörlosigkeit in Brasilien gezielt fördert, um ein demokratisches und inklusives Bild Brasiliens zu generieren, was das Gegenteil seiner faktisch exkludierenden und gewalttätigen Politik gegenüber anderen Menschen mit Behinderung ist.

Eine Exkursion zum Hambacher Schloss – einem der wichtigsten Erinnerungsorte der deutschen Demokratie – und eine digitale Führung durch das NS-Schutzhaft- und Arbeitslager in Neustadt an der Weinstraße zeigten eindrücklich die Relevanz von Erinnerung an vergangene Widerstandspraxis wie vergangenes Unrecht für die Zukunft von Demokratie.

Die Zeit, die uns bleibt, um auf die gegenwärtigen Krisen zu reagieren und Entscheidendes zu verändern.

Die Sektion Theologie angesichts der Klimakrise vertiefte die vorangegangenen Überlegungen zum Thema soziale Gerechtigkeit und verschränkte sie mit Fragen ökologischer Gerechtigkeit. Anja Lebkücher (Landau) diskutierte grundlegend, inwiefern naturwissenschaftliche Erkenntnisse theologische Perspektiven auf Schöpfung verändern, während Nadja Furlan Štante, (Primorska/Slowenien) den problematischen Zusammenhang zwischen Rassismus, Speziesismus und Anti-Genderismus reflektierte. Elizabeth Theokritoff (Cambridge/UK) und Tyler Shattuck (Azusa, CA/USA) entfalteten aus orthodoxer Perspektive Askese als radikale Umkehr zu Gott, aus der Solidarität mit allen Mitgeschöpfen resultiere. Catherine Keller (Madison, NJ/USA) entfaltete die Relevanz des Begriffs Apokalypse für die mit der Klimakrise einhergehenden Herausforderungen anhand einer inspirierenden Neulektüre der Johannes-Offenbarung. Dabei versteht Keller Apokalypse nicht als unbestimmte Endzeit, sondern als „Enthüllung“, als die Zeit, die uns bleibt, um auf die gegenwärtigen Krisen zu reagieren und Entscheidendes zu verändern. Erst wenn wir – so Keller –miteinander und mit der „göttlichen Quelle jeder anderen Spezies des Planeten“ zusammenarbeiten, werden wir zu Katalysatoren einer heilsamen Transformation. Julia Enxing (Dresden) forderte dementsprechend einen Perspektivwechsel hin zu einem kritischen Anthropozentrismus und einer multispeziessensiblen Schöpfungstheologie. Celia Deane-Drummond (Oxford/UK) wiederum argumentierte mit Vitor Westhelle für eine stärkere Berücksichtigung der Kategorie Raum in schöpfungstheologischen wie eschatologischen Diskursen.

Überraschend fluide Genderkonzeption im apokryphen Thomas-Evangelium

Die Sektion Religion und Gender/LGBTQ+ verwob historische und gegenwärtige Perspektiven auf die Kategorie Gender. So weist das apokryphe Thomas-Evangelium für Judith Hartenstein (Landau) eine überraschend fluide Genderkonzeption auf. Zwar bleibt die antike dualistische Grundkonstellation des „überlegenen Männlichen“ und des „unterlegen Weiblichen“ erhalten, doch sie ist nicht biologistisch aufgeladen: „Frauen“ wie Maria Magdalena können zu „Männern“, zu „lebendigem Geist“, werden und ins Himmelreich eingehen. Monika Waluś (Warschau/Polen) konstrastierte die ab dem 18. Jh. als „typisch weiblich“ geltende Eigenschaften mit der Lebenswirklichkeit von polnischen Frauen, die aufgrund der politischen Situation in Polen – Abschaffung des souveränen Staates und Verfolgung von Aufständischen – als „Männersache“ definierten Tätigkeiten übernehmen müssten. Deswegen haben sie längstens Emanzipationspraxis erlebt, bevor Polen nach dem Ende des 1. Weltkrieges wieder unabhängig wurde.

LGBTQ+ Personen in Polen: Verwendung einer  Marienikone als facettenreiches Widerstandssymbol

Mitten hinein in die gegenwärtigen Diskurse um Gender und LGBTQ+ Personen in Polen führte Elżbieta Adamiak (Landau), die die Verwendung einer polnischen Marienikone als facettenreiches Widerstandssymbol analysierte. Dabei zeigte sie insbesondere, wie die schwarze Madonna von Częstochowa von der polnischen LGBTQ+ Bewegung genutzt wird, um gegen Diskriminierung und Exklusion zu protestieren. Lucia Scherzberg (Saarbrücken) bestimmte Maria 2.0 als Protestbewegung im Sinne Armin Nassehis und hob insbesondere die Fähigkeit der Protagonist:innen hervor, charismatische Momente der Unterbrechung, so etwa den Kirchenstreik, zu schaffen. Von ihrer Arbeit in der Anlaufstelle für erwachsene Frauen, die in der Kirche geistlichen Missbrauch oder sexualisierte Gewalt erfahren haben, berichtete Aurica Jax (Düsseldorf). Dabei hat sie eine tiefgehende Analyse der notwendigen Reformen geliefert. Judit Gyarfas (Budapest/Ungarn) hat die Zusammenhänge zwischen der nationalistischen Politik und der ideologisierten Gewalt gegenüber den LGBT+ Personen in Ungarn offengelegt. Abschließend berichtete Kerstin Söderblom (Mainz) von einem Mentoring-Programm des European Forum of LGBT Christian Groups. Dabei zeigte sich neben vielen Empowerment-Erfahrungen, dass der Krieg Russlands gegen die Ukraine die ohnehin schon herausfordernde Situation von russischen LGBTQ+ Mentees zusätzlich erschwert.

Demokratie und Freiheit sind nicht selbstverständlich – sie erfordern vielmehr tägliche Bestätigung

Einige Vorträge verdeutlichten die Instrumentalisierung von Religion für anti-demokratische, anti-LGBTQ+, anti-Gender- oder anti-klimagerechte Politik, während andere Vorträge das Potential von Religion im Hinblick auf Empowerment und aktive Widerstandspraxis sichtbar machten. Die gemeinsamen Diskussionen zeigten zudem: Demokratie und Freiheit sind ebenfalls nicht selbstverständlich – sie erfordern vielmehr tägliche Bestätigung: durch Solidarität mit den Menschen aus der Ukraine, durch Demonstrationen gegen Krieg, Gewalt und Unrecht, durch Protest im Cyberraum, durch die Aufdeckung von Strategien rechtsradikaler Netzwerke oder durch aktive Beteiligung am politischen Willensbildungsprozess. Dafür können Religionen eine Inspirations- und Kraftquelle sein. Dann, wenn sie selbst zur Transformation im Stande sind.

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Text: Katharina Peetz ist Akademische Rätin für Fundamentaltheologie und Dogmatik an der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau.

Bild: Gerd Altmann auf Pixabay.

 

 

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