Das ‚depositum fidei‘ – eine ‚open source‘? Anmerkungen zur „Praxis des Evangeliums“ in der Kirche von heute

Citykirche einer deutschen Großstadt. Nach einer umfangreichen Generalsanierung wird im Eingangsbereich – selbstverständlich auf einem wertvollen Buchständer – ein Evangeliar aufgelegt. Was dann passierte…

Nachdem dieses mehrfach entwendet wurde, beschließt man, es durch einen Messingbügel zu sichern. Ein gesicherter Ort für eine Botschaft, deren Kern eine reichgottesfrohe ‚Entsicherung’ des Glaubens ist. Man fragt sich unwillkürlich: Welche Botschaft stellt ein ‚weggesperrtes’ Evangelium eigentlich dar?

Kommentar eines befreundeten Kollegen zu dieser eigenwilligen „Praxis des Evangeliums“ (M. Josuttis): Eigentlich müsste man doch froh sein, wenn nicht nur ein Evangeliar pro Tag anhanden kommt, sondern viele! Und ich frage mich, ob es dann nicht vielleicht auch etwas einfachere Bibelausgaben tun…

Dann könnte möglicherweise auch ein alter Begriff der vorkonziliaren Schultheologie zu neuen Ehren kommen: die ‚Glaubenshinterlage’ des sogenannten depositum fidei. Und zwar als eine open source (M. Schüssler), die das Evangelium in der Gesellschaft zur freien Entnahme „hinterlegt“ (M. Delbrêl).

Gegenteilige Beispiele sind bekannt. Manchmal sind es auch ganz kleine Dinge. Zum Beispiel, wenn in einer Landpfarrei eine Frau im Pfarrbüro nachfragt, ob sie für ihren 70. Geburtstag die Kirchenschlüssel haben könne. Sie wolle mit ein paar Freundinnen ein paar Lieder singen und eine kleine Dankandacht halten. Die Antwort? Anfrage abgelehnt. Da könnte ja jeder kommen! Mit Blick auf das Evangelium fragt man sich: Was wollte Jesus eigentlich anderes als dass ‚jeder kommen kann’?

Es gibt aber auch positive Beispiele. So hat eine niederösterreichische Pfarrei vor kurzem die Lange Einkaufsnacht ihres Ortes für einen eigenen Kirchenstand genutzt: „Mein Herz schlägt für Gänserndorf“. Jede und jeder konnte ein Herzerl-Post-it mit Namen und Dingen beschriften, für die das eigene Herz schlägt, und auf eine Karte der Ortschaft kleben.

CIMG0298Der Clou aber war, dass man dann die Fernsteuerung der Kirchenglocken in die Hand nehmen durfte. Hier ein Video dazu:  CIMG0291 Kirchenglocken, die für Gänserndorf schlagen, den Herzschlag des Ortes hörbar machen.

Eine Kirche, die das Eigene aus der Hand gibt, es dem freien Gebrauch der Anderen – und damit auch dem potenziellen Missbrauch – zur Verfügung stellt, legt ein kraftvolles Zeugnis für das Evangelium ab. Auch hier gilt der „Tutiorismus des Wagnisses“ (K. Rahner)!

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