Die Rede vom Antichrist hat Konjunktur – nicht nur den USA. Der Bibelwissenschaftler Andrew Doole klärt auf.
In der neuesten Staffel (28) der Zeichentrickkomödie South Park hat US Präsident Donald Trump das Problem, dass er Satan geschwängert hat und von Vizepräsident J.D. Vance davon abgehalten wird, das Kind abtreiben zu lassen. In dieser Notsituation sucht er Hilfe, die Geburt des Satanssohnes zu verhindern, indem er den Antichrist-Experten aufsucht: den Risikokapital-Anleger Peter Thiel. „Peter Thiel knows about the antichrist“ ertönt im Hintergrund. Wie ist es dazu gekommen, dass South Park dieses Thema und diese Persönlichkeiten parodiert?
Vom Papst bis Taylor Swift
Peter Thiel interessiert sich tatsächlich für den Antichristen, den er mit einer unnötig vorsichtigen Überregulierung der Technologieindustrie als Teil eines globalen Sicherheitssystems verbindet und somit vor der Idee eines Weltstaates ohne Steuerparadiese Angst macht. Nun, ich kann nicht behaupten, Peter-Thiel-Experte zu sein oder sein Verständnis der Philosophie René Girards und der Staatstheorie Carl Schmitts erklären zu können. Ich kann leider auch nicht behaupten, den Antichristen identifizieren zu können. Über die letzten Jahrhunderte gab es mehrere Versuche, das zu tun. Als Antichrist galten unter anderem: der Papst, Zar Peter der Große, Ludwig XIV, Napoleon, ein anderer Papst, Aleister Crowley (sagte er selber!), die UNO, Saddam Hussein, das Internet, Osama bin Laden, noch ein anderer Papst, Strichcodes, Monster Energy Drink, Hillary Clinton, Donald Trump, QR-Codes, Taylor Swifts zukünftiges Kind…
Die Liste lässt sich beliebig erweitern. Ich weise für eine ausführliche Diskussion der Figur des Antichristen in der Geschichte des Christentums auf Bernard McGinns Buch Antichrist (Harper Collins, 1994) hin. Da das Wort aber tatsächlich seinen Ursprung in der Bibel hat, möchte ich hier kurz der Frage des Antichristen im Neuen Testament nachgehen, obwohl mir bewusst ist, dass in Wladimir Solowjows Novelle Kurze Erzählung vom Antichrist (1899) dem Antichristen selbst aufgrund einer bibelexegetischen Arbeit einen theologischen Ehrendoktortitel verliehen wird!
Anti-Jesus
Die Idee, dass der Antichrist (griech. antichristos) als Zeichen des Weltuntergangs erscheint, findet sich im ersten Johannesbrief. Da heißt es:
„Kinder, es ist die letzte Stunde, und wie ihr gehört habt, dass der Antichrist kommt, so sind auch jetzt viele Antichristen aufgetreten; daher erkennen wir, dass es die letzte Stunde ist.“ (1 Joh 2,18)
Das Ende der Welt naht also und der Antichrist erscheint sogar im Plural. Was ist nun das Kennzeichen eines Antichristen? Das wird ziemlich explizit erläutert:
„Wer ist der Lügner, wenn nicht der, der leugnet, dass Jesus der Christus ist? Der ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet.“ (1 Joh 2,22)
Kein Weltreich, keine Monster
Der antichristos ist also anti-Jesus. Das klingt ziemlich selbsterklärend. Aber vielleicht ist es nicht eine menschliche Figur, sondern eine Art (Zeit-)Geist:
„Jeder Geist, der nicht Jesus bekennt, ist nicht aus Gott; und dies ist der Geist des Antichrists, von dem ihr gehört habt, dass er kommt, und jetzt ist er schon in der Welt.“ (1 Joh 4,3)
Auch der Autor des zweiten Johannesbriefes ist der Meinung, der Antichrist sei Plural und leugne, dass Jesus der Christus ist:
„Denn viele Verführer sind in die Welt hinausgegangen, die nicht Jesus Christus, im Fleisch gekommen, bekennen; dies ist der Verführer und der Antichrist.“ (2 Joh 7)
Und das war’s. Mehr Antichrist gibt es in der Bibel nicht. Antichristen sind anscheinend Leute, die behaupten, Jesus sei nicht der Messias. Sie sind anti-Jesus. Kein Weltreich, kein Teufel, kein Armageddon, keine Monster.
Christliche Polemik
Die spätere christliche Tradition hat dann eine kompliziertere Darstellung eines hybriden Antichristen kreiert, meistens mit anti-römischer, anti-jüdischer oder intra-christlicher Polemik. Textstellen in der Bibel, die nicht explizit das Wort antichristos beinhalten, wurden trotzdem auf den Antichristen bezogen. Dies geschieht schon im zweiten bis dritten Jahrhundert nach Christus, wie zum Beispiel in Hippolyts Über den Antichrist, in dem er verschiedene Bibelstellen mit scheinbarem Endzeitbezug sammelt und kommentiert.
Der berühmteste Kandidat findet sich in einer fantastischen Vision in der Johannesoffenbarung: das Tier aus dem Meer mit zehn Hörnern und sieben Köpfen und zehn Diademen und Namen der Lästerung, das aussieht wie ein Panther mit Bärenfüßen und Löwenmaul, und dessen Anhänger die Zahl 666 auf der rechten Hand oder am Stirn tragen (Offb 13). Die Aufgabe bestünde darin, zu entschlüsseln, wessen Name mit der Zahl 666 gemeint ist. Hier sind wir also sehr weit weg von (normalen) Menschen, die leugnen, dass Jesus der Christus ist.
Jeder Bösewicht
Doch Peter Thiel scheint sich nicht so sehr für dieses Tier und diese Zahl zu interessieren, sondern für den Slogan „Friede und Sicherheit!“ in 1 Thess 5,3. Thiel folgt einer Tradition, die dieses Wort mit dem Antichristen verbindet. Im Brief des Paulus heißt es aber nur „sie sagen“ (oder „man sagt“), und wenn sie das sagen, „dann kommt ein plötzliches Verderben über sie“. Darüber hinaus gibt es in 2 Thess 2,3–4 einen „Menschen der Gesetzlosigkeit“, der sich im Tempel hinsetzt und behauptet, er sei Gott. Es gibt entweder ein Ding (2 Thess 2,6) oder einen Mann (2 Thess 2,7), das/der ihn zunächst „zurückhält“: das oder der katechōn (ein Wort, das man auch gern unübersetzt lässt). In den Thessalonicherbriefen des Paulus ist aber kein Antichrist in Sicht. Dennoch wird jeder Bösewicht im Neuen Testament mit dem Antichristen verschmolzen.
Die Idee eines Antichristen ist irgendwie attraktiv. Das liegt vielleicht auch teilweise daran, dass bereits das Wort „Antichrist“ verlockend ist. Sogar im aramäischsprachigen Christentum der Antike, wo Jesus als „Gesalbter“ (meschicha) und die Apostel als „Gesandte“ (schlichē) bezeichnet werden, wird das griechische Wort antichristos als Lehnwort eins zu eins übernommen. In den Evangelien warnt Jesus vor „Pseudochristussen“ (griech. pseudochristoi), also „falschen Christussen“, die Wunder tun und die Auserwählten verführen werden (Mk 13,22). Das sind in diesem Fall Personen, die von sich selbst behaupten, Christus zu sein (vgl. Mt 24,5; Lk 21,8). Das Wort pseudochristoi wird schon ins Aramäisch übersetzt (meschichē dedaglutho). Aber diese sind nicht anti-Christusse, sondern Möchtegern-Christusse. Irgendwie klingt das Wort nicht so cool wie „Antichrist“.
Keine Anhaltspunkte in der Bibel
Indem er sich über die Identität des Antichristen Gedanken macht, befindet sich Thiel in bunter Gesellschaft mit Friedrich Nietzsche, John Henry Newman und Marilyn Manson. Die Behauptung, eine vermeintliche Weltregierung sei der Antichrist, weil sie versucht, KI im Namen des Friedens und der Sicherheit zu regulieren, hat aber keine Anhaltspunkte in der Bibel. Sie entspricht nichts anderem als einer oberflächlichen Übung in Bibelvers-Klauberei, die zwar eine lange Tradition hat, aber zugleich eine Tradition, die mit Polemik, Antisemitismus, Panikmache und Verschwörungstheorien belastet ist. Und immerhin: Wenn Sie wissen wollen, wer der Antichrist ist, können Sie einfach ChatGPT fragen.
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