„Der Erde Gott“ in Schillers Don Carlos

Eine Abrechnung mit der spanischen Inquisition wollte Schiller mit seinem Don Carlos schreiben, aber es wurde auch eine Abrechnung mit den brüchigen Idealen der Aufklärung. Elisabeth Birnbaum beleuchtet die politischen Erwartungen der beiden entgegengesetzten Welten, die an König Philipp II., „der Erde Gott“, herangetragen werden. Und die decken sich in einem Punkt: Philipps Emotionen und menschliche Bedürfnisse passen so gar nicht ins Konzept.

Zwei bedeutsame Gespräche

König Philipp II. ist bei Schiller ein verbitterter, misstrauischer, machtbesessener alter Mann, der von Unbeherrschtheit und Eifersucht getrieben wird. Noch älter als er, aber emotionslos und blind, verkörpert der Großinquisitor die schlimmste Fratze der spanischen Inquisition. Sein Gegenspieler im Drama ist Marquis de Posa, ein junger, weltgewandter Kämpfer für die Freiheit der spanischen Niederlande, dazu Jugendfreund des Don Carlos und scheinbar der Sympathieträger des Werks. Erst bei näherem Hinsehen offenbaren sich die Ambivalenzen dieses radikalen Idealisten. Mit jedem von ihnen hat Philipp ein längeres, dramaturgisch bedeutsames Gespräch über Philipps Rolle als König. Und dort zeigen sich bei allen Unterschieden auch erstaunliche Parallelen.

Der Erde Gott …

Für den Großinquisitor ist der König nicht weniger als „der Erde Gott“. Die absolutistische Herrschaft erhebt Philipp II. über alle anderen Menschen und macht ihn einzig. Auch für den Marquis de Posa regiert Philipp als Gott. Dieser habe die Menschen „aus des Schöpfers Hand“ in der eigenen Hände Werk verwandelt und „dieser neugegoßnen Kreatur / Zum Gott“ sich gegeben.“ Wie ein solcher Gott allerdings handeln und sein muss, darüber gehen die Meinungen diametral auseinander.

Das Gottesbild des Großinquisitors ist das Bild des unbewegten, mitleidlosen und unwandelbaren Fixpunktes. Dementsprechend habe auch der König als Gott der Erde die Aufgabe, „wie der Angelstern am Himmel, unverändert und ewig um sich selber“ zu treiben. Ein solcher Gott nimmt auch den Tod seines Sohnes ungerührt in Kauf. Hier zeigt sich der Zynismus des Großinquisitors am deutlichsten. Philipp, der zwischen persönlichem Groll und Vaterpflichten schwankt und nicht weiß, ob er seinen Sohn Carlos der Inquisition ausliefern soll, erhält zur Antwort: Das eigene Kind zu ermorden, sei kein Problem, denn: „Die ewige Gerechtigkeit zu sühnen, / Starb an dem Holze Gottes Sohn.“ Und die „Stimme der Natur“, die anderes besagen könnte, gilt vor dem Glauben nicht, so die lapidare Aussage des Großinquisitors.

… erschafft die Erde neu.

Posa schwebt ein anderes Gottesbild vor: Sein Gott gibt den Geschöpfen unbedingte Freiheit und zieht sich völlig von der Welt zurück. Nur in seinen Gesetzen solle man ihn überhaupt noch erkennen. Auch der König müsse daher Freiheit geben und möglichst wenig ins Geschehen eingreifen. Philipp soll, wie Gott selbst, sich selbst und seiner Schöpfung Freiheit zugestehen und damit nicht weniger als die Erde neu erschaffen:

Ein Federzug von dieser Hand, und neu

Erschaffen wird die Erde. Geben Sie

Gedankenfreiheit.

So unterschiedlich die Gottesbilder auch sind: Ähnlich sind die beiden Gottes- und Herrscherideale dennoch, in einem einzigen, aber wesentlichen Punkt: Beide „Götter“ sind unbeeinflusst vom einzelnen Menschen, lassen sich von der Menschheit weder berühren noch herausfordern oder zum Handeln provozieren. Sie weichen damit beide vom biblischen Gottesbild ab: vom Bild eines Gottes, der sich sehr wohl emotional rühren lässt, der die Schwächsten bevorzugt und der immer den Menschen über die Idee stellt. Das wird auch ihre größte Schwäche sein.

Der Schatten Samuels

Obwohl der Großinquisitor und Posa Philipps „Gottsein“ einfordern, verleihen sie ihren Forderungen paradoxerweise dadurch Nachdruck, dass sie Philipps Macht als begrenzt darstellen. Posa fragt ihn drohend, ob er sich wirklich allein „mit Menschenarm“ gegen die Neuerungsbewegung in Europa stellen wolle.

Und der Großinquisitor warnt davor, den „Schatten Samuels“ heraufzubeschwören. Das Bild erinnert an den großen biblischen Propheten, der (wie der Großinquisitor) zwei Könige eingesetzt hat: den glücklos agierenden Saul und den Verheißungsträger David. Saul wurde bald nach seiner Krönung von Gott verworfen, weil er aus subjektiven Gründen Gottes Vernichtungsbefehl an den Feinden nicht lückenlos befolgt hatte. Später rief Saul im Rahmen einer Totenbeschwörung den Schatten Samuels herauf, weil er (wie Philipp) dringend Rat benötigte. Die Antwort Samuels fiel jedoch schrecklich aus und kündigte Sauls Ende und das Ende seiner Herrschaft an (vgl. 1 Sam 28,16–19).

Mit dem „Schatten Samuels“ ist also eine ernste Drohung verbunden: Philipp, der ebenfalls aus subjektiven Gründen Posa zunächst verschont hat, könnte ebenso vom Großinquisitor endgültig verworfen werden.

Verlerne zu bedürfen!

Gestützt durch solche Drohungen richten sowohl der Großinquisitor als auch Posa nun ihre Forderungen an den Gott-König. Und orten zunächst in Philipps menschlichen Bedürfnissen und Gefühlen eine Diskrepanz zu dieser göttlichen Rolle. Posa formuliert das so:

Sie fuhren fort
Als Sterblicher zu leiden, zu begehren;
Sie brauchen Mitgefühl – und einem Gott
Kann man nur opfern – zittern – zu ihm beten!

Auch für den Großinquisitor zeigt sich diese Diskrepanz. Als Philipp seine Bindung an Posa mit seinem Bedürfnis nach einem (aufrichtigen, ehrlichen) Menschen begründet, lautet seine lapidare Antwort:

Der Erde Gott verlerne zu bedürfen,
Was ihm verweigert werden kann. Wenn Sie
Um Mitgefühle wimmern, haben Sie
Der Welt nicht Ihresgleichen zugestanden?

Beide Seiten sind sich also einig: Der „Erde Gott“ kann nicht von menschlichen Gefühlen „versklavt“ sein, sonst gefährdet er sein Gottsein.

Unterschiedlich sind die Schlussfolgerungen aus dem Befund: Der Großinquisitor verlangt, Philipp müsse sich und seine Bedürfnisse ebenso kontrollieren wie seine Untertanen. Posa dagegen ruft zum Ende der herrschaftlichen Kontrolle und zur Freiheit, für Philipp selbst und alle Menschen. Dass Philipp aus Bedürftigkeit nach einem aufrechten, ehrlichen Menschen (und nicht seiner politischen Ansichten wegen!) Posa begünstigt, erachten dann auch beide für unangemessen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Posa möchte die Freiheit, die ihm Philipp zugesteht, auf alle Menschen ausgedehnt wissen, der Großinquisitor dagegen fordert dieselbe Intoleranz, die Philipp den anderen „Aufrührern“ zuteilwerden lässt, auch für Posa ein:

Darf Einer Gnade finden,
Mit welchem Rechte wurden Hunderttausend
Geopfert?

Ich vergaß dein Herz

Sowohl der Großinquisitor als auch Posa gestehen aus ihren Gottesbildern heraus den Emotionen des Einzelnen keine Bedeutung zu, seien es auch die des Königs. Doch genau darin liegt ihre Schwäche. Denn die Gefühle sind es, die sowohl Philipp als auch Carlos zu unberechenbaren Faktoren machen. Im Guten wie im Schlechten.

Einerseits nutznießen sowohl Posa als auch der Großinquisitor von Philipps Gefühlen. Aus Enttäuschung über seine Frau hat sich Philipp überhaupt nur Posa zugewendet. Aus Enttäuschung über Posas Liebe zu Carlos ruft er den Großinquisitor zu sich.

Andererseits bringt Philipp durch seine gefühlsgeleiteten Handlungen mehrfach die Pläne der beiden Drahtzieher durcheinander. Posa wird von Philipp zunächst aus dem Gefühl der Zuneigung heraus zum Minister gemacht, später aus dem Gefühl der Enttäuschung heraus getötet. Beides tadelt wiederum der Großinquisitor heftigst, bringt es ihn doch um die Genugtuung, den Ketzer Posa selbst vor aller Augen verurteilen zu dürfen. Und Posa scheitert nicht nur an den Emotionen des Königs, sondern auch an jenen seines Jugendfreundes Carlos, den er fast seinen Ideen geopfert hätte. Zuletzt muss er erschüttert erkennen:

Mein Gebäude stürzt zusammen – ich vergaß dein Herz.

Der Hauptkritikpunkt Schillers an Inquisition und allzu idealistischen Neuerungsideen dürfte sein, dass beide über ihren Prinzipien den einzelnen, emotionsgetriebenen Menschen übersehen. Doch daran kommt niemand vorbei. Nicht „der Erde Gott“, sei es ein unterdrückender oder freiheitsliebender. Und nicht einmal der, der diesen Gott am Gängelband halten will.

Elisabeth Birnbaum ist Direktorin des Österreichischen Katholischen Bibelwerks und seit Juni 2018 Mitglied der Redaktion von feinschwarz.net.

Bildnachweis: wikimedia commons: Grand Inquisitor in Don Carlos by Verdy at Deutsche Oper Berlin.jpg CC BY-SA 4.0

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