Der unfertige Himmel. Hommage auf Urs Faes

Hommage von Christoph Gellner auf den über die Deutschschweiz hinaus hochgeachteten Schriftsteller Urs Faes anlässlich seines 75. Geburtstags. Samt einem spirituellen Impulstext des Zürcher Autors.

„Wir Künstler malen immer nur Teile und nie einen fertigen Himmel, wir stellen nur eine Leiter auf, deren Sprossen jeder besteigt, der Mut verspürt, das Ganze zu ahnen“[1]: Eine Schlüsselaussage Piero della Francescas, die nicht nur auf diesen Renaissancemaler zutrifft, dessen Biografie der Schriftsteller Lem Steffen in Urs Faes’ Roman Ombra (1997) rekonstruiert. Der Buchtitel bezieht sich auf die erdfarbenen Braun- und Ockertöne Umbriens, für die dieser Quattrocento-Meister berühmt ist wie für sein Spiel mit Licht und Schatten, „Luce e ombra“.

„Wirkung ist nicht eine Frage der Emotion, sondern der Geometrie“, ja, einer „Sparsamkeit, die ausspart“[2]: Diese Maxime gilt für Faes’ eigenes Schreiben, nirgendwo hat er dies intensiver thematisiert als in Ombra: „das Bild soll im Kopf des Lesers entstehen, in den Leerräumen […] des Erzählten kann ja dann das aufscheinen, was der Leser […] mit seiner Biografie, mit seinem Erfahrungshaushalt einbringen kann“[3], verdeutlichte Faes in einem Autorengespräch bei den Solothurner Literaturtagen 2017.

Aufmerksamkeit für die menschliche Fragilität

„Ist die Krankheit die Antwort des Körpers auf ein verknotetes Leben?“[4]: Das fragt sich die Juristin Meret Etter in Faes’ Roman Paarbildung (2010). Der doppelsinnige Titel ist auch eine Vokabel aus der Strahlentherapie, der sich Meret unterziehen muss. Dabei trifft sie auf Andreas Lüscher, der auf der Onkologiestation als Gesprächstherapeut tätig ist. Seit den Zürcher Jugendunruhen 1981 hatte sie eine intensive Liebe verbunden. Nach sechzehn Jahren gegenseitigen Schweigens wird ihre von Sprachlosigkeit, Verfehlungen und Missverständnissen geprägte Beziehung lebendige Gegenwart.

„Warum treffen solche wie du und ich zusammen?“[5], wundert sich Meret gegenüber Andreas. Im Wechselspiel zwischen Erzählen und Auslassen entstehen „präzis verknappte Stimmungsbilder“. Zugleich gewinnt der Roman „eine überraschende Leichtigkeit und unprätentiöse Dichte“[6], indem er für das Unausgesprochene einen Resonanzraum eröffnet. Den schmalen Grat zwischen verpassten Lebenschancen und winzigen Hoffnungsschimmern gibt auf ihrer gemeinsamen Reise ins Bergell ein Vers aus Psalm 25 im toskanischen Versmaß diskret Ausdruck – die Übersetzung muss man oder frau selbst nachschlagen: „Befrei mein Herz von der Angst, führ mich heraus aus der Bedrängnis.“[7]

Zwischen Liebe und Tod alles offen

Halt auf Verlangen. Ein Fahrtenbuch (2017) reflektiert Faes’ eigene Krebserkrankung und seine Tramfahrten durch die Stadt Zürich zur Strahlentherapie auf dem Hügel der Spezialkliniken. Die in der 3. Person eines namenlosen Protagonisten geschriebene Erzählung rückt das Geschehen in Distanz, das Autobiographische wird fiktional ausgesponnen und gerade so exemplarisch. Mit den vielen erinnerten, in früheren Romanen erzählten oder bloß vorgestellten und herbeigewünschten Frauenfiguren, die vor dem inneren Auge des Erzählers auftauchen, beschwört Faes das unstillbare Sehnen nach Liebe als Kontrapunkt zu Tod und Vergänglichkeit – nicht von ungefähr findet man den titelgebenden „Halt auf Verlangen“ nicht auf den 17 Zürcher Tramstationen bis zur Universitätsklinik Balgrist, vielmehr am fiktiven Wohnort des ersten Mädchens, das er liebte. Das zahlreiche Motive von Faes’ Oeuvre zu einer Summe bündelnde Buch resümiert der Chefarzt am Ende mit Verweis auf den unaufhörlichen Wechsel von Zelltod und Zellerneuerung: „Nur im Erzählen sei allenfalls so etwas wie Zusammenhalt zu finden, aber eben nur als Fabel, die einer sich erfinde.“[8]

Man überlebt die Welt nur mit Geschichten

Zum 75. Geburtstag von Urs Faes am 13. Februar ist ein informativer Essay von Markus Bundi erschienen[9], der sein Oeuvre angefangen von zwei Gedichtbänden 1975 und 1982 sowie dem ersten Roman Webfehler (1983) bis hin zu Raunächte (2018) und Untertags (2020) erschliesst. Nicht nur im Blick auf die verdrängten Schattenseiten der Schweizer Geschichte hat Schreiben für den in Zürich und in Umbrien lebenden Autor immer mit einer „Archäologie der Erinnerung“ zu tun, wie er zur Neuausgabe seines Romans Sommerwende (1989) herausstrich: „Wo die Wirklichkeit scheinbar so feststeht, so abgezirkelt und normiert ist wie in der Schweiz, gibt es nur die Flucht in Geschichten, in erzählte Möglichkeiten. Literatur als Leben im Konjunktiv, Erzählflucht als Zuflucht.“[10]

Wörter sind wie Türen, aus der Stille, in die Stille

heißt es in Faes’ Roman Als hätte die Stille Türen (2005)[11]. Zum Abschluss einer Tagung zum Thema Neue Sprachen für Gott? Ende Januar 2019 steuerte Urs Faes zusammen mit Jacqueline Keune Gebetsgedichte[12] und Reflexionen zum meditativen Schlusspunkt in der Zürcher Predigerkirche bei. Einer seiner spirituell sensiblen Wortbeiträge sei hier in Absprache mit dem Autor wiedergegeben:

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen –:

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

Der Wunsch nach Stille: oft geäussert, erhofft. Warum? Offenbar zunächst darum, dass etwas abfällt, was stört, beeinträchtigt: das Aussen einer Welt, die lärmig ist. Und um, wie in diesen Zeilen aus Rilkes Stunden-Buch, in etwas anderem zu sein: bis an deinen Rand dich denken. Worte zu finden.

Wie tritt sie ein? Vielleicht ist da zuerst das Warten, nicht auf jemand, nicht auf etwas, absichtslos, scheinbar vergeblich. «Warten wie ein Rind.» Alban Berg sagte einmal, dass diejenigen Takte seines Werkes ihn am meisten interessierten, in denen sich Momente vergeblichen Wartens ergäben. Warum? Ist es die Hoffnung, dass da etwas sich öffnen, in diese Stille etwas eintreten kann. Aber was?

Bleiben wir bei der Musik: die Stille als Leerraum, als Resonanzraum, ein Nichts, in dem etwas sich zeigen, erscheinen, anheben kann. Davon spricht auch John Cage, der festhielt, dass es keine Stille gibt, die nicht mit Klang sich auflädt.

Stille also, die sich füllt: mit Klängen. Samuel Beckett als Schreiber bestätigt das: Die Stille wird zu einer unendlichen Musik, die ebenso unaufhörlich ist wie die Stille. Und er fügt als seinen dringlichsten Wunsch an: all I want: to be in the silence.

Aber füllt sich die Stille auch mit Worten? In der Stille sein: das weckt die Vorstellung von Raum, der schützt, damit etwas anhebt, webt und wächst. Aber sie setzt etwas voraus: eine Empfänglichkeit, ein Offensein, Geöffnetsein, Gefäss für das, was anheben könnte. Das ist ein Bild, das in der jüdischen Tradition verankert und in der Kabbala vertieft ist: Gefäss sein; es gilt für den einzelnen Menschen, aber eben auch für die einzelnen Buchstaben, die sich der Schechina öffnen. Offen sein also dem gegenüber, was in die Stille fällt: als hätte die Stille Türen.

Die Worte, woher kommen die Worte? Das fragten sich Schreibende, Meditierende, Sich-Versenkende schon immer, all diejenigen, die Sprache suchen, benennen wollen, die äussere, die wahrgenommene Welt, das Erlebte und Erfahrene, aber auch das, was unfassbar scheint, was hinter den Dingen und Erscheinungen ist: Sprache für das Unaussprechliche.

Woher kommen also die Worte? Kommen sie aus den Bäumen, aus den Gräbern, aus dem Rauschen des Windes? Kriechen sie hervor wie Spinnen oder flattern heran wie Schmetterlinge, nach denen zu haschen ist, wie das Haschen nach dem Wind. Rilke findet die Worte zunächst im Lauschen auf sein Inneres, da wo das einmal Wahrgenommene ruht: „Durch alle Wesen reicht der eine Raum: / Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still / durch uns hindurch. O, der ich wachsen will, / ich sehe hinaus, und in mir wächst der Baum.“ Im Innern ist die sichtbare Welt verwandelt, Bild geworden und kann Sprache werden. Rilke richtet den Blick nach innen, wie der Mystiker das tut: mit den Augen dessen, der sich versenken will.

Auch Aurelius Augustinus verweist in seinen Bekenntnissen, im zehnten Buch der Memoria, auf diese Welt in uns, auf diese Hallen des Gedächtnisses, in denen alles ruht, was unsere Sinne berührt haben: „Dort ist alles aufbewahrt, was auch immer wir denken, indem wir, was unsere Sinne berührt hat, mindern oder mehren oder sonst wie umgestalten […] Dort sind mir gegenwärtig Himmel, Erde, Meer und alles, was ich von ihren Dingen mit meinen Sinnen erfassen konnte. Dort begegne ich auch mir selbst und erlebe noch einmal, was und wann und wo mein Tun gewesen und was ich bei diesem Tun empfunden habe. Dort ist alles, wessen ich mich entsinne, sei es, dass ich es erlebt oder von andern erfahren habe.“

Das führt Augustinus zum Fazit: „Ich bin mein Erinnern, ich bin meine Seele.“ Aus diesen Hallen kommen Worte und Bilder. So finde ich in der Stille zu Klängen, ins Erinnern, zu Worten, finde, was ich längst vergessen habe, finde Sprache, auch für das Unfassbare.

Johannes Bobrowski sagt: „Etwas hat zu sprechen begonnen in uns. Wir hören es doch“. Aber eben nur, wenn unsere Sinne offen sind wie die hebräischen Buchstaben. Also wieder: aus der Stille, aus dem Lauschen, aus dem Erinnern zu den Worten, zum Sprechen, mit sich, mit einem Gegenüber. Da wird Gespräch, Selbstgespräch oder Zwiegespräch, das ist auch ein Sich-Hineinverwandeln, ein Verschmelzen mit sich und der Welt, Gefühl von Einssein, von Einklang. Der Mystiker spräche von der Unio mystica. Und es ist eine Sprache, eine poetische oder eine spirituelle, je nach der Quelle: ein Wort oder das Wort. Sie kann alles umfassen, ein Abbild des Sichtbaren, die Kunde vom Unsichtbaren, schwer Fassbaren, vom Unaussprechlichen.

Also: aus der Stille ins Warten, ins Sich-versenken zum gekelterten Augenblick, zu den Worten. Viele, Schreibende, Mystiker fanden daraus zu einer Sprache, die geformt und ausdrucksstark ist: in einem Text, einem Gedicht, einem Lied, in einem Gebet. Ich denke an Hildegard von Bingen, an Johannes von Tepl, an Meister Eckhart oder Teresa von Avila und viele andere. Viele Wörter, auch solche, die ich hier gebraucht habe, sind Schöpfungen von Mystikern: Einkehr, unsagbar, unfassbar; Innerei (Innerlichkeit), Wesen, anschounge (Anschauung), Gelegenheit (Gelassenheit) …

Aber alle, die Sprache suchten, machten auch die Erfahrung, dass im Sprechen, in der Sprache auch immer etwas vom Geheimnis der Sprache bleibt: dass sie nämlich neben der Mitteilung des Mitteilbaren zugleich auch Symbol für das Nicht-Mitteilbare, für das Unfassbare und Unsagbare ist. Und genau das ist es, was Menschen zum Suchen nach Sprache antreibt, wonach sie sich sehnen, es zu ergründen: das Unfassbare.

Darum sprechen und stammeln und flüstern Menschen, wir alle, in der Hoffnung, es möge aus der Stille im Klang der Worte aufscheinen, unvermittelt: als «Fadensonne», die durch den Raum der Stille fällt. Manchmal ereignet sich dieses Wunder.

Urs Faes, Dr. phil., freier Schriftsteller in Zürich

Christoph Gellner, Dr. theol., Leiter des Theologisch-pastoralen Bildungsinstituts TBI in Zürich, Lehrbeauftragter an der Universität Fribourg und Experte für Literatur und (Welt-) Religion(en).

Bilder: Suhrkamp-Verlag; Beitragsbild: Ausschnitt aus dem Cover von „Untertags“

[1]Urs Faes: Ombra. Roman, Frankfurt/M. 1997, 199f.

[2]Ebd., 153.

[3]https://archiv.literatur.ch/startseite/archiv/archivdatenbank/urs-faes-3998-18.html

[4]Urs Faes: Paarbildung. Roman, Berlin 2010, 128.

[5]Ebd., 177.

[6]Sibylle Birrer: Dem Leben zugewandt. „Paarbildung“ – Urs Faes‘ neuer Roman, NZZ vom 21. September 2010.

[7]Hans-Rüdiger Schwab: Keine Fluchten mehr! In: Schweizer Monatshefte Nr. 982, Dezember 2010.

[8]Urs Faes: Halt auf Verlangen. Ein Fahrtenbuch, Berlin 2017, 198.

[9]Markus Bundi: Einer wie Lenz im Labyrinth. Ein Essay zum Werk von Urs Faes, Zürich 2022.

[10]Urs Faes: Vorläufige Ankunft. Vom Gehen und Wortefinden, Nidau 2019, 27.

[11]Urs Faes: Als hätte die Stille Türen. Roman, Frankfurt/M. 2005, 65.

[12]Neben Ingeborg Arlt, Nora Gomringer, Martina Hefter und Judith Kuckart u.a. beteiligte sich Urs Faes mit drei Gebetsgedichten an dem Brevier Frei und unverzagt. Gebete der Hoffnung, Stuttgart 2017.

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