Die Corona-Krise: der Reset-Button

Auch die Kirche wird nach überstandener Corona-Pandemie nicht mehr dieselbe sein. Für Thomas Frings liegt darin eine große Chance, um in der liturgischen und pastoralen Praxis an den gesellschaftlichen Stand des 21. Jahrhunderts aufzuschließen.

Wie viele Gottesdienste hätten in Deutschland abgesagt werden müssen, wenn der Abstand von 2 Metern zwischen allen Teilnehmern eingehalten werden muss? Vielleicht rächt es sich gerade, zu lange mit geschönten Zahlen gearbeitet zu haben. Der Blick hinter viele Kirchentüren, nicht nur an Werk- sondern auch an Sonntagen, und ein Gottesdienstverbot hätte sich erübrigt. Das eine der ersten Verlautbarung einiger Bischöfe auf das Gottesdienstverbot die Befreiung der Gläubigen von der Sonntagspflicht war, zeigt nicht nur, welches Klientel man glaubt, noch vor sich zu haben, sondern auch, in welcher Zeit man glaubt zu leben.

 

Natürlich, Kirche ist nicht nur Gottesdienst, aber ohne Gottesdienst ist Kirche nicht!

Das Herunterfahren nahezu aller Systeme, auch von und in Kirche, gibt die Chance darüber nachzudenken, was nach der Krise wieder hochgefahren werden soll. In einigen Zeitungsartikeln, die sich mit der Frage beschäftigten, was aktuell systemrelevant sei, kam Kirche nicht vor, nicht einmal Glaube oder Religion. Es besteht die Erwartung, dass sich ökonomisch, ökologisch und soziologisch nach der Corona-Krise so Manches verändert und zwar zum Besseren. Besteht diese Hoffnung auch in und für Kirche? Seit Jahrzehnten wird das bekannte System Kirche/Pfarrgemeinde inhaltlich zurückgebaut und gleichzeitig räumlich ausgedehnt. Weniger Haupt- und Ehrenamtliche, weniger Kirchenmitglieder und Gottesdienstbesucher, sowie ein allgemein nachlassendes Interesse sind die Ursache dafür. Bisher konnte vieles durch reichlich fließende Finanzmittel abgemildert werden, doch dieses Betäubungsmittel verliert seine Wirksamkeit, denn es muss gespart werden. Viele Angebote können noch unter Aufbietung der letzten Kräfte aufrechterhalten werden, wohl wissend, dass ihr Ende in Sicht ist. Im Moment sind zwangsweise nahezu alle Aktivitäten abgeschaltet. Das gilt nicht nur für die sterbenden Angebote, sondern leider auch für die lebendigen.

Wird nach der Krise alles so sein wie vorher?

Was geschieht, wenn das System Kirche wieder hochgefahren wird? Welches Bild wird uns nach dem Ende der Pandemie erwarten? Wie viele der bisherigen Gottesdienstbesucher werden festgestellt haben, dass sie nichts vermissen oder wie viele Menschen werden erkannt haben, dass ihnen etwas fehlt? Werden diese Menschen, die daraufhin eine Suchbewegung starten, hinter unseren Kirchentüren und bei uns das finden, was sie suchen oder vermisst haben?

Phantasielosigkeit beim Umgang
mit modernen Medien.

Das Personale und Gemeinschaftliche waren stets die Stärken unserer Glaubensgemeinschaft und wer in diesen Tagen Beerdigungen begleitet, wird diesen Mangel der Begegnung von Angesicht zu Angesicht schmerzhaft erleben. Gleichzeitig war und ist z.B. die Telefonseelsorge eine hochwirksame und vielgefragte Form personaler Seelsorge. Die Pandemie, die uns in die Vereinzelung zwingt, offenbart aber auch ein Defizit anderer Formen der Seelsorge und Kommunikation mittels moderner Medien. Die Vervielfachung von Messen lässt weniger die Wertschätzung der Eucharistie erkennen – eine Übertragung am Sonntag im Fernsehen gibt es schon lange – als die Phantasielosigkeit beim Umgang mit den modernen Medien. Wer braucht jetzt mehr Messen aus leeren Kirchen? Die Dringlichkeit der Frage, wie wir mit der Digitalisierung umgehen, wird deutlich. Es braucht in den fusionierenden Seelsorgeeinheiten dafür ausgebildete Fachleute, damit seelsorgliche und kirchliche Angebote die Menschen unserer Tage besser erreichen. Wer eine Zukunft mit den Menschen diesseits der 60 gestalten will, dem muss mehr einfallen als die Vervielfachung von Messen, sei es in Kirchen oder im Internet.

Die beste Gelegenheit zur neuen Ausrichtung.

Welche Art von Spiritualität suchen Menschen? Sind die Angebote und Formen der Kirche darauf vorbereitet? Das jahrzehntelange Bestreben, die Menschen hauptsächlich mit den gewohnten Angeboten kompatibel zu machen, hat jetzt die beste Gelegenheit, neu ausgerichtet zu werden. Geben wir den Suchenden bei uns einen Raum, oder sind unsere Räume, auch die geistigen, schon immer voll mit dem Altbekannten?
„Aus psychologischer Sicht wird danach eine große Lust da sein, wieder loszulegen. Zu arbeiten und zu feiern. Die zweite Jahreshälfte wird voll sein mit beruflichen Terminen, mit sozialen Ereignissen, mit Konzerten, mit der Lust auszugehen. Es wird diesen Sprungfeder-Effekt geben. Wir wollen dann in die Welt schreien, dass wir zurück sind nach diesem hässlichen Abenteuer.“ Gianluca Castelnuovo / italienischer Psychologe.

Bloß zurück in die alte Spur?

Wird die kirchliche Feder in ihre gewohnte Form zurückspringen oder wagt sie einen Sprung in die Zukunft? Werden wir nach Wochen, vielleicht sogar Monaten, das Sterbende wiederbeleben, um es dann erneut sterben zu lassen? Wir sollten nach dem Ende der Pandemie den Mut haben, erst einmal noch innezuhalten, statt gleich in hektischen Aktionismus zu verfallen. Wir sollten die Mut haben erst einmal noch abzuwarten, wofür es eine Nachfrage von Menschen an die Kirche geben wird, anstatt gleich alles Bisherige wieder zu reaktivieren. Was geschieht in Sachen Glaube aktuell gerade auch ohne uns Hauptamtliche? Auch bei Kirche wird hoffentlich die Erkenntnis reifen, dass die Nachfrage der Menschen ein Angebot reizvoller und besser macht, als für viele Angebot ständig Nachfrage generieren zu müssen.

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Autor: Thomas Frings ist Priester der Diözese Münster und arbeitet als Seelsorger in der Kölner Innenstadt.

Foto: Karsten Würth / unsplash.com

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