Die Maske. Albtraum oder Altruismus?

Warum stört die Maske so sehr? Im Rückblick auf ein halbes Jahr mit der Atemmaske unternimmt Juliane Link den Versuch einer Annäherung an ein zentrales Corona-Phänomen.

Von allen Phänomenen, die seit März 2020 in meinem Alltag aufgetaucht sind, beschäftigt mich am meisten die Maske. Das war von Anfang an so, dabei stand der Sinn der Maske für mich nie in Frage. Natürlich sehe ich ein, dass es mich und vor allem andere schützt, wenn ich in öffentlichen Räumen eine Maske trage und ich werde auch auf Schritt und Tritt von Durchsagen und Hinweisschildern daran erinnert: Gemeinsam gegen Corona. Abstand halten. Mund und Nase bedecken. Als die Masken noch ganz neu waren, habe ich im Bus verwundert ein Schild betrachtet, das darauf hinwies, dass Hunde Maulkörbe tragen müssen: es kam mir plötzlich so vor, als würde stattdessen auch Hunden das Tragen einer Atemmaske empfohlen.

Maulkorb tragen?

Unter der Maske ist es warum und stickig wie in einem Treibhaus und jedes Mal bin ich erleichtert, wenn ich sie wieder absetzen und durchatmen kann. Die Maske stört mich aber nicht nur bei mir. Es irritiert mich auch die anderen mit Maske zu sehen.  Hinter der Maske verschwindet die Mimik. Ein Gesicht erschließt sich nur als Ganzes und auch wenn die Augen sprechen, lenkt die Maske mich ab und mein Gegenüber erscheint mir fremd. Anfangs habe ich mich kaum getraut, mit jemandem, der eine Maske trug, zu reden oder ihm in die Augen zu schauen, weil mich der seltsame Anblick so aus dem Konzept brachte. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, aber es gibt immer noch Situationen, in denen die Maske mich verunsichert, zum Beispiel, wenn ich jemanden kennenlerne, ohne zu wissen, wie sie oder er wirklich aussieht.

Mein Gegenüber erscheint mir fremd.

Im Sommer ist mir das einmal im Zug nach Italien passiert. Wir hatten Verspätung, ich kam mit einer Mitreisenden ins Gespräch und machte mir unbewusst ein Bild von ihrer Person. Später am Gleis zog sie für einen Moment ihren Einmalmundschutz unters Kinn, um Sauerstoff zu tanken. Erstaunt sah ich sie an. Sie war eine andere, nicht die Person, die ich erwartet hatte. Aber was hatte ich überhaupt erwartet? Ich hatte doch gar keine konkrete Vorstellung von ihrem Gesicht gehabt. Und was haben die Formen von Mund und Nase und die Vollständigkeit der Physiognomie mit meiner Einschätzung ihrer Persönlichkeit zu tun? Ich weiß es nicht genau und mich überrascht, dass es einen Unterschied macht, aber es gibt einen.

Sie war eine andere.

Zwar schränkt die Maske nicht mein Blickfeld ein, aber sie verändert meine Perspektive auf vertraute Handlungen. Ich merke das immer, wenn ich Dinge zum ersten Mal mit Maske mache: Zum ersten Mal mit Maske ins Museum gehen. Zum ersten Mal mit Maske beim Friseur sitzen. Zum ersten Mal mit Maske singen. All diese Dinge verlieren etwas von ihrer Selbstverständlichkeit. Es ist vor allem das Fremde im Vertrauten, das wir als unheimlich empfinden. Dieses Phänomen hat Freud vor 100 Jahren beschrieben. Es ist aktueller denn je. Und trotz meines Unbehagens weiß ich: das ist kein Horrorfilm, das ist nur das Jahr 2020 und die vielen Maskierten, die mir jetzt Tag für Tag begegnen, sind nicht weniger menschlich als sie es ohne Maske waren.

Die Maske verändert die Perspektive.

Im Frühjahr 2020 hat Matti Bunzl, der Leiter des Wien Museums, zu einer Sammelaktion von Alltagsgegenständen aufgerufen, die mit Corona zu tun haben. In kurzer Zeit erhielt das Museum über 150 Einsendungen. Neben einem putzigen Virus aus Wolle, das jemand mit viel Humor gehäkelt hat, befinden sich unter den Objekten eine Vielzahl von selbst genähten Masken, wie sie auch in Berlin überall verkauft werden. In meiner Bäckerei liegen sie in einer Reihe zwischen Sesamringen und Rosinenbrötchen aufgehreiht wie Croissants: Masken mit und ohne Bügel, bunt gemustert oder in dezenten Farben. Ich bestelle: „Eine Brezel ohne Salz und eine blaue Maske mit Bügel bitte.“

Im Mai sagte Matti Bunzl im Radio: das Tragen von Masken sei für uns eine „vollkommen neue kulturelle Praxis“, in Ostasien würden Gesichtsmasken schon seit langem getragen, aber wir müssten erst lernen damit umzugehen. Seitdem haben wir also nichts Geringeres als eine neue Kulturtechnik erlernt. Ich versuche mir selbst die Sache als Entwicklungsroman zu verkaufen, aber jetzt drückt dieser Gummizug schon wieder hinter dem Ohr …

Vollkommen neue kulturelle Praxis.

Als es mit den Masken losging, wollte ich kurzen Prozess machen in meiner Bäckerei, ich wollte, wenn das schon sein muss, bitte ein unauffälliges Modell und habe mir eine schlichte, einfarbige Maske gekauft. Ich dachte damit wäre die Sache erledigt. Aber das war ein Trugschluss, denn eine Maske ist niemals unauffällig und mit einer kommt man nicht weit. Außerdem stellte sich bald heraus, dass die Trendsetter unter den Masken eher die ausgefallenen Modelle sind, die eine Kollegin auf Facebook postet. Sie hat eine mit Jesus Motiv und eine mit Blumen, die sie mit einem Leopardenkleid kombiniert.

Die Maske ist zum Ausgehaccessoire geworden. Sie, die eigentlich der Inbegriff der Zurückhaltung ist, nämlich allein der  Zurückhaltung von virenhaltigen Tröpfchen dient, kommt in Wahrheit am liebsten als Eyecatcher daher. Sie ist außerdem noch so ein Ding, das man beim Verlassen des Hauses vergessen kann. Ich verliere sie noch schneller als Stirnbänder und Handschuhe und suche sie genauso oft wie meinen Schlüssel. Sie steckt in Hosen- und Jackentaschen wie ein Stofftaschentuch und verschwindet darin, sie verkriecht sich in den hintersten Winkel meiner Handtasche und wenn ich durch die Straßen von Berlin gehe, habe ich den Eindruck, dass sie auch anderen unbemerkt  aus der Tasche fällt.

Eine Maske ist niemals unauffällig.

Weil mir die eine Maske, mit der ich durch die Coronazeit hatte kommen wollen, abhandenkam, brauchte ich eine Zweite und die musste dann häufig gewaschen werden und die Erste fand ich wirklich nicht mehr und die Dritte passte nicht zu meinem Mantel und bei der Anschaffung der Vierten hatte ich endlich kein schlechtes Gewissen mehr, denn vorher dachte ich immer: „Das lohnt sich doch gar nicht, in ein paar Wochen ist das alles vorbei.“

Ist es nicht. Nach einem halben Jahr wissen wir das. Matti Bunzl ist Anthropologe. Schon im Mai hat er prophezeit, dass wir nach Corona das Abstandhalten aufgeben werden, von den Masken aber werden wir nicht mehr lassen. Wenn jemand erkältet ist, dann wird er sich in Zukunft überlegen, ob er nicht in der Öffentlichkeit Mund und Nase bedeckt. Denn die Maske ist trotz ihrer Unheimlichkeit ein starkes Zeichen der Solidarität. Schließlich geht es nicht in erster Linie um meinen eigenen Schutz, wenn ich eine Maske trage, sondern um den Schutz von anderen. „Und eine altruistischere Geste kann es eigentlich nicht geben.“ sagt Bunzl.

Die Maske als Zeichen der Solidarität.

Hmm. Ich stelle mir meine kleine Nichte vor, wie sie in 30 Jahren die Fotos aus dem Jahr 2020 betrachtet und sich darüber wundert, dass zu diesem Zeitpunkt erst die Masken aufkamen, die mittlerweile in den Wintermonaten so selbstverständlich zur Kleidung gehören wie Mützen und Schals. So wie ich mich heute darüber wundere, dass Frauen erst seit den 1950er Jahren mit Selbstverständlichkeit Hosen tragen. Und vielleicht werde bis dahin sogar ich mich an die Maske gewöhnt haben oder dankbar für rücksichtsvolle Mitmenschen sein, die mich mit ihren Masken schützen, denn in 30 Jahren gehöre ich selbst zur Risikogruppe. Der Herbst ist da. Die Infektionszahlen steigen und es ist an der Zeit, die Maske als Normalität zu akzeptieren. Ich versuche es. Und mit der Maske im Gesicht stehe ich an am Bahngleis und höre auf die Durchsage, als wäre sie etwas Neues, denn sie gilt noch immer: Gemeinsam gegen Corona.

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Text: Juliane Link, Kulturwissenschaftlerin, Autorin, Referentin der Katholischen Studierendengemeinde Berlin.

Bild: Birgit Mattausch.

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