Noach – Aufatmen nach der Krise

Wer von Noach spricht, spricht üblicherweise von einer Katastrophe: von der Sintflut. Und von der Arche mit den vielen Tieren drin. Hinter Giraffen, Elefanten und Löwen verschwindet Noach fast. Doch die Rolle Noachs ist mit der Sintflut noch nicht zu Ende. Noach ist mehr als der Erbauer der Arche. Er ist ein Mann, der aufatmen lässt nach der Krise. Von Elisabeth Birnbaum 

Noach – Ruhe und Aufatmen

Schon Noachs Name ist Programm. Sein Name bedeutet nicht, wie vielleicht zu erwarten wäre, „Rettung“ oder gar „Katastrophe“, sondern „Ruhe“. und „Tröstung“. In der Bibel wird er mit „Aufatmen-Lassen“ verbunden: In Gen 5,29 heißt es über ihn: „Er wird uns aufatmen lassen von unserer Arbeit und von der Mühe unserer Hände mit dem Erdboden, den der HERR verflucht hat.“

Doch inwiefern tut Noach das? Wie passt das zur Sintflut? Dort geht es ja weniger um Arbeit und Mühe, sondern um die Beinahe-Vernichtung der Erde.

Er wird uns aufatmen lassen von unserer Arbeit … (Gen 5,29)

Noachs Part in der Sintflut

Noach, ein Mann, wie Gott ihn gedacht hat, untadelig und gerecht, erlebt eine gewaltige Krise. Die gute Schöpfung ist bedroht. Die Menschheit, die von Gott gut gedacht ist, verfängt sich in Konkurrenzdenken und Hass. Die Erde ist plötzlich durch und durch böse und von Gewalt übersät. Gott verordnet also die Flut, es kommt zur Katastrophe. Nur Noach wird als gerecht erachtet. Wenigstens er soll am Leben bleiben. Mit ihm und seiner Familie will Gott noch einmal anfangen.

Das heißt nicht, dass er von der Katastrophe unbehelligt bleibt. Immerhin muss er lange Zeit auf seiner Arche mitten durch die Krise fahren. Mitten durch eine chaotische Zeit, wo alles untergeht, was ihm lieb war. Erst nach geraumer Zeit gewinnt er wieder festen Boden unter den Füßen. Gott erneuert seinen Bund mit der Welt und ihren Bewohnern und segnet sie neu.

Noach wird kreativ

Und erst jetzt wird Noach seinem Namen gerecht. Jetzt erst kommt sein Part, der dieses „Aufatmen-Lassen“ Wirklichkeit werden lässt. Gerade der Katastrophe entronnen und der Verheißung gewiss, dass Gott einen völligen Bruch mit seiner Schöpfung nicht will, tut er gleich als erstes etwas Unerwartetes und Kreatives: Er tut, was bisher in der Bibel nur Gott getan hat: Er pflanzt etwas an. Noach ist der erste, der einen Weinberg anpflanzt.

Noach, ein Ackerbauer, war der Erste, der einen Weinberg pflanzte. (Gen 9,20)

Ein Weinberg ist in der Bibel nicht einfach nur ein Weinberg. Er ist Zeichen von Besitz und von Lebensfreude, er ist ein „Schatz“. Israel selbst wird bei Jesaja mit einem Weinberg verglichen, den Gott gepflanzt hat (Jes 5). Einen Weinberg zu pflanzen und nicht von seinen Früchten essen zu dürfen, gilt als großes Unheil.

Die Frucht des Weinbergs ist so wichtig, dass jemand, der einen Weinberg gepflanzt hat und seine erste Frucht noch nicht genossen hat, sogar vom Kriegsdienst befreit ist (Dtn 20,6). Und im alttestamentlichen Hohelied vergleichen die Liebenden einander mit einem solchen Weinberg: Sie sind einander ein Schatz, ein Hort der Lebensfreude. Dafür tauscht man schon einmal alle anderen Schätze ein: „Mein eigener Weinberg liegt vor mir. Die tausend [Silberstücke] lass ich dir, Salomo, und zweihundert noch denen, die seine Frucht hüten.“ (Hld 8,12)

Wein – Mittel zur Lebensfreude

Der Weinberg und seine Frucht haben etwas mit Freude zu tun. Mit einer Freude für Gott und Mensch. Das betont auch der Weinstock in der sogenannten Jotamfabel im Buch der Richter (Ri 9). Dort lehnt der Weinstock die ihm angebotene Königswürde über die anderen Bäume mit der Begründung ab: „Soll ich etwa meinen Wein aufgeben, der Götter und Menschen erfreut?“ (Ri 9,13).

Was ist das Leben, wenn der Wein fehlt? Er ist geschaffen zur Heiterkeit des Menschen.

(Sir 31,27)

Noach erfreut sich dann auch an der Frucht des Weinbergs. So sehr, dass er betrunken wird. Und obwohl die Bibel sehr häufig und eindringlich vor übermäßigem Weingenuss warnt, weiß sie auch, dass ohne Wein die Freude im Leben fehlen würde (vgl. Sir 31,27), und empfiehlt sogar den besonders Verbitterten Wein zu trinken, um die Mühsal zu vergessen (Spr 31,6f.).

Noachs Tun als Urgeschichte

Die Erzählung rund um Noach gehört zur „Urgeschichte“. Damit ist sie nicht einfach ein einmaliges Geschehen, sondern gehört zu einem Triptychon an Optionen, wie sich Gott, Mensch und Welt zueinander verhalten können. Drei Szenarien, drei Optionen sind es, die das Dreierverhältnis Gott-Mensch-Welt beschreiben: So verstanden liest sich die Erzählung so:

In manchen Momenten ist es so, wie Gott es eigentlich gewollt hat: Gott und Mensch, Mensch und Mitmensch und Mensch und Welt in unverbrüchlicher Harmonie, erzählt an der Geschichte von der Erschaffung der Erde und dem Paradies (Gen 1–2). Der Mensch hält sich an Gottes Gebot, liebt den Mitmenschen und lebt im Einklang mit der Welt.

Oft ist es aber so, wie in der Vertreibung aus dem Paradies (Gen 3) geschildert: Der Mensch strebt und sucht und erlebt seine Andersheit. Er rückt von Gott ab und damit werden auch die Beziehungen zum Mitmenschen und zum Tier ambivalenter und schwieriger.

Und manchmal ist die Beziehung fast zerbrochen: Der Mensch fühlt sich von Gott ungerecht behandelt wie Kain (Gen 4), wird gewalttätig zu seinem Mitmenschen oder erlebt Gott und Welt feindselig gegen sich, so, wie in der Geschichte von der Sintflut (Gen 6–9). Alles droht wieder in Chaos zu versinken.

Beinahe. Denn sogar im allerschlimmsten Fall gilt: Wenn es nur einen einzigen gibt, der so lebt, wie Gott es sich gedacht hat, dann fängt Gott noch einmal neu an und erneuert seinen Segen an die Menschheit und schließt einen Bund mit ihr. Und wenn die Krise überstanden ist, wenn die Katastrophe vorbei ist, kommt ein Noach und pflanzt neue Freude.

Aufatmen nach der Krise

Die Aufarbeitung des Geschehens folgt vielleicht später, die Problematik eines als feindlich erlebten Gottes wird anderswo vertieft (z.B. im Buch Ijob), die Überlegungen, wie eine solche Katastrophe künftig verhindert werden kann, werden für einen Moment sistiert. Zunächst folgt einmal eine Phase der Ruhe und der Freude, ein Noach und ein Aufatmen nach der Krise.

Elisabeth Birnbaum ist Direktorin des Österreichischen Katholischen Bibelwerks und seit Juni 2018 Mitglied der Redaktion von feinschwarz.net

Bildnachweis: pixabay (Andreas Almstedt)

 

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