Die Pflicht Atheist*in zu sein

 

Die Kolumne für die kommenden Tage 32

Aus: Tomáš Halík: Theater für Engel. Das Leben als religiöses Experiment, Herder Verlag, Freiburg/B. 2019, 99/100.

Wann ist die Quelle des „christlichen Atheismus“, jener scharfen Kritik der Religion, ausgetrocknet, die aus der biblisch-prophetischen Tradition erwachsen ist? Nachdem das Christentum – ursprünglich eher ein Lebensweg, die Nachfolge Christi – im Römischen Reich selbst zu Religion (religio) wurde, haben viele Männer und Frauen, die unzufrieden mit dieser Entwicklung waren, einen verhältnismäßig massenhaften Exodus in die Wüsten Syriens, Palästinas und Ägyptens angetreten, um dort ein „alternatives Christentum“ zu gründen, eine radikalere Version, eine Gegenkultur, die nicht mehr nur gegen das römische Heidentum gerichtet war, sondern auch gegen das Massenchristentum, das sich im Römischen Reich (zu) gut etabliert hatte. Aus dieser Gegenkultur sind dann die monastischen Kommunitäten hervorgegangen; hier entstand ein natürliches Umfeld für die Pflege der christlichen Mystik, die dann in die Theologie eine wichtige und wertvolle Tradition hineingetragen hat: die negative (apophatische) Theologie.

Die negative Theologie können wir vielleicht für einen legitimen Erben jenes authentischen, christlichen und biblischen „Atheismus“ halten, der das Geheimnis der Gottheit nicht nur von der materiellen, sondern auch von jeder intellektuellen und begrifflichen Vergegenständlichung verteidigt. So wie der biblische und altchristliche „Atheismus“ die Freiheit und Größe Gottes vor der Einkerkerung des Göttlichen in Holz und Metall schützte, schützten die Mystik und die negative Theologie die Freiheit und Größe Gottes vor der Einkerkerung in Begriffe und Theorien.

Es lässt sich vielleicht sagen, dass der neuzeitliche Atheismus in seiner interessanteren Gestalt in gewissem Maße eine Absolutsetzung der negativen Theologie ist. Beide Richtungen gehen gemeinsam den langen Weg der Verneinung jeglicher Aussagen über Gott, und erst vor dem Tor des göttlichen Geheimnisses trennen sich ihre Wege. Der neuzeitliche Atheismus wendet diesem Tor den Rücken zu, der Agnostizismus bleibt stehen, die negative Theologie jedoch negiert die Negation, sie relativiert den Relativismus, sie macht dem Glauben den Raum frei für seinen demütigen Eintritt in das Geheimnis, eventuell für den Kierkegaard’schen mutigen Salto, für den Sprung ins Herz des Paradoxons.

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Foto: Iben Konig / unsplash.com

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