Die Revolution der Barmherzigkeit und eine neue Ökumene

Der tschechische Priester und Theologe Tomas Halik gehört zu den bekanntesten Stimmen im Blick auf eine Theologie, die sich öffentlich und politisch zu Wort meldet. Für ihn stellt die positive Aussage von Papst Franziskus über Homosexualität eine Revolution der Barmherzigkeit dar. Die innerkirchliche Ökumene zwischen polarisierten Gruppen sieht er als gescheitert an. Ein Longread.

Vor einigen Tagen erschien auf den Titelseiten der führenden Zeitungen der Welt eine Aufsehen erregende, schockierende Nachricht aus dem Vatikan. Wenn wir uns die Form wegdenken, kommen wir zum Kern der Sache: Papst Franziskus schockierte die Welt damit, dass er menschlich über Homosexuelle und ihr Recht auf Liebe sprach, wie ein normaler Mensch des 21. Jahrhunderts, der Vernunft hat und das Herz auf dem rechten Fleck. Er sprach, als hätte es hier jene Jahrhunderte der Angst, der Vorurteile und des Hasses gegenüber Menschen mit einer anderen sexuellen Orientierung überhaupt nicht gegeben, der Vorurteile, die eine Unzahl von menschlichen Tragödien bewirkten und viele in den Selbstmord trieben. Noch vor einer nicht allzu langen Zeit haben sich einige solcher Tragödien aufgrund der Angst vor der Reaktion einer konservativ-katholischen Familie auf das „Coming-Out“ eines Heranwachsenden auch in den ländlichen tschechischen Gegenden abgespielt.

Bestehende Kirchendokumente sind vorgeblich fortschrittlich, in Wirklichkeit jedoch inkonsequent.

Der Papst gab sich dieses Mal nicht mit der alibihaften Berufung auf die Kompromissposition der bestehenden Kirchendokumente zufrieden, die vorgeblich fortschrittlich, in Wirklichkeit jedoch inkonsequent ist. Diese ermahnt zu einem „mitleidvollen“ Umgang mit LGBT-Personen, nichtsdestotrotz schreibt sie gläubigen Homosexuellen als einzig annehmbare Lösung eine lebenslange sexuelle Enthaltsamkeit vor. Ich vergesse nie die Augen und die Stimme eines homosexuellen katholischen Intellektuellen, als er auf meine Worte, dass wir seine Partnerschaft vielleicht als „das kleinere Übel“ hinnehmen könnten – Worte, die ich damals bona fide für sehr großzügig und progressiv von Seiten eines Beichtvaters hielt –, mit einer stillen Frage reagierte: „Vater, warum soll ich meine lebenslange Beziehung der Liebe, der Treue und der gegenseitigen Unterstützung mit meinem Partner als Übel auffassen?“ In den folgenden Jahrzehnten erlebte ich große Überraschungen bei der Feststellung, dass die Vorstellungen über einen hohen prozentualen Anteil von Homosexuellen innerhalb des katholischen Klerus keine böswilligen Verleumdungen von Kirchenfeinden darstellen. Ich habe eine ganze Bandbreite von ihnen kennengelernt: von denen, die tatsächlich in zölibatärer Enthaltsamkeit lebten und in deren Stil ihres Zugangs zu Menschen sich eine gewisse milde verständnisvolle Mütterlichkeit projizierte, bis hin zu solchen, die überhaupt nicht bereit waren, sich ihre Orientierung einzugestehen, die ein Doppelleben führten und die inneren Konflikte aus dieser Situation mit einer superkonservativen Aggressivität gegenüber Homosexuellen kompensierten. Als eifrigste Kämpfer gegen den „Tsunami des Homosexualismus“ habe ich aufgrund meiner Erfahrung aus der psychotherapeutischen Praxis fast immer solche Priester erkannt, die ihr persönliches Problem zu überschreien versuchten.

Reaktionen auf die Äußerung des Papstes

Es ist nicht das Wichtigste, was der Papst in jenem Film wortwörtlich sagte: seine Unterstützung der „eingetragenen Lebenspartnerschaften“ (nicht „Ehen“) von LGBT-Personen und eines menschlichen Zugangs zu ihnen dauert schon lange an und ist aus vielen seiner vorhergehenden Äußerungen bekannt. Ich habe abgewartet, wie jetzt die Reaktion der konservativen Feinde von Papst Franziskus auf seine jüngste Äußerung ausfallen wird. Erscheinen wieder – wie nach der ähnlich menschlichen Bemerkung von Papst Franziskus in der Enzyklika Amoris laetitia, dass allen Geschiedenen und Wiederverheirateten nicht unter allen Umständen und für immer gesetzlich hart die Eucharistie verweigert und die sexuelle Enthaltsamkeit in der zweiten Ehe aufgezwungen werden muss, sondern dass es notwendig ist, jeden Fall weise und gütig zu lösen und auch das individuelle Gewissen zu berücksichtigen – neue „söhnliche Zurechtweisungen“ („Correctio filialis de Haeresibus propagatis“) einer Gruppe von konservativen Theologen und „dubia“ (Zweifel, Einwände) einiger Kardinäle? Diese fordern vom Papst die Haltung einer kompromisslosen Treue zum Buchstaben des Gesetzes – also genau jene Haltung, gegen die Jesus ein Leben lang gegen die religiösen Eliten seiner Zeit gekämpft hatte und seine Jünger verpflichtet hatte, dass sie sich stets vor diesem „Sauerteig der Pharisäer“ (Mt 16,6) hüten sollten.

Konspirative Theorien im Hintergrund

Von manchen Bischöfen kamen Reaktionen in der Art, dass sich der unbedachte Papst vor der Kamera nur versprochen habe und seine Aussagen keine dogmatische Verbindlichkeit haben. „Nur Ruhe, Freunde! Der Papst hat nichts Wichtiges gesagt, alles ist und bleibt für immer beim Alten!“ Genau, wie mir ein tschechischer Prälat kurz nach der Wahl von Papst Franziskus sagte: Im Vatikan haben sie mir gesagt: Vor allem Ruhe bewahren und in der Stille überleben, der Papst ist alt, er wird bald sterben und dann wird alles wieder auf die alten Gleise zurückkehren! Auf eine ähnliche Weise hatten sich die kurialen Gesetzeslehrer mit dem Alter von Papst Johannes XXIII. getröstet, bevor er die Einberufung eines Reformkonzils ankündigte, das die Geschichte der katholischen Kirche für immer verändert hat.

Einer unserer führenden tschechischen Kirchenrepräsentanten eilte inzwischen mit der elaboriertesten Theorie herbei, die, wie bei ihm üblich, mit einer konspirativen politischen Theorie verbunden ist: Der Regisseur des Filmes ist eine Homosexueller und der Film wurde bestellt, um die nahenden Präsidentschaftswahlen in den USA zu beeinflussen.

Franziskus und Trump – zwei gegensätzliche Welten

Die konspirative Theorie über den Film mit Papst Franziskus würde sicher den Kreisen zusagen, die einen völlig amoralischen, verlogenen, arroganten politischen Zyniker, der mit seinem ganzen Leben, Verhalten und Auftreten unverhohlen an den Tag legt, dass sein einziger Gott das Geld ist, für das man die teuersten Waren, die höchsten Wolkenkratzer, schöne Ehefrauen (die sich dann wie Hemden auswechseln lassen) und schließlich auch die politische Spitzenmacht auf diesem Planeten kaufen kann (auch wenn es um einen Menschen geht, der von seiner Persönlichkeit her unreif ist, irgendeine politische Verantwortung übernehmen zu können), für den heilbringenden Verteidiger der „christlichen Werte“ ausgeben. Ja, es gibt zwischen gewissen Evangelikalen und katholischen Ultras Menschen, die wie unmenschliche Automaten ohne Vernunft und Gewissen reagieren: Wenn jemand den Knopf drückt und die Parolen „Abtreibungen kriminalisieren“, „Weg mit Homosexuellen, Ausländern und Migranten“ aufleuchten, tanzen sie nach seiner Pfeife, selbst wenn es der Teufel selbst wäre. Sie interessieren sich dann überhaupt nicht für die moralischen und intellektuellen Qualitäten eines solchen Menschen – er ist sofort ihr „christlicher Held“.

Mehr als die Worte, die Menschen sprechen, sagt ihre „body language“ etwas über den Menschen aus; es ist daher gut, bei Ansprachen von Politikern den Ton auszuschalten und ihre Mimik und Gestik eingehend zu studieren. Ich empfehle, die aufgeblähten Gesten von Trump, das selbstgefällig ausgestreckte Kinn, das künstliche Lächeln und das Sich-selbst-Beifall-Klatschen zu studieren und dann historische Aufnahmen von den Ansprachen Benito Mussolinis einzuschalten: die Ähnlichkeit ist schockierend!

Vielleicht sollte gerade die Kirche in unserem Teil der Welt, gerade weil sie die Erfahrung von Verfolgung durchmachte, in einer Zeit des politischen Missbrauchs von religiösen Symbolen durch die politische Rechte keine „schweigende Kirche“ sein.

Es ist durchaus logisch, dass diejenigen, die Trump bewundern, Papst Franziskus hassen. Hier geht es nicht um eine Angelegenheit einer bloßen politischen Präferenz, sondern um eine grundsätzliche moralisch-kulturelle Wahl. Wenn die Kirche ein „Feldlazarett“ sein soll, gehört zu ihren prophetischen Aufgaben auch die Diagnostik des moralisch-kulturellen Klimas einer Gesellschaft und der kritische Blick auf die einzelnen Akteure. Vielleicht sollte gerade die Kirche in unserem Teil der Welt, gerade weil sie die Erfahrung von Verfolgung durchmachte, in einer Zeit des politischen Missbrauchs von religiösen Symbolen durch die politische Rechte keine „schweigende Kirche“ sein.

Der Papst reformiert nicht Dogmen und Vorschriften, sondern das Leben der Kirche

Kommen wir jedoch zurück auf Papst Franziskus und auf seinen Stil der Kirchen-Reform, der bereits bei vielen ähnlichen Gelegenheiten zum Vorschein kam. Der Papst ist kein Revolutionär, der die Kirchenlehre ändert. Menschen, die ihn seit vielen Jahrzehnten kennen, sagen von ihm: Er ist nicht theologisch progressiv, aber er ist barmherzig. Das ist der Schlüssel zum Begreifen seiner Persönlichkeit und seiner Reform.

Dieser Papst ändert die Praxis, das Leben.

Dieser Papst ändert nicht geschriebene Normen, er zerstört nicht äußere Strukturen – er ändert jedoch die Praxis, das Leben. Er verwandelt die Kirche nicht von außen, sondern viel gründlicher: geistlich, von innen. Er verwandelt sie durch den Geist des Evangeliums, durch eine Revolution der Barmherzigkeit. Dieses sind in seinem Fall keine leeren frommen Phrasen – und deshalb hat seine Reform eine Chance, die Kirche zu verwandeln und sie viel tiefer an den unmittelbaren Kern der Botschaft Jesu anzunähern als viele Reformen der Vergangenheit. Gegen Papst Franziskus erschien in der tschechischen katholischen Szene der „Wahrheitsbesitzer“ bald ein Pamphlet, das mit einer suggestiven Frage überschrieben war: Barmherzigkeit ohne Wahrheit? Ich habe mich entschlossen, darauf nicht zu antworten und mich darauf zu verlassen, dass allein dieser Titel bei kritischen Lesern gleich eine Gegenfrage auslöst: Wahrheit ohne Barmherzigkeit?

Die Betonung dessen, dass die Verwandlung des Verhaltens mehr ist als die Veränderung des Buchstabens und der Strukturen, inspirierte sowohl die Haltung der ursprünglichen Kirche, als auch zum Beispiel die Philosophie der politischen Untergrundbewegung der Dissidenten in der Zeit des Kommunismus. Im Brief an Philemon lesen wir eine paradigmatische Geschichte: Der Apostel Paulus hatte sich eines entflohenen Sklaven, Onesimus, angenommen, taufte ihn und gab ihn seinem christlichen Herrn mit der Bemerkung zurück: Er wird dir auch weiterhin dienen, aber denke daran, dass er nun dein Bruder in Christus ist. Das Christentum empfiehlt keinen gewalttätigen revolutionären Sturz einer Regierung von Sklavenhaltern in der Art der Revolte des Spartakus, sondern es fordert dazu auf, ein moralisches Klima der menschlichen Brüderlichkeit und der gegenseitigen Wertschätzung jeder menschlichen Person zu schaffen, in dem die Sklaverei letztendlich selbst in sich zusammenbricht. Es ist jedoch notwendig, hinzuzufügen, dass sich die Kirche selbst an dieser Haltung zur Sklaverei in ihrer weiteren Geschichte sehr wenig gehalten hat und dass sie in den folgenden Jahrhunderten immer wieder eindringlich durch prophetische Gestalten wie Bartholomé de Las Casas und andere daran erinnert werden musste.

Ich sehe eine gewisse Analogie dieser politischen Ethik zur antikommunistischen Untergrundbewegung, vor allem zur Bewegung „Charta 77“ in der Tschechoslowakei. Die Chartisten forderten nicht einen revolutionären Sturz der kommunistischen Regierung in der Zeit der Sowjetischen Okkupation (1968-89), sondern sie verbanden den Appell an die Regierung, dass diese ihre eigenen Gesetze einhalten solle (einen Appell, von dem sie nur zu gut wussten, dass ihn die Regierung überhaupt nicht ernst nehmen würde), mit einem Appell an die Bürger, dass sie beginnen mögen, sich wie freie Menschen zu verhalten – als würden die Gesetze gelten. Und die Unterzeichner der Charta selbst gaben ein Beispiel eines solchen Verhaltens, auch wenn sie mit einer Welle von Schikanen und Repressionen rechnen mussten. Nichtsdestotrotz wurde dieses Beispiel eines gewaltlosen moralischen Widerstandes und eines alternativen Verhaltens zu einer bestimmten Schule des Mutes, die dann unter bestimmten ökonomischen, außenpolitischen und kulturellen Konstellationen gegen Ende der 1980er Jahre zu Massendemonstrationen und zu einer schnellen Kapitulation der kommunistischen Macht mit einer scheinbar „unglaublichen Leichtigkeit“ führte. Es ist sicher gut, die vielen verschiedenen Einflüsse auf das „annus mirabilis“ 1989 aufzuzählen, aber es wäre zynisch, die Erfahrung ganz zu vergessen, dass damals viele Menschen begannen – zumindest für eine kurze Zeit –, sich tatsächlich wie freie Menschen zu verhalten.

Ja, ein bestimmter Typ eines „Katholizismus ohne Christentum“ (dessen Liebling heutzutage Donald Trump ist) erinnert aufgrund seiner Mentalität tatsächlich nicht nur an die Gesetzeslehrer und an die Pharisäer der Zeit Jesu, sondern auch an das bürokratische kommunistische Regime in der Phase seiner endgültigen Niedergangs. Wie soll man mit dieser Belastung der Kirchengeschichte leben, den Respekt vor der Kirche wahren, sentire cum ecclesia, die Treue zum Evangelium wahren und Kraft aus der göttlichen Zusage schöpfen, dass sie uns eine „Zukunft voller Hoffnung“ geben wird?

Die Veränderungen des Verhaltensstils, des pastoralen Zugangs, verursachen, dass viele Strukturen und amtliche Formulierungen früher oder später einfach still „vom Winde verweht werden“.

Papst Franziskus ändert nicht Dogmen, er ficht auch nicht die Teile der kirchlichen Dokumente an, von denen wir wohl alle wissen, dass sie zu jenen „Konserven“ gehören, deren Haltbarkeitsdatum längst abgelaufen ist, was ihre Verdaulichkeit beeinträchtigt, so dass sie nun gefährlich giftig sind. In einer ähnlichen Weise hat das Zweite Vatikanische Konzil auch nicht offiziell z.B. die nicht mehr aufrecht zu haltenden Bannsprüche von Pius IX. an die Adresse der Gewissensfreiheit, der Presse- und Religionsfreiheit widerrufen (den berüchtigten „Syllabus errorum“, das Verzeichnis der Irrtümer der Moderne), sondern gab ein verbindliches Dokument (die Konstitution Gaudium et Spes – „Freude und Hoffnung“) heraus, worin es diese bisher von der Kirche abgelehnten Werte zu einem integralen Bestandteil der Kirchenlehre gemacht hat. Die Veränderungen des Verhaltensstils, des pastoralen Zugangs (das letzte Konzil hat sich auch als „Pastoralkonzil“ verstanden) verursachen jedoch natürlich, dass viele Strukturen und amtliche Formulierungen früher oder später einfach still „vom Winde verweht werden“.

Papst Franziskus hat uns durch sein Beispiel christlichen Mutes dazu inspiriert, dass wir uns von manchen Erscheinungen in der gegenwärtigen Kirche weder einschüchtern, noch vergraulen lassen und uns wie freie Kinder Gottes verhalten, die verantwortlich die Freiheit nutzen, zu der uns Christus befreite und sich nicht das Joch der Sklaverei einer Gesetzesreligion auflegen lassen, wie uns dazu im Brief an die Galater eindringlich der Apostel Paulus auffordert.

„Es wird nichts passieren, alles bleibt beim Alten!“ rufen die nervös gewordenen Totengräber der Kirche, die Anhänger einer toten Religion. Ja, es geschieht nichts, wofür sie Papst Franziskus in der Falle fangen, eventuell steinigen könnten, so wie Jesu Landsmänner aus Nazaret ihn steinigen wollten. Er ist kein Häretiker und auch diejenigen, die seiner Aufforderung zu einer spirituellen Erneuerung der Kirche nachkommen, sind keine Häretiker. Es ist notwendig, in seinem Geist auf die Revolutionsmacht der Barmherzigkeit Gottes zu vertrauen, die das Alpha und das Omega seiner Theologie ist – und das auch dann, wenn Papst Franziskus die Kraft verlieren würde, in der notwendigen Form weiter zu machen.

Zu Beginn des „Jahres der Barmherzigkeit“ hatten manche von uns gewisse theologische Zweifel, ob der Begriff Barmherzigkeit die Liebe Gottes nicht zu sehr „von oben herab“ beschreiben würde. Es wurde jedoch offensichtlich, warum uns der Papst zur Barmherzigkeit auffordert, durch die wir in komplizierten, schmerzhaften Situationen Gott nicht als einen Garanten unveränderlicher Grundsätze zu uns bitten, sondern als eine gutherzige, großzügige, verständnisvolle, vergebende und heilende Kraft zur Verwandlung des Menschen, der Kirche und der Gesellschaft.

Die Horizontale der „menschlichen Brüderlichkeit“ – von der dann der Papst in der Enzyklika „Fratelli tutti“ schrieb – braucht auch die Vertikale der Liebe als der unendlichen Barmherzigkeit, die alle menschlich denkbaren Grenzen überschreitet; es ist die Liebe ohne Grenzen, an der wie uns als Zielmarke orientieren können, die aber erst im Schoße Gottes ihre Erfüllung finden wird. Dieses Ideal kann nicht zu einem „Gesetz“ werden – wie die Mehrheit der wichtigsten Forderungen Jesu, sondern es muss ein stets provozierender und prophetisch anfeuernder Impuls bleiben, mit dem kein Christ „fertig“ sein kann.

Die Angst war immer ein Nährboden für diejenigen, die mit einer gefälschten Religion Handel trieben.

Am Anfang der Pandemie wollten manche Christen wieder ihren bösen, rachsüchtigen Gott herausziehen, um mit diesem diejenigen ängstigen zu können, die sich bereits ihrem Einfluss entzogen hatten. Die Angst war immer ein Nährboden für diejenigen, die mit einer gefälschten Religion Handel trieben. Jeder menschliche Schmerz ist für sie gut, weil er ihre apokalyptischen Visionen scheinbar bestätigt. Papst Franziskus wiederholt – ähnlich wie Johannes Paul II. – mit Nachdruck die Worte Jesu voll von Hoffnung und Kraft: Habt keine Angst! Lasst euch nicht einschüchtern!

Die Pandemie des Fundamentalismus und die neue Ökumene

Ich gestehe, dass ich mich persönlich auch in diesen Tagen, in denen das Corona-Virus viele Menschen in meiner Heimat tötet, nicht von den Sorgen bezüglich einer weiteren Pandemie frei machen kann, nämlich von der Pandemie des Fundamentalismus und Fanatismus. Beim Anblick der katholischen Fans von Donald Trump muss ich mit einer starken Versuchung der Skepsis kämpfen, ob ein irgendwie gearteter „Ökumenischer Dialog innerhalb der katholischen Kirche“ überhaupt noch möglich ist. Ein interreligiöser Dialog und vor allem ein Dialog zwischen gebildeten und reflektierenden Menschen außerhalb der Kirchen kommt mir unendlich einfacher vor als jede Kommunikation mit Menschen, die eine Religion mit populistischen und nationalistischen Bestrebungen verbinden. Ein halbes Jahrhundert meines Lebens habe ich den großen Traum geträumt von der Vereinigung aller, die an Christus glauben. Heute hat sich dieser Traum von mir in Luft aufgelöst.

Wenn wir Menschen mit einer anderen Ansicht dämonisieren, anstatt ein Dialog mit ihnen zu führen, entgleitet uns früher oder später unser Handeln.

Es gibt Unterschiede – nicht zwischen den Kirchen, sondern durch sie hindurch –, die mir unüberwindbar vorkommen. Tatsächlich kann ich nicht unter der selben Fahne mit Menschen schreiten, die selbstbewusst behaupten, sie wüssten, dass Gott die Welt in sechs Tagen erschuf, dass Mose der Autor der Mose-Bücher in der Bibel ist (einschließlich der Passagen über seinen Tod), dass auf dem Ararat Überreste der Arche Noah ausgegraben wurden; die gegen die Weihe von Frauen damit argumentieren, dass Jesus keine Frau zu seinen Aposteln erwählt habe (übrigens hat er auch keinen von uns unbeschnittenen Europäern auserwählt – dürfen wir also überhaupt Nicht-Juden weihen, wenn wir uns von dieser Logik leiten lassen?); die nicht wissen, dass der gefeierte Sieg der „Pro-life“-Gruppen in Polen, Abtreibungen zu kriminalisieren, eher dem Abtreibungstourismus polnischer Frauen nach Tschechien und in die Slowakei helfen wird, denn dem proklamierten Schutz der Ungeborenen, und das Übel der Abtreibungen nicht wirklich stoppen wird. Jarosław Kaczyński hat, um seinen Ruhm zu mehren und um Wählerstimmen zu gewinnen, in Polen völlig unnötig und unverantwortlich einen heißen Kulturkampf vom Zaun gebrochen, den er nicht gewinnen kann, der jedoch das polnische Christentum für Generationen schädigen wird. Der Erzbischof von Krakau hatte die Öffentlichkeit so lange mit dem „Tsunami des Homosexualismus“ erschreckt, der schlimmer sei als der Kommunismus, bis er schließlich diesen Dämonen tatsächlich schuf, ihm Leben und Energie einhauchte, und offenbar nicht fähig ist, die Verantwortung für dieses gefährliche Spiel des Heraufbeschwörens von Dämonen, das Spiel mit dem Feuer der Angst, zu übernehmen. Wenn wir Menschen mit einer anderen Ansicht dämonisieren, anstatt ein Dialog mit ihnen zu führen, entgleitet uns früher oder später unser Handeln. Ist denn nicht offensichtlich, dass viele Demonstrationen „für die Familie“ nur wenig mit der Unterstützung von Familien zu tun haben, sondern eher Manifestationen gegen die Rechte von Homosexuellen sind – in Polen manchmal sogar einhergehend mit physischen Attacken gegen Homosexuelle? In Polen läuft gerade der schnellste Säkularisierungsprozess in Europa ab. Wenn einige polnische Bischöfe nationalistische, autoritäre Politiker kurzsichtig unterstützen, sie tragen Mitschuld daran, dass ein Großteil der polnischen Gesellschaft, besonders die junge Generation, sich auf Dauer von der Kirche entfremdet und das „katholische Polen“ ähnlich wie das „katholische Irland“ von der Bildfläche verschwinden wird.

Ein nicht kleiner Teil der Christen hat heute einen so entleerten positiven Glaubensinhalt, dass sie ihre „christliche Identität“ auf einem „Kulturkrieg“ aufbauen.

Ein nicht kleiner Teil der Christen hat heute einen so entleerten positiven Glaubensinhalt, dass sie ihre „christliche Identität“ auf einem „Kulturkrieg“ aufbauen, auf einem Krieg gegen Kondome, gegen Abtreibungen, gegen Partnerschaften von Homosexuellen u.ä.; Papst Franziskus hatte den Mut, diesen reduzierten und negativ sich abgrenzenden Katholizismus eine „neurotische Obsession“ zu nennen.

Aus der Kirche, in der ich am eucharistischen Tisch weiterhin Menschen mit diesen Ansichten und moralischen Haltungen begegnen werde, werde ich bestimmt nicht austreten. Ich weiß wohl, dass auch ich ein fehlbarer und sich verfehlender Mensch bin. Ich ringe jedoch mit einem großen Zweifel: Ist es nicht notwendig, die Versuche um eine Ökumene zwischen „allen Christen“ realistisch sein zu lassen, und eher alle Kräfte zur Vertiefung einer fruchtbaren Ökumene (eines Teilens, einer Synergie und einer gegenseitigen Bereicherung) zwischen denkenden Menschen, sowohl unter den Gläubigen, als auch unter den Ungläubigen einzusetzen? Sollen wir weiterhin Zeit und Energie mit den vergeblichen Versuchen um einen Dialog mit Menschen verlieren, die allein dieses Wort zu Zorn und zu einer Abwehrhaltung reizt – auch wenn wir vielleicht die subjektive Motivation ihrer Haltung begreifen können?

Es braucht eine Ökumene  zwischen denkenden Menschen, sowohl unter den Gläubigen, als auch unter den Ungläubigen

Einer der Sprecher der tschechischen katholischen Rechten, der ehemalige Vorsitzende ihres Verbands, ein Kämpfer gegen die Europäische Union, nannte vor Jahren in einem programmatischen Text mit einer Auflistung der Feinde der wahren Kirche den „Ökumenismus und den Homosexualismus“ in einem Atemzug. Heute gelangen Menschen mit einer ähnlichen Mentalität und mit Unterstützung eines gewissen Teiles der kirchlichen Hierarchie in unserem Land in die Medienräte, und in Ungarn und in Polen liquidieren diese Anhänger einer „illiberalen Demokratie“ (also: eines autoritären Staates) Schritt für Schritt die Freiheit und die Unabhängigkeit der Medien, der Justiz, der Nicht-Regierungsorganisationen und der Universitäten.

„Ich habe keine Angst vor Menschen, die nicht glauben, sondern vor Menschen, die nicht denken.“

Ja, mit diesen Menschen rezitiere ich das selbe Vaterunser und das Credo. Ich leugne nicht, dass unter ihnen auch persönlich nette und aufrichtige Menschen sind, ich fürchte jedoch, dass wir in zwei nicht überbrückbaren, unterschiedlichen Universen leben. Bei einer apokalyptischen Predigt über die verdorbene Welt, in der nicht mal ein kleiner Funke des Evangeliums, des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung zu hören war und bei der man den Prediger nicht damit entschuldigen konnte, dass er eine schlichte Seele sei, verlor ich das Vertrauen, dass mich mit Menschen einer solchen Mentalität tatsächlich die selbe Religion verbindet, auch wenn wir formal einer Kirche angehören. Vollumfänglich teile ich die Aussage eines der bedeutendsten christlichen Repräsentanten des 20. Jahrhunderts, von Kardinal Martini: Ich habe keine Angst vor Menschen, die nicht glauben, sondern vor Menschen, die nicht denken. Ich bin mir jedoch dessen bewusst geworden, dass die Grenze zwischen den Menschen, die denken und nicht denken bei weitem nicht mit dem Unterschied zwischen gebildeten und nicht gebildeten Menschen identisch ist, ich rufe nicht nach einer „elitären Religion der Gebildeten“. Der Unterschied liegt tiefer, im „Herzen“ der Menschen.

Ich fühle mich auf einem Schiff mit den Menschen, die sich in all jenen Angelegenheiten nach der gegenwärtigen wissenschaftlichen Erkenntnis richten, in denen die Wissenschaft kompetent ist, und die sich gleichzeitig ernsthaft ethische und spirituelle Fragen stellen. Der Weg zwischen dem religiösen Fundamentalismus eines nicht geringen Prozentsatzes von Christen und dem gleich arroganten szientistischen Fundamentalismus von militanten Atheisten ist manchmal schmal und anstrengend, ich bin jedoch zutiefst davon überzeugt, dass es heute der Weg der Nachfolge Christi ist.

Vielleicht könnten wir durch eine gewisse Analogie zum „Jerusalemer Apostelkonzil“, von dem wir in der Apostelgeschichte lesen, noch ein Schisma vermeiden, indem wir die Aufgaben aufteilen: Mögen sich die einen um die Gläubigen kümmern, die sich nach den festen Sicherheiten der Vergangenheit sehnen und mögen die anderen dem Ruf Gottes lauschen in den kommenden „Zeichen der Zeit“. Oft denke ich darüber nach, dass wir uns heute in einer ähnlichen Situation befinden wie der Apostel Paulus, der es Jakobus, Petrus und weiteren ehrwürdigen Aposteln überließ, sich ihrer Arbeit unter den Juden-Christen zu widmen (übrigens in einer Gestalt von Kirche, die bald unterging), und das mutige junge Christentum aus den schmalen Grenzen des damaligen Judentums in die damalige oikúmene – in einen ganz anderen kulturellen Kontext – herausgeführt hat. Aus der Mission des Paulus ist das erwachsen, was wir heute das Christentum nennen. Es ist offensichtlich, dass dieses Christentum auf einen ähnlichen Mut zur Überschreitung bisheriger Grenzen wartet.

Ich rufe vielmehr zu einer Kultur der „geistlichen Unterscheidung“ auf

Zeigt uns heute nicht Papst Franziskus – bei weitem nicht nur durch seine jüngste Äußerung – ein solches Verständnis des Evangeliums, eine solche Haltung zur Schöpfung und zu den Menschen, besonders zu denen am Rande, der prophetisch das andeutet, was wir morgen das Christentum nennen werden? Die Identität des Christentums besteht nicht in der Unbewegtheit, sondern in der Bewegung des Geistes, der in der Geschichte die Jünger Jesu immer tiefer in die Fülle der Wahrheit einführt. Ich rufe nicht zu einem unkritischen Kult der Persönlichkeit und der Ansichten von Papst Franziskus auf. Ich rufe vielmehr zu einer Kultur der „geistlichen Unterscheidung“ auf und zu einer Entwicklung dessen, was gleichzeitig zum Kern des Evangeliums sowie zu einer mutigen und schöpferischen Antwort auf die „Zeichen der Zeit“ führt.

Aus dem Tschechischen übersetzt von PhDr. Markéta Barth, Radolfzell a.B.

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Msgr. Tomáš Halík ThD (1948) ist Professor für Philosophie und Soziologie an der Karlsuniversität Prag und Präsident der Tschechischen Christlichen Akademie. Während des Kommunismus arbeitete er als im Geheimen geweihter Priester in der so genannten Untergrundkirche. Er ist Träger des Templeton-Preises und von Ehrendoktoraten der Universitäten Oxford und Erfurt. Seine Bücher wurden in zwanzig Sprachen übersetzt.

Beitragsbild: Annett_Klingner auf Pixabay

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