Die Sache mit dem Zweifel

Über den Inhalt des Schreibens der Glaubenskongregation zur Segnung Homosexueller ist Vieles gesagt. Hans-Joachim Sander diskutiert die Redeform des Schreibens – Antworten auf einen vermeintlichen „Zweifel“ zu geben.

Seit einer Woche macht ein „responsum ad dubium“ Furore, das die Segnung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften betrifft und das die Glaubenskongregation mitsamt einem kurzen Kommentar ausgefertigt hat. Es steht offenbar im Zusammenhang des römischen Widerstrebens, den synodalen Prozess in der deutschen Kirche zunächst einmal unbehelligt von Präjudizen des Lehramtes strittige Fragen verhandeln zu lassen, wozu diese Partnerschaften und der möglicherweise auf ihnen ruhende Segen Gottes natürlich gehören. Die Kongregation nutzte zur Veröffentlichung den Vorwind der Kölner Gutachtenproblematik. Eine Spekulation darüber, ob in Rom erwartet wurde, dass dieser Text wegen der hohen Aufmerksamkeit auf die Kölner Wirren bald ad acta gelegt würde, wäre müßig. Das Gegenteil ist der Fall. Inhaltlich muss ich diese Response daher auch nicht weiter diskutieren, dazu gibt es neben der Äußerung der Zunft meiner eigenen Disziplin auch eine breit getragene Erklärung deutschsprachiger Theologieprofessor*innen.

Selbst wenn man „dubium“ lieber als Frage übersetzen würde, handelt es sich um eine zweifelnde Frage.

Ich möchte nur auf den kleinen formalen Aspekt hinweisen, dass die Response sich um einen Zweifel dreht – „dubium“. Die Glaubenskongregation behauptet zwar in ihrem Kommentar, dass das bloß eine Frage sei, aber das Lateinische steht hier im Weg. Selbst wenn man „dubium“ lieber als Frage übersetzen würde, handelt es sich um eine zweifelnde Frage.

Zweifel sind ja nicht irgendetwas. Sie gehören zur Moderne, zur modernen Wissenschaft und zu modernen Erkenntnisvorgängen. René Descartes hat entdeckt, dass sichere Erkenntnis nicht zu gewinnen ist, ohne vorherigen Zweifel an dem zu üben, was offenbar bis dahin als gesichert gilt, aber sich dann als argumentativ, empirisch oder aus sonstigen Gründen nicht tragbar erweist. Seine elementare Einsicht, Zweifel daher methodisch einzuräumen bei der Gewinnung von Erkenntnissen und für Diskurse über Wahrheitsansprüche, wird seit Jahrhunderten breit befolgt; das wird wohl auch für die kommenden Jahrhunderte so sein. Es ist eine sehr bewährte Wissenschaftspraxis, dass begründeten Zweifeln nachgegangen werden muss, damit man nicht falschen Sicherheiten und ihren bisweilen verheerenden Folgen aufsitzen muss.

Mit welcher Art von Zweifel befasst sich die Response der Glaubenskongregation?

Mit welcher Art von Zweifel befasst sich die Response der Glaubenskongregation? Wäre es ein methodischer Zweifel, dann müssten die Gründe verhandelt werden, die von der Sache her gegen und für die Segnung solcher Partnerschaften sprechen. Das ist nicht der Fall, weder in ihrem Text noch im hinzugefügten Kommentar. Der angeführte Zweifel macht es für die Response möglich und nach ihrem Selbstanspruch auch nötig, allein alle jene Äußerungen aufzulisten, die aus dem kirchlichen Lehramt dazu gegeben wurden. Das heißt, es handelt sich um einen Zweifel, der Anlass für die Antwort gibt. Sein Grund liegt in der Antwort, es ist ein rhetorischer Zweifel. Das ist natürlich nicht das intellektuelle Niveau des methodischen Zweifels von Descartes. Aber es wäre unsachlich, die Kongregation daraufhin zu attackieren. Wir Theolog*innen lesen Äußerungen der Glaubenskongregation schließlich nicht, weil wir wissenschaftlich brillante Argumentationszüge zur Kenntnis nehmen wollen, sondern aus Respekt vor dem Lehramt. Insofern ist die Liste hilfreich, man muss die Punkte nicht mehr mühsam suchen.

ein rhetorischer Zweifel

Das Problem ist ihre Taxonomie, das heißt die Ordnung der Auflistung. Der rhetorische Zweifel soll einen methodischen Zweifel an den aufgelisteten Standpunkten verhindern, um die von der Antwort beanspruchten Wahrheiten davor zu immunisieren, also eine Argumentation entsprechend der modernen Erfahrung mit überhaupt gewinnbaren Erkenntnissen erst gar nicht aufkommen zu lassen. Die Frage, die sich dann unweigerlich stellt, betrifft die Qualität der Äußerungen in der Antwort. Welche Wahrheiten des Glaubens, die glaubwürdig vertreten werden können, müssen regelrecht methodisch vor Zweifeln geschützt werden, die methodisch an den Versicherungen ihrer umfassenden Geltungskraft geübt werden können? Ist zu befürchten, sie könnten nicht standhalten?

um lehramtliche Äußerungen vor der Diskussion von mit methodischen Zweifeln erreichten Erkenntnissen zu bewahren

Dieser Schutzhabitus ist der Response eigen. Sie nützt entsprechend ein antimodernistisches Format, um lehramtliche Äußerungen gleich welcher Autoritätsstufe vor der Diskussion von mit methodischen Zweifeln erreichten Erkenntnissen zu bewahren. Für dieses Format gibt es sehr bekannte Beispiele, nicht zuletzt die Enzyklika Humani generis von 1950, die auf die Schwierigkeiten hinweist, die moderne Menschen mit „Wahrheiten, die die Ordnung der sinnenhaften Dinge gänzlich übersteigen“ haben, weil sie „sich in solchen Dingen gerne einreden, es sei falsch oder wenigstens zweifelhaft“ (DH 3875).

Gegen einen solchen Zweifeln nachgebenden „dogmatischen ‚Relativismus‘“ (DH 3883) setzt diese lehramtliche Äußerung auf unbezweifelbare Wahrheiten, wie den von ihr vertretenen sog. Monogenismus, also die buchstäbliche Rückführung aller Menschen der Gattung Homo sapiens auf Adam als ihren Stammvater, weil keine andere Auffassung mit dem übereins zu bringen sei, „was die Quellen der geoffenbarten Wahrheit und die Akten des Lehramtes der Kirche über die Ursünde vorlegen, die aus der wahrhaft von dem einen Adam begangenen Sünde hervorgeht und die, durch Zeugung auf alle übertragen, einem jeden als ihm eigen innewohnt“ (DH 3897). Methodische Zweifel, etwa aus der Paläoanthropologie oder Paläogenetik an der Rückführung einer ganzen Gattung auf ein einziges (männliches) Exemplar, sind für diese Behauptung tatsächlich gefährlich, weil sie diese Rückführung als begründet nicht gegeben freilegen. Das hat natürlich entsprechende Folgen für die geäußerte Wahrheitsbeanspruchung jenseits jedes dogmatischen Relativismus.

Bei Adam und seiner Ursünde geht es auch um eine Partnerschaft …

Bei Adam und seiner Ursünde geht es auch um eine Partnerschaft, die von Adam und Eva. Sie steht nicht unter dem Verdikt der Response von letzter Woche, sie ist nicht gleichgeschlechtlich. Aber auch diese Partnerschaft wurde ja bekanntlich nach dem Hinauswurf aus dem Paradies nicht gesegnet, sondern mit Flüchen belegt.

Hans-Joachim Sander ist Professor für Dogmatik an der Universität Salzburg. Bild: Andreas Carrell – pixelio.de

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